Seit meine Schwägerin Gertraud in Kreuzberg die Berliner Seiten der Frankfurter Allgemeinen (FAZ) liest, die ihr der benachbarte türkische Gemüsehändler Omar Ymürgrün, ein verlässlicher Wahlhelfer der CDU, allmorgendlich vor die Tür legt, hat sie einen Traum: Sie möchte den Sechzigsten ihres Gatten Rudolf in einem dieser schicken Restaurants feiern, die in der FAZ gelegentlich von feuilletonistischen Feinschmeckern vorgestellt werden und offenbar wie Pilze aus dem Boden schießen, seit Berlin wieder Kanzlerstadt ist. Am liebsten würde sie den Abend in solch einem turmhohen Etablissement am Potsdamer Platz verbringen, ach: einmal im Leben gnädige Frau sein, und nicht bloß die Traudel! Dinieren in einem Wolkenkratzer, der mindestens so viele Etagen hat wie der gute Rudi nun bald Lebensjahre.

Der freilich findet den Vorschlag nicht so berauschend: Ob sie nicht wisse, dass er unter Höhenängsten leide? Es ist ihr neu, beim Alpenglühen unlängst noch im Allgäu war er Gipfelstürmer. So was kommt eben plötzlich, sagt der Rudi. Auch weiß man nie, denkt er, wer einem unverhofft dort oben in die Suppe springt. Das sagt er aber lieber nicht.

Was guckst du, fragt Ymürgrün die traurige Traudel, die ihm nun vom Sturz aus ihren gastronomischen Träumen berichtet, und wie immer wird ihr guter Rat zuteil: In der FAZ wird grad ein neues Lokal empfohlen, das sich mitten im vernachlässigten nördlichen Kreuzberg anschickt, die Höhen der Gaststättenkultur zu erstürmen, ohne dabei vom sicheren Boden abzuheben. Ein Lokalitätchen eher, gewiss, aber eines, das den mayoverkleisterten Chickenparadiesen der Bigmac-Metropole Kreuzberg ein Zweistuben-Etablissement entgegensetzt und kulinarischen Widerstand gegen die tristen Verhältnisse leisten will. Was wohl nichts anderes bedeutet als die Rettung der fastfood-gemarterten Geschmacksknospe, die im Kreuzberger Imbiss-Einerlei lustlos vor sich hinschrumpelt.

Namenspatron des Etablissementchens sei ein triestinisch-schwäbischer Dichter, schreibt der Gaststättenreporter, und so was verpflichtet natürlich – auch zu einem Zeitungsstil, der im vernachlässigten Kreuzberg kaum je gepflegt wurde. Hinter Windfang und Kneipenfries, hören wir Traudchen das Blatt zitieren, vollzieht sich der Übergang zum Feinen in leisen Schritten, mit denen der Gast schon in das unscheinbare, aus zwei Stuben gebildete Restaurant tritt. Die Aussicht, seinen runden Geburtstag parterre feiern zu dürfen und ihn folglich nun wohl auch unbeschadet zu überleben, stimmt den lauschenden Rudi milde, und entspannt überlegt er, wie seine Frau das im Falle einer Feier wohl hinkriegen will mit dem Übergang zum Feinen in leisen Schritten. Hat sie doch in den Reifejahren still und stetig an Gewicht gewonnen.

Was sie zunächst auf den Gedanken bringt, mit einem der angebotenen Tellergerichte, deren Preise 17 Euro nicht überschreiten, vorlieb zu nehmen, aber das Geburtstagskind erhebt berechtigten Anspruch auf mehrere Teller zur Feier des Tages, und Traudchen sucht begütigend nach den Menüs. Von denen zwei im Angebot sind. Während beim Dreigänger für 21 Euro die Speisefolge zu erfahren ist, hüllt sich das um zwei Positionen erweiterte Überraschungsmenü (27 Euro) in Schweigen, steht zu lesen, und Traudel sagt spitz: Ich bin nicht neugierig. Was Rudi still bezweifelt, während er laut gesellig wird: Und darauf einen Chardonnay! Aber das nimmt er schnell wieder zurück, als er den Preis liest: 24 Euro pro halbe Flasche. Und das für einen Tropfen, der laut FAZ bedeutend älter schmeckt, als er ist. Da will er dann doch lieber was Einheimisches probieren, indes weiß die Zeitung auch da kaum Erfreuliches zu vermelden: Der Badener passt ... wegen seines kreidigen Dufts sowie knappen Bittertons gerade noch zu Vorspeisen und Fisch, zu Rudi also passt er nicht, geschweige denn zu Traudel. Die sich dennoch zu der Erklärung genötigt sieht, dass sie nichts unpassender finde als kreidigen Duft, vor allem zur blassblauen Bluse. Auch sei sie im Verlauf einer langen und – nun ja – auch leidlich zufrieden stellenden Ehe mit Bittertönen ausreichend versorgt worden. So bleibt nur noch ein Weinchen der portugiesischen Bright Brothers für 25 Euro zu verkosten, von dem Rudolf seiner lieben Frau aber eine Spur zu schadenfroh grinsend abrät, wie ihr scheint, weshalb sie nun selber liest: Ein dominanter Cabernet, der breitmacht ...

