Fassungslos starrte sie auf den Küchenboden. Das anthrazitfarbene PVC war über und über mit Glasstückchen besät, die im Licht der durch das hohe Fenster hereinfallenden Mittagssonne Karin höhnisch in bunten Farben entgegen zu schillern schienen. Auch auf der rauchblauen Arbeitsplatte funkelten und glitzerten die Glasstücke mit dem blanken Edelstahl der Küchen- und Kaffeemaschine um die Wette. Das Ceranfeld des Herdes glich der Schaufensterauslage von Juwelier Christ.

Bei diesem Anblick verpuffte ihre angestaute Wut und sie bekam einen hysterischen Lachkrampf. „Na prima“, fluchte sie laut. „Da hast Du ja ganze Arbeit geleistet. So eine verdammte Scheisse! Man kann sich auf nichts mehr verlassen. Auf rein gar nichts“. Immer leiser wurde ihre Stimme und aufsteigende Tränen schnürten ihre Kehle. Karin heulte Rotz und Wasser. Ein Heulkrampf, der alles Elend dieser Welt beinhaltete. Sie griff nach der Küchenrolle, und zuckte zusammen. Selbst auf dieser lag Glas.

Karin riss zwei Tücher ab und schnaubte sich heftig die Nase. Trocknete ihre Tränen, und überquerte vorsichtig die Bescherung. „Da hätte jeder Fakir seine Freude dran“, murmelte sie ironisch, schnappte nach Luft und schritt zur Tat.
Holte den Industriestaubsauger aus dem Abstellraum, der dort auf Sondereinsätze wartete. Dessen Motor hohe Saugkraft erzeugte und der mit seinem robusten Auffangbehälter jeden Missgeschickes Herr wurde. Seine letzte Mission, die Befreiung des Kinderzimmerparketts vom Cocktail zweier Limonadenflaschen mit Salzstangen und Erdnüssen vermischt, hatte er mit Bravour gemeistert. So würde er auch in diesem Fall seine ganze Kraft einsetzen, seinen hungrigen Bauch zu füllen.

Karin brachte ihn an seinen Einsatzort, entwirrte das Stromkabel und steckte den Stecker in die Dose. Sie seufzte noch einmal beim erneuten Anblick der „gläsernen Pracht“ und betätigte den Schalter ihres dienstbaren Geistes. Das dröhnende Sauggeräusch holte sie endgültig auf den Boden der Tatsachen zurück. Jedes Glasstückchen, das durch den dicken schwarzen Schlauch aufgesogen laut klackernd in dem Auffangbehälter landete, verursachte Karin Unbehagen. Das Glitzern und Funkeln des Glases war verschwunden. Es sah eher grau und stumpf aus. Bestimmt lag es an dem schwindenden Sonnenlicht, das ihm Leben eingehaucht hatte.

Die enorme Kraft des Saugers und das Klicken und Klacken im Bauch dieses Giganten wuchs zu einem nervtötenden Geräusch, das Karin fast in den Wahnsinn trieb. Sie biss die Zähne zusammen und kämpfte sich Stück für Stück durch das Schlachtfeld. Überall fand sie Glasstücke. Sie fand sie an den unmöglichsten Stellen, und sie hatten sogar den Sprung auf die Küchenschränke geschafft. Es war unglaublich, wie viele von diesen vermaledeiten Dingern in ihrer Küche herumlagen. Karin war heilfroh, wenigstens den elektrischen Helfer zur Seite zu haben, der sie trotz des Heidenlärmes, den er verursachte, nicht im Stich ließ und wie der Teufel Stück für Stück Glas verschlang.

Endlich war es geschafft. Karin stellte den Sauger aus und sank ermattet auf den Klappstuhl vor dem kleinen Küchentisch. Sie war fix und fertig. Und doch huschte ein Schmunzeln in ihr verheultes Gesicht und sie sagte laut und deutlich zu sich selbst: „Nie wieder! Nie wieder werde ich auf diese hirnrissige Idee kommen, aus Wut auf meinen Mann die angeblich bruchfesten Arcoroc-Glasschüsseln zu testen.

Nie wieder!“


Man erzählt sich, sie habe sich bis heute daran gehalten …


Bildquele Pixelio, Fotograf knipseline
Text © Doris Sponheimer