Ich kann mich nicht von Anfang an daran erinnern, aber plötzlich ist es wieder da…
Mama´s Geburtstagsparty am 25.07., die ganze Familie ist da - nein, nicht alle, Jeija, Toni und Elena sind im Urlaub. Aber Papas Familie ist da. Lauter Menschen, die ich, wenns hochkommt, 2mal im Jahr sehe. Ich habe einen Taccosalat vorbereitet, den ich jetzt fürs Buffett fertigmachen muss. Mika spielt draußen und unterhält die Mannschaft. Wenn ich nur nicht so Kopfschmerzen hätte…
Das Bild verschwimmt. “Mama, kann ich mich hinlegen? Mein Kopf platzt……………………ich hab Angst!” Die Situation überfordert mich. Ich kann die Beine nicht mehr bewegen, sehe nur ab und zu Renés Gesicht oder das meiner Tante. Sie sieht aus, als hätte sie Angst. Ich liege in Mamas Bett.
Plötzlich tauchen 2 Sanitäter am Bett auf. Da das Treppenhaus so steil ist, haben sie eine Plane mitgebracht, auf der sie mich in den Krankenwagen bringen wollen, sagen sie mir. Okay, macht mal, ich weiß aber nicht, ob das Krankenhaus die richtige Adresse ist, ich bin schließlich nicht krank. Aber kann mal endlich jemand was gegen die Kopfschmerzen tun?Krankenwagen fährt los, ich glaub es regnet. Wir fahren Richtung Andernach, man merkt die B9. Wackeliger als ich mir das vorgestellt hatte. Türen auf, Ankunft in der Rhein-Mosel-Fachklinik in Andernach. Und jetzt? Ich höre nur was von “Anmeldung zum CT…” René, bist du noch da? Gott sei Dank. Wer weiß, was die hier mit mir machen wollen!
Mensch, die kenn ich doch aus Wassenach. Eva heißt sie…schicke Crogs. Was macht die hier? Egal, schön noch jemand zu sehen, den ich kenne. Vielleicht kann sie mir helfen und mal was gegen die Kopfschmerzen tun.
Was wollen die von mir? Warum soll ich meine Hände so komisch drehen? Und warum tun die so, als könnte ich es nicht richtig? Licht aus…
René kommt nach Koblenz ins Krankenhaus und wartet stundenlang in der Schleuse zur Intensivstation. Nach und nach kommen die anderen auch, Mama und Papa, Linda, Chris, Theo und Ben…alle dürfen irgendwann nach Stunden zu mir. Die Ärzte haben ihnen gesagt, sie wüssten nicht, ob ich die Nacht überlebe. Ich solle Sonntag morgen operiert werden, wenn alles gut geht. Das muss man sich mal vorstellen…wie können die so was sagen. Hätte ihnen im Nachhinein am liebsten direkt gesagt, dass sie mich so schnell nicht los werden.
Mitten in der Nacht fahren alle nach Hause. Und wie das bei Familie Schmitt so ist…mein Taccosalat wurde an diesem Tag doch noch gegessen.
Ich merke, wie ich langsam wach werde. Das Zimmer ist hell, weiß, beige und blau. Ich weiß aber nicht wo ich bin, verschwende auch keinen Gedanken daran. Ich liege in einem Bett. Das Bett hat einen hohen Rand, wie ein Kinderbettchen. Aber irgendwas stimmt hier nicht… Ich hab irgendwas im Mund. Könnte ein Strohhalm sein. Keine Ahnung warum und wieso, aber das gehört da nicht hin. Was ist da neben meinem Kopf? Schläuche, Leitungen, Computer? Ein Beutel mit Milch? Ich hab einfach keine Ahnung, was hier los ist, schaffe es aber auch nicht, überhaupt mal darüber nachzudenken. Wo ich bin, interessiert mich nicht, aber diesen seltsamen Schlauch könnte mal jemand wegmachen. Keiner da? Warum ist keiner da? René? Warum bin ich hier? Wo sind alle anderen und was ist überhaupt passiert? Naja, ich krieg das mit dem Schlauch schon hin. Die Hand ist so schwer. Wenn ich mich ein bisschen mehr anstrenge, kann ich es vielleicht rausziehen. Die Hand ist so schwer, aber ich hab den Schlauch zu fassen bekommen. Jetzt einmal feste ziehen und raus damit. Aber so einfach ist das nicht. Das Ding ist länger als ich dachte und hat Schlaufen. Egal, noch ein oder zweimal feste ziehen und raus.
