Du hattest einen Anruf bekommen. Es erstaunte dich, wie gut der Mann am anderen Ende der Leitung dich zu kennen schien. Kurz hattest du den Eindruck, dass er dich seit langem beobachtet haben musste. Woher wusste er sonst, wo du arbeitetest, wo du wohntest, was du für Anziehsachen trugst. Deine Telefonnummer musste er ja auch irgendwo her bekommen haben.
Dir fiel als erstes die auf der einen Seite etwas sanfte, aber doch gleichzeitig klare und eindringliche Stimme auf. ;achte da jemand einen Scherz auf deine Kosten?
Er erkundigte sich zuerst, wie es dir ginge. Wie von selbst antwortetest du darauf und warst gleichzeitig erstaunt, dass du ihm Auskunft gabst. Dann folgten die besagten Dinge, wo du dich fragtest, woher er die Informationen hatte. Auf Nachfrage bekamst du die Antwort, dass dies eben zu dem Experiment gehöre.
Was für ein Experiment, fragtest du ungläubig.
Es sei, so betonte er, notwendig, dass du zuerst einmal keine Fragen stelltest; wenn du dich darauf einließest, wäre dir ein nicht zu vergessenes Erlebnis sicher.
Was für ein Erlebnis, ging es dir durch den Kopf, aber du wagtest es schon nicht mehr, danach zu fragen, da der Mann ja dich darauf hingewiesen hatte, vorerst keine Fragen zu stellen. Das fandest du jetzt aber schon besonders seltsam, dass du dich nach seinen Bitten richtetest, obwohl du ihn gar nicht kanntest und ihn auch sicherlich nicht kennen lernen wolltest.
Du hörtest weiter seiner Stimme zu, sie versetzte dich in eine Art Trance. Du warst hellwach und schläfrig zugleich. Schläfrig war nicht das richtige Wort, aber du hattest kein besseres, um es zu beschreiben.
Und, fragte er, nachdem er dir allerhand aus deinem Leben erzählt hatte, und du wusstest überhaupt nichts drauf zu antworten.
Was, und, bemerktest du nur, bekamst aber wieder die Empfehlung, vorerst nichts zu fragen.
Eigentlich wolltest du einfach den Hörer auflegen, aber da war etwas, was dich daran hinderte. War es seine Stimme, die sehr akzentuiert sprach, mit Worten, die dir bekannt vorkamen, aber die du kaum einzuordnen wusstest.
Komme morgen um 18 Uhr in die Siemensstraße 7. Wenn du dort läutest, wird ein Mann dich in Empfang nehmen, der dir eine Augenbinde umlegen wird. Folge dann seinen Anweisungen. Ich wünsche dir noch einen schönen Abend.
Der Hörer wurde nun am anderen Ende aufgelegt.
So ein Spinner, ging es dir durch den Kopf. Der meint doch nicht wirklich, dass ich da hingehe.
Am Abend ging dir das Telefonat immer wieder durch den Kopf, ob du es wolltest oder nicht.
Unglaublich, dachtest du, was der sich einbildet.
Aber da war auch schon ein leiser Zweifel in dir: wieso hattest du den ganzen Nachmittag immer wieder an ihn gedacht?
Ach, sagtest du zu dir, das liegt daran, dass er so viel über mich weiß, das finde ich etwas unheimlich. Deshalb denke ich immer wieder an das Gespräch.
Die Nacht schliefst du unruhig. Seltsame Träume wechselten mit Wachphasen ab. Du gingst eine Straße lang, immer schneller, immer eiliger, aber du wusstest gar nicht, wohin sie führte noch was du am Ziel (was eigentlich für ein Ziel?) wolltest. Und je weniger wissend du warst, desto schneller trugen dich deine Beine die Straße entlang, die du nicht kanntest. Seltsam war, dass niemand außer dir auf dieser Straße war.
Du wurdest wach und dachtest direkt wieder an den Anrufer. Standest auf, gingst auf die Toilette, dann legtest du dich wieder hin.
