Ich war fast sechzehn. Bereits mehrmals schwer verliebt, jedoch ohne echte „Nahkampferfahrung“. Außer wilden Knutschereien, Händchen halten und etwas Matratzen-Feten-Autositz-Gefummel, nichts passiert. Anfang der wilden 70er Jahre, zur Zeit der sexuellen Befreiung, fühlte ich mich wie ein Dinosaurier. Es wurde Zeit. Allerhöchste Zeit. Ich wollte auch. Noch war kein Opfer in Sicht, doch dies würde sich sicher bald ändern. Ich wollte gewappnet sein. Nicht wie einige Bekannte mein Wochenende in einer Amsterdamer Klinik verbringen. So fasste ich einen Entschluss. Ich brauchte die Pille. Meine Eltern konnte ich nicht fragen, sie waren vom alten Schlag und wären ausgeflippt. So blieb nur Eigeninitiative.

Ich besorgte mir einen Termin bei dem Gynäkologen meiner Mutter und ging mit zitternden Knien hin. Öffnete äußerlich ganz cool, aber furchtbar nervös, die Tür zu seiner Praxis und stand vor der Anmeldung. Nun begann mein Alptraum vom „ersten Mal“.

Dort hauste ein Drachen. Geschätzte sechzig. Mit Damenbart und Haaren auf den Zähnen, die man zu einem Zopf hätte flechten können. Die Tageszeit hatte er vergessen. Mit einem unfreundlichen Gesicht und resoluter, noch unfreundlicherer Stimme, bombardierte er mich mit Fragen: „Letzte Regel? Wann? Ausfluss? Geschlechtskrankheiten? Schwangerschaften? Fehlgeburt? Abbruch? Wenn ja, wie viele?“ Völlig verdattert stand ich vor ihm, stotterte meine Antworten: „Vvvor zzwei Wwochen, glllaub iiich, Neeeeiin, Neeeiiinnn, Neeeeiiiiiiiiiiiin, Neeeeeeeeeiiiiiiiiiiiiiinnnnnn!“

Der Drachen musterte mich von oben bis unten und fragte dann: “ Was willst Du denn hier?“

Ich antwortete, mittlerweile angesäuert und mit gestrafften Schultern recht selbstbewusst: „Sie, bitte!“

Drachenreaktion: Stirnrunzeln, erhöhter Säurefaktor in Mimik und Sprache. Erneute Frage: „Was wollen SIE denn hier?“

Meine Antwort, jetzt sehr liebreizend: „Die Pille. Deshalb habe ich einen Termin vereinbart.“

Erneute, missbilligende Musterung und mürrische Antwort:
„Die gibt es nur auf Rezept, und nur nach eingehender Untersuchung durch den Doktor“.

Immer noch freundlich, jedoch weniger liebreizend, sagte ich: „Ich weiß, deshalb bin ich hier. Dies erfuhr ich bereits am Telefon“.

Endlich hatte ich mein Ziel erreicht. Der Drachen verließ seine Höhle und brachte mich in das Sprechzimmer. Dort schaute ich mich zögernd um. Der Drachen wies auf eine Umkleidekabine und brummte: „Dort freimachen bitte, der Doktor kommt gleich“.
Dann verließ das Ungeheuer das Zimmer und ließ mich mit meinen Ängsten allein. Da ich mich noch nie habe unterbuttern lassen, riss ich mich zusammen und verschwand in der Kabine.

Kurze Zeit später öffnete sich die Tür vom Sprechzimmer und der Doktor trat ein. Ein distinguierter Endfünfziger, dem nun fast die Augen aus dem Kopf fielen. Ihm verschlug es glatt die Sprache. Er musste schlucken, rang um Fassung und lächelte milde. Dann sagte er mit einer angenehmen sonoren Stimme: „Junges Fräulein, sie brauchen sich hier doch nicht ganz ausziehen. Unten herum reicht erstmal.“

Nun stand ich da im Evakostüm, mit puterrotem Kopf und einer gehörigen Wut im Bauch. Wenn sich der Vorzimmerdrachen besser ausgedrückt und netter verhalten hätte, wäre mir diese Peinlichkeit erspart geblieben. So ging ich erneut in die Kabine, um mich halb anzukleiden.

Doch diese Geschichte hat einen guten Ausgang. Der Doktor erwies sich als guter Gynäkologe und nahm mir meine Ängste.
Er fragte mich, warum ich die Pille nehmen wollte. Ich erzählte ihm ein Märchen von einem festen Freund und von meiner Angst, ungewollt schwanger zu werden. Verständnisvoll nickte er, und ich erhielt nach gründlicher Untersuchung das begehrte Rezept und für drei Monate ein Ärztemuster. Also alles in bester Ordnung. Es gab nur ein kleines Problem. Ich benötigte die schriftliche Einverständniserklärung eines Elternteiles, die ich am nächsten Tag vorbeibringen sollte….

So nahm mein „erstes Mal“ ein erfolgreiches Ende. Den Drachen in seiner Höhle würdigte ich keines Blickes mehr und verließ hoch erhobenen Hauptes, mit noch immer roten Ohren, die Praxis. Am nächsten Tag brachte ich die benötigte Erklärung, die eine nette Helferin (der Drachen hatte sicher Flugtag) entgegennahm.

Auf ihr stand:

Hiermit erkläre ich mich einverstanden, daß meine Tochter
Doris …............ die Anti Baby Pille verschrieben bekommt.

Tönisvorst, dem 21. Mai 1971

Unterschrift des Erziehungsberechtigten.


Herr Kujau wäre sicher stolz auf mich gewesen…


Papa möge mir diese Sünde verzeihen, dort oben auf Wolke 7.



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Text © Doris Sponheimer