Einer der bekanntesten und umstrittensten Abschnitte des Buches behandelt die Frage, ob ein Herrscher lieber als

grausam oder als barmherzig gelten solle.

Machiavelli beginnt das Kapitel mit der Aussage, dass ein Fürst immer versuchen soll, als barmherzig und nicht als grausam zu gelten. Ist dies allerdings nicht möglich, so ist es vorzuziehen als grausam zu gelten. Auf keinen Fall darf ein Fürst es allerdings zulassen, verachtet zu werden. Dies begründet Machiavelli damit, dass die Menschen im Allgemeinen undankbar, wankelmütig, falsch und feige seien.


.....15. Kapitel

Wodurch die Menschen und besonders die Fürsten Lob und Tadel erwerben
Es bleibt nun noch übrig zu betrachten, wie sich ein Fürst gegen seine Untertanen und Freunde zu verhalten hat. Da ich weiß, daß schon viele über diesen Gegenstand geschrieben haben, fürchte ich, man wird mich für anmaßend halten, wenn auch ich darüber schreibe, zumal Ich gerade bei der Behandlung dieses Stoffes häufig von den Ratschlägen der anderen abweiche. Aber da es meine Absicht ist, etwas Nützliches für den zu schreiben, der es versteht, scheint es mir angemessener, der wirklichen Wahrheit der Tatsachen nachzugehen als den Wahngebilden jener Leute. Viele haben sich Republiken und Herrschaften erdichtet, die sie in Wahrheit niemals gesehen und kennengelernt haben. Denn zwischen dem Leben, so wie es ist, und dem Leben, so wie es sein sollte, besteht ein so großer Unterschied, daß derjenige, der nicht beachtet, was geschieht, sondern nur das, was geschehen sollte, viel eher für seinen Ruin als für seine Erhaltung sorgt; denn ein Mensch, der in jeder Beziehung für das Gute einstehen möchte, müßte inmitten so vieler schlechter Menschen zugrunde gehen. Daher muß ein Fürst, wenn er sich halten will, lernen, schlecht zu sein und davon je nach Bedarf Gebrauch zu machen.
Ich übergehe also die Dinge, die einem Fürsten angedichtet werden, und setze mich nur mit der Wirklichkeit auseinander. Allen Menschen, von denen man spricht, und besonders den Fürsten, da sie viel höher stehen, werden Eigenschaften zugesprochen, die ihnen Tadel oder Lob eintragen. Einer wird für freigebig gehalten, der andere für knauserig (ich gebrauche einen toskanischen Ausdruck; denn geizig ist in unserer Sprache einer, der sich zu bereichern trachtet, knauserig nennen wir den, der allzu geringen Gebrauch von seinem Besitz macht); einer gilt für freigebig, der andere für habgierig; einer für grausam, der andere für mitleidig; einer für wortbrüchig, der andere für treu; einer für weichlich und kleinmütig, der andere für kraftvoll und mutig; einer für menschenfreundlich, der andere für hochfahrend; einer für wollüstig, der andere für enthaltsam; einer für aufrichtig, der andere für verschlagen; einer für hartherzig, der andere für nachgiebig; einer für ernst, der andere für leichtsinnig; der eine für religiös und der andere für ungläubig usw. Ich weiß wohl, daß jeder sagen wird, daß es am besten wäre, wenn ein Fürst von den obengenannten Eigenschaften nur die guten hätte; aber da man sie nicht besitzen und auch nicht dementsprechend handeln kann, eben infolge der Natur des Menschen, die nicht damit zusammen-geht, muß der Fürst so klug sein, daß er die üble Nachrede solcher Eigenschaften zu vermeiden versteht, die seinen Staat erschüttern könnten; und auch vor denen, die ihm die Herrschaft nicht gefährden können, soll er sich nach Möglichkeit hüten; kann er das aber nicht, so kann er sich hierin rücksichtsloser gehenlassen. Auch braucht man sich nicht davor in acht zu nehmen, in den Ruf solcher Laster zu kommen, ohne die der Fürst den Staat nur schwer erhalten kann; denn betrachtet man das Ganze, so wird man finden, daß es scheinbare Tugenden gibt, bei deren Ausübung man zugrunde geht, und schein-bare Laster, bei denen Sicherheit und Besitz gewährleistet ist.




