Ein Essay von Aldous Huxley aus der
Zeitschrift ‚Vedanta and the West’ von 1942
Mensch und Wirklichkeit
Die Lichter der Großstadt – für den, der in ihrer Sphäre lebt, sind sie die einzigen Leuchtkörper am hohen Himmel. Die Straßenlaternen überstrahlen die Sterne, und neben greller Neonreklame wird selbst das Mondlicht zur kaum mehr wahrnehmbaren Lappalie.
Das Phänomen hat Symbolkraft, ein lebendiges Gleichnis. Mit Geist und Körper ist der Mensche den größten Teil seines Lebens Bewohner eines rein menschlichen und sozusagen selbst gemachten Universums, das er sich heraushöhlt aus dem unermesslichen, seine Menschenwelt umgebenden nichtmenschlichen Kosmos, ohne den weder er selbst noch seine Welt sein könnten. In diesem Katakomben-Séparée bauen wir uns eine eigene kleine Welt aus einem merkwürdigen Sortiment von Materialien, aus Interessen und „Idealen“, aus Wörtern und Technik, aus Wünschen und Tagträumen, aus Artefakten und Institutionen, aus imaginären Göttern und Dämonen. Hier, zwischen den überlebensgroßen Projektionen unserer eigenen Persönlichkeit, spielen wir unsere absonderlichen Streiche und begehen unsere Verbrechen und Wahnsinnstaten, hier denken und fühlen wir die unserer künstlichen Welt gemäßen Gedanken und Gefühle, und hier hegen wir die in einem Tollhaus einzig sinnvollen Ambitionen. Doch immer, trotz Radiolärms und Neonröhren, sind da die Nacht und die Sterne – gleich hinter der Endhaltestelle, gleich über der glosenden Dunstglocke. Das ist eine Tatsache, die wir Bewohner der Menschenkatakombe nur allzu leicht und allzu gern vergessen; doch ob wir vergessen oder uns erinnern, es bleibt eine Tatsache. Die Nacht und die Sterne sind immer da; die andere, die nichtmenschliche Welt, von Nacht und Sternen nur sinnfällig vertreten, bleibt bestehen und ist die wirkliche Welt.
Mensch, stolzer Mensch, mit ein bisschen flüchtiger Autorität herausgeputzt -
höchst unkundig dessen, was ihm ganz sicher, seines gläsernen Wesens -,
wie ein zorniger Affe treibt er so tolle Possen vor dem hohen Himmel,
dass sie Engel weinen machen.
So schrieb Shakespeare in dem einzigen seiner Stücke, das ein tieferes Angerührtsein von den letzten Realitäten des Geistes erkennen lässt. Das „gläserne Wesen“ stellt die Wirklichkeit dar, die dem Menschen „ganz sicher“ ist, die Wirklichkeit, die ihn trägt und kraft derer er lebt. Und dieses gläserne Wesen ist von derselben Art wie das ‚Klare Licht’, das Wesen des Universums. In uns bleibt dieser „Funke“, diese „unerschaffene Tiefe der Seele“, dieser ?tman, vollkommen unbeschmutzt und ungebrochen, wie toll unsere Possen auch sein mögen – ganz so wie in der äußerlichen Welt die Nacht und die Sterne sie selber bleiben trotz aller Broadways und Piccadillies, all der Scheinwerferbatterien und Brandbomben.
Die große nichtmenschliche Welt, die sowohl in uns als auch außerhalb existiert, wird von ihren eigenen göttlichen Gesetzen regiert, denen wir gehorchen oder uns widersetzen können. Gehorsam führt zur Befreiung; durch Ungehorsam verfallen wir immer mehr dem Elend und dem Bösen und verlängern unser Dasein als Ebenbilder zorniger Affen. Die Geschichte der Menschheit ist die Chronik des Konflikts zweier Kräfte: Auf der einen Seite diese törichte und sträfliche Anmaßung, die den Menschen seines gläsernen Wesens unkundig sein lässt; auf der anderen Seite das Wissen, dass er selbst abgrundtief böse und seine Welt ein Alptraum ist, wenn er nicht in Übereinstimmung mit dem größeren Kosmos lebt. In diesem Konflikt, in dem kein Ende abzusehen ist, gewinnt mal die eine, mal die andere Seite die Oberhand. Zurzeit erleben wir den vorläufigen Triumph der spezifisch menschlichen Seite der Menschennatur. Seit einiger Zeit glauben wir nun schon – und handeln entsprechend -, unsere Sonderwelt der Neonröhren und Brandbomben sei die einzige reale Welt und unser gläsernes Wesen existiere nicht. Zornige Affen, die wir sind, haben wir unsere Primatenschläue zum Anlass genommen für den Wahn, wir seien Engel, ja sogar mehr als Engel – Götter, Schöpfer, Herren unseres Schicksals.