Da befandest du dich plötzlich auf der Kirmes. Du saßt auf einem Kettenkarussell, das sich immer schneller bewegte. Erst jetzt fiel dir auf, dass auch hier niemand sonst in einem der Sessel des Karussells Platz genommen hatte. Die Geschwindigkeit nahm zu, wenigstens erlebtest du es so. Es ist ja dunkel, dachtest du. Alle Lichter waren aus, du schautest hinunter, aber da war niemand, der das Karussell abstellen hätte können. Dich überkam Panik. Das hieße ja, dass du hier die ganze Nacht auf diesem Ding sitzen würdest, ohne die Möglichkeit zu haben, auszusteigen. Irgendwann stelltest du in einiger Entfernung von dir fest, dass sich jemand auf das Karussell zubewegte. Langsam, ganz langsam kam dieser jemand näher. Jetzt war er so nahe, dass du mit dem Sessel nur kurz über seinen Kopf hinwegflogst.
Gefällt es dir? hörtest du die Stimme des Mannes. Erschrocken horchtest du auf: es war dieselbe Stimme, die dich heute angerufen hatte.
Stellen Sie das Ding ab, schriest du nun.
Aber sicher mache ich das, erwiderte der Mann, bewegte sich aber nicht von der Stelle. Nur, begann er wieder zögernd, alles hat seinen Preis.
Was wollen Sie, fragtest du. Dir fiel auf, dass er dich duzte, du ihn aber gesiezt hattest. Wie selbstverständlich.
Ach, es ist nicht der Rede wert. Du brauchst keine Angst zu haben. Du brauchst morgen nur in die Siemensstraße 7 zu kommen, machst du das?
Schweißgebadet wachtest du auf. Dein Nachthemd klebte an deinem Körper, alles war nass und kalt. Schnell standest du auf, zogst das Hemd über den Kopf, es war eisig, dann nahmst du ein Handtuch und trocknetest dich ab. Suchtest im Schrank nach einem zweiten Hemd, das du dir über den Kopf zogst.
Am nächsten Morgen fühltest du dich unausgeschlafen und matt. Du versuchtest, dich an deine Träume zu erinnern, aber sie waren wie weggeblasen. Das Telefon klingelte, du hobst ab und eine Stimme, die gleiche wie gestern, du hättest sie aus tausend Stimmen herausgehört, sagte: Denke bitte daran, heute abend um 7 Uhr in der Siemensstraße 7.
Du hörtest das Geräusch, das besagte, dass der Anrufer aufgelegt hatte.
Wieder redetest du dir ein, dass das wohl ein Irrer sei, der aus unerfindlichen Gründen an einige Informationen über dich gelangt war und diese nun für sich einsetzen wollte. Dann kam dir der Traum dieser Nacht in Erinnerung, als du hilflos auf dem Karussell gesessen hattest. Selbst unter der Dusche dachtest du ununterbrochen an diesen Mann, an seine Stimme. Langsam bekamst du Zweifel, ob du nicht doch dort hingehen solltest.
Am Vormittag brachte der Paketdienst ein Päckchen für dich: du konntest dich nicht erinnern, dass du etwas bestellt hättest. Ach, es ist sicher für meinen Mann, dachtest du, aber auf dem Aufkleber standest deutlich du als Empfänger. Der Name des Absenders war unleserlich, aber die Straße war deutlich zu erkennen: Siemensstraße 7.
Zitternd legtest du das Paket auf den Tisch. Als hättest du Angst, es könne eine Bombe drin sein, beäugtest du es aus sicherer Entfernung. Dann gingst du hin und öffnetest das Paket. Oben auf lag ein kurzer Brief.
