Fritz Wenzel erwachte. Um ihn herum war Leere, Öde, ein Nichts.
Sein Hals war trocken. Der Zungengrund, der Schlund und das Zäpfchen schmerzten beim Atmen. Ein Schluck Wasser würde reichen, und neben seinem Bett stand immer eine Flasche Mineralwasser. Stilles Wasser, obwohl Fritz lieber solches mit Kohlensäure mochte. Aber Mama bestand auf stillem, und Fritz gehorchte bei solchen unwichtigen Kleinigkeiten.
Fritz wollte die Flasche greifen. Sie stand schließlich ganz dicht am Bett, Mama hatte sie deshalb so nahe ans Bett gestellt, damit Fritz nicht extra aufstehen musste, wenn er nachts Durst verspürte.
Die Flasche ließ sich nicht greifen. Weil Fritz seinen Arm kaum bewegen konnte. Seine Kraft reichte nur für wenige Zentimeter.
Fritz probierte den rechten Arm. Mit aller Anstrengung warf er ihn über den Körper hinweg auf den linken. Er erschrak.
Sein Arm war dünn wie ein Streichholz.
Fritz versuchte die Beine anzuziehen, den Kopf zu bewegen, alles funktionierte nur mit äußerster Konzentration und Anstrengung.
„Mama“, rief Fritz, aber er brachte nur ein heiseres Krächzen heraus.
Panik. Sein Herz pochte wie wild.
Fritz’ rechte Hand glitt an seinem Körper hinab. Kam es ihm nur so vor, oder war er gewachsen? War er so kraftlos, dass ihm die Strecke vom Rippenbogen bis zum Beckenknochen so gewaltig vorkam?
Langsam kehrten einige, wenige Erinnerungen zurück. Was war geschehen?
Fritz sah sich neben Mama sitzen. Nicht hinten, sondern vorn, auf dem Beifahrersitz, obwohl Papa immer behauptet hatte, Kinder unter einem Meter zwanzig gehörten auf den Rücksitz.
Fritz erzählte Mama Witze und Mama lachte, obwohl sie bestimmt bessere Witze kannte als die Kinderwitze, die meist aus Büchern und Heften stammten, aber die Fahrt über die Landstraße ohne Mittelstreifen war so langweilig. Da machte Mama schon mal eine Aunahme.
„Guck mal“, sagte Fritz und zog die Gesichtshaut mit den Fingern zusammen, so dass man das Rote unter den Augenlidern und alle Zähne sehen konnte.
Mama guckte.
Mama guckte nicht, als der LKW aus der Nebenstraße kam. Ungebremst rammte sie den LKW voll mit der rechten Fahrzeughälfte.
Fritz’ Gehirn hatte keine weiteren Aufzeichungen.
„Mama“, schrie Fritz. „Mama“, und diesmal kam der Schrei deutlicher. Seine Stimme schien wieder funktionieren zu wollen. Fritz erfasste Panik, er wollte zu Mama, zu ihr ins Bett, wollte kuscheln, wollte sich sicher fühlen, diesen Albtraum los werden.
Fritz drehte den kraftlosen Körper. Er drehte ihn so weit, dass der Schwerpunkt außerhalb des Bettes geriet und Fritz zu Boden stürzte.
Der Aufprall war nicht laut, er tat auch nicht besonders weh, aber für Mama, die seit dem Unfall keine Nacht mehr richtig geschlafen hatte, reichten die Mama-Rufe und das Platschen des schwachen Männerkörpers.
Die Tür öffnete sich. Der Lichtschein fiel auf Fritz, der auf dem Boden lag. Wie ein armseliges Häufchen lag er auf dem Boden, wie ein Vöglein, das aus dem Nest gefallen war.
„Fritz“, schrie Mama und riss die Hände an ihr Gesicht. „Fritz, bist du...wach? Fritz.“
Mama lief auf den Flur.
„Georg“, rief sie. „Komm schnell, Fritz ist wach. Endlich...“
Mama ging auf die Knie und weinte. Sie streichelte ihren Sohn und betete.
Georg stand in der Tür. Georg war nicht der Vater. Ihr Mann war längst tot.
„Wir müssen ihn ins Bett legen und Doktor Schumann anrufen“, sagte Georg ruhig und schob Mama sanft beiseite. Er nahm den mageren, kraftlosen Fritz wie eine Feder auf und legte ihn ins Bett.
“Verzeih mir bitte die zwölf Jahre“, flehte Mama. Sie bebte vor Schluchzen. "Ich wünschte, ich könnte sie dir von meinem Leben schenken..."
Fritz lächelte.
Mama, wo bist du?
Der kleine und der große Fritz
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