Vor einigen Jahren hatte ich meine Jägerprüfung abgelegt und war mit meinen damals 52 Jahren wahrscheinlich der älteste Jungjäger in unserer Stadt. Aber „besser spät als nie“, sagt ein altes Sprichwort.
Der jährliche Urlaub in Kärnten rückte näher. Was lag da näher als nach bestandener Jägerprüfung den Urlaub durch eine Gams herrlich abzurunden. Freitags waren wir am Urlaubsort angekommen. Am Samstag traf ich mich mit meinem Jagdführer - ein echter Kärntner Jager. Im Gegensatz zu mir, schien sein Körper nur aus drahtigen Sehnen und Muskeln zu bestehen. Diesen Unterschied sollte ich noch zu spüren bekommen.
Wir verabredeten uns für den nächsten Tag. Und so finde ich mich am Sonntag bei ihm ein, packe meine „Siebensachen“ in den „Samurai“ und am späten Nachmittag fahren wir in das auf 1400m hoch gelegene Revier. Isa, die „Kleine Münsterländerin“, hat es sich auf dem Rücksitz bequem gemacht. Über eine ausgefahrene Forststraße schraubt sich der Wagen in einem engen Taleinschnitt in die Höhe. An einer Abzweigung halten wir uns nach links, überqueren den kleinen Bach, der sich schon seit geraumer Zeit längs unseres Weges zu Tale schlängelt. Der Zustand des Weges verschlechtert sich zusehends. Doch für den kleinen Geländewagen stellt das kein Problem dar. Auch als der Weg gänzlich aufhört kämpft sich der „Samurai“ tapfer durchs Gelände. Krampfhaft umklammere ich den Haltegriff. Nach gut einer halben Stunde Fahrt "parken" wir den Wagen bei einer großen Fichtendickung, laden uns unsere „Siebensachen“ auf und machen uns nun zu Fuß auf den steilen Bergweg. Immer öfter muß ich Halt machen um Atem zu schöpfen. Mein Jagdführer blickt mitleidig auf den sich hinter ihm abmühenden Städter.
Endlich endet der steile Aufstieg und wir erreichen einen Erdsitz. Jetzt machen wir es uns erst einmal bequem. Ich schnaufe wie eine alte Dampflok. Langsam geht es mir wieder besser ich genieße die himmlische Ruhe und die Natur. Der Stress der letzten Tage fällt langsam von mir ab. Das hektische Büro wird in meinen Gedanken immer kleiner.
Der Wind steht günstig und schon nach kurzer Zeit erfreut uns eine Rehgeis mit ihrem Anblick, die in ca. 80 vor uns genüsslich äst. Plötzlich stupst mich Norbert in die Seite. An einem weiter entfernt liegenden Hang hat er ein Rudel Gemsen ausgemacht. „Komm, aufi, die pirschen wir an“. Leise packen wir unsere Sachen und verlassen den Erdsitz. Immer hinter einander und fast lautlos pirschen wir uns bis auf ca. 200 m an das Rudel heran - natürlich wieder steil bergan. Nachdem das Hanggelände hinter uns liegt, treffen wir auf einen Forstweg. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, die Lunge ringt nach Luft. Ich fühlte mich wie ein Fisch, der plötzlich aus dem Wasser gezogen wird. Was habe ich mir da angetan? An einer Wegkehre, gut 200m vor uns äst oberhalb des Weges noch immer das kleine Rudel. Einige Geisen mit ihren schon recht starken Kitzen, dazwischen ein, zwei Jährlings-Böcke. In der Kehre des Forstweges türmen sich einige große Fichtenstämme übereinander. Dahinter können wir uns vortrefflich verbergen und sie bieten zudem eine gute Auflage für die Büchsen.
Norbert deutet auf einen jungen Bock aus dem Rudel. „Visier den mal an - nur so probehalber", meint er augenzwinkernd. Gesagt getan! Und so versuche ich möglichst lautlos die Patrone ins Lager zu repetieren. So ganz geeignet für diese Entfernung erscheint mir das Kaliber nicht zu sein; .30-06 RWS TUG. Hätte ich Trottel doch besser die 7 x 65er mitgenommen. Ich muß knapp unterhalb der Rückenlinie anhalten wenn es passen soll. Hoffentlich geht alles gut – oder soll ich einen Schuss auf diese Distanz etwa unterlassen. Leise flüsternd teile ich Norbert meine Bedenken mit. Der beruhigt mich: „Hoalt a bisserl höher an, dös wird scho passen.“
Also, jetzt gilt's und nur keinen Lärm machen. Vorsichtig lege ich die Waffe auf die Auflage, visiere das Ziel an. Oh Himmel, der Bock schmilzt im Zielfernrohr dahin und der Zielstachel des Absehens wirkt äußerst massig und scheint immer größere Ausmaße anzunehmen. Norbert schaut durch den Entfernungsmesser und raunt mir leise zu: „knapp 220 m san’s scho“. „Norbert, ich glaub das ist mir zu weit, denk daran ich bin Anfänger!“ Im Geiste erscheint mir mahnend meine Jagdlehrerin Maria, „Rainer, Du bist noch blutiger Neuling, hast außer ein bisschen Niederwild nichts erlegt und jetzt willst du hier ein Gams erlegen. Und dann auf dieser Distanz. Man sollte dir die Ohren lang ziehen.“ Wieder diese Zweifel: „Kannst Du auf dieser Entfernung einen sauberen Schuß antragen?“ „Mein“ erster Bock soll sauber zur Strecke kommen.
