Mein Handy klingelte.

 

„Wir feiern am 21. die Mittsommernacht“, sagte Klaus, ohne sich zu melden, denn er wusste, dass ich seinen Namen auf dem Display hatte. „Kommst du?“

 

Mir fielen sämtliche Szenen ein, die ich jemals über Mittsommernächte gesehen hatte. Vor allem von Skandinavien, wo die Leute angeblich nachts nackt im See baden. Ohne Kleidung, Männer und Frauen. Aber da geht zu dieser Zeit die Sonne nicht ganz unter.

 

„Und wie feiert ihr?“

 

„Na, wie in Schweden. Wir haben Vollmond, und der Himmel soll wolkenlos bleiben. Wir grillen vorher und singen alte Volkslieder. Bring bitte deine Gitarre mit, falls du kommst.“

 

Im Geiste stellte ich mir einen „rechtslastigen“ Germanenkult vor, aber weil ich meinen Freund kannte, der keine Gelegenheit ausließ, neue Frauen kennen zu lernen, willigte ich ein. Ich, der wie er längst aufgegeben hatte, eine Frau zu finden.

 

Irgendwie passten sie alle nicht, meine Versuche. Ich hätte nie beschreiben können, woran es lag. Viele waren lieb, nett, attraktiv, aber es hatte nie wieder so gefunkt wie damals bei meiner Bärbel. Zum Zeitpunkt der vorläufigen Entscheidung, ob wie es miteinander versuchen sollten, hatte ich jedes mal wieder abgelehnt.

 

Heimlich übte ich auf meiner Schlaggitarre ein paar Akkorde, die ich lange nicht mehr gespielt hatte.

 

Der Abend fing ganz locker an. Klaus hatte mit seinem Kombi eine Reihe Biertische und Bänke an den See gefahren und sich extra eine Genehmigung bei der Gemeindeverwaltung eingeholt. Sogar die feuertechnischen Voraussetzungen waren geschaffen worden, und das alles für ein paar Stunden Romantik...

 

Merkwürdigerweise waren mehr Mädels da, wie ich erstaunt feststellte. Waren die tabu, oder würde der eine oder andere, nette Kontakt für mich dabei heraus springen?

 

Meine Chancen waren nicht schlecht. Waren nicht Frauen besonders empfänglich für romantische Augenblicke? Mein „Jenseits des Tales standen ihre Zelt“, im Rammstein-Stil kam jedenfalls gut an.

 

Während ich Gitarre spielte, suchten meine Augen. In vielen spiegelte sich das Lagerfeuer, und wer die Action macht, hat die meisten Blicke auf sich.

 

Noch war der allgemeine Bann nicht gebrochen. Noch würden einige noch etwas Alkohol brauchen, um sich einander zu nähern. Ich brauchte so was nicht, und die Frau, die sich hinter mich geschlichen und ihr Kinn und Ellenbogen auf meine Schultern gelegt hatte, offensichtlich auch nicht. Sie roch jedenfalls nicht nach Alkohol.

 

„Du spielst aber fein“, sagte sie in mein linkes Ohr, als ich mein Lied vom Müller, dem das Wandern eine Lust ist, zuende gespielt hatte.

 

Ich drehte mich um, und dann kam das Gewitter.

 

Nein, es kam nicht vom Himmel, aber es blitzte in mir, denn ich war augenblicklich fasziniert von dieser Frau. Warum nur? Sie war klein, nicht vollbusig, eher so der Typ Wiesel und Blitzmerker, so wie ich. Genau wie meine Ex.

 

Ich stotterte. „Ähm, du, es ist ja nett, wie du das sagst, aber ich... kann noch ganz andere Sachen.“

 

Sie lachte glockenhell. Dieses Lachen war die Art zu lachen, die ich von irgendwoher kannte und so lange vermisst hatte. Meine Seele sagte mir, dass sie die Frau sei, die mich für den Rest meines Lebens begleiten würde und mein Körper befahl mir, die Gelegenheit zu nutzen und diese Frau zu genießen.

 

Der Teil der Feier kam, auf den alle gewartet hatten. Wir rannten nackt in den See, nachdem Klaus ein paar Kommandos über „besoffen schwimmen ist gefährlich“ über die Romantik gebrüllt hatte.

 

„Wie heißt du eigentlich?“, rief ich zu ihr hinüber, die 3 Meter Abstand zu mir hielt. Irgendwie brauchte sie genau wie ich Zeit für eine Annäherung.

 

„Bärbel“, rief sie und lachte. „Und du?“

 

„Jürgen“, rief ich zurück. „Und du heißt genau wie meine Ex.“

 

Sie kicherte ausgiebig, aber noch wusste ich nicht, was dieses Kichern zu bedeuten hatte.

 

Was soll ich hier lange um den heißen Brei reden? Es hatte mich schon lange interessiert, ob man Liebe unter Wasser machen kann, und hier fand ich die Bestätigung: Es geht.

 

Nach einer herrlichen Nacht folgten ein paar Stunden Schlaf in meiner Wohnung, wieder Liebe, ein wunderbares Frühstück und ein paar Worte über uns selber. Und dass auch ihr Ex Jürgen hieß.

 

Kein Wunder, Jürgen ist ja auch mehr so ein Sammelbegriff als ein Name.

 

Auf meinem Schreibtisch standen Bilder meiner Kinder, und weil sie  sich dafür interessierte, holte ich mein Fotoalbum heraus, obwohl die meisten meiner Aufnahmen auf dem PC sind.

 

Hier traf mich der zweite Blitz.

 

„Deine Ex hat aber ganz schön Ähnlichkeit mit mir“, stellte sie fest, und das war der Auslöser für mein ganz persönliches Gewitter. Ich ging aufs Klo und heulte eine Runde.

 

Klar doch, meine Ex, Bärbel 1, hatte mich verlassen, weil ich fremd gegangen war. Ich hatte selbst nach Jahren noch versucht, sie zurück zu gewinnen, aber sie war längst wieder verheiratet und hatte ein Kind mit dem neuen Mann.

 

Ich hatte die Trennung nicht gewollt und nicht verkraftet. Ich hatte für meinen Betrug sühnen wollen und nicht gekonnt, hatte in jeder Frau meine Bärbel gesucht, und meine Seele hatte sofort erkannt, dass sie in einer anderen Identität wieder vor mir stand, diese Bärbel, der meine ganze Liebe gehörte.

 

Hatte ich das Recht, in meinem Egoismus einen Ersatz für Verlorenes, ja Verspieltes zu krallen, ohne sie zu informieren?

 

Ich habe es ihr erzählt, der neuen Bärbel, und ich habe sie gebeten, sich zu überlegen, ob sie unter diesen Umständen noch bleiben wolle.

 

Sie wollte nicht. Sie ging. Und ich verfluche den Tag, wo meine Seele beschlossen hatte, das Leben an der Stelle fortzusetzen, wo es damals nach meiner Trennung geendet hatte.

 

Ich verfluche den Moment, an dem ich damals fremd gegangen bin.

 

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© Jürgen Berndt-Lüders

Bildquelle: STAR DIVISION CD. 10.000 Cliparts und Fotos