Als ich in diesen Häuserblock vor einem guten halben Jahr einzog, wurde mir sofort von der „richtigen Stelle“ gesagt, wo es hier so lang geht … Die eine Familie hat einen Sohn, welcher Hassparolen gegen Ausländer immer wieder publiziert, im Haus gegenüber wohnt eine Lesbe, die sich an alles Weibliche vergreift, was nicht bei fünf auf den umliegenden Bäumen ist, und im Nachbarhaus wohnt eine Edelnutte, die ihre Nümmerchen gerne öffentlich treibt …
Na, dachte ich, das ist ja das perfekte Umfeld für meine Tochter. Während des Umzugs stellte ich jedoch fest, dass ich so eine Ausnahme von Deutschen bin, die sich hier anzusiedeln versucht. Gemäß der Gerüchte, flogen die Kippen der rauchenden Russen über die Balkone, die Türken unterhielten mehr als Nachbarschaften, wenn sie Familienfeiern abhielten, die Polen stritten sich bis auf das Messer, die Spanier schrien ihre Kinder an und die einzig Braven, lautlosen, disziplinierten Menschen in diesem Häuserblock waren die Deutschen, die ja planmäßig die Treppe putzten, Hof und Garage sauber hielten, und frei von allem waren, was „abnorm“ war …Nun denn, ich hatte den Mietvertrag unterschrieben, die Handwerker standen vor der Türe, die neuen Möbel waren bestellt … ein Zurück gab es jetzt erst mal nicht mehr …
Was wäre die Alternative gewesen? Mein Anwalt bot mir eine Eigentumswohnung in einem Villenviertel an … Oh, ja, eine allein erziehende Mutter zwischen Menschen, die Hunde mehr lieben als Kinder … krass, ich weiß … aber normal … Was macht so eine Mutter? Sie wird beobachtet, ein Freund ist kein Freund mehr … nein, Nachbarn wissen ja alles besser … Die hat die verschiedensten Lover; das arme Kind … was für eine Frau … Ewig steht man dort auf dem Prüfstand, kann machen was man will, man ist out … außen vor … denn frau ist allein stehend … Gefahr für jeden potentiellen Ehemann … Schon das freie Joggen würde für neidvolles Aufsehen sorgen … und dann das abgedrehte Aussehen … mit fast 50 und dann noch Mutter, so läuft man doch nicht herum … gleich einer Nutte … nur so kann das sein …
Aber auch dieser Multikultiblock schien ja nichts anderes zu versprechen … Nur, dass der Fokus mal ausnahmsweise nicht auf mich gerichtet war … Noch nicht, dachte ich. Und ich behielt Recht, denn das deutsche Menschliche bewegte sich in der Unterzahl. Da war man doch verbündet, egal ob ich mich in Mini bewegte, hauteng, mit high heels, oder in meinem nicht gerade verschlossenen Joggingdress … Ich war ja ordentlich, putzte pünktlich die Treppe, ermahnte mein Kind, nicht ganz so kindgerecht seiner Freude außerhalb unserer vier Wände Ausdruck zu verleihen, mein eigener Flur war ja ordentlich, und ich kümmerte mich ja um Hausangelegenheiten … Das Einschrauben von Birnen im Hausflur, das Ölen quietschender Kellertüren ließen mich zur wahren Ikone im Mini des Mieterzusammenhalts einer deutschen Verschworenheit emporsteigen … Wie lange noch? dachte ich …
Doch mein Kind spielte mit den Kindern in diesem Mulitikultisein … wurde mit den unterschiedlichsten Gewohnheiten konfrontiert, weinte, wenn es diesen anderen Kulturen nicht folgen konnte, abgelehnt wurde, weil es „reicher“ war, als die übrigen Kinder … Ich nahm mich dem an, feierte mit Kindern Ostern, die nie Ostern gefeiert hatten, so wie es in unserer Kultur gängig ist, versteckte Ostereier und kleine Geschenke und alle Kinder in diesem Häuserblock waren begeistert beschäftigt. Doch kam ich mir vor, als würde ich für meine Tochter Freundschaften erkaufen …Heute aber weiß ich, dass meine Tochter dazu gehört. Sie hat viel lernen müssen, oft nicht verstanden, warum andere Kulturen andere Lebensweisen haben, doch sie hat gelernt … SIE hat gelernt, nicht andere Kulturen/Kinder …
Mir schräg gegenüber wohnt diese verschriene „Edelnutte“. Durch eines meiner Wohnzimmerfenster kann ich in ihr Wohnzimmer sehen und habe Einblick, direkten Einblick auf ihren Balkon … Seit ich hier wohne, sehe ich immer nur diesen einen Mann, der sie besucht. Er ist jünger als sie, erheblich jünger. Ihr Zuhälter? … dachte ich … Ja, so voreingenommen war ich von dem, was mir anfangs hier entgegen gebracht wurde … Doch blieb dieser junge Mann in der ganzen Zeit der einzige Mann, den ich sah …
Heute Abend war ich gerade dabei, mir eine blue ray DVD von Simpley Red in Sidney anzuschauen und sah gleichzeitig auf den gegenüber liegenden Balkon der vermeintlichen „Nutte“. Sie saß auf ihm, dem einzigen Mann, den ich bisher dort wahrnahm, in einer innigen Umarmung, die mich so stark berührte, dass ich um meine Fassung ringen musste. Da kam so viel Gefühl herüber, so viel Innigkeit, so viel Einssein, eine innige Liebe, die auch noch nach all den Monaten, seit dem ich in diesen Wohnblock einzog, Bestand hat.
Ist sie eine Alte, die einen Jungen vernascht? Ist sie eine Polin, die sich auf verruchte Weise ihr Geld verdient, oder ist sie eine Frau, die innig liebt und wieder geliebt wird? Eine Liebe, die so innig ist, obwohl Monate vergangen sind, seit ich hier wohne … eine Liebe, wo man meint, die sich schnell abnutzt … eine Liebe, die nur auf Materielles ausgerichtet ist … Nein, wer den selben Blick wie ich gehabt hätte, der würde nochmals bestätigt werden, dass Liebe keine Grenzen kennt … und ich bin froh um dieses Wahrnehmen, rühre meinen türkischen Kaffee, den ich ein bisschen nach deutscher Manier verändere, weil ich Schokostreusel darüber streue und genieße Multikulti zu leben …
Ach übrigens, die Kippen der Russen fliegen noch immer über die Balkone, wenn dort Familienfeiern anstehen. Doch war ich vor kurzem dort mit eingeladen und stand ganz einsam mit so einem Pappaschenbecher herum …Die Spanier lächeln mich an, wenn sie so ihr Temperament heraus lassen und meinen, dass dies allemal besser ist, als etwas herunter zu schlucken, die Polen schauen mich verständnislos an, weil Temperament ein Ausdruck von Gefühl ist und auch verstanden wird, wenn man genauso ist, die Türken feiern, und dieses Ausgelassensein ist ihre Mentalität, je lautstärker desto schöner … und wir Deutschen? Wissen wir alles besser? Oder leben wir einfach … so wie unsere Nachbarn … und vielleicht auch mit ihnen zusammen …
Sarah
