Mein Leben im Ausland
Stützpunktleiter in Karachi, Pakistan
Karaschi I
Es war die Idee meines Fahrers, mich nicht wie üblich an die Beach-Hütte meiner Firma zu kutschen. Als Einheimischer kannte er all die richtig tollen Ecken, egal für welchen Zweck. Ohne große Vorankündigung - this ist the best place on all the Karachi beach etc.. - fand ich mich wirklich an einem beeindrucken Ort wieder. Trotz meines schweren Leidens war ich etwas über Josef - so nannten wir unseren Fahrer- verärgert, mir nicht schon viel früher diesen Ort gezeigt zu haben. Zum Glück waren wir auf dem Weg vom Büro hierher an meinem Bungalow in Clifton vorbeigefahren, damit ich die passende Ausrüstung mitnehmen konnte. Als Technik-Freak besaß ich so ziemlich alles, um perfekte Fotos zu produzieren. Platz war im Toyota Land-Cruiser genügend. Aber aus Angst, die salzhaltige Seeluft könnte meiner sündhaft teure Mega-Ausrüstung Schaden zufügen, oder gar die zum Teil heftigen Winde ein Sandkorn in den Verschluss dringen lassen, habe ich nie die richtig guten Apparate mitgenommen. Diesmal fiel meine Entscheidung zu Gunsten der schon damals recht alten F2 und der neueren FM. Die Wahl des passenden Foto-Koffers war da schon einfacher. Einmal im Leben hatte ich in dieser Hinsicht mal was Richtiges gekauft. Rowi Tropicana. Ursprünglich fand ich das aufgeklebte Schild irre super. So konnte man mich auf den Airports dieser Welt als Profi klassifizieren. Auf dem Koffer noch soon hübsches Nikon-Lable zu pappen, fand ich dagegen peinlich, oder war auch nur zu ängstlich, die Klau-Gier anderer unnötig zu stacheln. Am Tage gibt es in Pakistan eigentlich immer genügend Licht für freihändige Aufnahmen. Aber nur mit ner Kamera in der Hand - der einfache Pakistaner kennt keinen Unterschied zwischen einer Nikon und sagen wir mal billigen Minolta- hätte man mich zu leicht mit einem normal-blöden Touri verwechseln können. Allein schon deshalb musste bei jeder meiner Outdoor Aktivität ein solides Manfrotto-Stativ dabeisein. Schwere schwarze Stative, richtig zelebriert, verschaffen selbst den unfähigsten Knipser in der Öffentlichkeit unheimlichen Respekt und Beachtung.Ansonsten brauchte ich nicht viel einzupacken. Ich musste Josef eher bremsen, noch unterwegs soon Mutton-Leg und Nan und so zu kaufen. Nicht des Geldes wegen, ging sowieso immer auf Firmenkosten, nein - ich war wirklich erbärmlichst krank. Schon seit Wochen lief ich aus. Dieses Ungemach kündigte sich urplötzlich durch einen Schweißausbruch und Bauchkrämpfe an. Dann verblieben mir noch genau 5 bis 7 Minuten, um mich zu erleichtern. Aus mir unerfindlichen Gründen verfügte mein Büro in einem großen Verwaltungszentrum in der City über keine eigene Toilette, geschweige Waschraum. Der Weg von meinem Büro war zwar nicht weit, aber nutzlos, wenn man nicht vorher eine immer auf der Lauer liegenden Mom rechtzeitig das Zeichen geben konnte. Wie die das denn schaffte, binnen 2 o 3 Minuten den völlig versifften Raum blitzblank herzurichten, wird wohl immer ihr Geheimnis bleiben.Auf der Küstenstrasse zur Beach-Hut war mir derart schlecht, dass mir alles egal war. Wenn ich durch die wochenlange Mangelernährung einfach gestorben wäre, hätte ich mich nicht aufgebäumt. Zu dem Zeitpunkt konnte ich mir allerdings auch nicht vorstellen, dass ich heute den Tod eines jungen Menschen ähnlich passiv zulassen würde.Die von Josef arrangierte Hütte war wirklich ein Hammer. Nicht soon schrecklich aseptische Ding, was auf Kosten meiner Firma lief und den Charme einer Fertiggarage hatte. Nein, diese Hütte war ne richtige, wie man sie sich auch als Fotoobjekt nicht romantischer vorstellen kann. Die Mauern waren grob gefügt, offensichtlich aus den umherliegenden Felsen und Rotsandsteinen. Das Dach war leicht durchscheinend und verlieh dem angenehm kühlen hohen Innenraum eine beinahe gespenstige Beleuchtung. Gefertigt