Nachtgesang
Drei Frauen, einander zu getan, in vielen Dingen sich gleichend. Sie respektieren sich, sie mögen sich. Sind alle drei um die Fünfzig, heute möchte man sagen: „bestes Frauenalter", zumal man selber dazu gehört und es wissen muss!
Maschinenbauingenieur ist Marta, Suse unterrichtet Mathematik an der Universität und die Nele ist Polizeihauptkommissar. Auf die weiblichen Endungen in ihren Berufsbezeichnungen verzichten sie, da stehen sie drüber.
Alle drei haben sie je zwei erwachsene Kinder und Marta ist vor wenigen Tagen gar Großmutter geworden.
Die drei Freundinnen arbeiten gemeinsam an einem literarischen Projekt. Sie ergründen das Leben historischer Personen, die einst in ihrer Stadt lebten und wirkten. Sie schreiben Texte für Kinder und Jugendliche über diese Persönlichkeiten und wollen so Geschichten ihrer Stadt einem jungen Publikum nahe bringen.
Höhepunkte ihrer anstrengenden Tage sind gelegentliche Treffen, die ausschließlich der Erbauung, der Freude dienen.
Marta hatte eingeladen. Eingeladen zum Mitternachtsschwimmen in ihrem neuen Swimmingpool.
Bei Marta, das war zurzeit das Domizil ihres Liebhabers Ronald, gelegen in einem Villenvorort einer großen deutschen Stadt.
Als Suse und die Nele mit dem Auto vorfuhren, staunten sie nicht schlecht, als sie von einem livrierten Diener in das Grundstück eingewiesen wurden.
Erst rechts, dann links und schließlich parken unter alten Eichen.
Solch riesige Grundstücke kannten die Freundinnen nur aus dem Film.
Nachdem sie ausgestiegen sind, begrüßten sie lachend Marta und deren Lover.
Der Diener bestückte unterdessen eine schwimmende Scholle im Pool mit Sekt und Naschereien.
Er schaltete die farbige Unterwasserbeleuchtung ein und betätigte die Musikanlage aus welcher nun afrikanische Trommeln erklangen.
Ronald zog sich zurück und die Frauen sprangen unbekleidet und übermütig ins Wasser.
Mehr planschten sie, als sie schwammen, lachten und prosteten sich zu. Marta bekam einen Wadenkrampf, den die Nele ihr aber weg zu massieren versuchte.
Suse trommelte mit Knabberstangen auf der Eisscholle im Takt zur Musik aus der Anlage.
Später setzten sich die Freundinnen auf Kissen und Decken auf ein, von Fackellichtern eingerahmtes, Plätzchen unter Bäumen.
Der Diener, woher hatte Marta den nur, brachte auf einem Servierwagen gebratenes Hühnchen in Ingwersoße, gereicht auf Reis und Fladenbrot. Dazu gab es Früchte und Salate.
Nach dem Essen und dem Genuss von einem vorzüglichen 98er Cabernet Sauvignon, begann die Zeit, die geheime Gedanken, Wünsche und Lüste freizulegen vermag.
Suse schwärmte vom Ambiente des Abends bei Marta. Doch Marta entgegnete schnell:
„Ich bleibe hier nicht."
Verwundert tauschen Suse und die Nele einen Blick miteinander. Marta grinste und sprach von Ansprüchen an die Liebe, die mit Luxus nichts zu tun haben. Liebe gleich Übereinstimmung. Gleiche Interessen, sich gleichende Träume in denen man sich treffen und wieder erkennen wird.
Ronald trifft sie außerhalb des Bettes nirgends.
Schade.
Doch ist es so und damit will sich Marta trotz ihrer Fünfzig Jahre oder gerade wegen dieser gelebten und erfahrenen Jahre, nicht abfinden.
Kopfnickend am Cocktail schlürfend, pflichteten Suse und die Nele ihr bei.
Liebe, Übereinstimmung und Begegnung in den Träumen, ja das ist alles was zählt.
