Sie wanderte in ihren Gedanken zehn Jahre zurück...
Als wäre es gestern gewesen, konnte sie die unbarmherzige Hitze, die ihr entgegenschlug als sie das Flughafengebäude verlies, noch einmal fühlen.
Nach einem fast 9-stündigen Flug war sie am Ziel ihrer Träume angelangt.
Vor dem Flughafengebäude war ein unheimlicher Lärm dessen Lautstärke fast angsterregend war.
Sie war sofort von Taxifahrern umringt, die ihr alle versicherten sie sicher und bequem in die Stadt zu bringen. Es kostete sie einige Kraftanstrengung ihr Gepäck nicht loszulassen.
Es kam ihr vor, als würden 100 Hände an ihrem Gepäck zerren und 1000 Stimmen auf sie einreden.
Das Gedränge und der Lärm liesen plötzlich nach...
Verwundert versuchte sie den Grund dafür herauszufinden.
Ein schmächtiger Mann stand schräg hinter ihr....
Mit ernster Mine schaute er die Taxifahrer an und sprach zu ihnen, in einer Sprache, die sie nicht verstand.
Auf seine Ansprache folgten, nach anfänglicher Stille, Worte die in ihren Ohren böse klangen...auch Drohgebärden konnte sie ausmachen.
Sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. Der schmächtige Mann schien davon jedoch gänzlich unbeeindruckt zu sein.
Während sie feststellte, das es sich auch bei ihm ebenfalls um einen Reisenden handelte, hörte sie wie er in reinstem Deutsch sagte: Bitte folgen Sie mir.
Ohne lange nachzudenken folgte sie ihm zu einem Taxi. Er fragte sie nach ihrem Ziel und sie sagte ihm sie wolle nach Victoria Island. Ihr Hotel war ihm bekannt.
Nachdem er dem Taxifahrer den Zielpunkt angegeben hatte, fragte er sie, ob sie zu erstenmal in diesem Land sei.
Sie erzählte ihm, das sie gekommen war, um dies Land zu sehen, von dem sie schon viel gehört hatte und das sich auf dem Kontinent befand, den sie so sehr liebte.
Ein bischen belustigt -so erschien es ihr- fragte er sie welche touristischen Attraktionen sie sich ausgesucht hatte.
Sie erklärte ihm, das sie sich durch die Vermittlung von Freunden, morgen mit ihrem Führer, der schon sehr lange in diesem Land lebte, treffen wolle und dann solle ihr Abenteuer los gehen.
Mi einem lang gezogenen: "Ach sooooo" sah er sie fast mitleidig an, "und ich dachte Sie wollen dieses Land kennenlernen" hörte sie ihn sagen.
Seine Feststellung, das sie Deutsche sei, empfand sie in diesem Zusammenhang fast ein wenig beleidigend.
Auf der mehr als einstündigen Fahrt erfuhr sie, das auch er in Deutschland lebte, er jedoch hier geboren war. Zum erstenmal war er wieder in sein Land zurückgekehrt. Der Anlass dafür war jedoch ein trauriger. Seine Mutter war verstorben und er kam zu ihrer Beerdigung.
Viel später sollten sie Beide erfahren das sie in Deutschland in der gleichen Stadt lebten.
Vor dem Hotel angekommen gab er ihr seine Telefonnummer unter der er erreichbar war.
Als sie Eincheckte bekam sie die Nachricht das ihr Führer wegen eines Unfalls nicht zu Verfügung stehen konnte. Er würde sich jedoch um einen Ersatz bemühen.
Sie war nun schon zwei Tage in Victoria Island, ohne das sich irgendetwas getan hatte. Sie hatte selbst kleine Spaziergänge unternommen, es jedoch nicht gewagt sich mehr als 500 m von Hotel zu entfernen.
Sie hatte dabei Villen in eigenwilliger Architektur, Bürokomplexe und Appartmenthäuser in Augenschein genommen. Dies war jedoch nicht das was sie sehen wollte!
Am dritten Tag rief sie ihn an!
Sie erzählte ihm in welcher Situation sie sich befand. Er sagte ihr das heute die Beerdigung seiner Mutter stattfände.
Sie entschuldigte sich 1000 mal dafür, das sie ihn, an einem solchen Tag, mit ihren Problemen belaste.
