Dummheit und Neid oder der Freibrief die Solidargemeinschaft in Frage zu stellen
Es ist empörend, wie in PN auf Minderheiten herum getrampelt wird. Eine wird dabei permanent zum Ziel der Diskussionen in „efunda“, der arbeitsscheue, sozialleistungsschnorrende Hartz-IV Bezieher.
An diesem Bevölkerungsanteil kann man sich ja auch scheinbar hervorragend austoben.
Denn dass hier der Mob tobt, erleben alle, die sich mal in Ruhe die Kommentare zu diesen Themen durchlesen. Hier wird nicht argumentiert, hier wird in erster Linie unterstellt und provoziert.
Entweder fehlt es an Bildung oder an Empathie bezüglich eines Umstands, in den jeder in dieser Gesellschaft hinein geraten kann. Arbeitslos, hilfsbedürftig zu werden, auf die Solidargemeinschaft angewiesen zu sein. Welche Schmach in den Augen der meisten Platinnetz-User.
Es gibt in jeder Gesellschaft, in jeder Bevölkerung Menschen, die sich an Gesetze und ihre Pflichten halten und auch ihre Rechte kennen. Aber genauso gibt es eine Minderheit, die schon immer auf ihren Vorteil bedacht waren und sind. Steuerhinterzieher, Behindertenparkplatzbesetzer, Arbeitsunwillige, die das System der staatlichen Unterstützung ausnutzen. Verbrecher, egal ob groß oder klein, alle schaden der Solidargemeinschaft.
Aber noch viel schlimmer ist die Tatsache, dass aus Unwissenheit oder aufgrund von Stammtischparolen undifferenziert alle in einen Sack gesteckt werden und dann der verbale Knüppel herausgeholt wird. Wobei es ironischer weise nur gegen den Hartz-IV Bezieher geht, der ja in den Augen einiger per se ein fauler Zeitgenosse ist. Woher nehmen diese Menschen diese epochale Erkenntnis? Aus dem Studium diverser Talkshows, wo es wirklich Menschen gibt, die rotzfrech und fernsehwirksam behaupten, dass sie es nicht nötig haben zu arbeiten, da alle staatlichen Transferleistungen in der Summe ein prima Leben ermöglichen, inklusive Flat-TV, Urlaub etc.
Ob das so der Wahrheit entspricht, mag ich stark bezweifeln, aber darum geht es ja auch nicht.
Pervers ist der Schluss, zu dem hier sehr viele kommen, dass dies die Regel ist und jeder Bedürftige aus Jux und Tollerei den Staat ergo den Steuerzahler ausnimmt.
Wenn jemand ohne Verschulden arbeitslos wird, was übrigens bis auf die Beamten und die meisten Angestellten im öffentlichen Dienst, jeden treffen kann, und auf die finanzielle Unterstützung unseres Sozialsystems angewiesen ist, dann erhält er diese Leistung, weil sie ihm zusteht. Das ist so Gesetz in diesem Land, was es ja auch erlaubt, sein Mütchen an den Schwächsten zu kühlen, ohne das es Konsequenzen hat. Hier wird Ausgrenzung betrieben, statt Hilfe zu gewähren. Etwas, das es in einem angeblich christlich orientierten Land und seiner Gesellschaft ohne zu überlegen geben sollte, hat es der Herr doch gepredigt und ist es doch Bestandteil der christlichen Religionslehre.
Nur was erleben wir hier? Eine unsägliche Neiddebatte. Da wird per se keinem Hartz-IV Empfänger überhaupt etwas gegönnt. Sicherlich erhält jemand, der nicht arbeitet, egal ob er will, kann oder nicht darf, zumindest so viel Geld, dass Miete, Heizung und auch Lebensmittel finanziert werden können. Im Einzelfall wird es sogar dazu kommen, dass eine Bedarfsgemeinschaft mehr Netto zur Verfügung hat, als ein Arbeitnehmer, der seine Familie von seinem Verdienst unterhalten muss.
Aber das ist nicht die Schuld des Sozialhilfeempfängers.
Das ist die Schuld der Politik und der Arbeitgeber, die in erster Linie ihren Profit und nicht das Allgemeinwohl im Sinn haben. Eigentum verpflichtet, heißt es schon im Grundgesetz.
Die Antwort unserer Staatslenker? Fordern und fördern war und ist immer noch die Devise. Aber was soll denn gefördert werden?
Bisher tritt die Agentur für Arbeit in erster Linie als Geldverschwender auf. Da werden Maßnahmen für Arbeitslose ins Leben gerufen, die an der Wirklichkeit und an einer Wirksamkeit weit vorbei gehen. Da wird in erster Linie Geld umgeschichtet, unsinnige Kurse bezahlt und statt dem Arbeitssuchenden effektiv zu helfen, sorgt man dafür, dass inzwischen eine Maschinerie von Fortbildungsangeboten auf dem Markt sind und deren Träger immer reicher werden.
Nach zwölf Monaten (in der Regel) rutscht dann der Arbeitssuchende automatisch in die Falle Hartz‑IV. So ist das zumindest von der Politik gewollt. Und unsere Gesellschaft holt noch die Neidkeule heraus und verurteilt jeden, der dieses Problem hat.
