„Un da wills du jetzt wirklich rein?“, frag ich dat Hedwig un guck mich um, ob uns denn auch keiner hier sieht vor dem Pornokino. „Also ich weiß et ja nit …“
Mein Freundin guckt mich ganz komisch an un stößt mich in de Rippen. Se hat sich extra fein gemacht für dat Ereignis. De Augen geschminckt, hautfarbenen Lippenstift aufgeschmiert, en enges Kleid mit großem Ausschnitt (wobei ich nit weiß, wat et da bei dem Hedwig eigentlich zu sehen geben sollt), un die alte Hos aus schwarzem Wildleder, die ihr vor zwanzig Jahr sicher auch mal gepasst hat. Un erst die Stöckels, bei denen et schon wie en Wunder is, dat wir et bis hierhin geschafft haben. Also unter uns … mich hätt et auch gar nit gewundert, wenn se unter dem ganzen Zeug auch noch ihr Reizwäsch angehabt hätt, die ich ihr mal abgetreten hab, als se mir langsam zu groß wurd.
Ich hatt mir ja auch übberlegt, ob ich mich für das Ereignis, also den Bericht, nit wat sexier ausstatten sollt, abber irgendwie seh ich dat ja nit ein. Ich hab mein Schönheit un meinen sexy Körper vom lieben Gott geschenkt gekriegt, nit vom Karl Lagerfeld.
„Stell dich jetz bloß nit so an, Gertie!“, schimpft mich dat Hedwig. „Da gehen mir jetz rein un übberzeugen uns mit eigene Augen von dem Schweinskram. Et is ja doch für den guten Zweck.“
Se drückt de Tür auf, un als mir dann drin sin in dem Pornotempel, da is et auf einmal … ja wie als sin mir in ener anderen Welt. Dat rote Licht übberall, dat Gestöhne aus de Lautsprecher, dat Geflackers von de Leuchtreklamen. Irgendwie wurd et mir da schon total komisch. Wenn ihr wisst, wat ich mein. So wie sexuelle Blähungen eben. Deutlicher werde ich jetz abber nit!
Dat Hedwig un ich gehen an de Kass mit dem Bunny dahinter un zeigen unser Mütterpäss vor, also die vom Mütterverein. Ich krieg de erste Schreck, als uns dat Bunny mit de nackigen Brüstchen de Stempel auf de Arm drückt un uns die Roll mit dem Zewa-Wischundweg gibt. De zweite Schreck, als ich seh, dat hinter dem vielen Schmick dat Tochter von unserem Hausmeister steckt.
„Wat machs du denn hier, Soffie?“, flüster ich ihr in et Ohr. „Muss du jetz nit zu Haus sein und für dein Prüfung büffeln?“
„Bitte verrat mich nit, Tante Gertie“, flüstert se zurück. „Ich verrat euch zwei auch nit – also dat ihr hier wart.“
„Nee, nee!“, sag ich. „Mir zwei sin in ganz offizieller Mission hier vom Mütterverein.“
„Komm jetz, Gertie!“, sagt das Hedwig un winkt. „Dat Programm wartet nit auf uns!“
Also, um dat zu erklären. Mir haben hier en neues Gewerbegebiet, wo ja mein Luigi schon en Etablissmang eröffnet hat, wo ich un dat Hedwig zeitweise auch en paar Extraeuros verdient haben. Jetz haben die hier abber en Pornokino hin gebaut, angeblich supermodern un vom neusten Stand. Unser Mütterverein hat protestiert un Unterschriften gesammelt, abber se konnten et nit verhindern, dat dat Pornokino vor zwei Tag eröffnet hat.
Abber damit wollen mir uns noch lange nit abgeben. Also sin dat Hedwig un ich als Beobachter ausgewählt worden, die sich die Schweinereien live angucken un dann en Bericht schreiben sollen, den unser Mütterverein dann beim Kultusministerium einreichen will. Mir sin also quasi nur als Spione hier.
„Komms du jetz endlich, Gertie?“
„Is ja gut, Hedwig“, sag ich un guck mich abber noch um, also für den Bericht, wo ja alles ganz genau drin stehen muss. Im roten Flackerlicht erkenn ich die Automaten mit de Pariser, abber dat is ja nix Schlimmes, die hängen ja auch bei uns im Klo von de Kneipen. Abber wat et da alles noch gibt … Viagra-Automaten für de Kerle, Dildos für de Damen … ach so, falls ich et vergessen hab: hier bei uns dürfen auch Frauen in dat Pornokino, se müssen auch nur de halbe Preis bezahlen. Ich weiß ja nit, wie da woanders so is, hier bei uns is et ganz neu.
