„Dat Gertie hat et widder schlimm mit sein Ischias“, sag ich un zieh mir die schwarze Lockenperück von der Omma stramm. „Bis du jetz mit der Sülz un de Bratkartoffel fertig, Willi?“
„Dat war lecker, Frau“, leckt er sich de Zung. „Kipp uns jetz en Steinhäger ein – un gib der Tant Martha auch einen. Damit die endlich wat lustiger wird.“ Er dreht sich nach rechts um, wo die Tant Martha sitzt – abber nur in seiner Fantasie. „Wat is denn eigentlich los mit dir, Martha? Un wo has du dein Ferdi gelassen?“
„Moment!“, sag ich un steh schnell auf, um dat Geschirr von der Sülz un den Bratkartoffeln in de Spüle zu bringen. Der Oppa hat nur en kleine Altenwohnung vom Roten Kreuz. Hier sein Wohnzimmer mit der kleinen Küch, un nebenan sein Schlafzimmerchen. Abber da will ich jetzt lieber noch gar nit dran denken.
„Un bring mir mein Tabletten mit, Ilse!“, ruft er mir hinterher. „Dat Döschen steht auf dem Schränkchen, wo auch dat Hochzeitsbild von uns drauf is.“
„Is gut, Oppa!“, ruf ich – un merk gleich mein Fehler. „Ist gut, Willi!“, sag ich, denn ich bin ja jetz widder die Omma. Also sein Frau Ilse, die eigentlich schon seit 17 Jahren tot ist.
Dann lieg ich auch schon auf meinem Gesicht, weil ich dat Vieh erst zu spät gesehen hab. Ich lieg flach, der Rest von der Sülz un de Bratkartoffeln liegen neben mir auf dem Boden, un dat Katzenvieh macht nen Satz in de Höh un schreit wie auf em Grill.
„Minka“, sagt der Oppa. „Has du dir wat getan?“
„Nee“, knottere ich. „Aber ich.“
„Dann is et ja gut“, meint er un guckt widder von sich nach rechts. „Ja, wat is denn nu mit dir, Martha? Un wo has du dein Ferdi gelassen?“
Ich lass die Kartoffeln auf dem Boden liegen, schnapp mir die Flasch Steinhäger und drei Gläschen, sein Zigarren un dat Döschen mit de Pillen und hetz an sein rechte Seit, wo dat Tant Martha sitzt – in sein Fantasie. Ich schaff et grad noch, mir die weiße Perück von dem Martha anzuziehen, dann sitz ich auch schon.
„Ach mein Ferdi“, sag ich un bemüh mich, dat ich so klinge wie dat widderliche Aas von Tant Martha, die zum Glück schon seit 20 Jahr unter der Erd ist, „mein Ferdi … ja, dat war en ganz lieber Mann. Abber der is doch im Krieg tot geblieben, Willi!“ Ich gieß uns en Gläschen ein un zünd ihm sein Zigärchen an. „Weiß du dat denn nit mehr? Von uns Alten sin doch nur noch du da, un ich, dein liebe Frau Ilse und dat Klara, dein Schwägerin.“
Also, um dat zu erklären: Ich bin natürlich noch immer dat Gertie, abber seit dem Oppa sein Frau als sein letzte Verwandte tot ist, komm ich immer auf sein Geburtstag un spiel sozusagen dat Ilse und die Tant Martha. Un natürlich dat Klara, wat nit nur sein Schwägerin war, sondern sein heimliches Liebchen. Wenn ihr euch denken könnt, wat ich meine. Der Oppa is nämlich nit mehr so ganz klar im Kopf, um dat mal vorsichtig so zu sagen. Wenn ihr dat „Dinner for one“ aus em Silvesterprogramm kennt, wisst ihr vielleicht, wat ich mein. Ich besuch ihn immer auf sein Geburtstag un sitz mit ihm allein an dem Tisch, wo abber für vier Leut gedeckt is, die eigentlich gar nit mehr leben. Also bis auf ihn, abber dat kann sich ja auch bald ändern.
Ja, un sein Frau Ilse un sein Schwester Martha, un sein Liebelein Klara ... die mach ihm ihm dann einfach vor mit de passende Perücken.
