„Morpheus!“
Ich wechselte die Pelzfarbe, denn wenn sie so rief, wusste ich gleich, was die Stunde geschlagen hatte. Und wieder: „Morpheus! Wo hast du dich versteckt?“
Und da stand sie auch schon im Eingang , den sie mit ihrer Körperwucht fast zur Gänze ausfüllte. In der rechten Hand hatte sie ihr Handy, in der linken das Nudelholz, um die rundlichen Hüften ihre alberne Küchenschürze. „Morpheus, es reicht!“
„Hildchen“, zirpte ich, während ich schon nach hinten schielte, aber viele Verstecke gab es in meiner Arbeitshöhle nicht, eigentlich gar keins. „Hildchen, lass es mich dir erklären. Ich …“
„Wir haben Hungääääärrr!“, schrillte sie und kam näher. Ich wich bis zum Computertisch zurück und stolperte fast über die Kabel. „Hungäääärrrrr, verstehst du? Seit einer Woche haben wir nichts zu essen, und du chattest schon wieder mit deinen Freundinnen!“
„Ich … äääh … es ist nicht das, wonach es aussieht!“, beteuerte ich und versuchte, das Profil von Alev zu löschen, das ich noch aufgerufen hatte. Die schöne Menschenfrau, mit der ich noch immer ein Date offen hatte. „Glaub mir, ich bin nicht …“
„Halt deinen Mund, Morpheus!“, raunzte sie mich an, stand schon vor mir, ganz dicht, baute sich auf, überragte mich um einen Kopf. Und das Nudelholz tanzte in ihrer Hand. Ihre beiden orangenen Nagezähne blitzten im Licht der alten Deckenlampe, die hin und her schaukelte, als ahnte sie das Unheil. „Deine Weibchengeschichten sind mir egal, aber wir haben Hungäääärrrr! Sieben kleine Mäuler, die du zu füttern hast. Und ich, dein Weibchen. Und Onkel Waldemar!“
„Ich kann dir alles erklären, Hildchen!“, stammelte ich. „Ich … äh … ich meine, die Steuererklärung muss dich gemacht werden und raus, und …“
Jetzt wurde sie wirklich böse. „Morpheus Euliseius Nutritus! Seit wann machen Nutrias eine Steuererklärung! Alles, was die Familie braucht, ist etwas zum Esssäääännnn!!!! Du bist der Boss, du bist der Ernährer, du bist das faulste Stück (vom pn-team zensiert), das sich je hat die Sonne auf den fetten Bauch scheinen lassen!“
Das saß! Das reizte zum Widerspruch. „Hildchen!“, murrte ich. „Jetzt mach mal halblang! Du bist …“
„Du willst mir widersprechen?“, schrillte sie. „Du willst wirklich Ärger? Den kannst du gern haben!“
Sie schlug zu. Vor dem Nudelholz und Hildchens Zorn gab es keine Rettung und kein Entkommen. Sie drosch auf mich ein, bis ich längt auf dem Boden lag, und als sie endlich wieder von mir abließ, schlugen mir nicht nur die Fanfaren des jüngsten Gerichts, sondern auch ihre früher mal liebliche Stimme: „Heb deinen fetten Hintern hoch, Morpheus! Raus mit die aus dem Bau, und komm mir nicht ohne etwas zum Essen wieder zurück. Deine Kinder und dein Weib haben Huungääärrrrrr!!!“
*
Es war ja gut. Ein paar Beulen, aber das würde ich überleben. Viel schlimmer war, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich für die Kleinen und mein ewig hungriges Weibchen etwas zu Fressen her bekommen sollte. Es war Winter, und die netten älteren Damen, die an wärmeren Tagen immer an den kleinen See im Paffendorfer Schlosspark kamen, blieben bei dem Sauwetter lieber zu Hause. Wenn ich uns Essen besorgen wollte, musste ich wohl oder übel an Land kriechen und Nüsse suchen, oder wilde Möhren, oder … alles Sachen, die einfach nur anstrengen.
