Marco saß am Schreibtisch und versuchte, den Aufsatz zustande zu bekommen, den er zum Ende der Ferien hatte schreiben sollen.

Mein schönstes Ferienerlebnis, hatte die Story zu heissen.

Während der Ferien habe ich beschlossen, meine Mutter nicht zu töten, schrieb er. Ich warf die Pistole aus dem Fenster, schmiss die Bazooka in den Kanal, und wegen des Rattengifts rief ich die Sondermüllabfuhr an.

Nee, dachte er, was soll daran schön sein? Dieser Entschluss hat mir höchstens geholfen, lebenslänglichen Knast zu vermeiden. Ab 14 ist man strafmündig.

Was war sonst noch schön gewesen? Er kaute an seinem Kugelschreiber.

Richtig, Nicole hatte ihm gestanden, dass sie im Internat gleich zwei Verhältnisse mit Jungs unterhielt. In den einen war sie verknallt, und der andere hatte Geld. Man kann ja nie wissen, wozu man den mit dem Geld mal brauchen kann, hatte sie gesagt. Schönheit vergeht, aber Tugend besteht, hatte Oma immer gesagt. Heute verging zwar nach wie vor die Schönheit, aber statt der Tugend hatte heute doch eher das Geld Bestand.

Ach, das ist ja nicht mein Erlebnis, dachte Marco, obwohl ich auch gern solche Erlebnisse hätte. Aber das sind ja die Erlebnisse meiner Schwester, meiner verrückten Schwester mit dem Jungen-Eroberungsfimmel. Er war den Kugelschreiber auf den Tisch und verwarf diese Idee.

Vielleicht erlebe ich heute noch etwas Schönes, dachte Marco. Heute gab es eine Klassenfete.

Jedes Jahr, am letzten Samstag in den Sommerferien, feierte Marcos Klasse die traditionelle Schulzurückgewöhnungsfete, wie sie dies nannten. Sie tauschten ihre Ferienerlebnisse aus, lästerten über Lehrer und Mitschüler, und seit neuestem wurden unter der Hand erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht ausgetauscht.

Abwechselnd und in einer bestimmten Reihenfolge richteten die Schüler diese Fete aus. Dieses Jahr war Nadine dran, sie war15, fast 16, etwas pummelig, mit großen braunen Augen und langen Haaren. Sie hatte irgendwann eine Klasse wiederholen müssen, deshalb war sie älter als ihre Mitschüler.

In Marcos Klasse gab es viel zu wenig Mädchen.

„Kommst du mit?“ fragte er Nicole. Er griff sein US-Armee-Tasche.

„Du, tut mir leid, aber ich muss packen. Am Sonntag Mittag bringt mich mein Zug ins Internat.“

„Klar, zu deinen Liebhabern, sind ja gleich zwei.“ Ein wenig Bewunderung lag in seiner Stimme. „Nun zick’ nicht rum“ kommandierte Marco. „Dazu ist am Sonntag auch noch Zeit. Außerdem packt Mama deine Sachen. Du würdest doch wieder die Hälfte vergessen.“

„Ach, weißt du, ich hab’ einfach keine Lust, mich von kleinen Jungs anmachen zu lassen,“ gab Nicole zu. „Ich bin doch kein Testobjekt in eurem Pubertierzirkus. Ich könnte ja fast eure Mutter sein.“

Marco lachte spöttisch. „Mutter“ wiederholte er. „Du könntest dich doch auch mit den Mädchen unterhalten, dann kannst du deine Erfahrungen mit Jungs weitergeben, wie man sie am besten veräppeln kann, oder du weihst sie ein in die Geheimnisse des Liebeslebens, damit auch wir Jungs davon profitieren können.“

Nicole überlegte. „Ich weiß nicht so recht.“ Sie war schon interessiert, aber sie befürchtete, dass sie in der Siedlung ins Gerede kommen würde, wenn sie sich mit Jüngeren abgab.