Er lachte und sagte ihr, er würde sich sehr freuen, wenn sie an der Zeremonie teilnehme würde. In etwa 2 Stunden solle sie bereit sein, er ließe sie abholen.
Nach etwa 3 Stunden war der Wagen da. Der Fahrer stellte sich als ein Familienmitglied vor.
Schon allein die Fahrt zu dem Haus der Familie war das reinste Abenteuer!
Sie wusste garnicht wohin sie zuerst schauen sollte. Immer wieder drehte sie den Kopf nach rechts und links um auch ja nichts zu verpassen.
Es war unbeschreiblich....
Diese Farben, diese Gerüche. dieser Lärm....
Kinder die ihr zuwinkten, Menschen die sie freundlich lächelnd ansahen.....
Sie hatte im Vorbeifahren den Bar Beach gesehen der sich an der Südseite von Victoria Island zum offenen Atlantic hin erstreckte. An der Ostseite erstreckte sich Maroko als scharfer Kontrast zu dem den Ölreichtum wiederspiegelnden Victoria Island.
Mein Fahrer erklärte mir das Maroko regelmässig durch Sturmfluten unter Wasser gesetzt würde.
Heute existiert es nicht mehr. 30.000 Menschen wurden dort zwangsumgesetzt und die Behausungen platt gewalzt.
Vorbei am Yaba-Market gelangten sie zu dem Haus ihres "Retters in der Not", dessen Familie in gleichnamigen Stadtteil wohnte.
"Ndewo onye obia"! schallte es ihr zur Begrüssung aus freundlich lächelnden Gesichtern entgegen.
Erst später sollte sie erfahren das es sich bei dieser Sprache um Ibo handelte und "Willkommen Fremde"! hiess.
Ihre Reisebekannschaft begrüsste sie freundlich und zuvorkommend. Heute war er in ein edles rot-schwarzes Tuch gehüllte, dessen Ende er über einen Arm gelegt trug.
Alle anderen Trauergäste waren ebenfalls in prachtvolle Roben und Tücher gehüllt.
Sie erlebte eine Trauerfeier die sie so noch nie erlebt hatte, ein sogenanntes Funeral. Es bestand aus Freude, Gesang, Tanz, Musik, Ansprachen und der obligatorischen Trauerfrauen, gepaart mit vielerlei Gerichten die köstlich dufteten und ebenso alkoholischen Getränken.
Die Trauerfeier dauerte nahezu 24 Stunden.
Sie konnte nur sehr wenig mit ihrem Gastgeber sprechen, da er immer wieder die Beileidsbekundungen entgegen nehmen musste. Jedoch fühlte sie sich zu keiner Sekunde verlassen. Mit einer Selbstverständlichkeit, die unvorstellbar ist, war sie im Kreise der Familie, Freunde, Nachbarn oder wer eben gerade so vorbei gekommen war, aufgenommen worden.
Jeder war ständig darum bemüht, das sie sich wohl fühlte und es ihr an nichts mangelte.
Auch ein Schlafplatz war für sie vorbereitet worden.
Nachdem die Feierlichkeiten beendet waren, bot sich ihre Reisebekanntschaft an, ihr sein Land zu zeigen...so wie es wirklich ist. Arm, reich, schön, wild, friedlich, erhaben, stolz...eben so wie es ist und nicht wie es Touristen sehen sollen.
Glücklich stimmte sie zu. Sie zog aus ihrem Hotel aus und in das Haus der Familie.
Später erzählte ihr ihre Reisebekanntschaft, das dies eine unvorstellbare Ehre für seine Familie bedeutete und sie von den Nachbarn um ihre Anwesenheit beneidet wurden.
Für sie zu diesem Zeitpunkt kaum vorstellbar.
Aber sie sollte noch so vieles lernen. Es war erst der Anfang!
Sie erfuhr viel über die unterschiedliche Kultur dieses Landes in dem soviel unterschiedliche Volksstämme lebten.
Sah die Armut und den Stolz dieser Menschen. Sah ihre Freundlickeit und ihr Lächeln, die Fähigkeit selbst das Wenige zu teilen das sie haben, ihre Freude, ihre Hilfsbereitschaft. Erfuhr über ihren Glauben an Gott und an die Macht der Götter.
Hörte die Geschichten über Mami Water und andere Götter abends an den Feuern.....