Hallo, damit du keine Probleme hast, das Richtige zum Anziehen zu finden, habe ich mir erlaubt, dir ein paar Sachen zuzusenden, mit denen du heute Abend deinen großen Tag erleben sollst. Schon der Gedanke, dass du stundenlang vor dem Kleiderschrank stehst und dich nicht entscheiden kannst, war mir unerträglich. Nichts soll dich heute belasten. Diese Zeit, die du sonst mit der Suche nach geeigneten Sachen verbracht hättest, kannst du nun darauf verwenden, zu baden, vielleicht mit einem Glas Wein (aber wirklich nur eines), danach dich einzucremen und dann schlüpfst du einfach in deine neuen Kleider. Ich bin mir sicher, dass ich die richtige Größe ausgesucht habe und hoffe, dass die edlen Stücke dir gefallen.

Sie zog die Kleidung aus dem Karton. Fetzen, alles Fetzen, sagte sie, während sie die Kleidungsstücke in hohem Bogen hinter sich warf. Sie drehte sich um und besah sich die Dinge, die nun auf dem Fußboden lagen: ein schwarzes Kleid, einen schwarzen Slip und halterlose Strümpfe. Die Schuhe waren aufgrund ihres Gewichtes etwas weiter geflogen: sie waren ebenfalls schwarz, vorne geschlossen und nicht mit zu hohen Absätzen. Eine Samtjacke lag etwas abseits.
Sie beugte sich zu den Kleidern und befühlte sie: gutes Material, dachte sie. Als sie das Kleid vor sich hielt, konnte sie nicht glauben, da hinein zu passen.
Auch wenn ich dort nicht hingehe, und das werde ich ganz bestimmt nicht tun, will ich doch mal sehen, wie ich in den Sachen aussehe. Sie zog sich schnell aus; dann zog sie zuerst die Halterlosen, dann den String an. Sie wusste auch nicht, wieso gerade diese Reihenfolge. Sie schaute sich noch einmal um: nein, einen BH konnte sie nicht sehen. Auch der Karton enthielt kein Kleidungsstück mehr. Sie überlegte kurz, ob sie von sich einen nehmen wolle, aber dann entschied sie sich, wirklich nur die Kleider anzuziehen, die er ihr geschickt hatte.
Wahrhaftig, das Kleid passte wirklich. Und wie das Kleid passte: wie angegossen. Es war oben geschlossen, es ging ihr bis etwa 10 cm über die Knie.
Als sie in den Spiegel schaute, drehte sie sich leicht. Eigentlich fand sie es schön; sie hätte sich zwar im Leben nicht getraut, ein solches Kleid zu kaufen, vielleicht hätte sie es auch gar nicht bezahlen können, aber sie musste zugeben, dass es ihr gut stand. Es betonte intensiv ihre Figur.
Woher hat der nur meine Maße, das kann doch kein Zufall sein!
Während sie dies dachte, zog sie die Samtjacke über. Perfekt. Sie ging etwas auf und ab in ihrer Wohnung: das Kleid war ein Gedicht, es trug sich wie die buchstäbliche zweite Haut.
Sie zog sich wieder um. Diesmal warf sie die Anziehsachen nicht mehr arglos weg, sondern legte sie fein säuberlich zusammen.
Was sie verwirrte, war, dass sie gedacht hatte: wenn ich nicht dahin gehe, dann habe ich wenigstens eine schöne Ergänzung der Garderobe. Sie stutzte, denn das implizierte ja, dass sie wirklich nicht mehr ausschloss, dass sie doch heute abend in die Siemensstraße ginge.
Mit Jeans und Bluse schaute sie nun nach, wo denn überhaupt diese Siemensstraße lag. Bei diesem Namen wurde sie an Gewerbegebiete erinnert. Die hießen doch alle so. Aber zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass es das gerade Gegenteil war: es lag in der feineren Gegend der Stadt.
Als sie sich ihr Essen gemacht hatte, saß sie vor ihrem Teller und merkte, dass sie immer nervöser wurde. Es kam ihr in den Sinn, dass dies wohl daran lag, dass sie noch keinen festen Entschluss gefasst hatte.
Egal, wie ich mich entscheide, aber ich muss mich entscheiden!