war es in einer Tagesarbeit aus Eukalyptus-Baumstangen und mit diversen Langgräsern verflochten. Ein kleines Vordach zum Meer diente meinen erschlafften Körper als Sonnenschutz und Liegestätte. Der Ausblick war gigantisch. Die natürliche Topografie erinnerte mich an griechische Theater, die ich in Sizilien gesehen hatte. Mit einem Gefälle eines Natursteinstadiums senkte sich das vor mir liegende Gelände zu einem Meerwasserbinnensee. Abgeschlossen wurde meine meergewandte Rundsicht durch eine steilaufragende, mit etwa 70 m Mächtigkeit, Rotsandstein-Höhenzug. Die Einzigartigkeit dieser Location war dadurch gegeben, dass diese Art Sandsteinmauer mit einer bis zum Niveau des Meeresspiegels riesigen, beinahe kreisrunden Öffnung versehen war. Diese Öffnung, geschaffen durch die Naturgewalten der letzten Jahrtausende verschaffte mir den ansonsten durch die Sandsteinformation verwehrten Blick zum offenen Meer und speiste andererseits den jungen Pakistanis im Natur-Pool frisches Seewasser, wenn immer mal ein größerer Brecher durch das Loch wogte.Für eine gewisse Zeit waren der pakistanische Großclan mit Ihren Dutzenden Kindern und ich die einzigen Personen weit und breit. Mein Fahrer hatte, nachdem er alles ausgeladen und x-mal sich noch nach meinen Wünschen und Befindlichkeiten erkundigt hatte, mich Richtung City und Büro verlassen. Die Kinder und Jugendlichen unter mir planschten mit ihren Ausgehklamotten am Seerand. Nur ein junger Mann erdreistete sich ohne geringste Schwimmfähigkeiten in das etwa brusttiefe Wasser. Beim Zusehen fing ich an ihn zu hassen. Zu dem Zeitpunkt konnte ich nicht ahnen, dass besonders meine Wut und Neid auf seine Jugend und unerhörte Gesundheit ein Teil seines frühen Todes bedeuten sollte.Die mitgebrachten Bücher und Zeitschriften habe ich gleich wieder beiseite gelegt. So proforma hatte ich noch ein paar Schadenakten dabei. Aber selbst im klimatisierten Büro waren die mir zu wider. Immer die gleiche Suppe für die ich fürstlich entlohnt wurde hing mir zum Halse heraus. Schadenforderung von zb. 3,6 Mio. USD, tatsächlicher Schaden von etwa 0,6mio und versicherter Schaden von etwa .2 Mio. Wenn man nicht aus der Versicherungsbranche ist, muss man es nicht verstehen. Dass dann solch ein Vorgang mit etwa 1,2 Mio. Entschädigung einvernehmlich abgewickelt wird, finden dann jedoch auch Fachleute als ausgesprochen professional.So fange ich an, mit mitgebrachten Fotosachen zu ordnen. Über mein Stativ war ich nun besonders glücklich. Bei meiner krankheitsbedingten Zitterei hätte ich bestimmt noch 1/500 verrissen. Das FM-Gehäuse bekam wegen dem recht kräftigen Monsun-Wind den Vorzug. Aus dem gleichen Grunde blieb mein 2,8 35-70 Schiebezoom im Beutel und montierte stattdessen das 2,8 35. Die ganze Geschichte platzierte ich schön im Schatten, richtete das Objektiv so aus, dass das Naturwunderloch schön ins Bild gesetzt wurde. In der einen Hand den Drahtauslöser, in der anderen nen Jonny Walker red Label wartete ich den nächsten großen Brecher ab.Meine Gedanken kreisen um meine Zukunft. Werde ich auch irgendwann dem Suff völlig erlegen sein und so enden wie es meinem Vorgänger ging? Schon vormittags Whiskey, wie soll das enden? Andererseits war ich nun wirklich sterbenskrank und der Green Tea lief in nur 3 Minuten in falschen Bahnen durch meinen Körper.Es gibt Tage im Leben, da passieren einem so viele außergewöhnliche Sachen, dass am Ende des Tages nur die große Katastrophe stehen kann. Viele kleine Elemente bilden die krümmende Bahn, wie bei der Manufaktur eines Angel-Hakens.Plötzlich sah ich eine einheimische Frau auf meine Hütte zukommen. Sie ging so zögerlich langsam, dass ich mir sicher war, sie würde sofort umkehren, wenn sie erkennen würde, dass ich ein Europäer bin. Als sie jedoch den letzten zwischen uns liegenden Felsblock den Hang aufsteigend hinter sich ließ, war mir klar, von