Sah ihre Tänze, so ausdrucksstark und losgelöst von Zwängen die sie aus ihrem Land kannte.
Sie lernte, unter der allgemeinen Belustigung der anderen Frauen, wie man den Kasava-Brei herstellt, der als Beilage zu den Fleischsausen gereicht wurde.
Lernte mit der Hand zu essen (nur mit der Rechten)
Erfuhr über die politische Situation dieses Landes, die Korruption und die Macht des Millitärs..... das Schulsystem
Die Stellung der Frauen in der Gesellschaft.....
Nach zwei Wochen stellte sie fest, das kaum noch etwas von ihren europäischen Vorstellungen und Zwängen übrig war.
Als sie mit ihrer Reisebekannschaft in ein Village gereist war, in dem es weder Strom noch fliesendes Wasser gab, sagte er eines morgens unter Lachen zu ihr: "Du gehst wie eine Ibo"
Sie hatte sich verändert!
Hatte sie es wirklich oder war ihr wirkliches Ich zum Vorschein gekommen? Sie wusste es nicht. Sie wusste nur sie fühlte sich zuhause!
Doch dann erfuhr sie seine Geschichte:
Er war 34 als er sein Land verlassen musste. Er war schon immer kritisch gewesen....Man hatte ein Auge auf ihn geworfen.
Eines Tages erfuhr er, er sollte verhaftet werden.
Mit Mühe und Not gelang ihm die Flucht in ein benachbartes Land.
Aber auch dort war er nicht sicher...
Über Verbindungen brachte man ihn ausser Landes. Er kam nach Deutschland. Bat dort um Asly. Abgelehnt!
Eine Flut von Anwaltsschreiben und Petitionen war gefolgt.
Er bekam eine Duldung....
Duldung hieß: Du kannst jederzeit abgeschoben werden, zurück in Dein Land, mach Dich bereit!
Er beschrieb mir seinen Schock, als eines Nachts, ein Freund, den er in seiner Asylunterkunft kennengelernt hatte, von der Polizei abgeholt und deportiert wurde.
Er bekam Angstzustände und litt unter einer schweren teilweise noch heute andauernden Depression.
Vier Jahre lebte er so.....
Nicht Fisch nicht Fleisch wie er es nannte. Er durfte nicht arbeiten, seinen Wohnort nicht frei wählen, seinen Landkreis nicht verlassen.....er war nur geduldet!
In dieser Zeit fing er an zu schreiben....
Alles schrieb er sich von der Seele. Er schrieb Gedichte, Artikel.....
Nach 5 Jahren war er endlich anerkannt.
Oh ja erzählte er, er hätte es sich einfach machen könne. Eine Frau finden, sie heiraten, um in Deutschland zu bleiben.
Aber das konnte und wollte er nicht!
Jetzt war er hier! Er hatte einen deutschen Pass, war Deutscher.
Ein bitteres Lachen umspielte seinen Mund während er erzählte....
Er erzählte wie die anderen Menschen auf ihn reagierten. Welchen Angriffen er ausgesetzt worden war und noch immer ist.
Aber es hätte nun einen Vorteil für ihn, jetzt ein Deutscher zu sein, ließ er sie wissen....
Er konnte hier sein um seine Mutter zu beerdigen.
Sie konnte sich nicht erinnern wann sie sich jemals so geschämt hatte, für manche Menschen, die es in ihrem Land gab!
Sie konnte vergleichen zwischen seinem Land und dem ihren...
vergleichen wie man SIE hier behandelte und was er hatte ertragen müssen und das alles nur....
"Autsch"!...hörte sie ihn sagen "Verflixt ich hab mich geschnitten".
Sie sah hinüber zu ihm und sah einen Tropfen Blut aus seinem Finger quillen....Blut, so rot wie das ihre, wenn sie sich verletzte.
Sie fragte sich, ob das die Menschen, die ihn beleidigten und ausgrenzten, wüssten? Wissen sie das sein Blut genauso rot ist wie das ihre, obwohl seine Haut schwarz ist?
Er ist ihr Freund, der Beste den es gab und er ist Afrikaner.
Sie stand auf um ein Pflaster zu holen.....
Mein Feund
Mit einem Lächeln sah sie ihm zu, wie er mit geschickten Fingern das Gemüse schnitt.....Viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf während sie ihn beobachtete....
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