Wie lange hatte sie sich eigentlich eingeredet, dass gar kein Zweifel daran bestünde, dass sie dieses Haus niemals in ihrem Leben beträte? Aber das war keine Entscheidung gewesen, das war mehr ein sich was vormachen: sie würde so einem Ansinnen doch nicht folgen, sie doch nicht. Jetzt war sie sich gar nicht mehr sicher. Es ging auf zwei Uhr zu; es blieben ihr noch gut 4 Stunden, um einen endgültigen Entschluss zu fassen. Denn wenn sie ginge, dann müsste sie sich noch umziehen und die Siemensstraße lag wirklich nicht um ihre Ecke. Sie wohnte mehr in einem ganz gewöhnlichen Stadtbezirk, nicht gerade slummäßig, aber auch alles andere als ein gut bürgerliches Viertel.
Nun setz dich und überlege es dir: was spricht dafür, was dagegen? Und sei ehrlich, es ist niemand außer mir hier, ich kann ganz offen zu mir sein.
Aber konnte sie das? War sie wirklich in der Lage, mit einem solchen Angebot ehrlich umzugehen? Wenn sie allen Mut zusammennähme, dann blieb doch ein Rest von Frauenehre, oder vielleicht auch Scham, der sagte, das eine Frau so etwas nicht machen könne. Einem solchen Angebot musste widersprochen werden, so reizvoll es auch sei.
Ertappt, rief sie laut.
Das Wort reizvoll irritierte sie. Also gestand sie sich ein, dass es sie irgendwie interessierte. Aber das hieß noch lange nicht, dass sie sich darauf einließe. Es war doch unmöglich, dass sie sich zu einem Ort begab, den sie nicht kannte, zu einem oder mehreren Männern, die sie ebensowenig kannte. Jedoch schien der Mann sie zu kennen.
Als sie um kurz vor 19 Uhr vor dem Haus stand, natürlich nur um es sich von außen einmal anzusehen, zitterte sie leicht, obwohl es warm war. Das Haus besaß einen großen Vorgarten, den sie nicht betreten konnte, ohne vorher eine Klingel zu betätigen. Das Anwesen war sehr gepflegt; das darauf stehende Haus entstand wohl der Periode des Jugendstils. Die einzigen Geräusche, die sie wahrnahm, waren Vogelstimmen, die in den Bäumen saßen und sich wohl gerade darüber lustig machten, dass dort eine Frau vor dem Gartentor stand.
Auch die Klingel erzeugte für sie keinen hörbaren Ton. .Vor allem: kein Summen erklang, niemand bat sie, einzutreten.
Sie schaute auf ihre Uhr: es fehlten noch zwei Minuten bis 19 Uhr. Sie drehte sich um. Wollte gehen, sah in ihren Gedanken, wie sie immer schneller die Straße entlang ging. Da fiel ihr auch der zweite Traum wieder ein.
Wie aus dem Nichts stand ein großer, gutaussehender Mann vor ihr. Weder hatte sie ihn gehört noch sonstwie wahrgenommen.
Das ist sehr nett von dir, dass du mein Angebot angenommen hast.
Er schloss das Gartentor auf, ließ ihr den Vortritt und ging dann an ihrer Seite. Sie wollte ihn fragen, sie hatte sich so viele vorgenommen, aber jetzt waren sie alle weg. Ihr Kopf war leer.
Kurze Zeit später betraten sie das Haus. Sie sah noch einen großen Raum, dann nahm der Mann aus seiner Jackentasche eine Augenbinde und legte sie ihr um. Er legte ihr den Arm um die Schultern und führte sie vorsichtig und behutsam durch eine Treppe hinunter. Dort öffnete er eine Türe, betrat mit ihr einen Raum, führte sie zu einer Couch, wie sie später feststellte, setzte sie hin.
Bitte, lass die Augenbinde so lange auf, bis du aufgefordert wirst, sie abzulegen.
Sie hörte, wie sich seine Schritte entfernten. Er musste an der Türe wieder angekommen sein, als er hinzufügte:
Nimm diesen Raum erst einmal ohne Augen wahr. Manchmal stören die Augen beim Sehen.