„Dat Klara …“ Jetzt wird der Blick vom Oppa ganz komisch. „Prost, Klara … Liebelein …“
Ich zieh mir schnell die rote Perück vom Klara an un stoß mit ihm an. „Wat für Pillchen muss du denn nehmen?“
Er guckt in dat Döschen. „Oooch, zwei von de roten, eins von de gelben, un eins von de blauen.“
Ich guck ihn an. „Nee, ne? Wirklich von de blauen?“
„Dat sin die wichtigsten, Liebelein. Wo is denn heut eigentlich unser Gertie?“
„Ich hab et dir doch gesagt, dat hat et widder schwer mit dem Ischias“, sag ich. „Darum konnt dat heut doch nit kommen auf dein hundertsten Geburtstag.“
„Nee, nee!“ Er schüttelt de Kopf un guckt nach links. „Dat hat mein Ilse gesagt. Is et nit so, Frau?“
Ich spring auf, will um de Tisch laufen, hab schon die Perück von dem Ilse auf, seh grad noch wat Schwarzes un knall voll auf et Gesicht. Vor mir sitzt dat Katzenvieh un streckt mir de Zung raus. Dann fängt et widder scheinheilig zu schreien an.
„Wat hat dat Tierchen, Frau?“, fragt der Oppa. „Hat et sich wat getan? Geht et ihm nit gut?“
Ich weiß ganz genau, dat du mir immer mit Absicht vor de Füß läufst!, denk ich an de Adress von dem Minka un setz mich widder links vom Oppa. „Ja, so is et, Mann“, sag ich, also die Omma Ilse. „Prost!“
„Prösterchen“, sagt der Oppa Willi. „Wat macht denn eigentlich unser Dieter?“
Er meint sein Bruder. „Der is doch im Krieg tot geblieben, Oppa!“
Er zwitschert sich sein Steinhäger un pafft am Zigärchen. „Jaja … der Krieg. Ich hab en ja noch nit mitmachen gekonnt, ich war ja zu klein. Abber vom Kaiser Willem hab ich noch immer en Bild neben mein Bett stehen. Dat waren noch richtige Kerle damals … in der schön Uniform, un die wussten noch, wat dat war, dat Vaterland.“
„Willi“, sag ich un schütt ihm noch eine ein – un mir auch, nur um mir Mut zu machen. „Der Dieter is doch in dem anderen Krieg gefallen, dem der dann später war. Da warst du doch auch mit in Russland.“
Dat hätt ich jetz besser nit gesagt, denn auf einmal taten sein Augen widder leuchten, so wie immer, wenn dat Thema kommt. „Jaja, der Adolf … wenn dem dat mit dem Rosa nit passiert wär, dann hätten mir de Krieg auch gewonnen, un dann wär alles viel besser, und …“
„Rosa?“, frag ich. „Wat denn für Rosa?“
Er guckt mich streng an. „Dat Rosa Luxemburg natürlich! Wat lernt ihr denn eigentlich heut in der Schul? Wenn der Adolf die nit geheiratet hätt! Abber die hat dem ja der Stalin geschickt … odder war et der Wehner? Is ja egal, beim Adolf hätt et dat mit dem Segelschiff so wie jetz nit gegeben.“
„Jetz is et abber gut, Willi!“, sag ich un seh, wie er sich noch en blaue Pill in de Mund schiebt. „Du weiß ganz genau, wat ich von dem Thema halt!“
„Dat Klara versteht mich wenigstens“, sagt er bockig un guckt auf dem Klara sein Platz. „Is et nit so, Liebelein?“
Ich spring schnell auf, schnapp mir die rote Perück un will zur Küch, um de Nachtisch zu holen, dem Oppa sein geliebter Schokoladenpudding mit Mandelstückchens. Grad noch seh ich dat schwarze Vieh mit de tückischen Augen un lauf diesmal dran vorbei, abber da hängt dat Vieh mit de Krallen an mein Strümpf un schreit wie jeck.
