Charlie, Jumbo und die Freßaktie

Wir nannten ihn Charlie, aber eigentlich hieß er mit Vornamen Karl. Er war Prokurist und Abteilungsleiter in der Bierbrauerei einer rheinischen Stadt, wo ich etwa acht Jahre in der Verwaltung gearbeitet habe.

Wie kann ich Charlie beschreiben? Fachlich hervorragend, menschlich ein liebenswerter Geselle, der viele Witze erzählte, gern lachte - aber auch jemand der unfähig war, einer Fliege was zu Leide zu tun und - , er wäre am liebsten gern unser Kumpel gewesen, was aber nicht ging. Schließlich war er unser Vorgesetzter und bekam oft genug von der Direktion eins auf den Hut, weil es ihm schwer fiel, uns gegenüber den Chef herauszukehren.

Wir hatten ihn alle gern, obwohl wir ihn nicht immer respektvoll behandelten. In einer Brauerei wird viel getrunken, das ist logisch. Anlässe gab es genug: Geburtstage, Hochzeiten, Familienzuwachs usw. Während der Arbeitszeit wurde es aber nicht gern gesehen. Charlie ging deshalb in Verdachtssituationen durch die Abteilung, schnüffelte etwas in der Luft und sagt: "Meine Damen und Herren, hier riecht es aber nach Bier." Und wir meinten: "Das kann schon sein, schließlich sind wir ja eine Brauerei." Charlie musste dann lachen und verzog sich. Seine versuchten Zurechtweisungen endeten irgendwie immer so. Und wir tranken unsere Bierchen weiter, die jeder im Schreibtischfach stehen hatte.

Ein andermal kam er in die Maschinenbuchhaltung, wo schon den ganzen Tag über getrunken worden war, und da saß einer auf einer großen Buchungsmaschine, spielte Blockflöte und sagte zu den anderen: "Jetzt erzähle ich euch das Märchen von einem der auszog, das Fürchten zu lernen." Charlie wurde fuchsteufelswild und jagte schimpfend den Märchenerzähler durch das ganze Großraumbüro und wollte ihm die Blockflöte abnehmen. Der jedoch ließ sich nicht kriegen und verschwand aufs stille Örtchen. Folgen hatte so etwas nie, denn Charlie brachte es nicht übers Herz, jemand bei der Direktion zu verpfeifen.

Zu Karneval wurde es schon arg. Wir alle in dieser Abteilung waren junge Leute, und dann Karneval im Rheinland... Nachdem alle nachts gefeiert und durchgetanzt hatten, kamen sie morgens müde und erschöpft ins Büro. Und dann schliefen wir im Wechselrhytmus in den Wandschränken, die Türen etwas geöffnet wegen der Atemluft. Charlie, der das alles wusste, war hier jedoch fein und klug genug, diese Vorgänge nicht durch seine Anwesenheit zu stören. Er blieb in seinem Büro. Andere Abteilungen hatten oben unter dem Dach des Hochhauses die Registraturschränke zu Vierecken zusammengeschoben, so dass man innen in den entstandenen Hohlräumen auch schlafen konnte. Es war einfach herrlich!

Übrigens hatten sich unsere Direktoren zu Karneval immer abgemeldet. Das war klug, denn zu Karneval haben die Jecken einfach das Heft in der Hand - und wer aus dem Rheinland kommt, der weiß das. Nicht jedoch wusste es ein neuer Direktor, der aus Bayern stammte und dem die anderen den Rat gegeben hatten, über Karneval doch zu Hause zu bleiben. "Jo, dös woll'n mir segn!", meinte er und kam tatsächlich an Weiberfastnacht ins Büro. Zunächst war alles ruhig, und dann ging plötzlich die Tür auf und herein stürzten ungefähr 20 maskierte Frauen und fielen über ihn her, beknutschten ihn, schnitten ihm die Krawatte ab und malträtierten ihn dermaßen, dass ihm Hören und Sehen verging. Dann verschwanden sie wieder wie ein Spuk. Er jedoch hatte seine Lektion gelernt und blieb im nächsten Jahr auch zu Hause wie die anderen und meinte dann später zu seinen Vorstandskollegen, den Karneval müsse man eigentlich doch nehmen wie eine unabwendbare Naturkatastrophe.

Auch Charlie blieb von solchen Ereignissen nicht verschont, und einmal hatte wir ihn wirklich böse gemacht. Er hatte mit uns nach Arbeitsschluss gefeiert, ich erinnere mich nicht mehr an den Anlass, aber es war im Karneval. Charlie fühlte sich richtig wohl unter uns,erzählte seine Witze und lachte selbst am meisten darüber. Aber - er trank diesmal kräftig über seinen Durst, und einige Spaßvögel von uns schnitten ihm seine Schlips ab, zogen ihm die Schnürsenkel aus den Schuhen, steckten ihm klebrige Bonbons in die Taschen und schickten ihn dann mit einer Taxe nach Hause. Seine Frau muss ihm eine fürchterliche Szene gemacht haben, denn er sprach einige Tage nicht mehr mit uns.

