Mein Haus einer Fremden überlassen?
Wir haben zwei Kinder im Alter von ein und drei Jahren. Die Hausarbeit und mein ehrenamtliches Engagement füllen den Tag ohnehin schon recht gut aus. So überlegten mein Mann und ich, wie ich mich wegen der neuen zusätzlichen Aufgabe woanders entlasten könnte. So entschieden wir unter anderem, eine Reinigungskraft zu suchen.
Zufällig kam zwei Tage später ein Mann auf uns zu, der seit einiger Zeit mit seiner Frau in einem kleinen Wohnwagen ganz in der Nähe lebte. Ich wusste weder, woher die beiden kamen, noch wann sie wieder weg wären. Sie seien aus Osteuropa, und er habe unerwartet seine Arbeit verloren, erklärte er. Er fragte mich, ob seine Frau nicht bei uns putzen könne.
Sollten wir einr Unbekannten unser Haus anvertrauen? Wir zögerten. Doch je mehr wir nachdachten, desto klarer wurde uns, dass dort in dem alten Wohnwagen unsere 'Nächsten' wohnen, wie das Evangelium sie nennt. Warum sollten wir der Frau nicht eine Chance geben? Wir sagten also zu.
Von Anfang an versuchte ich, der Frau mit Wertschätzung zu begegnen. Ich weiß, dass andere die Arbeit ihrer Haushaltshilfe ständig kontrollieren. Ich lasse sie machen, und sie organisiert sich selbst. Nach dem Putzen trinken wir gemeinsam Kaffee, und dafür decke ich den Tisch immer schön, besorge Plätzchen oder Kuchen - so, als wäre eine gute Freundin zu Besuch.
Sie spricht schlecht Deutsch, aber irgendwie versuchen wir, uns zu unterhalten: über ihre Kinder, die noch in ihrer Heimat bei ihrer Oma leben; über ihren früheren Beruf als Erzieherin. Sie hat sich mit unseren Kindern angefreundet, und so habe ich nichts dagegen, wenn sie während der Arbeitszeit kurz mit ihnen spielt. Vor einigen Wochen, als meine Kleine gerade tüchtig krabbelte, meinte die Frau, es sei an der Zeit, dass sie laufen lernte. Sie stellte das Kind auf die Füße und führte sie durchs Zimmer. Unser Mädchen juchzte vor Freude, es machte ihr riesigen Spaß. Nun gibt es vor jeder Putzeinheit zuerst eine kleine Laufübungsstunde für meine Tochter. Und sie macht große Fortschritte.
Inzwischen ist eine Vertrauensbeziehung gewachsen; vielleicht kann man sogar sagen, dass wir Freunde geworden sind. Unsere Putzfrau und ihr Mann kommen manchmal zu uns, wenn sie Probleme haben. Davon gibt es eine ganze Menge, weil die wirtschaftliche Situation in ihrem Heimatland hoffnungslos scheint. Wie es weiter geht, ist derzeit nicht abzusehen. Doch die kleine Brücke der Geschwisterlichkeit, die wir gebaut haben, ist tragfähig. M.E. "