jetzt sofort eine völlig neue Situation zu haben.Expatriates wie ich genossen in jener Zeit in Pakistan über praktisch alle erdenkbare Sonderprivilegien. Alkohol, schmutzige Videos, dekadente Musik, aufreizende Kleidung, ablässige Bemerkungen über Zia ul Haq etc. war entweder erlaubt oder nur geduldet. Nie gab es Übergriffe auf die Entsandten der großen Konzerne oder den Botschaftsangehörigen. Ein belgischer Freund hat mit geladenem Revolver auf offener Strasse einen Tanklaster gestoppt und den armen Paschtunen gezwungen, das Wasser in seiner leeren Zisterne zu füllen. Nur bei wie immer gearteten Verhältnissen mit einheimischen Frauen verstanden die Pakistani überhaupt keinen Spaß. Wie mir glaubhaft versichert wurde, wären in meinem Fall etwa 36 Peitschenhiebe als angemessen erachtet worden. Die Überlebenschancen liegen da nur bei 50 %.Ich klammerte mich an die Hoffnung, sie würde um Eisbrocken bitten, da so Menschen wie ich diese immer in rauen Mengen styroverpackt bei sich haben. Aber in der gleichen Sekunde war mir klar, dass dann nie eine zudem noch junge Frau geschickt werden würde. Zudem wies ihre auch für lokale Verhältnisse schmutzige und verschlissene Kleidung darauf hin, dass sie nicht aus der Picknick-Gruppe unter mir stammen konnte. Vielleicht war sie so verwegen, mich um ein Foto zu bitten.Zu der Zeit war ich schon ein alter Haase. In vorwiegend tropischen Ländern hatte ich beinahe 10 Jahre gearbeitet. Meine FM habe ich immer dabei gehabt und die wildesten Dinge hat sie klaglos überlebt. Ärgernis war eigentlich nur, dass ich recht oft völlig zugetörnt in einer Mischung von Schlaf und Koma den Belichtungsmesser vergaß auszuschalten. Neben den brummenden Kopf am nächsten Morgen musste ich mich dann auch noch mit der manuellen Belichtung rumschlagen. Meine Gesundheit war ähnlich robust wie mein bestes Nikon-Body. Dass es mich mal so erwischen würde, und ich wochenlang völlig durchhänge, hatte ich nie gedacht. Nur kannte ich mich zugenau, so schlaff kannst du gar nicht sein um denn auch mal "nein" zu sagen.Um die verräterischen Mimik meiner Gedanken zu tarnen, versuchte ich so belanglos wie anstrengend nach Motiven vor mir zu suchen. Das einzige, was ich jedoch wahrnahm, war, dass die Bade- und Picknickgesellschaft unter mir sich für das was sich bei mir anbahnte zu interessieren anfing. Die Kinder tollten natürlich unbeschwert weiter, aber die beiden alten Mütter schauten desto schärfer zu mir nach oben, wenn auch nur aus dem äußersten Randwinkel ihrer schwarz gefärbten Augen. Um die sich anbahnende Spannung etwas in Richtung unverfänglich zu bugsieren, fing ich an meiner Nikon an zu fummeln. Konnte nur hoffen, das die junge Frau, die mir mittlerweile unmittelbar gegenüberstand, keine Ahnung von so ner SLR hatte, denn sonst hätte sie in brüllendes Gelächter ausbrechen müssen.Sie war barfuss und bis zum Haaransatz bedeckt mit einem schmutzig braunen Teint, so weit die verfilzten Haare und Kleiderlappen den Blick zuließen. Ein dunkler Teint bedeutet in Pakistan praktisch untere Klasse. Gutbürgerliche Kinder werden schon von frühester Jugend der reichlichen Sonne vorenthalten. Der Grad einer braunen Blässe bis hin zu gelblich fahler Haut gilt als aristokratisch und als Beweis aus dem edleren hohen Norden zu stammen. Sie sprach mich in einem sehr schlechten Englisch an, und als ich deutlich machte, sie nicht so richtig zu verstehen wechselte sie in einwandfreiem Hochdeutsch mit badischer Färbung. Sogleich entpuppte sich für mich ihr Teint eher in extremer Ungewaschenheit. Ihr Angebot etwas für mich machen zu wollen, erregte bei mir keinerlei Neugier. Obwohl sie unglaublich staubdreckig war, gingen keinerlei unüble Gerüche von ihr aus. Inzwischen hatte sie sich vor mir niedergehockt, genauso wie es in diesen Breiten Sitte ist, nur ihr Oberkörper war dabei untypisch nach hinten