Die Türe wurde geschlossen.
Wie gerne wollte sie sofort die Binde abnehmen und schauen, wo sie sich befand. Aber dann merkte sie, dass sie begann, den Raum regelrecht einzurichten. Sie meinte, der Raum könne gar nicht anders aussehen wie der von ihr imaginierten.
Dann merkte sie, dass sie auf sich zurück geworfen war. Sie spürte, dass sie alleine in dem Raum war. Was hatte das für einen Sinn? Es war schon mutig von ihr gewesen, sich auf dieses Spiel einzulassen. Oder war es Dummheit gewesen? Vielleicht gehörte ja zu Mut immer ein gewisses Maß an Dummheit.
Ihr fiel wieder der Traum mit dem Kettenkarussell ein. Dort war der Mann schemenhafter gewesen, nicht richtig zu erkennen; sie hatte ihn älter eingeschätzt, auch nicht so groß. Aber wie hätte sie auch wissen können, wie dieser Mann aussah?
Wenn sie der Aufforderung nicht nachgekommen wäre, wie hätte sie dann den Abend verbracht? Vor dem Fernseher? Oder wäre sie in ein Kino gegangen, um sich zu zerstreuen und abzulenken. Hier war sie nun auch in einem Film, aber als Hauptdarstellerin. Und es stiegen Gedanken auf, an früher, als sie Kind war und nicht in der Lage war, selbstbestimmt zu leben.

Sie bemerkte, dass sie keinerlei Zeitgefühl mehr hatte. Wie lange müsste sie hier noch sitzen? Und das mit verbundenen Augen. Sie spürte, dass ihre Ungewissheit anstieg, aber auch ein Gefühl der Erregung und des Stolzes, dass sie sich das Herz genommen hatte und sich hier auf diese Situation einließ.
Der Mann war ihr sympathisch gewesen. Doch was wollte er von ihr? Beobachtete er sie jetzt, wie sie dasaß in dem von ihm ausgesuchten Kleid. Oder war er nun irgendwo in diesem Haus, schaute vielleicht Fernsehen und vergäße sie? Es konnte ja auch sein, dass er Sachen von ihr verlangte, die sie nicht wollte.
Wichtiger war vielleicht noch die Frage: was wollte sie eigentlich? War es nur ein Mutbeweis? Da musste doch mehr sein. Gefiel ihr nicht auch ein wenig ihre Lage: einem fremden Menschen ausgesetzt, der letztendlich mit ihr machen konnte, was er wollte. Hoffentlich tat er ihr nicht weh. Wenigstens nicht zu sehr.
Wieder bemerkte sie, dass sie abdriftete. Nochmals, was wollte sie?
Wenn sie ehrlich war, und wen wollte sie momentan schon belügen außer sich selbst, wusste sie es gar nicht. Erfahrungen sammeln, aber das war zu allgemein. Ausgeliefertsein, ja, das traf es schon eher. Was wären ihre Wünsche?
Sie hatte immer gedacht, sie sei ein romantischer Mensch. Das stimmte wohl auch, aber da musste noch mehr in ihr sein, verborgene Seiten, auf die sie bisher nicht geachtet hatte. Die sie sich .nicht eingestehen wollte. Jetzt kam sie an dieser Wahrheit nicht vorbei.
Nimm die Augenbinde ab.
Sie schreckte auf. Es hatte sich angehört, als sei diese Aufforderung durch einen Lautsprecher an sie weitergegeben worden. Langsam nahm sie die Augenbinde ab. Ihre Augen mussten sich erst wieder an das Licht gewöhnen, das spärlich aus Deckenleuchten gespendet wurde. Sie bemerkte, dass sie auf einer Couch saß. Neben ihr auf einem Beistelltisch stand eine Flasche Wasser neben dazu einem Glas. Der Raum war mit einer kräftigen roten Farbe gestrichen, gegenüber von ihr war eine Spiegelwand. Sie vermutete, dass es sich um einen Spiegel handelte, der einseitig war; auf der anderen Seite war er bestimmt durchsichtig, also Glas, sodass die dort stehenden Menschen sie genau beobachten konnten. Vielleicht saß der Mann jetzt in einem gemütlichen Sessel und sah ihr ihre Verwirrtheit an. Genoss es, sie zu sehen, ohne dass sie die Möglichkeit hatte, sich zu verstecken, denn der Spiegel erstreckte sich über die ganze Seitenfront.