Welche Folgen hat dieser Triumph der durch und durch menschlichen Seite des Menschen? Die Zeitungsschlagzeilen und Nachrichten geben eine unmissverständliche Antwort: Zerstörung menschlicher Werte durch Tod oder durch Entkräftung oder durch Verdrehung zu politischen, revolutionären und kriegerischen Zwecken. Mit dem anmaßenden Gedanken, wir seien – jetzt schon oder spätestens in irgendeinem künftigen Utopia – „wie Gott“, befinden wir uns tatsächlich in höchster Gefahr, Teufel zu werden, zu nichts anderem mehr fähig (wie erhaben unsere „Ideale“, wie wunderschön durchgestaltet unsere Pläne und Entwürfe auch sein mögen), als unsere Welt zuschanden zu machen und uns selbst zu vernichten. Der Triumph dieses Humanismus ist die Niederlage der Menschheit.
Zum Glück besteht die moralische Ordnung des Universums, wie Alfred North Whitehead gezeigt hat, eben darin, dass das Böse sich selbst zunichte macht. Wo einzelne oder Gesellschaften dem Bösen freien Lauf lassen, endet es stets durch Selbstmord. Das kann ein physischer oder ein psychischer Selbstmord sein: Entweder wird der böse einzelne oder die böse Gesellschaft buchstäblich umgebracht, vielleicht auch durch schiere Erschöpfung schließlich kaltgestellt, oder sie erreichen, wenn die Orgie des Bösen gar kein Ende nehmen will, einen Zustand so tiefen Überdrusses und Ekels, dass sie – durch eine Art bluttriefende reductio ad absurdum – gezwungen sind, sich der offenkundigen Wahrheit zu beugen, dass Menschen nicht Götter sind, dass sie nicht einmal die Geschicke ihrer eigenen selbst gezimmerten Welt lenken können, dass der einzige Zugang zu Frieden, Glück und Freiheit, so heiß begehrt, von ihnen verlangt, die Gesetze des größeren, nicht menschlichen Kosmos zu erkennen und ihnen zu gehorchen.
„Je weiter du nach Osten gehst“, sagte Shr? Ramakrishna gern, „desto weiter entfernst du dich vom Westen.“ Das ist eine dieser scheinbar so kindischen Bemerkungen, denen wir in den Schriften und Aussprüchen religiöser Lehrer häufig begegnen. Doch hinter diesem scheinbar kindischen Äußeren verbirgt sich wahre Tiefe. In dieser absurden kleinen Tautologie liegt, in einem Zustand lebendiger, keimfähiger Latenz, eine ganze Metaphysik, ein komplettes Aktionsprogramm. Es ist natürlich eben die Philosophie und Lebensweise, die Jesus meint, wenn er uns sagt, dass wir nicht zwei Herren dienen können, dass wir am ersten nach dem Reich Gottes trachten und es völlig Ihm anheim stellen müssen, ob uns solches alles zufällt. Egoismus und Alter-Egoismus (das heißt die Erhebung eines einzelnen, einer Gruppe oder einer Sache zu einem Götzen, mit dem wir uns identifizieren, so dass wir seinen Erfolg auch als unseren auffassen können) schneiden uns von der Erkenntnis und Erfahrung des Wirklichen ab. Und nicht nur das, sie schneiden uns auch ab von der Möglichkeit, unsere Bedürfnisse zu befriedigen und unsere legitimen Freuden zu genießen. Erfahrung und Beobachtung lehren, dass wir im Genuss dessen, was wir uns als Menschen wünschen, nicht lange bleiben können, wenn wir nicht den Gesetzen dieses größeren, nichtmenschlichen Kosmos gehorchen, dem wir unablöslich angehören, auch wenn wir das in unserer hochfahrenden Dummheit vergessen. Egoismus und Alter-Egoismus flüstern uns ein, in unserem behaglich eingerichteten „Westen“ zu bleiben und uns hier um unsere eigenen, die menschlichen Angelegenheiten zu kümmern. Aber wenn wir das tun, werden unsere Angelegenheiten schließlich zu Bruch gehen; und wenn unsere alter-egoistischen „Ideale“ hochtrabend waren, spricht alles dafür, dass wir irgendwann über unsere Mitmenschen herfallen werden – oder sie über uns. Hören wir aber nicht auf den Rat von Egoismus und Alter-Egoismus und gehen entschlossen weiter auf den göttlichen Osten zu, so schaffen wir uns selbst die Möglichkeit, die Gnade der Erleuchtung zu empfangen, und werden außerdem feststellen, dass das Leben in unserer westlichen Heimat jetzt sehr viel befriedigender ist als früher, wo wir so emsig damit beschäftigt waren, unser Los zu verbessern. Kurzum, die Dinge im Westen werden besser laufen, weil sie uns etwas ferner rücken, während wir unsere Schritte nach Osten lenken; wir haften nicht mehr so an ihnen, sie brennen uns nicht mehr so auf den Nägeln, und so werden sie uns nicht mehr so leicht zum Anlass, über unsere Mitmenschen herzufallen. Nur leider, um mit der Nachfolge Christi zu sprechen: „Alle Menschen begehren den Frieden, doch wenige fürwahr begehren das, was dem Frieden förderlich ist.“