Wenn die Damen kamen, hatten sie immer kleingeschnittene Möhrchen für uns dabei. Und Äpfel und Nüsse. Jetzt aber war gar keiner da, außer …
Ich kannte den Typ. Es war ein Mensch in einem Rollstuhl, so ein leichtes Modell, das man zusammenklappen kann. Ich hatte ihn schon öfter gesehen. Er kam immer mit seiner Kamera und wartete, bis wir am Nachmittag aus dem Bau und ans Ufer kamen, um uns füttern zu lassen. Manchmal brachte er uns auch was mit, damit er uns fotografieren konnte.
Naja, dachte ich, er schien ganz friedlich zu sein. Mein Jüngster, der Heini, war sogar schon mal bis zu ihm hin getippelt und hätte ihn fast in die Füße gebissen, weil er sie für Möhrchen hielt. Und der Typ hatte auch heute wieder einen Beutel dabei. Mit Möhrchen drin? Mit Nüsschen? Oder leckeren Äpfelchen?
Also schwamm ich hin, quer über den ganzen See, und watschelte vor ihm an Land. „Hey“, pfiff ich. „Auch wieder mal da?“
Er zuckte richtig zusammen und starrte mich an. „Du kannst sprechen?“ Er schien es nicht glauben zu können.
„Klar kann ich das. Warum?“
„Ööööh …“ Er schien sich zu fangen. „Naja, sprechende Nurtrias sind ja auch das Normalste von der Welt“.
Ich nickte. „Siehst du? Wo ist dein Problem, Kumpel?“
„Wie meinen?“ Er hob seine Kamera und fixierte mich mit dem Objektiv. „Problem?“
„Klar, du sitzt im Rolli. Beine kaputt?“
„Nööö“, lachte er. „Nur der Fuß“ Er wippte damit. „Bin operiert, darf nicht laufen.“
„Ach sooo ..“ Ich nahm mir ein Herz. „Hast du Nüsschen? Möhrchen? Äpfelchen“
„Wenn ich dafür ein ganz schönes Bild bekomme …“ Er grinste, wie Menschen so grinsen. „Dann stell dich mal in Positur.“
Okay, ich machte es. Immerhin sah ich hier eine Chance, mit reicher Beute in den Bau zurück zu kommen und den Abend ohne Nudelholz zu überleben. Ich stellte mit in Positur und machte sogar Männchen für ihn, das ist das Foto, das ihr über meinem Artikel sehn könnt. Allerdings hat das pn-team auch hier zensiert und mit meine manneswürde wegretuschiert. (macht euch nichts draus, Mädels, meine Adresse habt ihr ja – aber nur nach Mitternacht schreiben, wenn Hildchen im Bett ist!)
Der Typ war begeistert. Als er dann endlich fertig war mit fotografieren, war ich platt, denn Posieren ist verdammt anstrengend. Ich musste mich hocken. „Also, Was ist mit den Möhrchen und Nüsschen … öäähhh … hast du auch einen Namen?“
„Hoddi“, sagte er. „Meine Freunde nennen mich Hoddi.“
„Angenehm!“, versicherte ich. „Ich bin Morpheus.“
„Morpheus.“ Er nickte. Aha. Und du kannst sprechen. Und du wohnst hier, mit deiner Familie. Und die können ebenfalls sprechen.“
„Ja, klar. Warum?“
„Und ihr lebt alle zusammen in eurem Bau“, er zeigte zum anderen Ufer, „und unterhaltet euch da und sprecht beim Abendessen über Gott und die Welt.“
„Klar, Hoddi. Aber momentan ist es recht eng bei uns, seitdem Hildchen die neue Küche hat und ich den neuen Computer. Und die Kinder werden ja auch größer und …“
„Moment!“ Er hob die rechte Hand. „Sagtest du grade … Küche? Computer?“
„Ey, wo ist das Problem?“, wollte ich wissen. „Klar haben wir das. Wir kriegen über Erdfunk sogar 27 Fernsehprogramme rein. Was dachtest du denn?“
Er schwieg für eine Weile. Starrte mich an. Ich wurde ungeduldig, denn es war schon spät und wurde dunkel. Und wenn ich ohne etwas zum Fressen in den Bau zurückkam, würde nicht nur Hildchen mich prügeln, sondern die Kinder und Onkel Waldemar auch. „Also, Hoddi … kriege ich jetzt die Möhrchen?“