Auf mindestens … lass mich nit lügen … zehn Bildschirme wird Werbung gezeigt … Beate Uhse, Orion-Versand, Platinnetz, Kitzelkatz, Rasierschaum … Jetz stöhnt et aus de Lautsprecher „Je t’äme, mwa non plü“ …
„KOMMST DU JETZT ENDLICH, GERTIE????“
Is ja schon gut, reg dich widder ab!, denk ich. Abber en komisch Gefühl hab ich ja auch, dat geb ich ganz ehrlich zu. Vor allem, wo ich übberall hier nur Kerle seh. Sin mir denn hier jetz die einzigen Frauen, dat Hedwig un ich?
Um in et Kino zu kommen, müssen mir durch en schweren Vorhang aus Stoff, rot natürlich. Dann ging et erst durch nen Gang, wo übberall nackige Schaufensterpuppen mit Geldschlitzen standen, die rumgesülzt haben: „… oh machs’s mir, Liebster, oder lass es dir von mir machen … einmal manuell 30 Euro, einmal französisch 60 Euro plus Mehrwertsteuer … einmal griechisch ist heute im Angebot für …“
Ich hab dat natürlich alles in mein Gedanken notiert un war froh, als mir dann endlich im richtigen Kino drin saßen. Et waren nur zehn Reihen, un mir haben uns in die dritte Reih rein gequetscht, wo noch zwei Plätz frei waren. Un wie ich schon festgestellt hab, alles nur Kerle un kein einzige Frau. Komischerweis hatten die Kerle all auch ihr Zewa-Wischundweg am Eingang bekommen. Wozu auch immer dat gut sein sollt, langsam hab ich mir da mein Gedanken gemacht.
Einer is mir besonders unangenehm aufgefallen, weil der die Roll so vor sich hin gehalten hat, als ob er sich da drin irgendwat abkühlen wollt, wat ihm wahrscheinlich zu heiß geworden is.
Un dat war auch noch ausgerechnet der, der gleich neben mir gesessen hat! Un wie der mich angeguckt hat, als ich mich bei ihm niederließ, et war einfach widderlich.
„Ich weiß et ja nit“, hab ich in dem Hedwig ihr Ohr geflüstert. „Abber all die Kerle un mir als die einzigen Frauen … dat is doch nit normal, odder?“
„Et is ja nur für de Mütterverein“, zischt et mir zurück. „Un jetz sei still, ich will am Film nix verpassen.“
Also ich weiß nit, wat et da zu verpassen gäb. Da gab et auch übberhaupt keinen Film so mit richtiger Handlung un Romanze, so wie früher mit dem O.W.Fischer un dem Karl Dall. Da haben sich immer nur zehn Minuten lang irgendswelche Leut getroffen, also meistens Mann un Frau, die sich dann an de Wäsch gegangen sin un et sich gegenseitig besorgt haben, so wie dat in de Pornokinos eben immer is. (Ich hab dat natürlich auch erst mal gegoogelt, um mich schlau zu machen.)
„Irgendswie find ich dat langweilig“, flüster ich dem Hedwig in et Ohr, als se dem Kerl inzwischen zum viertenmal dem sein Knochen so lang massiert un in ihre Mund genommen hat, bis et ihm kam un er se nass gemacht hat. „Da passiert doch immer nur dat Selbe.“
„Et ist ja nur wegen de Kultur, Gertie“, keucht mich mein Freundin an. Irgendwie kriegt se schlecht Luft un is übberhaupt so zitterig.
Ich seufz un denk tapfer: Du bis hier, um dein Bericht zu schreiben gegen de Verfall von de Sitten! Also muss du da auch jetz durch!
Inzwischen war dat Mutzenbachers Josefin auf de Leinwand von dem Gina Waild abgelöst worden, dat ja dann später mal im Dschungelkämp war, wo sich jetz ja auch der lange Rainhals angemeldet hat, weil der mit seine vier Frauen allein wohl nit so ganz klar kommt.