„Ooh, die Hermine Granger für Arme ziert sich ein wenig“, stellte Marco spöttisch fest. „Die zwei Jahre Unterschied machen den Kohl auch nicht fett. Ich glaube eher, du hast Angst, dich in einen der Jungs zu verknallen, und dann findest du den Zug in dein Paradies nicht mehr, weil du verheulte Augen hast.“

„Ach, du alter Harry-Potter-Fan.“ Nicole lachte. „Hermine Granger für Arme“, wiederholte sie spöttisch. „Von euereins lasse ich mich nicht abgreifen. Ich wünsche euch viel Spaß, und mir kannst du Spaß bei meiner Freundin Simone wünschen.“

Marc fuhr mit seinem Fahrrad in die eine und Nicole mit ihrem Moped in die andere Richtung.

Nadine empfing Marco mit einem Küsschen auf die Wange. Sie hatte ihn schon durch das Fenster kommen sehen und ungeduldig darauf gewartet, dass er endlich klingelte. Marco hatte erst sein Fahrrad abschließen müssen. Selbst in dieser gutbürgerlichen Siedlung wurde pausenlos geklaut.

Es waren schon fünf Mitschüler anwesend.

„Marco Polo“, rief Nadine fröhlich. “Sehe ich dich endlich wieder? Sechs Wochen Entzugserscheinungen, und ich nehme prompt zwei Kilo ab.“ Stolz sah sie an sich herunter. Dann fiel sie ihm um den Hals.

Marco wehrte sie lächelnd ab. Auf Nadines Stolz ging Marco nicht ein, dafür aber auf den Marco Polo. Dies war eine Gelegenheit, vor den anderen seine Allgemeinbildung zu zeigen. „Ich bin nicht aus Venedig, dies ist nicht China, und du bist nicht die Kaiserin.“

Aber hoffentlich bin ich bald die Königin deines Herzens, du Dummer, dachte Nadine.

Marco begrüßte die anderen. Mit „Ey Alter, gimme five“, und wie das so unter 14jährigen Pflicht- und Formsache ist.

Getränke wurden herum gereicht, auch alkoholische, Aber Marco trank nur Cola. Wie üblich wurde abgetanzt, und statt der früher üblichen Anfrotzelei wurde auf Teufel-komm-heraus geflirtet. Es bildeten sich Paare, und einige verschwanden bald auf Nimmerwiedersehen in der warme Sommernacht.

Gegen halb neun brachte Nadine ihre kleine Schwester ins Bett, die zwar lange durchgehalten hatte, dann aber doch Opfer ihrer Erschöpfung vom Tanzen und ihrer Müdigkeit geworden war.

Strategisch gut geplant und ausgeführt sorgte Nadine dafür, dass sich Marco mehr und mehr auf sie konzentrierte. Anfängliche Unverbindlichkeiten wurden immer konkreter, und irgendwann gegen zehn – die anderen waren schon gegangen – hockten die beiden am Wandschrank, die Knie angezogen und den Po und den Rücken mit unbezogenen Kopfkissen und Bettdecken ausgepolstert, die Nadines Mutter für das Gästezimmer in Reserve hielt.

Heute passiert es, dachte Nadine. Es musste passieren. Schließlich hatte sie alles von langer Hand vorbereitet.

Heute könnte es passieren, dachte Marco, aber was ist mit ihren Eltern? Ich hätte ständig Angst, dass sie urplötzlich auftauchen. Ich kann doch nicht direkt fragen, ob uns nicht ihre Eltern dazwischen kommen können. Und ihre Schwester, dieses Plappermäulchen. Nadine und er würden zum Gespött der ganzen Siedlung werden.

„Weshalb hocken wir eigentlich hier am Schrank?“, fragte Marco, statt seine Befürchtungen direkt anzusprechen. Und wovon träumst du nachts? fragten die Mädchen in solchen Situationen, und davor hatte jeder Junge Angst. Es, das erste Mal, passierte doch seiner Kenntnis nach meistens Im Bett, im Auto oder in Feld, Wald und Wiese.

„Weil der Schrank am weitesten von der Eingangstür entfernt ist“, antwortete Nadine wahrheitsgemäß nach kurzem Überlegen. „Gegenfrage: mußt du nicht irgendwann nach Hause?“

Auch Nadine hatte ihre Ängste. Immerhin hatte Marco jederzeit die Möglichkeit, plötzlich entsetzt auf die Uhr zu sehen und zu verkünden, dass er bereits seit einer Stunde zu Hause erwartet würde.