16. Kapitel

Von der Freigebigkeit und der Sparsamkeit

Ich beginne nunmehr mit den ersten genannten Eigenschaften und behaupte, daß es gut ist, für freigebig zu gelten. Aber die Freigebigkeit, die du übst und die nicht anerkannt ist, ist dir schädlich; denn wenn du sie großartig ausübst, wie es sein müßte, und sie wird nicht bekannt, so wirst du dich vor dem
Rufe des Gegenteils nicht bewahren. Um sich unter den Menschen den Ruhm des Freigebigen zu erhalten, muß man jede Art Aufwand treiben; ein Fürst, der so handelt, wird zu diesem Zweck sein ganzes Vermögen aufbrauchen; er wird schließlich, um sich den Ruf eines Freigebigen zu erhalten, seine Untertanen mit außergewöhnlichen Abgaben belasten und alles das tun müssen, was geschehen muß, um Geld zu gewinnen; dadurch wird er anfangen bei seinen Untertanen verhaßt zu werden, und wird er arm, so wird ihn keiner achten. So hat er mit seiner Freigebigkeit sehr viele beleidigt und nur wenige beglückt; das verspürt er bei der ersten Gelegenheit, und er gerät in die erste beste Gefahr; wenn er nun das erkennt und damit aufhören will, so kommt er bald in den Ruf eines Filzigen. Da also ein Fürst von dieser Eigenschaft der Freigebigkeit ohne eigenen Schaden nicht in der Weise Gebrauch machen kann, daß sie allgemein bekannt wird, soll er sich, falls er klug ist, nicht vor dem Ruf eines Filzigen scheuen; denn mit der Zeit wird er für noch viel freigebiger gelten, wenn man sieht, daß er infolge seiner Sparsamkeit mit seinen Einkünften auskommt, daß er sich im Krieg verteidigen und angreifen kann, ohne sein Volk zu belasten; so übt er Freigebigkeit gegen alle, denen er nichts nimmt, und das sind viele, und knauserig ist er gegen die, denen er nichts gibt, und das sind nur wenige. In unseren Zeiten haben wir große "Paten nur von denen erlebt, die für knauserig gegolten haben. Die anderen sind untergegangen. Papst Julius II.90 machte sich den Ruf der Freigebigkeit zunutze, um Papst zu werden; aber dann dachte er nicht mehr daran, um Krieg führen zu können. Der jetzige König von Frankreich91 hat so viele Kriege geführt, ohne seinem Land einen Pfennig außerordentlicher Abgabe aufzuerlegen; denn alle außergewöhnlichen Kosten hatte er durch seine lange Sparsamkeit im voraus gedeckt. Der König von Spanien92 ist ein Beispiel dafür; er hätte weder so viel Feldzüge unternehmen noch siegen können, wenn er hätte für freigebig gelten wollen.
Daher soll es ein Fürst für nichts erachten, wenn er in den Ruf der Knausrigkeit kommt, falls er dafür seine Untertanen nicht bedrückt, sich verteidigen kann, nicht verarmt, sich zügelt und nicht zum Ausbeuter zu werden braucht; denn dieser eine von den genannten Fehlern erhält ihm seine Herrschaft. Wenn jemand sagen würde: Cäsar gelangte durch seine Freigebigkeit
zur Herrschaft, und viele andere sind dadurch, daß sie freigebig waren und dafür gehalten wurden, zu den höchsten Stufen gelangt,, so antworte ich: Es kommt darauf an, ob du schon Fürst bist oder ob du erst auf dem Wege bist, es zu werden. Im ersten Fall ist diese Freigebigkeit schädlich, im zweiten muß man wohl für freigebig gehalten werden. Cäsar wollte zur Herrschaft über Rom gelangen und war also einer der letzteren; aber hätte er, nachdem er dazu gelangt war, länger gelebt und sich nicht in seinem Aufwand eingeschränkt, so hätte er diese Herrschaft zerstört. Wenn weiter jemand einwerfen sollte, es hat viele Fürsten gegeben, die mit ihren Heeren Großes ausgerichtet haben und die für sehr freigebig gegolten haben, so muß ich antworten: Das hängt davon ab, ob der Fürst von seinem eigenen Vermögen, von dem seiner Untertanen oder von dem fremder Leute austeilt. Im ersten Falle muß er darin mäßig sein; im zweiten Fall darf er keine Art Freigebigkeit außer acht lassen. Der Fürst, der mit seinen Heeren von der Beute, aus den Taschen und von den Steuern der anderen lebt und das Gut der Fremden verbraucht, der muß freigebig sein, sonst würden ihm seine Soldaten nicht folgen. Von dem Vermögen, das nicht dir gehört und auch deinen Untertanen nicht, kannst du viel großzügiger schenken, wie es z. B. Cyrus, Cäsar und Alexander getan haben. Denn teilst du Fremdgut aus, so verlierst du keine Achtung, sondern gewinnst sie. Nur wenn du dein eigenes verschwendest, schadest du dir; und nichts verzehrt sich selbst so wie die Freigebigkeit; denn indem du sie übst, verlierst du die Kraft dazu; du wirst entweder arm und verachtet oder, um der Armut zu entgehen, räuberisch und verhaßt. Aber vor allem muß sich ein Fürst hüten, verachtet und verhaßt zu werden; und die Freigebigkeit führt zu beidem. Daher ist es klüger, in dem Ruf eines Knausrigen zu stehen, was ein Schimpf ohne Haß mit sich bringt, als den Ruf eines Freigebigen zu haben und in den Verdacht eines räuberischen Menschen zu kommen, was eine üble, mit Haß verbundene Nachrede im Gefolge hat.