Er gab sie mir. Die ganze Tasche. Und noch viel, viel mehr, wenn ich …
*
„Morpheus!“ Hildchen war zornig. „Die paar Möhrchen und der schimmelige Apfel! Davon wird die Familie nicht satt!“
Sie saßen am Tisch, Linus, Hamlet, Sybille, Vera, August, Heini und Ralph-Günter, unser diesjähriger Nachwuchs. Onkel Waldemar, der alte Schwerenöter, dem schon das Fell ausfiel. Und Hildchen. Mit der Nudelrolle. Ihre Hand war schon drohend erhoben. „Wie haben Hungäääärrrr!!!!“
„Morgen!“, versicherte ich schnell. „Ehrlich! Ich habe einen Menschentyp angemacht, den Hoddi, Und mit ihm ein Geschäft gemacht! Einen Deal!“
„Ein Deal mit einem Menschen?“ raunzte sie mich an. „Was ist denn das für ein Blödsinn?“
Ich erklärte es ihr. „Der Hoddi schreibt für eine Zeitung … und auch im Internet. Geschichten aus dem Leben, wie zum Beispiel von … sprechenden Nutrias im Schlosspark.“
„Du spinnst, Morpheus!“
„Nein!“ Ich schüttelte heftig den Kopf. „Pass auf, das ist so. Ich hab dem Hoddi versprochen, ihm Geschichten von uns zu erzählen, und er macht daraus seine Geschichten – unsere Abenteuer, unser Leben, verstehst du? Und ich krieg dafür jede Menge Möhrchen, Nüsschen, Äpfelchen ,… alles, was wir wollen. Die Familie ist für den Winter gerettet!“
Hildchen glaubte mir nicht und verdrosch mich nach Strich und Faden.
Als ich mich am anderen Tag wieder mit Hoddi traf, sah er auch gleich meine blauen Augen und erkundigte sich besorgt nach meinem Zustand. Ich erzählte ihm alles und glaube, da macht er seine erste Geschichte draus. Und ich erzählte ihm noch viel mehr – und kam am Abend mit einem Sack voller Möhrchen und Nüsschen nach Hause.
„Ich muss dich wohl loben, Morphi“, sülzte Hildchen im Bett. „Du verkaufst dem Typ also unsere Geschichten und kriegst dafür Futter, jede Menge davon,.“
„So ist es!“, erwiderte ich stolz. „Und Geschichten … da kennen wir ja wohl einige. Was wie hier so alles erleben … und sehen ..“
„Jaaaa“, seufzte sie und kuschelte sich an mich. Ihr dichtes, schwarzes Fell roch tierisch nach Mutt und Moder. „Hauptsache, du erzählst ihm nicht die Geschichte von Robbie und … äh … mir ..“
Ich schluckte
„Das tust du doch nicht, Morphi – oder?“ Sie sprang hoch. „Morpheus! Sag mir jetzt, dass du es ihm nicht gesagt hast! Nicht die Geschichte von mir, Lorelai und Robbie, dem Fischotter!“
Okay, die Prügel überlebte ich, aber so grade noch. Nie hatte ich mein Hildchen so wütend gesehen. Ich kann’s ja auch verstehen, denn was da zwischen ihr, Kusine Lorelai und dem Fischotter abgegangen ist … aber Halloooo …
Ich hab’s überlebt, wie gesagt, und mich danach, wie schwer angeschlagen, in meine Arbeitshöhle und an den Computer zurückgezogen. Hildchen denkt vielleicht, ich würde mit meinen Freundinnen texten, aber in Wirklichkeit …
Hähä … das hab ich ihr natürlich nicht gesagt … dass ich von Hoddi noch was ganz anderes gekriegt habe als nur die Möhrchen, Äpfelchen und Nüsschen ..
Aaaah … so ne kleine Tüte am Abend … da kannst du sogar das Hildchen ertragen …
Wie lesen uns, Freunde!!!
ENDE DER ERSTEN FOLGE DER ALLSEITS BELIEBTEN SERIE "MORPHEUS & Co“
Versäumt nicht die nächste spannende Folge: „Heiße Nächte mit Robbie!“
Ach soooo ... mehr Fotos von mir und der Familie seht ihr in Hoddis Fotoalbum "meine Nutrias"
Morpheus & Co (1) - Der Deal mit Hoddi
Mir sträubt sich das schwarze Fell, wenn ich dran denke!
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