Marco sprang auf. „Klar, ist ja schon spät“, rief er hastig. „Mein Vater arbeitet zwar bestimmt irgendwas und meine Mutter chattet, aber du musst sicher ins Bett. Kleine Mädchen brauchen ihren Schlaf.“

Nadine zog ihn lächelnd zu sich hinunter. „So war das nicht gemeint. Nein, ich habe sturmfreie Bude. Meine Eltern übernachten bei Bekannten, weil sie den Lärm bei so einer Schulzurückgewöhnungsfete nicht ertragen können.“

Marco überlegte. Warum baute sie ihr Liebesnest dann aber so weit wie möglich von der Eingangstür entfernt? Was sollte das für einen Sinn haben?

Nadine ahnte seine Gedanken. Nur nicht zu deutlich werden, dachte sie. „Paß auf“, sie legte ihre Hand auf seinen Arm. „Meine Eltern sind zwar weg, aber sie könnten es sich ja anders überlegen. Und zweitens habe ich eine kleine Schwester, die im Kinderzimmer in der Nähe der Haustür schläft.“

Aha. Marco ergänzte ihren Satz in Gedanken. Und falls die kleine Schwester mal nachts aufs Klo muss, wird sie sicherlich nicht auf die Idee kommen, ausgerechnet am Wandschrank vorbeizutapsen.

Er überlegte. Nach allem, was er bislang über solche Situationen gelesen und gehört hatte, musste er als Mann den Anfang machen. Aber wie? Sich einfach über Nadine beugen und losküssen? Das konnte schwer daneben gehen. Reden? Das Thema Liebe und Sex ansprechen? Die endlosen Diskussionen seiner Eltern über irgendwelche konkreten Probleme, die dann in irgendwelchen Nichtigkeiten endeten, aus denen er nur herausspürte, dass sie sich nicht mehr liebten, waren ihm dermaßen auf den Geist gegangen, dass er einen Widerwillen gegen diese Lösung spürte. Besser war es, den indirekten Weg zu gehen und zu versuchen, seinem Ziel mittels kleiner Schritte näher zu kommen.

Er nahm ihre Hand, diese kleine, etwas gedrungene Hand mit den warmen, weichen Fingern. Er spürte ein leichtes Zittern. Kam es von ihm oder von ihr?

„Ich mochte dich schon immer“, sagte er, nur um einen Anfang zu machen.

„Ich dich auch.“

„Ich mag dich mehr als die anderen.“

„Um ehrlich zu sein: seit einigen Jahren bin ich in dich verknallt. Schon, als du eine Klasse unter mir warst.“

Überrascht sah er sie an. Noch konnte er ihr Gesicht erkennen, aber die Dämmerung schluckte bereits die letzten Eindrücke von ihrer Mimik.

Marco beschloss, an nichts mehr zu denken. Er beugte sich über Nadine, sie kam ihm entgegen und ihre Lippen berührten sich.

Seine körperliche Reaktion kam völlig überraschend für ihn. Er spürte ein heißes Brennen in sich aufsteigen, einen Schwindel, den er vorher nie gespürt hatte. Seit einem Jahr befriedigte er sich regelmäßig selber. Er stimulierte sich dazu, indem er an irgendetwas Weibliches dachte, aber jetzt, mit Nadine, war das völlig anders. Nicht nur sein Körper spielte verrückt, so wie sonst, sondern auch sein Kopf, seine Seele und sein Gefühl.

Er presste sie an sich. Weich gab sie nach. Ihre Hände wurden aktiv und suchten an ihm unbekleidete Stellen wie Hals, Hände und Kopf. Seine Erregung suchte nach Erfüllung.

„Komm“, flüsterte sie. Sie zog ihn hoch. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Aber anstatt ihn in ihr Zimmer zu führen, zog sie das Bettzeug von den Türen des Wandschranks weg und öffnete ihn. Automatisch glimmten mehrere schwache Glühbirnen auf, und Nadine warf das Bettzeug in den Schrank. Sie schloss die Türen und zog Marco an sich. Das Licht erlosch.