Von einem anderen Kaliber war jedoch der Vorstandsvorsitzende der Firma, vor dem wir einen gewaltigen Respekt hatten. Wir nannten ihn wegen seiner gedrungenen Leibesfülle mit seinem Spitznamen "Jumbo". Er hatte sich vom einfachen Angestellten durch Tüchtigkeit hoch gearbeitet und genoss das Vertrauen des Hauptaktionärs und des Aufsichtsrats. Bei meiner Einstellung wollte er mich persönlich sehen - ich sollte in meinem zukünftigen Arbeitsbereich die weiteren Niederlassungen der Brauerei bearbeiten und vor allem ihre Rentabilität überwachen - , und sagte mir nach einem längeren Vortrag: "Bei uns hat jeder seinen Marschallstab im Tornister, er muss nur aufpassen, das daraus kein Wackerstein wird." Was das nun heißen sollte...?

Er respektierte Tüchtigkeit und Fachwissen, und dennoch versuchte er irgendwie immer wieder, andere Leute einzuschüchtern. Das zunächst durch Statussymbole. Zum Beispiel war sein Büro zwanzig Meter lang, man oder frau musste erst duch ein Mammutsekretariat und dann durch eine ledergepolsterte Doppeltür, und da saß am Ende dieses Büros Jumbo hinter einem mächtigen Schreibtisch. Wer sich dadurch einschüchtern ließ und an der Tür stehen blieb, den fuhr er an: "Was wollen Sie, was stehen sie da herum, entweder rein oder raus." Als ich zu meiner ersten Berichterstattung in sein Büro gerufen wurde, mahnten mich meine Kollegen, doch ja selbstbewusst aufzutreten. Das habe ich auch gemacht, ging betont forsch durch den langen Raum und legte ihm den schriftlichen Bericht direkt vor die Nase und sagte ihm sofort einige griffige Titel dazu. Ich merkte gleich, dass ihn das beeindruckte. Später wuchs sogar ein gewisses Vertrauensverhältnis unter uns. So kam er häufig von den Aktionärsversammlungen etwas nervös zu mir ins Büro - ich hatte damals eine der seinerzeit modernsten Rechenmaschinen - und legte mir verschlüsselte Zahlen vor, die ich prozentual umrechnen sollte. Natürlich wusste ich, dass dies Aktienverschiebungen waren und dass es bei den Aktionärsversammlungen auch um seinen Sessel ging...

Aber wen er nicht mochte, der bekam das ständig zu spüren. Einmal ging er persönlich zum Versandleiter und sagte ihm, auf dem Brauereihof läge bares Geld. Der Mann stürzte sofort heraus, Jumbo hinterher, und Jumbo zeigte ihm zwei leere Bierflaschen: "Das ist bares Geld!"

Ein andermal schaltete er sich in ein Telefongespräch eines Arbeitskollegen ein, der mit seiner Freundin sprach. "Sie sprechen bereits 10 Minuten", schnarrte er dazwischen, obwohl er unerlaubt ein Gespräch mithörte. "Wer war denn das?", fragte die Freundin meines Kollegen am Telefon. "Och, das ist irgendein Blödmann aus dem Versand", antwortete dieser, obwohl er genau wußte, dass es der Direktor war. Und Jumbo, der diese Bemerkung mit gehört hatte, konnte nichts machen.

Irgend jemand von uns hatte mal in Jumbos Büro Bücher gefunden über Menschenführung und darüber, wie man sich Untergebenen gegenüber am besten ausdrückt. Das merkten wir auch daran, dass er manchmal uns gegenüber eine unnatürliche und geschraubte Sprache hatt. Zum Beispiel sagte er: "Das ist ja töricht", ein Wort, welches nur noch in der antiken Dichtersprache beheimatet ist.

Jedoch auch Jumbo wurde einmal ganz kräftig reingelegt. Er hatte eine Toilette ganz allein für sich, fürstlich und luxeriös, ebenfalls mit ledergepolsterter Doppeltür, aber er mußte jedes Mal aus seinem Büro heraus über den Flur. Und einmal ließ er in der Eile außen den Schlüssel stecken. Irgendein Witzbold, der jedoch nie gefaßt wurde, schloss im Vorbeigehen die Tür ab, zog den Schlüssel raus und nahm ihn mit. Jumbo rief und tobte stundenlang, aber die lärmgepolsterte Tür gab keinen Laut weiter. Erst nach Feierabend, als es ruhiger wohnte, hörte ihn eine Putzfrau. Und dann dauerte es noch einige Stunden, bis ein Fachhandwerker gefunden wurde, der die Tür aufbrechen konnte. Trotz seiner Wut war Jumbo intelligent genug, die Sache nicht noch weiter aufzubauschen, denn darüber wurde ohnehin schon ausgiebig gelacht.

