Ausgebombt! So nannte man das, was ihrer Familie widerfahren war. Das Heim, in welchem sie beschützt und geliebt von ihren Eltern mit ihren Geschwistern aufgewachsen war, das gab es nicht mehr, ja die ganze Straßenzeile gab es nicht mehr. Ihr Vater und Bruder waren verschollen, ihre Mutter schwerkrank und sie als Älteste hatte nun mit 17 die Verantwortung für ihre 2 jüngeren Schwestern.
So kam sie als Großstadtkind aufs Land, man wies ihr, ihrer kranken Mutter und ihren Geschwistern eine Unterkunft, denn Wohnung konnte man das Loch, in dem sie hausen mussten, nicht nennen, zu. Die eine Schwester leistete Schwerstarbeit bei einem Bauern, dafür bekam sie als Lohn abends eine Handvoll Kartoffeln oder Rüben, oder Küchenabfälle. Die andere Schwester hatte es anscheinend gut getroffen: die hübsche 15jährige Rothaarige durfte Haushälterin beim ortsansässigen Pfarrer werden. Die Geschichten, die sie erzählte, durfte niemand erfahren! SO etwas tut ein Pfarrer nämlich nicht!
Sie selbst pflegte ihre Mutter, ging kilometerweit, um die letzten Wertgegenstände bei den Bauern gegen Nahrungsmittel einzutauschen, versuchte irgendwie den Geschwistern ein Zuhause zu geben.
Dann verstarb entkräftet die geliebte Mutter. Wenn in dem zerbombten Land auch nichts mehr funktionierte: die Bürokratie tat es, mit aller Wucht! In dem Schreiben des Vormundschaftgerichts stand es: da der Haushaltsvorstand verschollen bzw. verstorben...blablabla...., keine Person volljährig ….blablabla...werde sie nach X, ihr Schwester nach Y und die Jüngste nach Z verbracht. Und das binnen 3 Wochen.
Und so wuchs sie über sich selbst hinaus. Das letzte Lebenszeichen ihres Vaters war aus Danzig. Sie packte ihre Habseligkeiten und machte sich auf den Weg in eine Stadt, die sie nur aus ihren Erdkundebüchern kannte. Was sie auf ihrer Suchreise erlebte, würde Bände füllen. Aber sie fand ihren Vater nicht, nur das Lazarett, wo er zuletzt gelegen hatte, man gab ihr wieder eine Adresse, aber die Zeit wurde knapp und sie musste zurück.
Niedergeschlagen und hoffnungslos kam sie wieder „zu Hause“ an. Ein verhärmter alter Mann in zerlumpter Kleidung öffnete die Türe: erst auf den zweiten Blick erkannte sie in ihm den Bruder, er, der total gebrochen durch den Krieg war, an Krücken gehend, die Haare ergraut, aber er war 22 und damit volljährig und der neue amtliche Haushaltsvorstand. Sie durften zusammenbleiben.
