Seit 4 Wochen schreibe ich fleißig E-Mails, und ich habe Freude daran, mir etwas Besonderes einfallen zu lassen, kreativ zu sein. Die Ideen kommen fast von allein. Das liegt daran, dass die E-Mails, die ich bekomme, auch immer sehr ideenreich, nett und gefühlvoll sind und oft genau das ausdrücken, was ich selbst fühle. Am schönsten finde ich die Grüße, auf die ich morgens zwischen halb und dreiviertel sieben schon sehnsüchtig warte. Und dann sind da noch die abendlichen Telefongespräche. Wir sprechen über Gott und die Welt, es ist ein Austausch von Gedanken über alles, was uns so bewegt.
Ich schwebe auf Wolke 7 und stelle mir immer häufiger die Frage, ob man sich in einen Menschen verlieben kann, den man noch nie persönlich getroffen hat. Da kommt eine morgendliche Grußkarte, in der es genau um diese Frage geht, und ich bin mir jetzt fast sicher, man kann.
Gleichzeitig wächst die Sehnsucht, ihm nun endlich gegenüber zu stehen, ihm in die Augen zu sehen, mit ihm zu sprechen. Ich zähle die Wochen, dann die Tage.
Endlich ist es so weit, wir werden uns treffen. Unser erstes Date steht bevor.
Je näher der Termin rückt, desto nervöser werde ich. So habe ich mich als Kind immer kurz vor Weihnachten gefühlt.
Die wichtigste Frage ist jetzt für mich: Was ziehe ich an?
Ich stehe vor meinem überquellenden Kleiderschrank und stelle fest: „Ich habe nichts anzuziehen!“ Also mache ich mich auf die Suche. Fest steht nur, es darf nicht viel kosten. In Supermärkten habe ich schon manchmal schöne Kleidungsstücke gekauft, denen man ihren geringen Preis nicht ansieht. Bei Aldi werde ich sofort fündig, eine weiße Jeanshose, die bei den hochsommerlichen Temperaturen genau das Richtige wäre, aber leider nicht in meiner Größe. Ich klappere also alle umliegenden Aldi-Filialen ab und es gelingt mir tatsächlich, eine Hose in meiner Größe zu bekommen. Groß ist dann die Erleichterung, als ich zu Hause feststelle, sie passt und sieht gut aus.
Nun stehe ich noch vor der Entscheidung, welches T-Shirt oder welche Bluse ich tragen soll.
Ich weiß nicht mehr, wie viel mal ich mich umgezogen habe. Mir hat mal jemand gesagt, dass mir Blau steht, also blau. Im letzten Moment ziehe ich dann doch ein dunkelrotes T-Shirt an.
Mein Gott, spinne ich denn? Wann ist mir so etwas das letzte Mal passiert?
Jetzt muss ich mich beeilen, sonst komme ich zum ersten Date auch noch zu spät. Das möchte ich auf keinen Fall.
Als ich ihm dann gegenüber stehe, denke ich:“ Na, bei deinen Fotos hast du auch ein bisschen geflunkert und retuschiert.“ So was machen Männer also auch. Ein Adonis ist er jedenfalls nicht, aber ich bin ja auch nicht die schöne Helena. Und wer solche schönen E-Mails schreibt, kann eigentlich aussehen wie er will.
Bei Eis und Kaffee erzählen wir uns unsere Lebensgeschichten und Schicksalsschläge, und als es Zeit wird, das Eiscafe zu verlassen, setzen wir unsere Gespräche auf einer Bank mit herrlicher Aussicht auf die Stadt fort. Die Zeit vergeht wie im Fluge.
Und dann kommt wie aus heiterem Himmel seine Einladung zum Frühstück am nächsten Morgen. Ich glaube es nicht, wie viele Männer würden das schon machen, gemeinsames Frühstück ohne die gemeinsame Nacht vorher. Ich finde es supersüß. Er weiß ja von meiner Wochenendphobie und dass ich es schrecklich finde, am Wochenende allein zu frühstücken.
Nach dem Frühstück wollen wir dann baden fahren auf das Gelände des Surferclubs, wo es normal ist, dass alle FKK machen. Mich trifft der Schlag. Das kann er nun nicht von mir verlangen, nach einem gemeinsamen Nachmittag alle Hüllen fallen zu lassen. Schließlich sieht man in meinem Alter nicht mehr aus wie die Covergirls einer Modezeitschrift und hat schon mit einigen Komplexen zu kämpfen. Trotz des Zugeständnisses, dass ich ja meine Sachen anlassen kann, hoffe ich noch auf eine Änderung der Tagesordnung. Die Freude auf das gemeinsame Frühstück vertreibt die Ängste erst einmal.
Am nächsten Morgen zeigt mir ein Blick an den wolkenverhangenen Himmel, dass Petrus ein Frauenversteher ist. Das ist nun wahrlich kein Badewetter. Vielleicht machen wir doch etwas anderes als baden gehen.