Als sie ihren Kopf nach links drehte, sah sie ein Andreaskreuz. Sie musste es schon irgendwann einmal wahrgenommen haben, vielleicht mal einen Film gesehen, denn sie wusste sofort, wofür es normalerweise gebraucht wurde. An der gegenüberliegenden Wand waren Seile befestigt, auch Peitschen und Bambusstöcke.
Gleichzeitig mit einem unguten Gefühl stieg auch Lust in ihr empor. Dieses Zusammentreffen der beiden sich angeblich widersprechenden Gefühle irritierte sie ein weiteres Mal. Sie stand auf und ging in dem Raum herum. Erstens musste sie sich sowieso etwas die Beine vertreten, dann ging sie erst auf das Kreuz zu. Es war aus massivem, schwarz lackierten Holz, daran waren oben und unten an Ketten Binden befestigt. Fast liebevoll streichelte sie über das Holz, dann erschrak sie, weil sie ja meinte, der Mann beobachte sie und könne dies als Interesse deuten. Relativ schnellen Schrittes ging sie wieder auf die Couch zu.
Als sie saß, hörte sie, ohne dass sie es hätte orten können, wieder die Stimme aus dem Lautsprecher:
Wie fühlst du dich?
Sie schaute sich, ohne zu antworten, in dem Raum um, konnte aber keinen Lautsprecher sehen.
So geht das nicht, hörte sie abermals die Stimme. Wenn ich dich etwas frage, dann hast du zu antworten. Du kannst gerne überlegen, aber es ist nicht erlaubt, dass du gar nicht darauf reagierst. Sonst öffne ich die Türe und du musst gehen.
Er stellte sie wirklich vor die Entscheidung, zu antworten oder zu gehen. Das gab ihr Sicherheit. So konnte sie jederzeit die Situation unterbrechen. Eines wusste sie: jetzt wollte sie auf keinen Fall aus dem Zimmer hinaus, und um Zeit zu gewinnen, sagte sie:
Entschuldigen Sie, ich war unkonzentriert, was haben Sie mich noch einmal gefragt?
Wie du dich fühlst.
Jetzt überlegte sie, fühlte sich etwas unter Druck gesetzt, weil sie eben so unaufmerksam gewesen war.
Es ist alles so neu für mich, ich weiß nicht, ich fühle etwas Angst, aber auch Neugierde.
Sie wartete auf weitere Fragen des Mannes, aber er stellte vorerst keine. Die Stille wurde ihr fast unerträglich; um sie zu unterbrechen, sagte sie:
Ich habe einen Kloß im Hals, meine Stimme hört sich ganz seltsam an, ich merke, wie mich eine Gänsehaut überzieht.
Wieder erhoffte sie, dass der Mann auf der anderen Seite etwas sagte. Aber wieder bekam sie nichts zu hören. Vielleicht war er auch nicht mit der Frage zufrieden. Sie war ihm nicht ausreichend. Aber was sollte sie noch sagen? Ihr fiel wirklich nichts ein.
Schier endlos zerronnen die Minuten. Wieder stand sie auf; diesmal ging sie zu den Utensilien, mit denen sie noch nie vorher in Berührung gekommen war. Nun sah sie auch erst, dass auf dem Boden große Dildos standen. Sie schaute schnell wieder weg. Ob er verlangte, dass sie sich diese riesigen Dinger vor seinen Augen einführte? Das ginge im Leben nicht, ging es ihr durch den Kopf.
Woran denkst du?