gelehnt. Da ihr die tropische Sonne auf den Rücken schien und ich ins grelle Licht blinzeln musste, konnte man schon gewisse aufreizende frauliche Elemente entdecken. Auf irgend soon Witz von mir konnte sie sogar mit einem gepflegten Gebiss antworten. Vielleicht lebte ich ja schon zulange unter den Sternen des Südens, aber soone verwanzte Hippie-Tussi war einfach in meiner Welt des Verlangens nicht vorgesehen. Eher stieg bei mir ne gewisse Verachtung hoch, wie unser Bildungswesen ( sie hatte Abitur ) solche Entwicklungen zulässt.Jetzt sichtlich erleichtert war ich wieder Herr der Sache. Von ihrer Seite kamen dann nur noch Geschichten, die ich alle schon kannte. Selbst die Bitte nach etwas Knete konnte ich ungewohnt kühl abweisen und speiste sie mit dem landesüblichen Rupie-Betrag ab.Sie schlich von dannen und ich schenkte mein Glas nach. Noch in Gedanken, welche Mädchen in welchen Ländern mir vergleichbar einen Bären aufbinden wollten, wurde ich unvermittelt durch ein Getöse von der Meerseite geweckt. Ich war zulange Seemann auf großer Fahrt um nicht sofort zu wissen, das war ein richtiger Kaventsmann. Der gesamte freie Durchmesser von etwa 50 m der Natur-Sandstein-Architektur war eine einzige Wasser- und Gischtfontäne. Worauf ich nun den halben Tag gewartet hatte, ist urplötzlich in einem vielfach gewaltigerem Masse ohne Vorankündigung eingetreten. Um das zerstieben der Wassermassen zu fotografieren, war ich zu unvorbereitet. Der Kodak Dia 64 hätte zwar gut gepasst, war nun aber zu spät. Unter mir brach nur leicht zeitversetzt mit den Wassermassen einheitlich eher freudig überraschte Aufschreie aus. Bestimmt hat die Gruppe hier schon des Öfteren nen Picknick-Tag verbracht. Die Einheimischen schwimmen zwar alle nicht, sind aber auch in keiner Weise wasserscheu, eher im Gegenteil. Es schien als fänden alle Personen ,aber bestimmt alle Kinder diese Art von Monsterdusche erquicklich.Hätte ich unten bei der Gruppe gesessen, könnte ich meine Nikon voll abschreiben. So, etwa 50 m erhoben, konnte ich wie im Theater alles aus einer genüsslichen Distanz beobachten. Einem Fahrensmann ist natürlich klar, das zu solch einer Welle noch weitere gehören. Die nächste Welle liegt noch in der Tiefe des Meeres und so lange sie den Strand und den Felsenklippen nicht empor klettern muss, verbleibt sie ähnlich ruhend u räkelnd wie ich in meinen Armchair.Ich machte mir also Gedanken um die Mächtigkeit der nächsten Welle und welche Zeit ich dabei am besten bei meiner Nikon einstellen sollte. Nebenbei musste ich nach unten zur Gruppe sehen, da mittlerweile das Gekreische von dort sich nach schiere Panik anhörte. Der eigentlich kleine Naturteich hatte sich unter den ablaufenden Wassermassen zu einem aufgewühlten wild kreisenden wildbachähnlichen Ungestüm entwickelt und mittendrin der junge Mann. Bevor die Tragödie zum letzen Akt schritt, wusste ich schon so detailliert ihren Ausgang, als hätte ich sie selber verfasst.Als ich bei Sonnenuntergang wieder wohlbehalten in meinem Bungalow in Clifton ankam, war mir klar, die übelste Zeit meiner Krankheit überstanden zu haben. Bilder hatte ich an dem Tag nicht mehr gemacht, hätte auch nichts gebracht, da kein Film eingelegt war.Am nächsten Morgen fuhr ich wie üblich ins Büro. Mein Fahrer machte wie immer Halt bei meinem Lieblingsbettler und ich steckte ihm 10 Rupien zu, die dieser gleichgültig einsteckte. Im Büro ein paar neue Akten ungelesen beiseite geschoben. In der Dawn fand ich auf der ersten Seite groß aufgemacht einen Artikel über eine Tragödie am Strand. Bestimmt war es ein Sohn aus einer bedeutenden Familie. Der Artikel sprach von einem unabwendbaren Unglück. War demnach noch ein weiteres Unglück am Strand. Mittags das übliche Geschäftsessen im Boat-Club.Der gestrige Tag war schon längst vergessen und sollte mein erster und zugleich letzter Krankenurlaub in Pakistan gewesen sein.