René steht an meinem Bett und guckt mich an. Seh ich komisch aus? Er fragt mich was, an was erinnere ich mich nicht. Aber dass es eine Frage ist, sieht man an seinen Augen. Die Luft wird dünner.
Ich werde wach. Schon wieder…doch diesmal ist es anders. Ich habe das Gefühl, ich dämmere schon Stunden vor mich hin und jetzt werde ich richtig wach. Es ist dunkel, der ganze Raum hat diesen dunkelblauen Schimmer. Bisschen unheimlich. Ich traue mich immer noch nicht darüber nachzudenken, wo ich hier bin. Ich habe das Gefühl, nicht alleine in diesem Raum zu sein, kann aber niemand anderes entdecken. Über meinem Bett befindet sich so eine Art Lenkgabel, wie von diesen selbstgebauten Minitraktoren(Mika würde wissen, was ich meine). Man hat die Gabel allerdings zur Seite gedreht, wahrscheinlich, damit ich mir den Kopf nicht stoße, wenn ich aufstehe. Cool, wenigstens gibt’s hier nen Flachbildschirm, dann guck ich halt Fernseh, bis mal einer kommt. Es läuft eine Dokumentation über das englische Königshaus. Nicht so spannend, aber ich hab leider keine Fernbedienung und kann also nicht umschalten. Außerdem gibt es deutschen Untertitel, also kein Problem zu verstehen, worum es geht. Dann taucht ein junger Mann im Bild auf, mit blauem T-Shirt und ner schwarzen Mappe im Arm. Plötzlich Standbild, nix geht mehr weiter. So ein Mist, ich hab leider keine Ahnung von Technik. Im Untertitel kann man allerdings lesen, was auf der schwarzen Mappe steht, die der Typ im Film bei sich hat: Mappe mit Dokumenten, gültig ohne Unterschrift des englischen Königs Ralph Lauren. Ist der junge Typ da Ralph Lauren? Und ist Ralph Lauren König von England? Keine Ahnung. Film und Realität verschwimmen… der junge Mann in blau steht plötzlich in meinem Zimmer. Wo kommt er her und was will er von mir? Ob ich ihn fragen soll, ob er Ralph ist? Wer weiß? Vielleicht bin ich hier irgendwo in England in einem Palast. Aber wie soll ich hier hin gekommen sein? Und was ist passiert? Ich würde ihn gern fragen, aber ich kann nicht. Es kommt nix raus.
Ich warte einfach mal ab. Der junge Mann, der später vorbei kommt, heißt Heiko. Hat so ein Schildchen an mit seinem Namen drauf. Das zeigt er mir sehr lange. Man hat mich an dieses Bett gefesselt. An meinen Handgelenken sind weiße Bandagen. Heiko knotet meine Arme los und sie fallen ins Bett. “Schlaf noch ein bisschen, in einer halben Stunde kommt die Sonja. Ich habe jetzt erst mal Urlaub und fahre nach Spanien. Alles Gute.” sagt er und geht wieder hinaus.
Dies soll tatsächlich das letzte Mal gewesen sein, dass er sich in seiner Funktion als Intensivpfleger um mich kümmert. Als er aus dem Urlaub zurückkommt, bin ich längst weg zur Reha. Gott sei Dank!!
