Wir hatten viel Schnee. Die Straße wurde eng. Ein Kleinwagen bretterte frühmorgens gegen zehn voll in die Schneewehe und ich zog das Fahrzeug raus.
„Ich bin die Fee Friedolina“, sagte die Fahrerin. „Du darfst dir etwas wünschen.“
„Muss doch Scheiße für eine Frau sein, von Männern hochnäsig abgeschätzt zu werden, wenn sie in solchen Fällen helfen“, vermutete ich.
„Kannst ja mal ausprobieren“, schlug sie vor. „Das wäre mal ein orignieller Wunsch: einen Tag lang Frau sein. Sonst wünschen sie sich immer noch mehr Männlichkeit. Meist in Zentimetern messbar. Als wenn es darauf ankäme.“
Die Idee fand ich super. Was wollte ich auch noch männlicher werden? Ich bin so froh über das Wenige, was blieb.
„Ich schlage vor, dass wir tauschen“, sagte die Fee. „Ich werde du und du wirst ich. Und wenn der Tag rum ist, treffen wir uns wieder und resumieren.“
„Gut“, sagte ich, und als wir einander "five gegeben" hatten, war ich plötzlich die Fee. Und das Schönste war, dass ich mich als Mann beobachten konnte, wie es war, Frau zu sein. Sonst hätte ich ja keinen unmittelbaren Vergleich gehabt.
Zuerst fuhr ich nach Hause. Beim Fahren war überhaupt kein Unterschied zwischen vorher und jetzt zu merken. Keine Probleme beim Einparken, nichts. Feenmäßig perfekt. Und ich hatte solche Bedenken gehabt.
Als ich das Haus betrat, grüßten mich zwei Männer. Die hatten mich vorher nicht gegrüßt. Dafür betrachteten mich drei Frauen argwöhnisch, die mich sonst angelächelt hatten. „Wo die wohl hin will“, bedeutete der Blick anscheinend.
Zu Hause ging ich zuerst ins Bad. Ich entkleidete und betrachtete mich vorm Spiegel. Ich trug keinen BH, denn die Männerkleidung sieht keinen solchen vor. Hatten mich die Frauen deshalb so komisch angestarrt?
Da stand ich also als Frau von Mitte vierzig.
Was ich unendlich genoss, war der Anblick meiner Brüste, die den 90-Grad-Winkel nicht mehr ganz einhielten. Ja, meiner Brüste, denn jetzt hatte ich ja meine eigenen Möpse, die ich ansehen und betatschen konnte. Das tat ich dann auch ausführlich. Und was soll ich sagen? Ich bekam Lust auf mich.
Dafür fehlte mir nun aber das Entscheidende, und ich überlegte, ob ich mir vielleicht hätte wünschen sollen, zugleich Mann UND Frau oder besser männlich und weiblich in Form von zwei Personen zu sein. Aber dafür war es ja nun zu spät.
Als Mann hatte ich mir gelegentlich eine Porno als Starthilfe angesehen, wenn mir das weibliche Gegenstück fehlte und die Hormone koppheister schlugen. Richtig, das war jetzt ein echt guter Test: wirkten scharfe Bilder auch auf mich als Frau?
Gegen zwölf musste ich leider feststellen, dass mich der Anblick von zweidimensionalen Genitalien überhaupt nicht interessierte. Als das Telefon klingelte, ich mich mit meinem Namen meldete und der Anrufer meinte, er habe sich verwählt, war sowieso alles vorbei. Der Anrufer war mein Kumpel Georg, und er wollte mich als Mann sprechen und nicht als Frau. Auch als ich zurück rief und meine Stimme tiefer klingen ließ, legte er prompt wieder auf.
Ich hätte mal sagen sollen, ich sei meine Freundin und ich selber mal kurz weg. Wie er dann wohl reagiert hätte?
Gegen vierzehn Uhr ging ich einkaufen. Nie hatte ich beobachtet, dass Frauen an der Kasse anders behandelt werden als Männer, aber allein als ich meinen Kasten Warsteiner auf das Band wuchtete, rief die Kassiererin freundlich lächelnd
„Lassen Sie den Kasten im Wagen. Eine Flasche genügt. Haben Sie denn keinen Mann für sowas?“
Ehe ich antworten konnte, mischte sich ein Kunde ein, der hinter mir in der Schlange stand.
„Kann ich mir nicht vorstellen, dass sie keinen Mann haben“, sagte er. „Eine Frau wie Sie hat doch einen Mann.“
„Nein, ich habe keinen Mann“, sagte ich wahrheitsgemäß, aber das hätte ich nicht zugeben dürfen. Erst gegen sechzehn Uhr wurde ich ihn durch ein burschikoses „nun lassen sie mich bitte in Frieden“ los. Dabei hätte er mir gewiss einiges spendiert, wenn ich ihm gefolgt wäre...
Gegen achtzehn Uhr war ich längst zurück, als es klingelte.
Georg stand vor der Tür.
„Also habe ich mich doch nicht getäuscht“, sagte er. „Ich habe die gewählte Nummer verglichen und festgestellt, dass alles stimmt. Was machen Sie denn in Blechbläsers Wohnung?“
Nun hatte ich meine Gelegenheit, die ich mir gegen Mittag gewünscht hatte.
„Blechbläser ist blasen“, sagte ich. „Er bläst auf einem Blechkonzert. Er kommt spät zurück.“
Ich wette, dass Georg auf meinen Satz mit dem Blasen nicht angesprungen wäre, wenn er mich als Mann angetroffen hätte. In diesem Fall hätte er sich per Handy bei mir als Mann informiert, ob alles seine Richtigkeit hätte und ich in meiner Wohnung sein dürfe.
Eine Frau durfte. Als wenn Frauen nicht auch manchmal kriminell werden...
„Und Sie? Blasen Sie auch?“, fragte er mich und lachte. Gleich darauf war ihm der Spruch peinlich. „Oder kann ich Du sagen? Wir lieben ja beide den gleichen Mann.“
„In welcher Form lieben Sie ihn denn?“, fragte ich misstrauisch. Hatte ich in Georg einen homophilen Verehrer, ohne dass er es sich anmerken ließ?
„Nein, rein platonisch“, erklärte er lachend. „Keine Bange. Ich bin kein Konkurrent. Ich mag ihn einfach.“
Weshalb hat dieser Typ mir nie gestanden, dass er mich genau so mochte wie ich ihn? Als Mensch? Gesteht man sowas Frauen eher?
Georg ging wieder, was ihm sichtlich schwer fiel, aber er schien die Freundschaft, die uns verband, doch höher zu bewerten als sein Interesse an der Frau in mir.
Zur verabredeten Zeit traf ich mich mit der Fee Friedoline. Sie zauberte uns beide zurück. Ich war wieder Mann und sie wieder Frau.
„Na, wie war’s?“, fragte sie mich.
„Ich hätte tausend Männer haben können“, schwärmte ich.
„Das kenne ich“, sagte Friedoline. „Aber was für welche, fragt sich da. Ich sage meistens nein.“
„Aber manchmal auch ja?“
„Selten“, sagte sie. „Sehr selten.“
„Und was würden sie bei mir sagen?“
Plötzlich war sie weg. Verschwunden wie so manche Frau in meinem Leben, wenn ich sie nach dem Wesentliche gefragt hatte...
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Anmerkung: ich würde wirklich mal gern für eine Weile als Frau fühlen. Da gibt es eine Menge Punkte, die mich interessierten.
Aber allein der Gedanke, ein Mann wolle sich "eindringlich" mit mir beschäftigen...
der reinste Horror
© Jürgen Berndt-Lüders