Es war die Idee meines Fahrers, mich nicht wie üblich an die Beach-Hütte meiner Firma zu kutschen. Als Einheimischer kannte er all die richtig tollen Ecken, egal für welchen Zweck. Ohne große Vorankündigung - this ist the best place on all the Karachi beach etc.. - fand ich mich wirklich an einem beeindrucken Ort wieder. Trotz meines schweren Leidens war ich etwas über Josef - so nannten wir unseren Fahrer- verärgert, mir nicht schon viel früher diesen Ort gezeigt zu haben. Zum Glück waren wir auf dem Weg vom Büro hierher an meinem Bungalow in Clifton vorbeigefahren, damit ich die passende Ausrüstung mitnehmen konnte. Als Technik-Freak besaß ich so ziemlich alles, um perfekte Fotos zu produzieren. Platz war im Toyota Land-Cruiser genügend. Aber aus Angst, die salzhaltige Seeluft könnte meiner sündhaft teure Mega-Ausrüstung Schaden zufügen, oder gar die zum Teil heftigen Winde ein Sandkorn in den Verschluss dringen lassen, habe ich nie die richtig guten Apparate mitgenommen. Diesmal fiel meine Entscheidung zu Gunsten der schon damals recht alten F2 und der neueren FM. Die Wahl des passenden Foto-Koffers war da schon einfacher. Einmal im Leben hatte ich in dieser Hinsicht mal was Richtiges gekauft. Rowi Tropicana. Ursprünglich fand ich das aufgeklebte Schild irre super. So konnte man mich auf den Airports dieser Welt als Profi klassifizieren. Auf dem Koffer noch soon hübsches Nikon-Lable zu pappen, fand ich dagegen peinlich, oder war auch nur zu ängstlich, die Klau-Gier anderer unnötig zu stacheln. Am Tage gibt es in Pakistan eigentlich immer genügend Licht für freihändige Aufnahmen. Aber nur mit ner Kamera in der Hand - der einfache Pakistaner kennt keinen Unterschied zwischen einer Nikon und sagen wir mal billigen Minolta- hätte man mich zu leicht mit einem normal-blöden Touri verwechseln können. Allein schon deshalb musste bei jeder meiner Outdoor Aktivität ein solides Manfrotto-Stativ dabeisein. Schwere schwarze Stative, richtig zelebriert, verschaffen selbst den unfähigsten Knipser in der Öffentlichkeit unheimlichen Respekt und Beachtung.Ansonsten brauchte ich nicht viel einzupacken. Ich musste Josef eher bremsen, noch unterwegs soon Mutton-Leg und Nan und so zu kaufen. Nicht des Geldes wegen, ging sowieso immer auf Firmenkosten, nein - ich war wirklich erbärmlichst krank. Schon seit Wochen lief ich aus. Dieses Ungemach kündigte sich urplötzlich durch einen Schweißausbruch und Bauchkrämpfe an. Dann verblieben mir noch genau 5 bis 7 Minuten, um mich zu erleichtern. Aus mir unerfindlichen Gründen verfügte mein Büro in einem großen Verwaltungszentrum in der City über keine eigene Toilette, geschweige Waschraum. Der Weg von meinem Büro war zwar nicht weit, aber nutzlos, wenn man nicht vorher eine immer auf der Lauer liegenden Mom rechtzeitig das Zeichen geben konnte. Wie die das denn schaffte, binnen 2 o 3 Minuten den völlig versifften Raum blitzblank herzurichten, wird wohl immer ihr Geheimnis bleiben.Auf der Küstenstrasse zur Beach-Hut war mir derart schlecht, dass mir alles egal war. Wenn ich durch die wochenlange Mangelernährung einfach gestorben wäre, hätte ich mich nicht aufgebäumt. Zu dem Zeitpunkt konnte ich mir allerdings auch nicht vorstellen, dass ich heute den Tod eines jungen Menschen ähnlich passiv zulassen würde.Die von Josef arrangierte Hütte war wirklich ein Hammer. Nicht soon schrecklich aseptische Ding, was auf Kosten meiner Firma lief und den Charme einer Fertiggarage hatte. Nein, diese Hütte war ne richtige, wie man sie sich auch als Fotoobjekt nicht romantischer vorstellen kann. Die Mauern waren grob gefügt, offensichtlich aus den umherliegenden Felsen und Rotsandsteinen. Das Dach war leicht durchscheinend und verlieh dem angenehm kühlen hohen Innenraum eine beinahe gespenstige Beleuchtung. Gefertigt war es in einer Tagesarbeit aus Eukalyptus-Baumstangen und mit