Ich bin eine Schultasche aus schwarzem Leder. Ich habe viele Fächer, ein Fach mit einem silbernen Reißverschluss und vorne zwei silberne Schlösser. Außen habe ich zwei lange Gurte, sodass ich auch auf dem Rücken getragen werden kann. Mein Bauch ist leer und ich stehe mit einem roten Preisschild in einem Regal im Kaufhaus in der Stadt. 75 Mark soll ich kosten. So warte ich Tag für Tag auf einen Käufer.
Eines Tages, es muss Sommer sein, denn es ist sehr heiß, kommt Rolf mit seinen Eltern ins Kaufhaus. Von weitem sehe ich ihn schon. Er kommt mit seinen Eltern auf mich zu. Links und rechts stehen und hängen meine Kollegen in allen Farben, Formen und Preislagen. Rolf nimmt mich aus dem Regal und spielt mit mir rum. Auf und zu, Reißverschluss hin und her...
Seine Eltern schauen sich die Kollegen an. Rolf ist mir sympathisch, ob er mich nehmen wird? Ich scheine ihm zu gefallen, denn er diskutiert mit seinen Eltern über meine Vorteile. Er setzt sich durch. Er hält mich fest. Mit einem siegessicheren Lächeln schaue ich auf die Kollegen zurück und wir gehen zur Kasse. Die Eltern kaufen noch andere Sachen, ein Schreibmäppchen, einen Sportbeutel und andere Kleinigkeiten von meinem Hersteller. An der Kasse werden sie einfach in meinen Bauch gesteckt. Mein Arbeitsalltag fängt an...
An einem Tag im September geht es los. Morgens werde ich in den Flur gestellt. Abends zuvor hatte man mich richtig gefüllt. Mein Bauch tut weh und die Nähte werden richtig belastet. Schreibsachen, Hefte, Bücher und Sportsachen sind in mir. Morgens kommt noch eine Schachtel mit Brot und etwas zu trinken dazu. Hoffentlich läuft es nicht aus, denke ich... Dann geht es auch schon los. Rolf nimmt mich in seine linke Hand und wir fahren mit Rolfs Mutter im Auto zu einem großen Gebäude. Hier sind viele Kinder und genauso viele Kollegen von mir.
Plötzlich ein lautes schellen und Rolf läuft mit mir in einen großen Raum. Dort sind viele Tische. Rolf geht ganz nach vorne, schiebt mich in ein Fach im Tisch und es wird dunkel um mich...
Zwischendurch werde ich immer wieder herausgenommen und mein Bauch wird geleert und wieder gefüllt. Dann komme ich wieder ins dunkele Fach und erschrecke mich jedesmal, wenn es so laut klingelt.
Mittags fahren wir wieder nach Hause. Rolf bringt mich in sein Zimmer und... er wirft mich einfach in die Ecke...
Habe ich das verdient? Was habe ich ihm getan?
Nachmittags werden die Sachen aus mir raus genommen, um später wieder eingeräumt zu werden.
So geht es dann Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr.
Nur die Umgangsformen werden rauer. Immer öfter werde ich durch die Gegend geworfen, mein Leder bekommt Risse, meine Nähte gehen auf und manchmal sehne ich mich nach der Zeit im Kaufhaus zurück.
Es kommt, wie es kommen musste, eines Tages im September werde ich durch einen jungen Kollegen ersetzt. Er nennt sich "Rucksack". So lande ich in einem dunklen Keller...
So ist das im Leben...

Eure Schultasche

Copyright Rolf Klinkhammer