Ich hab gegähnt, is ja alles nix Neues, bis ich auf einmal wat auf mein rechtem Bein spür. Ich guck an mir runter, un et ist de Hand von mein Nachbar mir schon eben eher negativ aufgefallen is. Irgendswie war ich auf einmal widder wach un hatt totalen Alarm.
„Hedwig!“, flüster ich meiner Freundin in et Ohr. „Guck mal, wat der Knallkopp hier neben mir macht. Wo dem seine Hand is. Ich glaub, der will mir an de Wäsch!“
Dat Hedwig guckt, abber mit so enem ganz komischen Blick. „Dat is doch nur wegen de Erfahrung, Gertie“, stöhnt et. Ich seh, dat se in etwa dat gleiche Problem mit ihrem Nachbar hat wie ich mit meinem, abber se scheint et tapfer zu ertragen. „Et is nur wegen de Erfahrung un de sittlichen Kultur, un dann schreiben mir unser Bericht!“
„Abber …“ Et hat kein Sinn, un irgendswie hat dat Hedwig ja auch total recht. Et is ja nur wegen de Erfahrung un wegen unser Bericht, damit sich das Sodom un Gomorra hier bei uns gar nit erst einnistet.
Beiß die Zähn zusammen, Gertie!, hab ich mir dann auch gedacht, als der Kerl neben mir so langsam immer unverschämter wurd, während ich dat Hedwig auf meiner anderen Seit stöhnen hört. Et is nur wegen der Kultur un der Wissenschaft!
Abber dann auf einmal … wie wurd et mir denn? Ich hab dem Kerl neben mir auf de Finger gekloppt, dat er endlich damit aufhören sollt. Dat hat ihn abber wahrscheinlich noch toller gemacht, un auf einmal, also total gegen von meinen normalen Willen, war ich genauso toll wie er, un et kam, wie et nun mal gekommen is. Mein Nachbar un ich, mir sin aus unserem Sitz gesprungen, er hatt mich so irgendswie von unten untergehakt, dat ich gar nit mehr von ihm weg kommen konnt, un dat wollt ich dann auf einmal auch gar nit mehr. Ich hör noch dat Hedwig kreischen un japsen, dann bin ich auch schon mit dem Nachbar auf de Bühn, un auf einmal gucken se all gar nit mehr auf de Film, sondern auf mich un den Reihennachbar.
Aloo, et is dann passiert, mir zwei mitten auf de Bühn. Et kam, wie et in so enem Pornokino sicher wohl kommen muss, un et is eben einfach passiert. Un auf einmal kam der Applaus vom ganzen Kino. Standing Ovations von der ganze Kerle un ihre Kerle.
Un dann wurd mir auf einmal klar, wat hier gerad abgelaufen is. Ich auf der Bühn von dem Pornokino, un der geile Sack von Nachbar neben mir und is sich am Abputzen. Mit dem Zewa.
Ich hab ihm eine gescheuert un in et Stammbuch geschrieben, dat ich en anständige Frau bin! Und dat alles da auf der Bühn auch nur für de Kultur un de Mütterverein gewesen wär.
Sein Visitenkart hab ich dann trotzdem mitgenommen, weil er sich vielleicht persönlich bei mir in mein Wohnung entschuldigen wollt. Dat Hedwig hat auch so fünf odder zehn Telefonnummern mitgenommen. Mir sin dann bei ihr noch zwei Stunden zusammen gesessen bei ein lecker Flasch Rotwein, un mir waren uns total einig in der Bewertung von unser unterdeckte Ermittlung gegen die Sünd in unser schönen Heimatstadt.
Dat Pornokino hat hier bei uns in Bergheim nix zu suchen! Mir zwei haben als offizielle Beobachtungen vom Mütterverein zweifach-eindeutig festgestellt, dat so ein Schweinekino total … un wie total! … gegen de guten Sitten von uns schöner Stadt verstößt.
Ich geb et ja zu: Dat am anderen Tag die Fotos von mir … also auf de Bühn mit dem Nachbar … in der Zeitung drin waren, hat de Freundinnen vom Mütterverein ja en bisschen schockiert – zumal dat Uschi in meinem Nachbar, also da oben auf de Bühn … zimmlisch eindeutig de Sohn vom Bürgermeister erkannt hat.
Abber dat bleibt ja bitteschön auch unter uns, ne?
Ich drück euch lieb, bis zum nächsten Mal
Euer Gertie
Ich vergess et doch immer widder: Copyrait © 2011 bei mir natürlich.