17. Kapitel

Von der Grausamkeit und dem Mitleid
und ob es besser sei, geliebt als gefürchtet zu werden
Ich gehe weiter zu den übrigen vorn genannten Eigenschaften und behaupte, daß jeder Fürst danach streben muß, für mitleidig und nicht für grausam zu gelten; trotzdem muß ich ihn warnen, von diesem Mitleid schlechten Gebrauch zu machen. Cesare Borgia galt als grausam; trotzdem hatte diese GrausamkeIt die Romagna wiederhergestellt, geeint und wieder zu Frieden und treuer Ergebenheit gebracht. Wenn man es genau betrachtet, wird man finden, daß er viel mitleidiger als das florentinische Volk gewesen ist, das, um dem Ruf der Grausamkeit zu entgehen, Pistoja zerstören ließ.93 Es braucht sich also ein Fürst nicht vor der Nachrede der Grausamkeit zu scheuen, wenn er dadurch seine Untertanen eint und in Treue hält; denn mit seinen wenigen Fällen der Grausamkeit wird er milder sein als diejenigen, die infolge ihres allzu großen Mitleides Unordnung einreißen lassen, wodurch Mord und Plünderung entsteht; denn diese treffen gewöhnlich ein ganzes Gemeinwesen und die harten Urteile des Fürsten nur einen Teil. Unter allen Fürsten ist es einem Fürsten im neuerworbenen Staat unmöglich, dem Ruf der Grausamkeit zu entgehen, weil solche neuen Staaten voller Gefahren sind. Virgil sagt durch den Mund der Dido:

Res dura, et regni novitas me talia cogunt
Moliri, er late fines custode tueri.
(Hierzu zwingt mich die Not und die Jugend des geschaffenen Reiches, seine weiten Grenzen zu schützen, mit bewaffneter Wehr)

