Es war einmal eine alte Frau. Sie wohnte zusammen mit ihren Söhnen in einem Hause. Das Haus stand auf einem Wohnplatz, auf dem es im ganzen nur zwei Behausungen gab. Eines Tages kam ihr jüngster Sohn nicht mehr vom Fang zurück. Die Mutter wurde von tiefer Trauer befallen. Als auch noch ihr zweiter Sohn verunglückte, war sie ganz verzweifelt. Sie weinte und weinte, den ganzen Tag, die ganze Nacht, und es wurde Morgen, und sie weinte immer noch. Gegen Abend des anderen Tages verlor sie das Bewußtsein. Die Leute glaubten, sie wäre tot.
Die alte Frau aber merkt plötzlich, daß sie auf dem Weg ins Land der Toten ist. Sie sieht ein großes Loch im Himmel. Sie kriecht dort oben hindurch. Sie geht und geht immer weiter, und sie weiß nicht, wohin sie geht. Da kommt sie zu einem großen Stein. Der dreht sich und versperrt ihr den Weg. Unter dem Stein sind viele Menschenknochen, und der Stein selbst ist voller Blut. Sie sieht keinen Menschen, aber sie hört eine Stimme rufen:
"Ist es ein Toter, der da kommt?"
Sie hat noch gar keine Zeit zum Antworten bekommen, als sie ihre Großmutter erblickt. Die war vor vielen Jahren gestorben. Und die Großmutter kommt zu ihr hin und sagt: "Du mußt der Stimme antworten: Ich bin kein toter, ich bin ein lebender Mensch!"
Als die alte Frau das getan hat, darf sie weitergehen. Sie kommt zu einem Haus. Sie folgt jetzt ihrer Großmutter und beide schauen zum Hauseingang hinein. Sie sehen, daß er voller Wasser steht. Der einzige Weg, der hinüberführt, ist so schmal wie ein Riemen aus dem Fell einer Großkobbe. Und sie bleiben stehen und hören, wie eine Stimme im Hause ruft:
"Kommt da ein Toter gegangen?"
Und ihre Großmutter sagt, daß sie antworten soll: "Nein, ich bin ein Lebender!"
Nun gehen sie ins Haus. Und kaum sind sie hineingekommen, da er-kennt die Frau auch schon ihre beiden Söhne. Und sie freut sich sehr. Aber da sieht sie, daß ihr jüngster Sohn an Füßen und Waden ganz mit Eis bedeckt ist, fast hinauf bis zu den Knien. Da geht sie zu ihm hin und entfernt all das Eis von seinen Beinen. Und der Sohn sagt zu ihr:
"Schlecht geht es uns, wenn du so unbeherrscht über unseren Tod trauerst. Deine Tränen sind es, die an unseren Beinen zu Eis gefrieren."
Darüber wird die Mutter sehr betrübt. Sie sieht, daß auch der älteste Sohn Eis an den Beinen hat, und sie fängt an, auch von seinen Beinen und Füßen das Eis zu entfernen. Da beginnt die Großmutter zu reden. Sie sagt: "Weine nun nicht mehr, wenn du nach Hause kommst, denn deine Trauer wird deinen Söhnen nur Leid bringen."
Die alte Mutter bleibt noch eine Weile im Haus. Da hört sie eine Stimme. Als sie sich umdreht, da sieht sie ein junges Mädchen. Das greift nach einem abgenagten Knochen. Durch einen Riemen ist der gesteckt, der von einer Decke hängt.
Die alte Frau sieht sie an und denkt:
"Was macht die da bloß?"
Ihre Großmutter versteht sofort diesen Gedanken und antwortet:
"Sie wollte unten auf Erden niemals den Freudentanz mittanzen, darum muß sie das jetzt tun."
Die alte Frau bleibt noch eine Weile im Haus und wundert sich sich über all die merkwürdigen Dinge, die sie sieht. Aber dann sagt die Großmutter zu ihr:
"Du mußt jetzt wieder auf die Erde zurück, denn du bist noch nicht tot. Erst nach deinem Tode kommst du zu deinen Kindern hinauf."
So leid es ihr auch tut, sie muß sich auf den Heimweg machen. Als sie aber noch überlegt, ob sie sofort aufbrechen soll, oder noch ein bißchen oben bleiben kann, da stößt sie die Großmutter einfach in den Himmelsraum hinaus. Sie kommt wieder zu dem großen Stein. Der dreht sich mahlend. Jetzt steht er still und sie kann leicht vorbeikommen. Da geht sie weiter bis zu dem großen Loch, das durch den Himmel geht. Hier trifft sie einen jungen Mann von ihrem Wohnplatz. Er will gerade durch das Loch nach oben klettern. Aber sie stößt ihn vor sich her und bekommt ihn mit nach unten. Er setzt sich zur Wehr, sie muß ihn geradezu mit Gewalt in ihr Haus stoßen. Als sie kurz zuvor zum Fenster hineingeschaut hatte, hatten die Leute seinen Körper bereits auf den Fußboden gelegt. Die Seele hatte den Körper verlassen und man glaubte, er sei tot. Als jetzt aber die Alte mit der Seele zurückkommt, da lebt er wieder auf. Auf dieselbe Weise, kriecht die Seele der alten Mutter nun in ihren eigenen Körper zurück. Der wird jetzt auch wieder lebendig, gerade in dem Augenblick, als die Leute endgültig glauben, daß sie tot sei.

Aber nachdem sie nun ihre beiden Söhne gesehen hatte und wußte, daß sie nach dem Tode zu ihnen hinaufkommen und mit ihnen zusammen sein würde, lebte sie den Rest ihres Lebens in Freude. Und der junge Mann, dessen Leben sie gerettet hatte, brachte ihr ständig Fleisch, so daß sie ohne Sorgen bis an das Ende ihrer Tage leben konnte.


--------------------------------------------------------------------------------

Quelle: "Tausend Tore in die Welt", Otto Betz
Leicht geänderte Fassung W.v. Hirschmann