Den Bock läßt mir ausreichend Zeit zum Überlegen. Noch steht er friedlich äsend spitz zu uns. Kein Laut ist zu hören, nur ein vereinzeltes „krog krog“ der zahlreichen Raben klingt zu uns herüber. Nochmals von mir ein zaghaftes: "Norbert, der ist zu weit weg". „Woas bist denn Du für oaner, willst an Jager werden oder was? Ziel sorgfältig, dann wird’s schoa passen", bekomme ich die ruppige Antwort. Sekunden später flüstert er: "So, jetz steht a guat, das müßte passen“. Endlich steht der Bock breit zu uns. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich vergesse Marias, mir im Geiste erteilten Tadel, ziele sorgfältig. Den Zielstachel lasse ich langsam an der Innenseite des Vorderlaufes nach oben gleiten vorbei an der gedachten „zehn“ und wanderte langsam der Rückenlinie zu. So, wie ich es gelernt habe. Ich werde ganz ruhig, will nicht fehlen. Der Bock steht noch immer günstig und an einem Fleck, äst ruhig. Und der Zweifel: „Du wirst ihn gleich vom Leben zum Tod befördern, habe ich das Recht dazu?“ Ich dachte wieder an Norberts Worte vom rechten „Jager“. Was würde Klaus, der andere Teil meines Jagdlehrer-Paares dazu sagen? Norbert reißt mich aus meinen Gedanken: „Schiaß jetzt!“ flüstert er energisch, „mein Gott, verdammt noch amol, jetzt schiaß endlich, es passt scho“. Jetzt gibt es kein zurück.
Ohne weitere Überlegung visiere ich mein Ziel, steche ein halte kurz die Luft an, drücke ab und laß die Kugel fliegen. Der Knall zerreist die friedliche Abendstille. In das Rudel oben am Hang kommt Bewegung. „Mein“ Bock hat einen hohen Hupfer getan und ist hinter einem Geröllbrocken verschwunden. „Ich hab ihn nicht sauber getroffen“, ist mein erster Gedanke. „Mist, Norbert, ich hab ihn nicht erwischt“. Seine erste Frage: „Wo bist abkimma?“. Ja, wenn ich das nur wüsste. Als der Schuß brach habe ich für Bruchteile von Sekunden nichts gesehen. „I sag‚s dir, dös hoat schoa g’passt, glaub mas doch“ entgenet mein Jagdführer beruhigend. „Jetzt beruhig di erscht amol a bisserl und dann geh ma nachschaugn“. Langsam löst sich meine Anspannung. Nach 10 Minuten gehen wir in Richtung Anschuß. Hastig und erregt springe ich den Fahrweg hinab bis wir unterhalb der vermeintlichen Stelle eingetreffen. Jetzt kommt der Hund zum Einsatz. Isa ist wie narrisch, kann ihre Passion unschwer verbergen. Norbert schnallt den Hund und mit freudigem Geläut erklimmt der treue Vierläufer den Hang. Nach kurzer Suche erklingt Standlaut. Isa ist am Bock und zerrt bereits das Tier aus einem Latschengestrüpp. Norbert macht sich daran den Hang zu erklimmen. Er zieht den Bock vollends aus dem Latschengestrüpp und anschließend den Hang hinunter. Jetzt besehen wir uns den Bock genauer. Ich habe ihn mit einem sauberen Blattschuss zur Strecke gebracht. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Norbert überreicht mir den Schützenbruch. „Waidmannsheil, mei liaba Rainer. Einen sauberen Schuß hoast da hinglegt – Respekt. Net schlecht für oan blutigen Anfänger“. Mit einem aus tiefsten Herzen kommenden „Waidmannsdank“ nehme ich von Norbert den Bruch entgegen. Ich bin so überglücklich in diesem Augenblick und drücke Norbert – vielleicht für manche etwas unwaidmännisch - mit freundschaftlicher Umarmung und einem nochmaligen Waidmannsdank an meine Brust. Wie es die Tradition verlangt und wie es guter Brauch und Sitte ist, erhält nun der Bock von mir seinen "letzten Bissen". Die Kopfbedeckung in der Hand, verharren wir kurz am Stück und erweisem dem Mitgeschöpf die letzte Ehre.
Dieses Glücksgefühl ist für einen Nichtjäger nur sehr schwer zu beschreiben. Man ist glücklich Angesichts der überwältigenden Eindrücke, glücklich über den sauberen und waidgerechten Schuss und natürlich auch glücklich darüber, das unter vielen Mühen Erlernte richtig angewendet zu haben. Und da ist plötzlich Maria wieder: „Na, Du Lackel hast es ja doch getan, hast nicht auf mich gehört. Aber trotzdem mein Lieber – Waidmannsheil. Eigentlich sollte ich dir die Löffel noch länger ziehen als sie schon sind.“ Und auf einmal habe ich das Gefühl, das ihr Mann und mein Jagdlehrer Klaus hinter ihr stand und mir schweigend, mit dem Auge zwinkernd zunickt, sein immer verschmitztes Lächeln aufsetzt und leise zuflüstert: „Das hast du gut gemacht mein Junge – Waidmannsheil“.
Heute ziert das „Krickele“ meines ersten Gams-Bockes die Wand in meinem Arbeitszimmer. Den Schützenbruch, den mir Norbert damals überreichte, lugt hinter dem „Brettl“ hervor. Meine beste aller Jägerfrauen hat ihn damals geschickter Weise mittels einer Menge Haarspray haltbar gemacht. Die Krickeln meines „Jährlings“ wurden mit 65 Punkten bewertet. „Nichts Besonderes“, wird mancher „alte“ Jäger sagen, doch für mich wird es immer die wertvollste Trophäe in meinem Jägerleben bleiben - die von meiner ersten Gams.
Mein erster Gams
Jagderlebnis in den Kärntner Bergen
1 Platiner gefällt der Artikel
Gefällt mir auch
Kommentare zum Artikel