Kranke und behinderte Menschen erhalten Sozialhilfe, Kinder alleinerziehender Eltern erhalten Sozialhilfe, alleinerziehende Eltern, die sich in den Augen der Gesellschaft ja unbedingt um ihre Kinder kümmern sollen, erhalten Sozialhilfe, und schwerarbeitende Menschen, die mit ihrem Nettolohn nicht in die Lage versetzt werden, eine Familie zu ernähren, erhalten Sozialhilfe.
Sollen das alle Schmarotzer sein? Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.
Natürlich sollen die „Arbeitsscheuen“ sich ihr Geld verdienen, aber die Steuerhinterzieher sollen auch gefälligst ihre Strafe bekommen. Oder ist das etwas völlig anderes? Wer Eure Kommentare liest, die sich in Menschenverachtung teilweise überbieten, hat man das Gefühl, einer Inquisition beizuwohnen. Alle sind faul, sollen Schnee schaufeln, Toiletten putzen, eventuell „Euch“ die Füße küssen? Weil Ihr paar Hetzer es seid, die so großzügig Almosen verteilen?
Spätestens hier kommt der Reflex einer guten Erziehung, der mir verbietet die entsprechenden Worte aus meiner Tastatur kommen zu lassen. Ihr Hetzer benutzt ein Vokabular, das dem der Nazis vor nicht allzu langer Zeit so sehr ähnelt, dass einem nur noch übel werden kann. Und schon kommen die Gegenreflexe, „ich doch nicht“, „wer keine Argumente habe, holt das 3te Reich wieder hervor“, etc.
Ja dann überlegt doch mal, warum sich dieser Eindruck in den Kopf schleicht. Lest doch im Internet, das scheinbar die neue Heimat von vielen geworden ist, nach, welches Vokabular da wohl gemeint ist. Informiert Euch mal über Hexenverbrennungen und Minderheitenverfolgungen und das Verhalten von Ratten, die in die Enge getrieben werden.
So kommen mir diese Leutchen vor, wie Ratten, die Angst haben, jeder Sozialhilfeempfänger hat es auf seinen Fressnapf abgesehen. Da kann man gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte.
Schamgefühl ist dann wohl genauso ein Fremdwort wie Nächstenliebe und Hilfe.
Sorgt mit der gleichen Energie, mit der Ihr Sozialhilfeempfänger geißelt doch dafür, dass Eure gewählten Politiker sich mal darum kümmern, dass einem Arbeiter nicht die Steuerlast erdrückt sondern der „Leistungsträger“, der so viel verdient, dass er aus der Solidargemeinschaft rausfällt, seinen Anteil der Steuerlast auch wirklich trägt. Denn wer der wirkliche Leistungsträger in diesem Land ist, sehe ich zumindest vollkommen anders. Sorgt dafür, dass der Mittelstand erhalten bleibt und wir nicht letztendlich zu einer Zweischichtengesellschaft verkommen. Da solltet Ihr ansetzen und nicht vor lauter Neid geifernd den Sozialhilfeempfängern nachstellen. Das sich Arbeit nicht lohnt, aber der Lohn zufrieden macht. Denn die Gewinne der Arbeitgeber und der Banken leiden seltsamerweise nicht unter der Ausnutzung der Sozialhilfeleistungen.
Glaubt Ihr wirklich, dass „die alle“ keine Lust mehr haben zu arbeiten? Ist das bisschen Sozialhilfe das einzig erstrebenswerte im Leben? Wenn Ihr so denkt, dann ist es eh zwecklos an irgendetwas in Euch zu appellieren, dann fehlt Euch schlichtweg der Verstand, um zu erkennen, was hier abgeht.
Hofiert die Promis, seid bei allen Events dabei, lasst Euch weiter verkohlen und lasst Euch weiter den Sündenbock präsentieren, den arbeitsunwilligen Hartz-IV Bezieher. Denn nur der macht Euer kleines Leben so schwer und stressig, ja erbärmlich, aber das ist dann nicht Euer Leben, das seid Ihr.
Denn denkt dran, wer mit einem Finger auf einen anderen Menschen zeigt, der zeigt mindestens mit drei Fingern auf sich selbst. Hört auf zu verallgemeinern, denn es kann und wird auch Euch irgendwann einmal treffen. Hört auf Euch aufhetzen zu lassen, denn das einzige was die meisten noch unterscheidet ist die Tatsache, dass die Einen noch Arbeit haben und die Anderen nicht mehr.
Seht Euch doch in Eurer Verwandtschaft mal um, oder in Eurem Bekanntenkreis, gibt es da keinen Sozialhilfeempfänger?
Ich bin jedenfalls sehr froh, keine Sozialhilfe beziehen zu müssen, dann wie man sich da fühlen muss, kann ich mir lebhaft vorstellen. Denn wer will sich schon beschuldigen lassen, seinen Bedarf erklären müssen, obwohl vorher eine Leistung für die Gesellschaft erbracht wurde. Wie würdet Ihr Euch fühlen, wenn Ihr morgen hilfsbedürftig würdet und Ihr Euerm momentanen Verhalten begegnen würdet? Denkt mal darüber nach, es würde nicht schaden.
