Du bist weg! Allein gelassen hast Du mich.. obwohl. .manchmal rieche ich Dich, Du stehst dann hinter mir, willst mir etwas sagen - oder mir einfach nur ganz nahe sein?

Er nähert sich, der Tag, der nichts Gutes für mich bedeutet. Es liegt bestimmt nicht daran, dass ich dann ein Jahr älter werde, es liegt an den schlimmen Erinnerungen, die dieses Datum mir brachte. Als ich 8 wurde, starb Opa, Dein Vater. An ihm hing ich sehr, habe auch gelitten aber Kinderseelen sehen den Opa dann einfach auf einer Wolke sitzen und spielen darunter fröhlich weiter.

Als Du wegen Deiner Magenprobleme vom Arzt kamst, mir die Einweisung zeigtest, die Diagnose darunter...ich konnte nicht denken, mein Kopf war leer, wenn Angst schwarz und ungreifbar ist, dann war es Angst, die meinen Kopf füllte.
Am Tag der OP durfte ich Dich morgens um 7 bis zur Schleuse begleiten, ich war ja vom „Fach“. Ein Arzt schickte mich weg, die OP würde lange dauern, man riefe an.

Um 14.31 kam der Anruf. „Ich bin Dr. X, habe gerade Ihre Mutter operiert, sie sagte mir, dass Sie heute Geburtstag haben, herzlichen Glückwunsch! Ihre Mutter ist voller Krebs, wir können sie nicht retten. Kommen Sie morgen zu einem Gespräch ins Ärztezimmer“.

Herzlichen Glückwunsch…Ihre Mutter ist voller Krebs…Herzlichen Glückwunsch, Ihre Mutter ist voller Krebs….
Ich weiß nicht, wie lange ich bewegungslos mit dem Hörer in der Hand nur einfach da stand und sich immer wieder diese Worte wie von einem Tonband geleiert in mein Ohr fraßen.

Von mir gegangen bist du 13 Tage später, 2 Tage bevor Du 48 Jahre jung geworden wärst.
War das Gottes Dank, weil Du 20 Jahre für die Kirche gearbeitet hast? Die Ärzte hatten etwas von drei Monaten gesagt, doch die Embolie entschied anders. Als sie Dich im Eiltempo wegen der plötzlich aufgetretenen Herzschmerzen auf die Intensivstation brachten, da drehtest Du Deinen Kopf nach hinten, wohl wissend, dass ich hinter dem Bett herhetzte. Du hattest diesen seltsamen, nie vorher gesehenen Blick und strecktest Deine Hand nach mir aus, aber ich konnte Dich nicht erreichen, wurde vor der Türe des Intensivbereichs wieder vom Arzt weggeschickt…und ich ging. Zwei Stunden später kniete ich neben Dir und hielt Deine noch warmen aber toten Hände. Du sahst so abgekämpft aus. Bestimmt hast Du dem Sensenmann erst einmal gehörig in den Hintern getreten, hast Dich gewehrt, tapfer gekämpft und am Ende doch verloren.
Das war 1989..oder gestern? Wer behauptet, die Zeit heile alle Wunden, ist ein unwissender Narr. Die Zeit legt nicht einmal eine Kruste darüber, es ist nur eine zarte Haut, die durch einen Duft, eine ähnlich klingende Stimme, ein Kleidungsstück oder einen rasanten Fahrstil – so wie es Deiner war – sofort aufplatzt und alle Gefühle und Gedanken werden gleichzeitig, wie von einem Kieslaster, dröhnend über mich geschüttet.

Vergangen sind nur das Unverständnis für den Arzt, der seine Worte so dumm wählte….welche Worte können solche Nachrichten gut vermitteln? Nur Gratulationen per Telefon mag ich nicht mehr…die Angst, es könnten Worte folgen, ist zu groß.
Vergangen ist auch die Wut auf Gott, weil er mir nicht die Zeit ließ, mich in Ruhe von Dir zu verabschieden…aber Abschied? Bist Du, wann immer ich es will, nicht greifbar für mich?
Stelle ich Fragen, kommt bestimmt die Antwort über Nacht, der Gedanke ist dann einfach da und manchmal möchte ich mich an meine Träume besser erinnern können…warst Du da? Haben wir geredet? Weißt Du, dass Du jetzt zwei Enkelkinder und sogar einen Urenkel hast? Ja, ich denke, das war Dir schon bekannt, bevor die Schwangerschaftsteste positiv waren. Vielleicht sitzt Du gerade auf einem kalbenden Gletscher und spielst Wasserrutsche mit ihm oder du surfst auf dem Rücken eines Delfins durch sonnige Wogen. Ich würde das an Deiner Stelle tun, doch Du stehst hinter mir und streichst mir tröstend übers Haar.
Es gibt keinen Trost, nicht vor 20 Jahren und jetzt nicht…also geh ruhig rutschen oder surfen, egal wo Du bist…ich liebe Dich, Mama!