Da lagen sie nun zwischen zwei Kleiderstangen, an denen Anzüge hingen. Es roch nach Textilien.

Ein eisiger Schreck durchzuckte Marco. Er ernüchterte schlagartig. Dieser Schrank, er war feindlich. In diesem Schrank würde er nie und nimmer mit Nadine glücklich sein können. Er setzte Nadine mit dem Schrank gleich, und Nadine wurde im gleichen Moment zur Feindin.

„Du, ich kann nicht“, keuchte er. „Ich muss nach Hause.“

Sie umklammerte ihn. Erst musste er Auskunft geben. Vorher würde sie ihn nicht loslassen. Mit warmer, weicher, verständnisvoller Stimme fragte sie ihn nach allen Möglichkeiten, die ihr in den Sinn kamen.

„Gefalle ich dir nicht?“

„Doch“, keuchte er. „Und wie.“

„Ähm... hast du noch nie?“

„Nein..., aber ich kann.“

„Bist du zu müde?“

„Nee, ich bin putzmunter.“

„Was ist es dann? Liebst du eine andere?“

„Nein nein“, rief er. Ihm wurde plötzlich klar, dass er drauf und dran war, etwas zu verlieren, was er noch gar nicht besessen hatte. „Ich will.... und kann nicht.“

Nadine besaß trotz ihrer 15 Jahren etwas Mütterliches. Sie nahm ihn liebevoll in den Arm und küsste ihn sanft auf die Wange. „Macht nichts. Irgendwann finden wir es heraus, was mit dir los ist.“

Eine Weile saßen sie nebeneinander. Zwischen Kleidern und Wäsche, und keiner von beiden sagte etwas. Plötzlich entwickelte sich in Marcos Vorstellung etwas ganz Absonderliches, etwas, was ihm selber lachhaft vorkam. Noch waren es nur schemenhafte Bilder, die aber immer deutlicher wurden. Er sah sich als Harry Potter im Wandschrank, unter der Treppe der Dursleys, geknechtet und bewegungslos, gedemütigt und hilflos. Die Tränen liefen über seine Wangen, und er kam sich so mies dabei vor, in Nadines Pullover zu weinen, aber er konnte nicht anders.

„Was hast du“, fragte sie mit äußerster Konzentration und Selbsbeherrschung. Sie streichelte ihm sanft und zärtlich über das Haar. „Was fühlst du? was geht in dir vor?“

Marco liess sich rückwärts auf die unbezogene Bettdecke fallen. Da lag er, die Hände gefaltet und hinter dem Kopf verschränkt. Er starrte gegen die Dunkelheit. „Es ist...“, begann er. „Es ist...“, aber er fand den Ansatz nicht.

„Du... wenn du dich nicht traust“, versuchte sie zu helfen. „Ich habe schon einige Erfahrung. Ich bin keine Jungfrau mehr. Überlaß’ es nur mir. Bleib liegen und genieße einfach.“ Ihre Hände glitten an seinen Jeans entlang. Marco krümmte sich.

„Ganz klar, du findest mich abstoßend, weil ich so pummelig bin. Ich hätte es mir denken können.“

„Unsinn“, fauchte Marco.

Lange Zeit schwiegen die Beiden.

„Ist es der Schrank?“, rätselte Nadine plötzlich.

Volltreffer. Marco bäumte sich auf, und es sprudelte nur so aus ihm heraus. Dabei wurde er immer lauter, aber keiner von beiden dachte daran, dass Nadines kleine Schwester dadurch geweckt werden könnte.

„Es ist... ich halte es nicht mehr aus. Wer bin ich? Ich bin niemand. Bei uns ist keiner irgendwer, bei uns im Ligusterweg. Ich hasse alle, ich hasse mich selber, ich will nicht, ich will nicht!“

„Aber du wohnst doch am Fichtenhain. Ligusterweg? Das ist doch Harry Potter. Der wohnt im Lig......“. Urplötzlich wurde ihr alles klar.