diversen Langgräsern verflochten. Ein kleines Vordach zum Meer diente meinen erschlafften Körper als Sonnenschutz und Liegestätte. Der Ausblick war gigantisch. Die natürliche Topografie erinnerte mich an griechische Theater, die ich in Sizilien gesehen hatte. Mit einem Gefälle eines Natursteinstadiums senkte sich das vor mir liegende Gelände zu einem Meerwasserbinnensee. Abgeschlossen wurde meine meergewandte Rundsicht durch eine steilaufragende, mit etwa 70 m Mächtigkeit, Rotsandstein-Höhenzug. Die Einzigartigkeit dieser Location war dadurch gegeben, dass diese Art Sandsteinmauer mit einer bis zum Niveau des Meeresspiegels riesigen, beinahe kreisrunden Öffnung versehen war. Diese Öffnung, geschaffen durch die Naturgewalten der letzten Jahrtausende verschaffte mir den ansonsten durch die Sandsteinformation verwehrten Blick zum offenen Meer und speiste andererseits den jungen Pakistanis im Natur-Pool frisches Seewasser, wenn immer mal ein größerer Brecher durch das Loch wogte.Für eine gewisse Zeit waren der pakistanische Großclan mit Ihren Dutzenden Kindern und ich die einzigen Personen weit und breit. Mein Fahrer hatte, nachdem er alles ausgeladen und x-mal sich noch nach meinen Wünschen und Befindlichkeiten erkundigt hatte, mich Richtung City und Büro verlassen. Die Kinder und Jugendlichen unter mir planschten mit ihren Ausgehklamotten am Seerand. Nur ein junger Mann erdreistete sich ohne geringste Schwimmfähigkeiten in das etwa brusttiefe Wasser. Beim Zusehen fing ich an ihn zu hassen. Zu dem Zeitpunkt konnte ich nicht ahnen, dass besonders meine Wut und Neid auf seine Jugend und unerhörte Gesundheit ein Teil seines frühen Todes bedeuten sollte.Die mitgebrachten Bücher und Zeitschriften habe ich gleich wieder beiseite gelegt. So proforma hatte ich noch ein paar Schadenakten dabei. Aber selbst im klimatisierten Büro waren die mir zu wider. Immer die gleiche Suppe für die ich fürstlich entlohnt wurde hing mir zum Halse heraus. Schadenforderung von zb. 3,6 Mio. USD, tatsächlicher Schaden von etwa 0,6mio und versicherter Schaden von etwa .2 Mio. Wenn man nicht aus der Versicherungsbranche ist, muss man es nicht verstehen. Dass dann solch ein Vorgang mit etwa 1,2 Mio. Entschädigung einvernehmlich abgewickelt wird, finden dann jedoch auch Fachleute als ausgesprochen professional.So fange ich an, mit mitgebrachten Fotosachen zu ordnen. Über mein Stativ war ich nun besonders glücklich. Bei meiner krankheitsbedingten Zitterei hätte ich bestimmt noch 1/500 verrissen. Das FM-Gehäuse bekam wegen dem recht kräftigen Monsun-Wind den Vorzug. Aus dem gleichen Grunde blieb mein 2,8 35-70 Schiebezoom im Beutel und montierte stattdessen das 2,8 35. Die ganze Geschichte platzierte ich schön im Schatten, richtete das Objektiv so aus, dass das Naturwunderloch schön ins Bild gesetzt wurde. In der einen Hand den Drahtauslöser, in der anderen nen Jonny Walker red Label wartete ich den nächsten großen Brecher ab.Meine Gedanken kreisen um meine Zukunft. Werde ich auch irgendwann dem Suff völlig erlegen sein und so enden wie es meinem Vorgänger ging? Schon vormittags Whiskey, wie soll das enden? Andererseits war ich nun wirklich sterbenskrank und der Green Tea lief in nur 3 Minuten in falschen Bahnen durch meinen Körper.Es gibt Tage im Leben, da passieren einem so viele außergewöhnliche Sachen, dass am Ende des Tages nur die große Katastrophe stehen kann. Viele kleine Elemente bilden die krümmende Bahn, wie bei der Manufaktur eines Angel-Hakens.Plötzlich sah ich eine einheimische Frau auf meine Hütte zukommen. Sie ging so zögerlich langsam, dass ich mir sicher war, sie würde sofort umkehren, wenn sie erkennen würde, dass ich ein Europäer bin. Als sie jedoch den letzten zwischen uns liegenden Felsblock den Hang aufsteigend hinter sich ließ, war mir klar, von jetzt sofort eine völlig neue Situation zu haben.Expatriates