Am nahen See wollte ich meine Runde drehen. Entschlossen, einmal nur zur Entspannung in die Natur zu gehen, nahm ich nur die Taschenkamera und das Fernglas mit.
Der See hatte eine dicke Eisschicht, nur ganz knapp vor der Insel, die mitten im See lag, war noch offenes Wasser. Das konnte man vor lauter Wasservögeln nur erahnen, denn jede Ente, jede Ralle wollte bei diesem Wetter ein Bad nehmen. Das Wasser spritzte hoch, wenn die Tiere ihre Flügel schüttelten und die größeren Vögel, wie Gänse und Schwäne, verteilten Ohrfeigen an die Tiere, die ihnen dabei zu nahe kamen.

Da, wo das Ufer breit und seicht zum Wasser abfällt, tobte der Bär. Viele Eltern waren mit Kleinkindern dort, um ihnen den wohl ersten Schnee ihres Lebens zu präsentieren. Weiter draußen auf dem See spielten größere Kinder Eishockey. Ich sah dem lauten Treiben eine Weile zu und entschied mich, auf dem Eis am Rande des Ufers laufend, stillere Ecken aufzusuchen. Gleich neben der Holzbrücke fand ich sie. Eine weite Ausbuchtung des Ufers hielt Augen und Ohren das fröhliche Treiben dahinter verborgen.

Die Sonne im Rücken sah ich die Brillianten, die sie auf die Schneedecke streute. Sie fehlte an einigen Stellen, denn hier hatte jemand versucht, die Wasserfläche zu öffnen. Man sah es an den Eisstücken, die jetzt wie Hagelzucker auf der glänzenden Eisfläche lagen.
Inzwischen war das Eis zu dick, da musste schon schweres Gerät her, um ein Loch ins Eis zu bohren.
Der arme Eisvogel! Nun war er gezwungen, in den Gärten nach Teichen zu suchen, die künstlich offen gehalten wurden, sonst drohte ihm der Hungertod. Ich versuchte den schrillen Pfiff des Eisvogels nachzuahmen. „Der Eisvogel ist auf der anderen Seite der Brücke, da ist noch ein Stück offene Wasserfläche“, sagte eine Männerstimme hinter mir. Ich drehte mich um und blinzelte voll in die Sonne, stapfte dann den kleinen Hang zur Bank hoch, auf der ein Mann auf einem dicken Styroporkissen saß. Aha, auch ein Vogelbeobachter. Immer noch von der Sonne geblendet fragte ich, ob der Eisvogel heute schon da war und erfuhr, dass er sogar schon Beute gemacht habe. Zufrieden über diese Auskunft wollte ich jetzt doch ein paar Bilder vom hell glänzenden See machen und kramte in der Jackentasche, was mit den Handschuhen gar nicht einfach war.

„Darf ich das mal hier ablegen“? fragte ich und legte Fernglas und Handschuhe auf die Bank um meine Aufnahmen zu machen. Es dauerte ein wenig, bis ich diesen Sonnenpunkt aus den Augen hatte und im Sucher die Stellen ausmachen konnte, die ich auf dem Bild haben wollte. Kaum hatte ich zwei Bilder gemacht, fragte der Mann, ob die Motive mehrere Fotos wert seien und auf was genau ich es abgesehen hätte. Sofort geriet ich ins Schwärmen, erklärte, dass mich diese „Streubrillianten“ faszinieren, ich den Goldglanz in den heraus gebrochenen Eisstücken unbedingt festhalten müsse und der babyblaue Himmel würde doch wunderbar über den dunklen Kiefern mit den weißen Wollmützen thronen. Die Blüten der Zaubernuss, die sich schon fast öffneten und nun, mit ihren Sahnehäubchen, noch ein wenig Geduld üben mussten, wollte ich auch in den Kasten bekommen und die Badeszenen der Schwäne wären auch ein schönes Motiv. Ich bot ihm an, ruhig einmal durch das Fernglas zu schauen. Er lachte auf und meinte, das sei vergebliche Liebesmüh. Ich drehte mich zu ihm um und erstarrte für eine Sekunde. An seinem Arm trug er eine gelbe Binde und den weißen Stock hatte ich wohl wegen des Schnees übersehen.

„Erzählen Sie doch ruhig weiter, es war schön, durch Sie zu sehen“. Warum war ich dummes Huhn dazu urplötzlich nicht mehr in der Lage? Mir fehlten einfach die Worte und das passiert mir eigentlich nie. „Nur zu, oder hat gerade jemand den See geklaut“? ulkte er und langsam wurde mir klar, wie verklemmt und dumm mein Verhalten war. Gut, ich hatte ins Fettnäpfchen getreten mit meinem Angebot, das Fernglas zu nutzen, aber es war doch nicht, um ihn zu ärgern.
„Entschuldigung, ich habe ihre Binde und den Stock gerade erst bemerkt, das mit dem Fernglas sollte…also ich wollte Ihnen nicht.. “. Er lachte nur und winkte ab.
„Na, hast Du dir den See anschauen lassen“? fragte eine Frau, die gerade mit diesen Nordic-Walking-Stöcken ankam. Wir unterhielten und noch eine ganze Weile. Ihr Mann hatte einen Unfall, konnte seit dem nur noch hell und dunkel erkennen, wie wir auch durch die geschlossenen Lider zum Beispiel Sonnenlicht erkennen können. Seine Frau ging mit ihrer Schwester „sportlich“ um den See, während er die Natur belauschte. Eisvogelpfiffe, ein Klatscher ins Wasser und ein leichtes Tok-tok konnten auch beweisen, dass der Eisvogel einen Beutefisch gefangen hatte und ihn in typischer Art und Weise an einem Ast totschlug, bevor er ihn verschluckte, dazu musste er nichts sehen. Kam er mit Spaziergängern ins Gespräch, bat er diese gern, ihre Beobachtungen mit ihm zu teilen. Leider wären nicht viele Leute so „leidenschaftlich, begeisterungsfähig und genau“ wie ich.
Er meinte noch lachend, seine Frau hätte nur gesagt, der See sei gefroren, mit Schnee drauf und die Enten würden sich quetschen auf dem Stückchen Wasser, was offen war. „Es kann doch nicht jeder Deine Beobachtungsgabe haben“, lachte sie, zog ihm die Pudelmütze bis über die Nase und küsste ihn herzlich auf den Mund. „Meine Frau setzt ihre ganze Leidenschaft eher in die Tat um“, neckte er und fragte, ob sie nicht noch eine Runde machen wolle, denn WIR könnten ja noch ein wenig „gucken“.