Sie spang auf und zerrte ihn hastig aus dem Wandschrank. Sie führte den schluchzenden, kaum gehfähigen Marco ins Wohnzimmer, drückte ihn auf die Couch, und von alldem merkte er nicht einmal etwas. Sein Kopf lehnte an der Schulter der kleinen, etwas pummeligen Nadine, die einmal sitzen geblieben war, und ließ es zu, dass sie ihn therapierte, ohne dass beide auch nur ahnten, dass sich hier der Beginn einer Therapie abspielte. Keiner ahnte, dass beide damit für eine lange Zeit aneinandergeschmiedet sein würden. Helfen und geholfen werden verbindet eben.

Nadine fasste mühsam zusammen. „Du fühlst dich eingeengt. Du kannst nicht wie du willst. Du wirst nicht geliebt. Du hast für niemandem ein echtes Gefühl.“

„Doch“, schrie Marco. „Ich liebe meine Mutter, diese blöde Chat-Tusse. Ich liebe meinen Vater, diesen altertümlichen Eisklotz. Meine Schwester Nicole finde ich zwar entsetzlich eingebildet, aber sie ist meine Schwester seit meiner Geburt. Und mein Bruder Benni.... ich würde für ihn sterben.“

„Aber sie lieben dich nicht“, vermutete Nadine.

„Bei uns wird nicht geliebt. Bei uns wird nur gehasst. Liebe ist aus der Mode. Außer mir kann jeder nur jeden hassen. Mein Vater hasst meine Mutter, meine Mutter meinen Vater, sie schlafen nie miteinander, sie haben kein Lächeln füreinander, keine Worte, die auf Liebe hindeuten. Nichts, was man Liebe nennen könnte. Keine Liebe, für jeden einzelnen nicht und für niemanden sonst. Ich will nicht im Wandschrank unter der Treppe wohnen oder lieben, ich will leben und dabei atmen können.“

Nadine begriff. Jedes seiner Worte hatte sie verstanden und in sich aufgenommen. Lange Zeit verarbeitete sie seine Ausbrüche. „Im Wandschrank gibt es für dich keine Liebe.“ Diese Worte kamen tief aus ihrer Seele.

Marco nickte heftig. Er fühlte sich plötzlich zu Hause. Nadine war jetzt sein zu Hause. Trotz des Wandschranks, in dem sie ihn hatte lieben wollen. Er fühlte sich von Nadine geliebt.

Ein Schlüsselbund klapperte. Die Haustür wurde aufgeschlossen. Nadines Eltern standen im Wohnzimmer.

„Guten Abend“, rief Nadines Mutter aufgesetzt fröhlich. Ihr Gruß wirkte unsicher. Sie erfasste die Situation intuitiv und zog ihre Rückschlüsse.

„Kann ich irgendwie helfen?“ fragte sie vorsichtig.

„Würdest du Marco nach Hause fahren? Ich komme mit. Ich weiß genau wo er wohnt. Ich glaube nicht, dass er noch Rad fahren kann.“

Nadines Mutter nickte. Wortlos brachten die beiden Frauen Marco zum Auto. Ohne überhaupt zu begreifen, was da vor sich ging, und immer noch in Tränen aufgelöst, lag Marco zitternd auf der Rückbank. Die beiden Frauen taten das, was sie für ihn tun konnten. Die eine aus Verständnis, und die andere aus vollem Vertrauen in ihre Tochter.

Nadines Vater stand derweil vor Marcos Fahrrad, die Hände in den Hosentaschen. Er überlegte, auf welche Art er das Rad am besten zum Fichtenhain bringen konnte.

Dieser Marco war schon merkwürdig. Na und? Betrunken sind wir alle mal, dachte er, und da hat man leicht einen Moralischen. Solange er meiner Nadine damit nicht schadet...

„Ich dachte schon, ihr würdet miteinander schlafen“, gab Nicoles Mutter auf der Rückfahrt zu. „Das ließ mir keine Ruhe. Deshalb habe ich Papa bedrängt, doch noch zurück zu fahren. Du liebst ihn doch schon lange. Das weiß ich seit langem.“

Nicole kicherte gequält, aber erleichtert, aber noch zitterte sie am ganzen Körper. „Mama, es ist besser, du hältst dich da raus“, schlug sie vor. „Ich weiß schon was ich tue.“