Da kann auch die bunteste Unterwasserleuchte in der Gegenstromanlage eines Swimmingpools nichts ausrichten.
„Ach, ja, Suse, und wie geht es dir, da du jüngst dein außereheliches Verhältnis legalisiert hast"?
Frank, Suses Ehemann, ist mit einer langbeinigen Blondine fort gezogen und hat nach der Scheidung Suse das gemeinsame Haus überlassen. In jenes ist nun Suses Liebhaber eingezogen.
„Na, Gott, anders als ein versteckt zu haltendes Liebesverhältnis ist es schon."
Die Nele glaubte ein Bedauern heraus gehört zu haben. Sie fragte nach:
„Wie jetzt? Kein Feuer mehr am Brennen?"
Suse wehrte ab, so sei es nicht. Doch will sie gern zugeben, dass gelegentliche heimliche Treffen etwas Abenteuerliches haben und diese durchaus ihren Reiz haben. Im Alltag müsse man sich bemühen den Zauber der Liebe festzuhalten. Er dürfe nicht mit verfärbten Socken und angebranntem Essen verloren gehen.
Aber Nele.
Was macht die Nele?
Die Freundinnen wissen, dass sie zwei Liebhaber hat und das bisher ganz gut zu koordinieren wusste.
Eric, der Mann aus dem Norden, war ohne jeden Zweifel Neles Pendant. Er war der Mann der die Lücken ihrer Persönlichkeit füllte, der Zweifel erzeugte und wieder ausräumte. Eric war Neles große Liebe. Jene Liebe die man für einzigartig hält.
Nele erzählte, dass sie, wenn sie in seinen Armen versank, in Raum und Zeit versinken konnte. Nie zuvor hatte sie den Wunsch nach intimen Zärtlichkeiten so tief gespürt wie bei ihm. Mit ihm fühlte sie sich eins. Eins im Gleisbett, überrollt von einem zig Meter langen Güterzug. Küssend, atemlos aushaltend, von einer Extase in die nächste. Die Nele erzählte ihren Freundinnen, dass sie seit Eric wusste, was multiple Orgasmen sind.
Marta und Suse schwiegen. Es war ihnen nicht anzusehen, was sie dachten.
Eric war weit fort. Weiter als Australien, wenn man V E R H E I R A T E T so nennen darf. Und Eric hielt zu seiner Frau. Vierzig Jahre löscht keine aus, auch nicht die Nele im Gleisbett.
Das wussten sie alle drei.
Nele erzählte von Krischan. Ein schüchterner Junggeselle aus der Nachbarschaft. Er besaß einen Hund, wie auch die Nele. Sie lernten sich beim Gassi-Gehen kennen.
Sie redeten über sich und ihre knappe Freizeit. Krischan arbeitete im Schichtdienst eines Sicherheitsdienstes des Flughafens.
Gemeinsame Stunden verlebten sie selten, aber intensiv. Sie erlebten sinnesfrohen Sex, doch nie nahm die Nele Krischan mit ins Gleisbett.
Das war reserviert für einen Traum.
Sie trotzte gegen die Liebe zum Nordlicht, doch befreien konnte sie sich nicht. Auch nicht mit Krischan.
So stehen die Dinge.
Marta und Suse wurden nachdenklich, aber bevor die Stimmung ins Sentimentale kippen könnte, legte die Nele eine andere CD in die Musikanlage und es ertönte ein alter Ost-Rock-Song: „ Alt wie ein Baum" von den Phudys.
Und die Frauen sangen laut und fröhlich mit.
Ja, alt wie ein Baum werden, jeden gelebten Tag mit Leben, Arbeit und Liebe ausfüllen. Niemals Ideale, Sehnsüchte und die eigenen Träume verraten!
Keine Kompromisse!
Und so wird Marta Ronald und seinen Swimmingpool verlassen, so wird Suse ihrem Freund wieder die eigene Wohnung empfehlen um ihrer gemeinsamen Liebe Willen.
Und Nele?
Was tut sie?
Das wird sie beim nächsten Weibertreffen verraten.