Trotzdem darf er nur schwer etwas glauben und sich zu etwas bewegen lassen, sich nicht selbst Angst machen und langsam mit Klugheit und Menschlichkeit vorgehen, damit allzu großes Vertrauen ihn nicht unsicher und zu großes Mißtrauen unduldsam machen.
Daher kommt die Streitfrage, ob es besser sei, geliebt als gefürchtet zu werden oder umgekehrt. Ich antworte: Man sollte beides werden. Aber da es schwer ist, beides zugleich zu sein, ist es viel sicherer, gefürchtet als geliebt zu sein, wenn schon eins von beiden fehlen muß. Denn von den Menschen kann man im allgemeinen das sagen: Sie sind undankbar, wankelmütig, heuchlerisch, scheuen die Gefahr und sind ge
winnsüchtig; solange du ihnen Gutes tust, sind sie alle dein, bieten dir Leib und Leben und ihre Kinder an, solange die Not noch weit Ist, wie ich schon sagcen; aber wenn sie da ist, empören sie sich dagegen. Der Fürst, der sich ganz auf ihre Worte verlassen und keine anderen Vorbereitungen getroffen hat, geht zugrunde; denn bezahlte und nicht durch Persönlichkeit und Edelsinn erworbene Freundschaften sind zwar zu gewinnen, aber sie bewähren sich nicht, und man kann im rechten Augenblick nicht auf sie rechnen. . Die Menschen scheuen sich weniger, einen anzugreifen, der sich beliebt gemacht hat, als einen, den sie fürchten; denn die Liebe wird von der Fessel der Dankbarkeit zusammengehalten, die, wie nun einmal die Menschen leider sind, sofort zerbricht, wenn der Eigennutz im Spiele ist; aber die Furcht erhält sich durch die Angst, bestraft zu werden, die niemals aufhört. Trotzdem darf der Fürst nur so weit gefürchtet werden, daß er, falls er keine Liebe erwirbt, doch dem Haß entgeht; denn es paßt vortrefflich zusammen, gefürchtet und doch nicht gehaßt zu werden. Das kann geschehen, wenn er sich nicht an der Habe seiner Mitbürger, am Vermögen seiner Untertanen und ihren Weibern vergreift; wenn er ja mit dem Schwert gegen jemanden einschreiten müßte, so muß er es als einen gesetzmäßigen Akt der Gerechtigkeit und in aller Öffentlichkeit tun; aber vor allem muß er auf die Habe der anderen verzichten; denn die Menschen vergessen schneller den Tod ihres Vaters als den Verlust ihres väterlichen Erbes. Gründe, das Vermögen anzugreifen, wird es später immer noch geben. Wer erst anfängt, von Plünderungen zu leben, findet immer Grund, den anderen zu berauben; aber die Gelegenheiten zum Blutvergießen sind im Gegensatz hierzu seltener und fehlen leichter.
Wenn sich aber der Fürst im Felde befindet und über ein zahlreiches Heer zu gebieten hat, dann darf er sich nicht vor dem Rufe der Grausamkeit scheuen; denn ohne diesen Ruf hält man niemals sein Heer zusammen und treu zur Fahne. Unter den bewundernswerten ' Taten Hannibals ist besonders zu nennen, daß sich in seinem sehr großen Heer, das aus zahllosen Menschenrassen gemischt und zur Kriegführung im fremden Land gemietet war, sich nie ein Zwist erhob, weder innerhalb des Heeres noch gegen den Führer, weder in schlechten noch in guten Zeiten. Das war nur durch seine unmenschliche Grausamkeit möglich, die zusammen mit seiner unerhörten

Tüchtigkeit ihn in den Augen der Soldaten verehrungswürdig und furchterregend machte. Seine übrige Begabung hätte ohne jene nicht zu dieser Wirkung ausgereicht. Unüberlegte Schriftsteller bewundern einerseits diese Taten und tadeln andererseits ihre Hauptursache. Daß es wahr ist, daß alle anderen Vorzüge nicht genügt hätten, kann man an Scipio sehen, einer nicht nur in seiner Zeit, sondern in der ganzen Weltgeschichte sehr seltenen Erscheinung; und doch meuterten seine Heere in Spanien .7 Das kam nur von seiner allzu großen Milde, die den Soldaten mehr Freiheit gegeben hat, als es mit der militärischen Zucht verträglich war. Diese Tatsache wurde von Fabius Maximus im Senat getadelt, der ihm die Zerstörung des römischen Heeres zum Vorwurf machte. Als die Lokrer von einem Legaten des Scipio vernichtet worden waren, rächte sie Scipio nicht und bestrafte nicht den Legaten für sein anmaßendes Verhalten; auch das kam von seiner zarten Gemütsart; es wollte ihn daher einer im Senat mit den Worten entschuldigen, es gäbe manche Menschen, die verständen besser, selbst ohne Fehler zu sein, als die Fehler der anderen zu bestrafen. Diese Naturanlage hätte mit der Zeit den Ruf und Ruhm Scipios gemindert, wenn er noch länger so den Oberbefehl geführt hätte; aber da er unter der Herrschaft des Senats stand, wuchs sich ihm diese Eigenschaft nicht zum Schaden, sondern zum Ruhm aus.
Ich kehre also zum Thema, ob Liebe oder Furcht, zurück und fasse zusammen: Da die Liebe zu den Menschen von ihrer Willkür und die Furcht von dem Betragen des Fürsten abhängt, darf ein kluger Fürst sich nur auf das, was in seiner Macht und nicht in der der andern steht, verlassen: Er soll, wie gesagt, nur darauf hinarbeiten, den Haß zu vermeiden.