wie ich genossen in jener Zeit in Pakistan über praktisch alle erdenkbare Sonderprivilegien. Alkohol, schmutzige Videos, dekadente Musik, aufreizende Kleidung, ablässige Bemerkungen über Zia ul Haq etc. war entweder erlaubt oder nur geduldet. Nie gab es Übergriffe auf die Entsandten der großen Konzerne oder den Botschaftsangehörigen. Ein belgischer Freund hat mit geladenem Revolver auf offener Strasse einen Tanklaster gestoppt und den armen Paschtunen gezwungen, das Wasser in seiner leeren Zisterne zu füllen. Nur bei wie immer gearteten Verhältnissen mit einheimischen Frauen verstanden die Pakistani überhaupt keinen Spaß. Wie mir glaubhaft versichert wurde, wären in meinem Fall etwa 36 Peitschenhiebe als angemessen erachtet worden. Die Überlebenschancen liegen da nur bei 50 %.Ich klammerte mich an die Hoffnung, sie würde um Eisbrocken bitten, da so Menschen wie ich diese immer in rauen Mengen styroverpackt bei sich haben. Aber in der gleichen Sekunde war mir klar, dass dann nie eine zudem noch junge Frau geschickt werden würde. Zudem wies ihre auch für lokale Verhältnisse schmutzige und verschlissene Kleidung darauf hin, dass sie nicht aus der Picknick-Gruppe unter mir stammen konnte. Vielleicht war sie so verwegen, mich um ein Foto zu bitten.Zu der Zeit war ich schon ein alter Haase. In vorwiegend tropischen Ländern hatte ich beinahe 10 Jahre gearbeitet. Meine FM habe ich immer dabei gehabt und die wildesten Dinge hat sie klaglos überlebt. Ärgernis war eigentlich nur, dass ich recht oft völlig zugetörnt in einer Mischung von Schlaf und Koma den Belichtungsmesser vergaß auszuschalten. Neben den brummenden Kopf am nächsten Morgen musste ich mich dann auch noch mit der manuellen Belichtung rumschlagen. Meine Gesundheit war ähnlich robust wie mein bestes Nikon-Body. Dass es mich mal so erwischen würde, und ich wochenlang völlig durchhänge, hatte ich nie gedacht. Nur kannte ich mich zugenau, so schlaff kannst du gar nicht sein um denn auch mal "nein" zu sagen.Um die verräterischen Mimik meiner Gedanken zu tarnen, versuchte ich so belanglos wie anstrengend nach Motiven vor mir zu suchen. Das einzige, was ich jedoch wahrnahm, war, dass die Bade- und Picknickgesellschaft unter mir sich für das was sich bei mir anbahnte zu interessieren anfing. Die Kinder tollten natürlich unbeschwert weiter, aber die beiden alten Mütter schauten desto schärfer zu mir nach oben, wenn auch nur aus dem äußersten Randwinkel ihrer schwarz gefärbten Augen. Um die sich anbahnende Spannung etwas in Richtung unverfänglich zu bugsieren, fing ich an meiner Nikon an zu fummeln. Konnte nur hoffen, das die junge Frau, die mir mittlerweile unmittelbar gegenüberstand, keine Ahnung von so ner SLR hatte, denn sonst hätte sie in brüllendes Gelächter ausbrechen müssen.Sie war barfuss und bis zum Haaransatz bedeckt mit einem schmutzig braunen Teint, so weit die verfilzten Haare und Kleiderlappen den Blick zuließen. Ein dunkler Teint bedeutet in Pakistan praktisch untere Klasse. Gutbürgerliche Kinder werden schon von frühester Jugend der reichlichen Sonne vorenthalten. Der Grad einer braunen Blässe bis hin zu gelblich fahler Haut gilt als aristokratisch und als Beweis aus dem edleren hohen Norden zu stammen. Sie sprach mich in einem sehr schlechten Englisch an, und als ich deutlich machte, sie nicht so richtig zu verstehen wechselte sie in einwandfreiem Hochdeutsch mit badischer Färbung. Sogleich entpuppte sich für mich ihr Teint eher in extremer Ungewaschenheit. Ihr Angebot etwas für mich machen zu wollen, erregte bei mir keinerlei Neugier. Obwohl sie unglaublich staubdreckig war, gingen keinerlei unüble Gerüche von ihr aus. Inzwischen hatte sie sich vor mir niedergehockt, genauso wie es in diesen Breiten Sitte ist, nur ihr Oberkörper war dabei untypisch nach hinten gelehnt. Da ihr die tropische Sonne auf den Rücken schien und ich