„Is wat mit mein Minka?“, fragt der Oppa. „Minkalein, haben se dir wat getan?“
„Noch nit!“, fauch ich, abber dat hat er nit gehört. „Hier, Oppa, dein Pudding.“
Im Moment weiß ich gar nit, wer ich denn grad nun bin, abber so wie der Oppa guckt, bin ich sein Liebelein Klara. Ich zieh mir die rote Perück stramm und setz mich bei ihn. „Un, Liebelein? Schmeckt dir der Pudding?“
Er guckt mich an, guckt dann nach links. „Ich denk, den hat mein Ilse gemacht?“
Ich spring auf, hetz um de Tisch, zieh mir de Perück von dem Ilse an und kipp mir schnell noch en Steinhäger rein. „Wat has du gesagt, Willi?“
„Mir is da ein Stückchen Mandel in de Zähn hängen geblieben“, grummelt der Oppa un zieht sein Gebiss aus, trinkt sich noch en Schnäpschen und schluckt noch eins von den blauen Pillchens. Dann kriegt er de Schluckauf un läuft auch total blau im Gesicht ab.
"Ich hol schnell en Glas Wasser!“, sag ich, als er am Japsen is. Ich spring auf, die Perück fliegt mir vom Kopf, ich seh wat Schwarzes von rechts kommen un geb ihm en Tritt, dat dat Schwarze mitten in dem großen Schnellkochtopf landet, in dem ich für morgen die Kartoffelsupp kochen wollt. Dat Katzenvieh schreit un kreischt un faucht, abber da hab ich auch schon de Deckel auf dem Topf un verriegelt.
„War dat dat Minka?“, fragt mich der Oppa. „Is dem armen Tierchen wat passiert?“
„Nee, nee, Oppa“, sag ich un stell ihm dat Glas mit dem Wasser auf de Tisch, gleich neben sein Gebiss. Auf einmal guckt er mich an un fängt an zu leuchten – also sein Augen. „Ja, da bis du ja, Gertie!“, freut er sich und muss sich gleich noch eins von de blauen Pillchen rein tun. „Wo has du denn dein Hans gelassen?“
„Der is doch …“
„Ich weiß et schon“, sagt der Oppa Willi. „Der is auch im Krieg tot geblieben. Ach Gertie, is dat schön, dat du auch widder bei uns bis.“ Er guckt mich so an, wie er mich jedes Jahr anguckt, un fängt an zu gähnen. „Gertie, Liebelein … jetz wo du da bis, is et eigentlich Zeit, um in et Bett zu gehen … odder nit?“
Ich hab et gewusst, abber so viele von den blauen Pillchens hat sich der Oppa noch nie rein gepfiffen. „Ich bin abber noch gar nit so müd, Oppa“, versuch ich mich noch zu retten. „Können mir nit noch en bisschen quasseln? So vom … öööh … Krieg un so …?“
Ich hab ja immer – also jedes Jahr – noch die Hoffnung, dat er nen Schlag kriegt oder einfach müd wird. Abber nee, jetz scheint der Oppa Willi erst richtig wach zu werden. „Komm her, Gertielein, ich will et dir zeigen, wie et im Krieg war, wenn de Artillerie ordentlich geballert hat un ein Schuss nach dem anderen …“
Wat sollt ich denn machen? Immerhin bin ich die einzige Erbin vom Oppa sein Aktienpaket – et sei denn, er vermacht die an sein Vertriebenenverein.
„Wirklich dat ganze Programm wie vom letzen Jahr, Oppa?“, frag ich auf dem Weg in sein klein Schlafzimmer.
„Dat ganze Programm wie in jedem Jahr, Gertielein“, schnalzt der Oppa mit sein Zung. „Un wat gibt et denn morgen noch schön zu essen?“
Ich guck mich um zum Herd un dem Schnellkochtopf un versuch, ganz ruhig zu bleiben. Der Topf wackelt schon gar nit mehr. „Och, da gucken mir mal, ne? Villeicht … falscher Hase?“
„Ja, falscher Has is immer gut“, sagt der Oppa un knöpft sich de Hos schon auf. „Wo is denn eigentlich mein Minka? Ich hab se gar nit mehr gehört …“
„Och dat Minka“, sag ich un klopf ihm auf sein vorwitzige Finger. „Ja, dat Minka … Oppa, ich glaub, die is jetz auch im Krieg tot geblieben …“
Koppirait © 2011 bei Gertie