Jumbos Traumata waren die Bierverleger, freie Großhandelskunden, die für eine Brauerei von großer Bedeutung sind, weil sie immer abspringen und zu einer anderen Brauerei wechseln konnten. Deshalb mußten sie äußerst zuvorkommend behandelt werden. Diese Leute wußten durchaus, dass sie für die Brauerei wichtig waren und führten sich manchmal dementsprechend auf. Besonders einer von ihnen setzte Jumbo wirklich zu. Ich glaube, er mochte ihn auch nicht besonders, denn ich hatte in der Registratur Briefwechsel zwischen den beiden gefunden, wo sie auch die Klingen kreuzten. Der Verleger stichelte und schrieb an Jumbo, dieser solle nicht immer in den Werbebroschüren so vornehm vom "Mittagstrunk" sprechen, denn er wisse doch ganz genau, dass der eigentliche Bierkonsum und der Umsatz der Brauerei durch die richtigen Säufer zustande käme. Jumbo konterte und schrieb zurück, das wisse er natürlich auch, aber ob es denn klug wäre, so offen davon zu sprechen...

Dieser Bierverleger kam mal vorbei, um im Haus einige Dinge zu erledigen, ging dann ins Direktionssekretariat, um mit Jumbo zu sprechen. Er benutzte dabei tatsächlich das Wort "Jumbo". Darauf die Sekretärin, die vorher entsprechend instruiert worden war: "Das tut mir sehr leid, der Herr Direktor ist heute nicht im Hause." Der Verleger aber kannte seine Pappenheimer, stieß die schon berühmte ledergepolsterte Doppeltür auf, wo man weit im Hintergrund den verdatterten Jumbo an seinem Schreibtisch sitzen sehen konnte, und sagte zur Sekretärin: "Nun kuck mal, Mädchen, da sitzt der Dicke doch!"

Als ich schon aus dieser Firma ausgeschieden war, hörte ich, dass Jumbo später auch selbst Schicksalsschläge einstecken musste, den Tod seiner Frau und anderes. Dies soll ihn dann auch in der Folge ein wenig mehr rücksichtsvoller und angenehmer im Umgang mit seinen Mitarbeitern gemacht haben...

Heutzutage finden die Aktionärsversammlungen in Fünfsterne-Nobel-Häusern statt. Früher veranstaltete man sie jedoch in der Brauerei selbst. Weil die Aktionäre natürlich günstig gestimmt werden sollten, wurden die allerbesten Speisen und Getränke aufgefahren. Jedoch gab es einen Aktionär, der besaß nur eine Aktie. Die nannte man "Freßaktie", weil sie außer dem Stimmrecht kaum Gewinn abwarf, aber zum Besuch der Aktionärsversammlung und zur Teilnahme an den schon erwähnten Tafelfreuden berechtigte. Dieser Mann kam dann immer in einer besonderen Kleidung mit vielen Innentaschen, die er dann mit den allerbesten Zigarren und allem möglichen, was man da hineinbekam, voll stopfte. Genau dieser Aktionär stellte bei jeder Aktionärs-Hauptversammlung stereotyp die gleiche gefürchtete Frage: Ob man den Aktionären doch bitte die Spesenkonten der Direktoren während des abgelaufenen Geschäftsjahres nennen und die Spesenkonten auch aufschlüsseln könnte...In der Brauerei munkelte man jedoch, dass dieser Mann von der Konkurrenz eingeschleust worden war, um sich Informationen zu beschaffen und Unruhe zu stiften.

Als die Aktionärsversammlungen noch in der Brauerei selbst stattfanden, war es eine Ehrensache für die jungen Angestellten, von den hervorragend hergerichteten Speisen auch etwas abzubekommen. Obwohl alles eingeschlossen war, hatten sie es immer wieder geschafft, da was herauszuholen. Einmal stiegen sie sogar von außen über die Feuerleiter in das Fenster ein und stibitzten einige Platten mit wundervoll belegten Schnitten. Das jedoch, wie gesagt, ist noch vor meiner Zeit geschehen.

Die Bewirtung und Gastlichkeit gegenüber den Besuchern der Brauerei wurde aber immer hochgehalten. Zu diesem Zweck war hinter der Pförtnerloge ein Raum mit mehreren großen Kühlschränken, und da wurden für die Gäste des Hauses immer tolle Sachen zubereitet. Nun hatten wir einen jungen Kollegen, der hervorragend Stimmen imitieren konnte. Einmal rief er beim Pförtner an, imitierte den Jumbo und bestellte für eine Gruppe von Gästen mehrere sogenannte Häppchenplatten.

Schon kurze Zeit später kam der Lehrling mit einem Speise-Rollwagen über den Flur angesaust. Wir saßen in Lauerstellung, fingen ihn ab, konfiszierten den Rollwagen und sagten ihm: "Du kannst jetzt klug sein und deine Klappe halten, dann passiert nichts. Oder du schlägst Krach, dann passiert eine Menge, vor allem dir!" Natürlich hielt der Junge seinen Mund, und uns hat es herrlich geschmeckt.

Ich merke, dass ich jetzt aufhören muss zu erzählen, sonst komme ich nie zu Ende. Aber niemand soll glauben, das wäre nur das einzige, was aus dieser Firma zu berichten wäre und was ich dort erlebt habe...