Angefangen hat et ja alles ganz harmlos. Ich hatte ja kein Ahnung, wat auf mich zu kommen würd, als et bei mir an der Tür geklingelt hat. Wer kann dat denn jetz sein, hab ich bei mir gedacht, der Hans is doch noch auf der Arbeit, un der Willi is seit drei Tagen im Urlaub auf Majorka. Ich hatt mir ja eben de Haare gemacht un noch de Lockenwickler auf.

 

Ich guck durch de Spion un seh en älter Pärchen, er bestimmt siebzig un sie … lass uns da lieber drübber schweigen. Gott sei Dank!, denk ich. Wenigstens keiner, den du kenns.

 

Abber die zwei guckten so lieb in de Spion, dat ich einfach aufgemacht hab, auch trotz de Lockenwickler.

 

„Einen schönen guten Tag, Frau … äääh … König“, sagt er und verbeugt sich ganz tief. „Wir kommen von …“

 

„Nee, nee“, sag ich, dezent abber ablehnend. „Ich kauf nix an der Tür un …“

 

„Aber nein, Frau … öööh … König“, sagt jetz sie mit enormen Augenklimpern. „Wir wollen Ihnen doch nichts verkaufen. Wir kommen von den Zeugen Jehovas und …“

 

„Nee!“, ruf ich. „Also DAT brauch ich jetz echt nit! Mein Walter selig hat schon sein halbet Geld an de Heilsarmee verzockt, dat muss ich jetz nicht auch noch haben. Auf Wiedersehen, Tschüs!“

 

Er lächelt mild. „Dann nichts für ungut, Frau König, wir hätten uns nur gern mit Ihnen über den Weltuntergang unterhalten. Nun, dann wünschen wir Ihnen viel Glück. Eigentlich ist es ja schade.“

 

Wat meint der denn jetz? „Warten Se mal“, sag ich, als se schon auf der Trepp waren. „Wie war dat denn jetz gemeint? Wat is schade?“

 

Er guckt sie an, sie guckt mich an, ich guck ihn widder an. „Dass eine so liebe, nette und …“

 

„attraktive“, sagt sie …

 

„Frau wie Sie, liebe Frau König, nicht ewig so lieb, nett und …“

 

„attraktiv“, sagt sie.

 

„sein kann. Das Alter holt uns alle ein, gell? Dabei … müsste das gar nicht sein, weil …“

 

Ich kratz mich am Hals. „“Wie, dat müsste nit sein?“

 

Er lächelt widder sein Lebkuchenlächeln. „Nun, wenn Sie uns vielleicht doch kurz hereinlassen würden …?

 

Ich hab et getan. Ich hab se in mein Wohnung gelassen, abber vorher is noch mein Nachbarin aus ihr Tür rausgekommen, um ihr leere Schnapsflaschen in de Glascontainer zu bringen. „Der alte Drachen!“, hab ich geflüstert, „die is auch noch mal Flaschenleergutminister.“

 

*

 

Ich hab im Wohnzimmer Platz gemacht un mich mit den Zweien gesetzt. „Ja, wat is denn nun?“

 

Dat alte Frollein hat mich erstmal belehrt, dat mein Nachbarin gar kein alte Drachen sein könnt, weil et übberhaupt noch nie Drachen gegeben hat. „Ja klar gibt et die“, sag ich. „Genauso wie de Neandertaler, da haben se doch übberall von Skelette gefunden!“

 

„Nein, nein, Frau König“, lächelt er in de Linse. „Meine … öööh … Frau hat vollkommen Recht. Dieser Darwin war ein vom Satan bezahlter Lügner, der die Irrlehre verbreitet hat, der Mensch stamme vom Affen ab. Aber das stimmt doch alles gar nicht mit der Evolution.“

 

„Un wo kommen die Gerippe von de Saurier her?“, frag ich genervt. Ich hätt die zwei besser doch nit rein gelassen.

 

„Die hat Gott da verbuddelt, um unseren Glauben zu testen“, sagt sie.

 

Mir reicht et. Ich will se jetz rauswerfen, abber da sagt der Kerl: „Meine liebe Frau König … stellen Sie sich mal vor, Sie sind auch in hundert Jahren noch so schön und …“

 

„attraktiv“, sagt sie.

 

„wie heute in der Blüte Ihrer Jahre.“

 

„Dat reicht jetz“, sag ich un steh auf. „Wenn Sie jetz bitte …“

 

„Der Mensch lebt ja eigentlich 500 Jahre“, sagt sie. „Ohne Quatsch jetzt mal, Frau König. Fünfhundert Jahre, wenn nicht die Sünde über uns gekommen wäre. Das hieße ewige Jugend und Schönheit und …“

 

„Attraktivität“, sagt er, worauf sie ihm eine klatscht.

 

„Wäre das nicht auch für Sie schön, Frau König?“, fragt sie.

 

„Ja, klar“, sag ich. „abber mir Menschen sin nun mal voller Sünde.“

 

Er lächelt schon widder. „Nun, das muss nicht unbedingt für immer so sein, Frau … öööh … König.“ Er greift in sein Jackentasch. „Wir hätten hier zufällig ein streng befristetes Angebot. Es ist supergünstig, liebe Frau König. Der Ablass von 1001 Sünden Ihrer Wahl für nur … hahaha, läppische … 1001 Euro!“

 

„Ist das nicht toll?“, fragt sie. „Nur ein Euro pro Sünde!“

 

Ich schluck. Also doppelt so lang schön bleiben, dat wär ja schon wat. Abber: „Wie lang lebe ich denn, wenn ich dat jetz mache? Also die 1001 Sünden?“

 

„Moment!“, sagt er un zieht sich en Taschenrechner aus der Hos. „Das sind genau … 14,7775 Jahre.“

 

„Uijuijui“, staun ich.

 

„Ab 100 Jahren Sündenverfall gibt es sogar 20 Prozent Rabatt“, sagt sie.

 

Ich braucht jetz en Eierlikörchen, um genau nachdenken zu können. Et war ja verlockend, ich find mich ja auch en schöne Frau. Un wenn ich dat jetz noch hundert Jahr sein könnt? Odder sogar zweihundert?

 

Die zwei haben auch noch en Schnäpschen getrunken, un ich hab die Plätzchen vom letzten August auf de Tisch gestellt. Mir haben dann zäh verhandelt, un ich hab unterschrieben! Ich hab et gemacht un mir genau 212,4 Jährchen gekauft, weil die zwei lieben Leut mir dafür  … hicks … 52 Prozent von all meine Sünden abgekauft haben.

 

Irgendswann sin die zwei sogar auf der Couch vertraulich geworden, dat die Klamotten nur so flogen. Ich konnt ihnen abber auch keinen Vorwurf machen, weil ich zu spät gesehen hab, dat die Plätzchen die von mein ständig bekifften Nachbar Jochen gewesen sin, die er mit sein Hanfblümchen auf sein Balkon gebacken hat.

 

Ja, auf jeden Fall, haben die zwei – dat Sara un der Jonas – auf meiner Couch gepennt, un als se dann am anderen Morgen gegangen sin, hatt ich nur noch ein Frag an sie. „Also jetzt werd ich ja genau 212,4 Jahre alt, ne? Abber wie is dat denn jetz mit dem Weltuntergang? „

 

Der Jonas hat nur mild gelächelt un den Vertrag wegen der Weltuntergangsversicherung aus sein Jäckchen gezogen. Un jetz trink ich mein Eierlikörchen darauf, dat mir die nächsten 212,4 Jahr nix mehr passieren kann!

 

In unsterblicher Schönheit

 

Euer Gertie J