Wir müssen von Egoismus und Alter-Egoismus schon bis zu einem gewissen Grade gelassen haben, wenn wir uns auch nur den sekundären Aspekten der kosmischen Wirklichkeit annähern wollen. Die Wissenschaft muss rein sein, wenn sie fruchtbar sein soll. Das heißt, ein Mensch der Wissenschaft muss alle Gedanken an persönlichen Vorteil, an „praktische“ Resultate beiseite legen und sich völlig darauf sammeln, die Fakten aufzudecken und zu einer nachvollziehbaren Theorie zu fügen. Auf lange Sicht ist der Alter-Egoismus für die Wissenschaft so todbringend wie der Egoismus. Typisch für die alter-egoistische Wissenschaft ist dieses klammheimliche, nationalistische Forschen, das den modernen Krieg begleitet und ihm vorausgeht. Solche Wissenschaft arbeitet an ihrer eigenen Widerlegung und Zerstörung – und natürlich an der Zerstörung aller echten Güter der Menschheit.
Das ist nicht die einzige Form der Loslösung, in der ein Mensch der Wissenschaft sich üben muss. Er muss sich nicht nur von den gröberen egoistischen und alter-egoistischen Leidenschaften freimachen, sondern auch von seinen rein intellektuellen Vorurteilen – vom Hemmschuh der traditionellen Denkmuster, ja selbst des gewöhnlichen praktischen Verstandes. Die Dinge sind nicht, was sie zu sein scheinen; vielmehr, sie sind nicht nur, was sie zu sein scheinen, sondern noch so manches darüber hinaus. Wenn ein Mensch der Wissenschaft sich nach dieser Wahrheit richtet, und er muss sich stets und ständig nach ihr richten, übt er damit eine Art intellektueller Entsagung.
Entsprechende Entsagungen und Ablösungen muss auch der Künstler üben, wenn er auf seine Weise versucht, jene göttliche Beziehung zwischen den Teilen des Universums aufzuspüren und zum Ausdruck zu bringen, die wir Schönheit nennen. Auf der Ebene des ethischen Verhaltens schließlich können wir das Gute weder selbst Gestalt werden lassen noch es anderen entlocken, solange wir unser persönliches und alter-egoistisches Habenwollen und Ablehnen nicht zügeln.
Wenn wir von den manifestierten und verkörperten Aspekten der Wirklichkeit zur Wirklichkeit selbst übergehen, werden wir sehen, dass die Ablösung noch entschiedener, die Entsagung und Ertötung noch weiter und tiefer werden muss. Tod und Wiedergeburt, immer wieder hören wir die Meister des spirituellen Weges davon sprechen. Wenn das Reich Gottes kommen soll, muss der Mensch gehen; der ‚Alte Adam’ muss sterben, damit der ‚Neue Mensch’ geboren werden kann. Die asketische Selbstentsagung und Selbstertötung – physisch, emotional, ethisch und intellektuell – ist eine der unabdingbaren Voraussetzungen der Erleuchtung, der Realisation göttlicher Immanenz und Transzendenz. Freilich, Askese und spirituelle Übung, so eifrig wir sie auch betreiben mögen, garantieren uns noch nicht die Erleuchtung, die stets den Charakter einer Gnade hat. Eigentlich können wir nur sagen, dass Egoismus und Alter-Egoismus mit Sicherheit den unerleuchteten Zustand aufrechterhalten und wir durch ihre Überwindung eine Chance schaffen.
Wir können den Mond und die Sterne nicht sehen, solange wir im Dunstkreis der Straßenlaternen und Neonreklamen bleiben. Dass wir je zu sehen bekommen, was im Osten geschieht, dürfen wir nicht einmal zu hoffen wagen, solange wir ihm, nach Westen gewandt, den Rücken kehren.
Mensch und Wirklichkeit
Aller guten Dinge sind drei!
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