Erwartungsfroh fahre ich los. Erst geht es ziemlich flott voran. Vor mir biegen die meisten in die Supermärkte ab, so habe ich freie Fahrt. Nur dann auf der Landstraße tuckert einer vor mir mit 70, wo 100 erlaubt sind. Das macht mich sowieso immer nervös, aber heute besonders. Und so stehe ich um neun an der roten Ampel auf der anderen Elbseite. Hier drüben müsste es irgendwo sein. Mir fällt das Lied von den zwei Königskindern ein, die nicht zueinander kommen konnten, weil das Wasser zu tief war. Na, die Elbe macht im Moment nicht den Eindruck als ob sie sehr tief wäre. Weiter komme ich nicht in meinen Gedanken, die Ampel schaltet auf Grün, und es geht weiter
Das Haus finde ich problemlos und auch noch einen Parkplatz. Klopfenden Herzens steige ich die Treppe hinauf und werde eingelassen. Der Kaffee ist fertig, und frische Brötchen vom Bäcker sind auch da, aber vom Tisch auf dem Balkon lacht mich gähnende Leere an. Dann nimmt er schnell Tassen und Teller aus dem Schrank und stellt Wurst und Käse in den Supermarktverpackungen auf den Tisch. Ich traue meinen Augen nicht. Nicht, was es gibt, sondern, wie es das gibt, lässt meine Stimmung merklich sinken. Da habe ich unterwegs noch kurz überlegt, ob ich anhalte und ein kleines Blumensträußchen auf den Frühstückstisch mitnehme. Gut, dass ich es nicht gemacht habe. Das wäre ja der totale Stilbruch gewesen. Mir wird klar, ich bin hier nicht zum Frühstück eingeladen, ich darf an einem Junggesellenfrühstück teilnehmen. Dann doch lieber Frühstück allein zu Haus.
Begleitet von ständigen Blicken zum Himmel, an dem immer noch dunkle, regenschwere Wolken vorbeiziehen, rauchen wir auf dem Balkon. Dann reißt der Himmel auf, und es steht fest, wir fahren an den See. Jetzt wäre der Moment gewesen, ihm zu sagen, was ich gerne machen würde. Aber erstens weiß ich das selbst nicht so genau und zweitens will ich ihm die Freude nicht verderben. Also mache ich gute Miene zum bösen Spiel, wie man so schön sagt, und wir fahren los, Kartoffelsalat, Würstchen und Getränke im Gepäck.
Der See ist wirklich idyllisch. Ich ziehe mir Shorts und Top an, nehme mir einen Campingstuhl, setze mich in die Sonne und lese meine Zeitschrift. Er geht erst mal schwimmen, natürlich ohne, was mich schon ein klein wenig irritiert. Dann kommen noch zwei Sportfreunde. Schließlich hüpfen drei Männer im Adamskostüm um mich herum, und ich sitze angezogen in meinem Stuhl. Das ist schon ein komisches Gefühl. Ich träume davon, weit weg zu sein und irgendwo mit meiner Kamera durch eine schöne Landschaft oder Stadt zu streifen. Wenigstens bleibt Petrus an diesem Tag mein bester Kumpel. Immer wieder schickt er Regenschauer und Wind, wahrlich kein Wetter für FKK. Zumindest entschuldigt mich das ein bisschen, es ist einfach zu kalt.
Gegen drei fahren wir zurück. Ich hätte jetzt große Lust, unter Menschen zu gehen, durch die Stadt zu bummeln, ein paar Fotos zu machen, der Tag ist ja noch nicht zu Ende. Diesmal sage ich es auch. Aber das Unternehmen scheitert an einem Parkplatz in der Stadt. Das Auto vor dem Haus zu parken und zu Fuß in die Stadt zu gehen, dazu hat er nicht die richtige Lust. Also bleibt es bei Kaffee auf dem Balkon. Wir sitzen und reden noch eine Weile und ich merke, wie der Wunsch in mir immer größer wird, nach Hause zu fahren.
Die Heimfahrt geht schnell, kein Bummler vor mir, aber richtigen Spaß macht es mir nicht.
Zu Hause packe ich die unbenutzte Zahnbürste aus meiner Tasche, die ich für alle Fälle mitgenommen hatte.
Ein Widerstreit der Gefühle ist in mir entbrannt: War es das, was ich wollte? – Ich denke nicht! Ist das das Ende unserer Beziehung, die noch gar nicht richtig angefangen hat?
Ich weiß es nicht.
Dann lese ich seine E-Mail: „für mich war es ganz nett…“ Was heißt das, „ganz nett“? Das ist eine höfliche Umschreibung für „es war schlecht“.
Keiner von uns ist zufrieden, aber hat dem anderen nicht gesagt, warum.
Am Sonntagmorgen warte ich vergeblich auf meinen Morgengruß. Ich nehme meine Kamera und ziehe wieder mal allein durch die Stadt.