ins grelle Licht blinzeln musste, konnte man schon gewisse aufreizende frauliche Elemente entdecken. Auf irgend soon Witz von mir konnte sie sogar mit einem gepflegten Gebiss antworten. Vielleicht lebte ich ja schon zulange unter den Sternen des Südens, aber soone verwanzte Hippie-Tussi war einfach in meiner Welt des Verlangens nicht vorgesehen. Eher stieg bei mir ne gewisse Verachtung hoch, wie unser Bildungswesen ( sie hatte Abitur ) solche Entwicklungen zulässt.Jetzt sichtlich erleichtert war ich wieder Herr der Sache. Von ihrer Seite kamen dann nur noch Geschichten, die ich alle schon kannte. Selbst die Bitte nach etwas Knete konnte ich ungewohnt kühl abweisen und speiste sie mit dem landesüblichen Rupie-Betrag ab.Sie schlich von dannen und ich schenkte mein Glas nach. Noch in Gedanken, welche Mädchen in welchen Ländern mir vergleichbar einen Bären aufbinden wollten, wurde ich unvermittelt durch ein Getöse von der Meerseite geweckt. Ich war zulange Seemann auf großer Fahrt um nicht sofort zu wissen, das war ein richtiger Kaventsmann. Der gesamte freie Durchmesser von etwa 50 m der Natur-Sandstein-Architektur war eine einzige Wasser- und Gischtfontäne. Worauf ich nun den halben Tag gewartet hatte, ist urplötzlich in einem vielfach gewaltigerem Masse ohne Vorankündigung eingetreten. Um das zerstieben der Wassermassen zu fotografieren, war ich zu unvorbereitet. Der Kodak Dia 64 hätte zwar gut gepasst, war nun aber zu spät. Unter mir brach nur leicht zeitversetzt mit den Wassermassen einheitlich eher freudig überraschte Aufschreie aus. Bestimmt hat die Gruppe hier schon des Öfteren nen Picknick-Tag verbracht. Die Einheimischen schwimmen zwar alle nicht, sind aber auch in keiner Weise wasserscheu, eher im Gegenteil. Es schien als fänden alle Personen ,aber bestimmt alle Kinder diese Art von Monsterdusche erquicklich.Hätte ich unten bei der Gruppe gesessen, könnte ich meine Nikon voll abschreiben. So, etwa 50 m erhoben, konnte ich wie im Theater alles aus einer genüsslichen Distanz beobachten. Einem Fahrensmann ist natürlich klar, das zu solch einer Welle noch weitere gehören. Die nächste Welle liegt noch in der Tiefe des Meeres und so lange sie den Strand und den Felsenklippen nicht empor klettern muss, verbleibt sie ähnlich ruhend u räkelnd wie ich in meinen Armchair.Ich machte mir also Gedanken um die Mächtigkeit der nächsten Welle und welche Zeit ich dabei am besten bei meiner Nikon einstellen sollte. Nebenbei musste ich nach unten zur Gruppe sehen, da mittlerweile das Gekreische von dort sich nach schiere Panik anhörte. Der eigentlich kleine Naturteich hatte sich unter den ablaufenden Wassermassen zu einem aufgewühlten wild kreisenden wildbachähnlichen Ungestüm entwickelt und mittendrin der junge Mann. Bevor die Tragödie zum letzen Akt schritt, wusste ich schon so detailliert ihren Ausgang, als hätte ich sie selber verfasst.Als ich bei Sonnenuntergang wieder wohlbehalten in meinem Bungalow in Clifton ankam, war mir klar, die übelste Zeit meiner Krankheit überstanden zu haben. Bilder hatte ich an dem Tag nicht mehr gemacht, hätte auch nichts gebracht, da kein Film eingelegt war.Am nächsten Morgen fuhr ich wie üblich ins Büro. Mein Fahrer machte wie immer Halt bei meinem Lieblingsbettler und ich steckte ihm 10 Rupien zu, die dieser gleichgültig einsteckte. Im Büro ein paar neue Akten ungelesen beiseite geschoben. In der Dawn fand ich auf der ersten Seite groß aufgemacht einen Artikel über eine Tragödie am Strand. Bestimmt war es ein Sohn aus einer bedeutenden Familie. Der Artikel sprach von einem unabwendbaren Unglück. War demnach noch ein weiteres Unglück am Strand. Mittags das übliche Geschäftsessen im Boat-Club.Der gestrige Tag war schon längst vergessen und sollte mein erster und zugleich letzter Krankenurlaub in Pakistan gewesen sein.
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