"6 Uhr 30: Durch den heißen Kaffeedampf hindurch sehe ich mit halboffenen Augen meine Frau Franca und meinen Sohn Robert.

    Diese Nacht hatte ich schon wieder Zahnschmerzen", beklagt er sich. "Warum bist du noch immer nicht beim Zahnarzt gewesen?, fragt Franca. "Zweimal warst du schon angemeldet, aber hingegangen bist du nicht."

    Es ist ja gut, denke ich mir, dass er mit 19 Jahren den ganzen Tag außer Haus ist. Schließlich arbeitet er, und am Nachmittag hat er Berufsschule. Aber wenn jemand etwas tun will, dann tut er es auch. Keine Zeit, zum Zahnarzt zu gehen, das ist eine faule Ausrede. Er soll jetzt nur nicht jammern!

    "Lieber Robert, warum gehst du nicht zum Zahnarzt? Es gibt doch keine Probleme. Du bist doch versichert..."

    Robert schaut mich mit drohendem Blick an: "Ja, und? Was geht euch das an?"  Und schon sind wir mitten im Familienkrach.

    Robert schreit, er sei es nun wirklich leid, dass wir uns ihm gegenüber überhaupt immer so kleinlich benähmen. Schließlich bekämen seine Freunde auch von ihren Eltern, was sie wollten. Und im übrigen lasse er sich nicht mehr von uns bevormunden.

    Ich reagiere wie einer, der sich aus dem Schlaf gerissen unversehens in einen Ringkampf befindet. Ich schreie zurück, er sei ein unerzogener Kerl Er verdiene jetzt selbst und solle auch selbst für seine Dinge aufkommen. Wenn er schon volljährig sein wolle, dann solle er auch auf eigenen Füßen stehen und sich nicht immer bedienen lassen...

    Wir schreien uns an, während er sich anzieht, und hören erst auf, als er seine Tasche nimmt und das Haus verläßt.

    Innerlich aufgewühlt gehe ich im Flur auf und ab. Wa soll ich tun? Soll ich einfach nicht mehr mit ihm reden, oder soll ich ihm kräftig meine Meinung sagen?

    "Franca, was meinst du dazu?", sagte ich zu meiner Frau. Es ist keine rhetorische Frage. In unserer Beziehung hat sich vieles verändert, seit wir uns beide bemühen, unseren Glauben auch in unserem Alltag umzusetzen.

    Während ich mit ihr rede, kommt mir eine Idee: Vielleicht könnte ich heute mittag, bevor Robert zur Berufsschule muss, mit ihm essen gehen. Ich weiß zwar noch nicht, wer nun mehr recht hat, mein Sohn oder ich, aber mir wird klar, dass ich auf ihn zugehen muss.

    Im Büro bin ich etwas aufgeregt. Ich merke, dass ich mit den Kolleginnen und Kollegen kurz angebunden bin. Ich versuche innezuhalten und meine Ausrichtung zu ändern. Ich übergebe meine Sorge Gott und zwinge mich dazu, herzlicher und ruhiger mit den Leuten umzugehen.

    Schließlich rufe ich Robert bei der Arbeit an. Er sei nicht da, heißt es. Also hatte ich doch recht. Er macht blau. Ich will auf jeden Fall mit ihm zum Mittagessen, auch wenn ich ihn in den Kneipen suchen muss. Ich versuche es noch ein paar Mal. Schließlich kommt er doch an den Apparat. "Wann gehst du zum Essen?, frage ich ihn. "Warum?" - "Ich möchte mit dir essen gehen." - "Aber ich esse sehr spät, um viertel nach zwei."

    Ich weiß, dass er mit der Arbeit um 13 Uhr aufhört und dass er in der Zwischenzeit nur seine Freundin von der Schule abholt und zum Autobus bringt. Aber ich will darüber nicht urteilen. Ich will für ihn dasein.

    "Das klappt gut", entgegne ich. "Ich komme trotzdem. Sag mir, wohin du gehen willst!"

    Um zum Treffpunkt zu gelangen, fahre ich quer durch die Stadt. Appetit habe ich keinen, eher schon ein flaues Gefühl im Magen.

    Als ich ihn sehe, macht er mir eine scherzhafte Grimasse. Ich spüre, dass meine Mission bereits geglückt ist. Er führt mich in eine Gaststätte, wo auch seine Schulfreunde essen. Wir gehen an einer Schlange wartender Mädchen vorbei. Alle kennen ihn und begrüßen ihm mit Küßchen. Wie ganz anders ist doch die Welt, in der er lebt! Ich merke mit einem Schlag, wie wenig ich von ihm weiß.

    Wir setzen uns, und er will mit dem bissigen Ton von heute morgen wieder anfangen. Ich gehe nicht darauf ein und sage, ich sei nur gekommen, weil ich gern mit ihm essen wollte, nicht um den Streit fortzuführen. Wir sprechen schließlich über die Krise im Nahen Osten und über den Sport. Mein Sohn ist Anhänger des örtlichen Fußballvereins, ich hingegen von einem anderen. Als wir uns verabschieden, gebe ich ihm einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken, den er erwidert. Lächelnd geht er zur Schule.

    Auch ich bin froh, als ich ins Büro zurückkehre. Auf dem Nachhauseweg finde ich in U-Bahn eine Zeitschrift über Psychologie. Beim Durchblättern finde ich einen Artikel über das Verhältnis Eltern-Söhne. Die Hauptaussage ist: Eine entschiedene Haltung der Eltern ihren Kindern gegenüber schafft keinen Bruch, wenn die Kinder sich trotzdem von den Eltern geliebt fühlen.

    Ich lege die Zeitschrift beiseite und muss lächeln, denn die Entdeckung des Psychologen hatte ich heute selbst gemacht...."   M.L.