Da war der Moment, wo ich auf meine Mail-Freundin traf … Zu diesem Zeitpunkt war mir gar nicht bewusst, dass wir uns bereits auf einer Autobahnraststätte kurz gesehen hatten. Dieser Moment, wo sie aus einem Ausgang ins Tageslicht trat, und ich gerade ins Auto stieg. Wir hatten kurzen Blickkontakt, aber keine wäre in diesem Moment darauf gekommen, dass wir uns dreißig Minuten später gegenüber stehen würden …
Und dann kam dieser Moment, dieser Augenblick, wo aus zwei Jahren Virtualität Realität wurde. Es war ein Moment, wo mir so durch den Kopf ging: Warum haben wir nur so lange gewartet? Was hat uns daran gehindert, sich nicht längst in die Augen zu sehen?
Ich könnte mich jetzt ganz kurz fassen, dabei ist auf der anderen Seite so viel zu sagen. Sich real zu sehen, ist glaube ich, zwischen zwei Frauen noch ganz anders zusehen, als wenn sich Mann und Frau begegnen.
Zwei Frauen treffen sich ja nicht, weil da eventuell eine Option miteinander ins Bett zu gehen, gegeben wäre. Zwei Frauen treffen sich ja in der Regel nicht, weil daraus eine Liebesbeziehung entstehen könnte. Zwei Frauen treffen sich, weil sie sich mögen, sich sympathisch sind, eine Wellenlänge zueinander haben und … weil es das Schönste ist, sich bei Gesprächen gegenüber zu sitzen, denn jedes Schreiben, selbst in Telefonaten kann nicht so viele Eindrücke vermitteln, wie es ein sich Gegenüberstehen ermöglicht.
Wir haben acht Stunden miteinander verbracht. Acht Stunden geredet, kaum geschwiegen, und es kam nie der Punkt, wo eine nicht mehr weiter gewusst hätte … und all das geschah so selbstverständlich, obwohl wir uns täglich mehrmals per Mail schreiben …
Diese Intensität hat uns beide irgendwie erschlagen. Ich bin auch heute noch eher sprachlos über so viel Harmonie, übereinstimmende Gedanken, über gleiche Empfindungen … Wir hatten uns gegenseitig viele Fotos geschickt und auch hier, trotz dieses Moments auf der Autobahnraststätte, waren wir beide überrascht, wie viel mehr der Gesamteindruck noch an Nähe hergeben kann …
Ich habe hier häufiger im Net gelesen, dass solche Treffen nicht immer so ausgehen, wie es bei meiner Freundin und mir geschehen ist. Verstehen kann ich das nicht. Ein Mensch strahlt bekanntlich von innen heraus und so ist der Gesamteindruck viel intensiver wahrnehmbar, als wenn Menschen nur schreiben und telefonieren …
Ein Eindruck wird abgerundet, er wird vertieft, und ein Mensch besteht nicht mehr nur aus Buchstaben und einer Stimme …
Ich frage mich immer noch, warum wir fast zwei Jahre gewartet haben, dieses Vorhaben immer wieder in die Zukunft legten … Zwei Menschen die mehr als einmal an diesem Tag dieselben Worte zur selben Zeit gleichzeitig aussprachen …
Vielleicht ist das alles real nicht fassbar, dass die Wahrheit so einfach wahrzunehmen ist, weil man sich nie etwas vorgemacht hat, sich ungeschminkt Fehler eingestanden hat, sich einfach menschlich zeigte, sich bedingungslos vertraute und nur deshalb Angst vor einem realen Treffen hatte, weil das Gegenüber eventuell dem nicht Stand halten konnte … der eigenen Vorstellung, der Fiktion, die sich in dem jeweiligen eigenen Kopf festsetzte …
Und nun haben wir erlebt und gefühlt, dass alles der Wahrheit entspricht, nichts erzählt wurde einfach so, um etwas zu erzählen, oder um sich anders zu geben, als man tatsächlich ist …
Da trafen sich Zwei, nach fast zwei Jahren … Vor zwei Jahren begann alles mit einem harmlosen Hallo und im Nu wurden aus einem Wort ellenlange Mails … die Nadel im Heuhaufen … da ist sie … und nun wissen wir, es ist alles so wie es ist … der letzte Schritt ist das Sahnehäubchen, was sie und mich fühlen lässt, dass es nicht nur Pleiten, Pech und Pannen gibt, sondern dieses www auch Seelenverwandte finden lässt, die sich real nie gefunden hätten …
Wahrscheinlich bleibt es mehr die Seltenheit, aber bei meiner Freundin und mir hat es funktioniert … lächel
Sarah