Man versöhnt sich wieder beim Tafelspitz, den das Blatt als eine Etüde aus mürbem Fleisch und kernigem Gemüse rühmt. Während der FAZ-Verkoster aber den Küchenchef lobt, weil der weder dem Krakenklein die Chance bietet, gummihaft zu werden, noch dem Petersfisch, an die Ferne des Meeres zu erinnern, meint die herzensgute Traudel: Woran soll er denn sonst erinnern, wo er doch ein Fisch ist?!

Was man ihm freilich bald nicht mehr ansieht, denn er wird mit einer Art Schlafrock aus Petersilienwurzel und anderen frischen Viktualien lächerlich gemacht, worüber der Mitesser von der FAZ ganz aus dem Häuschen gerät vor Entzücken und bei diesem postmortalen Mummenschanz gar an ein Negligé (!) denkt, dessen röstiges Aroma von einer dichten, wohl abgerundeten Beurre blanc aufgefangen und von klitzeklein geschnittenem Steinpilz-Ragout um erdigen Ton ergänzt wird. Worauf das Ehepaar nun in schöner Eintracht den Kopf schüttelt über so viel Reporterdämlichkeit, die selbst noch den erdigen Ton von schlampig geputzten Steinpilzen zur Delikatesse verklärt.

Wild und waldig greift dann der extrem konzentrierte Fond unter den rosigen Scheiben des Hirschkalbsrücken das angeschlagene Thema auf, dichtet der journalistische Topfgucker weiter, aber weder Traudel noch Rudi wollen das Thema Wild, Wald und Negligé mit Bratkartoffelduft noch vertiefen. Auch übergehen sie das Wachtelbohnenmus aus Rücksicht auf Rudis lebhafte Verdauung und gönnen sich bloß noch die Abschluss-Eloge, die der Reporter auf den Koch verfasste, wohl weil er beim Nachtisch auf Nachschlag hoffte: Nun könnte der Gast denken, dass beim Dessert die Kräfte des Kochs notgedrungen erlahmen müssen, setzt er salbungsvoll an, bevor er zum Parfait kommt, aber Traudchen denkt bloß: Wer sich beim Pilzputzen schont, wird sich auch beim Parfait keinen Bruch heben!

Zur Abrundung gibt’s noch was zu knabbern: Das luftige Nussgebäck polstert zwischendurch gegen Kälte und Säure, zitiert Traudel. Und beinahe hätte es wieder Streit gegeben um die Frage, wo man sich das Knusperzeug denn nun am besten hinstecken sollte, um zuverlässig gepolstert zu sein gegen Kälte und Säure und diesen traumatischen Winter. Doch darauf weiß selbst Nachbar Ymürgrün keine Antwort, verspricht aber, sich kundig zu machen bei seinen Parteifreunden.

Tags drauf winkt er Rudi in seinen Laden und zeigt verschwörerisch mit dem Daumen über die Schulter auf die Hintertür: Weißt du, scheiß auf Wachtelbohnen und Nusspolster, eine Stube mit Windfang und Kneipenfries habe ich auch, und mit frischen Viktualien kann ich ebenfalls dienen! – Da sieht es nun ganz so aus, als würde es doch noch ein schönes Geburtstagsfest werden. Zu ebener Erde zwar und im bescheidenen Hinterzimmer, aber mit Brandenburger Lamm, Türkischem Honig, Berliner Napfkuchen, und, so der verschmitzte Ymürgrün, vielleicht sogar mit einem Überraschungsgast. Ich bin auch eingeladen. Aber mit dem Überraschungsgast kann ich nicht gemeint sein.

© P. B.