Vorwort:

Fast immer, wenn ich über Sänger/Musiker oder eine Musikrichtung geschrieben habe, fragte mich mein Freund und Lebenspartner anschließend: „Und wann schreibst Du endlich mal was über NINA SIMONE?“

Meine Ausreden gehen mir allmählich aus (der wahre Grund für meine bisherige Abstinenz ist, dass ich diese Künstlerin für so außergewöhnlich halte, sie ist leider bereits verstorben, dass ich befürchtete Ihr nicht gerecht werden zu können). Nachdem ich am vergangenen Samstag jedoch in der taz einen wunderbaren, fast ganzseitigen, Artikel („Gottverdammtes Mississippi“, Klaus Walter, taz 24.01.2009, Seite 21) las, will ich es versuchen.

Jamerson zeigt (zu viel) Gefühl:

1960er / 1970er Jahre … Musik, Sex und Politik sind meine Leidenschaft. Mehrmals pro Woche treffe ich mich mit Freunden und Mitstreitern (im Gewerkschaftshaus, in unserem „autonomen Zentrum“ und in verräucherten Kneipen), um die „bevorstehende Weltrevolution vorzubereiten.“ Ganz nebenbei verführe ich einige meiner heterosexuellen Kumpels. Und ... keiner von ihnen ist schwul geworden, alle sind inzwischen längst mit Frauen verheiratet und haben Kinder (so viel zum Märchen, durch Verführung würde "man" schwul. Es war für alle Beteiligten schön und dann ... haben wir uns wieder der Politik gewidmet)

Da „begegnet“ mir erstmals NINA SIMONE. In der Jukebox laufen ihre Songs und ich bin sofort fasziniert von der Stimme (brüchig, fast männlich, entschlossen, hypnotisch, magisch). Wenn sie singt höre ich gebannt zu - auch wenn ich mitten in einer hitzigen Politik-Diskussion bin -. Ich mache mich kundig. NINA SIMONE ist der Künstlername von Eunice Kathleen Waymon, als sechstes Kind eines Handwerkers und einer Methodistenpredigerin 1933 in North Carolina geboren. Noch die Großeltern waren Sklaven.

Ihre Musik lässt sich kaum einordnen, Jazz-Soul-Blues-Classic? Ja! Und doch ist es etwas „eigenes“, nicht nur eine Mischung aus allem. Und … es ist Nina Simone - sie ist unverwechselbar, eine echte Persönlichkeit! Meine erste Langspielplatte ist „To Love Somebody“ - da hat diese Künstlerin schon etliche LPs aufgenommen, mehrmals die Plattenfirma gewechselt und ist künstlerisch „gereift“.

Mein Einstieg aber ist dieses Album, das den Titel eines Bee Gees Songs trägt; es gehört bis heute zu den Alben, die auf jeden Fall mit auf die (überstrapazierte) „einsame Insel“ kämen. Und was macht Nina mit den Songs, die sie von anderen Künstlern covert? „Sie erfindet sie vollkommen neu“ - sie verleibt sie sich ein, verändert Tempo, Arrangement und … verleiht auch dem banalsten Titel Tiefe, Aussage und einen unverwechselbaren Charakter.

Ich habe das Glück dieses Album in der deutschen Pressung (ja, lieber wahrensfeld, auch das gibt es, dass die deutsche Pressung mal besser ist!) in schwerer 180 Gramm-Vinyl-Qualität zu erstehen. Es klingt großartig, sehr viel Tiefe, Transparenz und Magie! Das Cover ist ebenfalls besser, als bei der U.S.- und U.K.-Version; es zeigt NINA SIMONE, die sich gestylt hat wie eine afrikanische Königin. Kurze Haare, stolze Haltung, Ohranhänger und Collier aus großen Edelsteinen (das „Original-Cover“ zeigt dagegen eine nichtssagende Zeichnung und wird dem musikalischen Inhalt überhaupt nicht gerecht).

Ich bin absolut hingerissen, musikalisch haut mich das Album um und wenn ich mir dabei das Foto ansehe, verliere ich mich in einer magischen Welt. Ich werde ganz ruhig und entspannt, fühle mich wohl und „meditiere“ … Bisschen viel Gefühl, oder? So bin ich eben!

Die Person NINA SIMONE:

Sie hat eine klassische Klavier-Ausbildung, hat irgendwann in einer Bar ein wenig Klavier spielen wollen, um Geld zu verdienen und wurde vom Inhaber des Lokals aufgefordert „zusätzlich“ zu singen (das sei im Vertrag enthalten …). Also sang sie. Das Ergebnis: Pure Magie, die Gäste waren fasziniert und stellten ihre Gläser ab, um zuzuhören. So etwas hatte bereits eine andere schwarze Sängerin geschafft, die ich ebenfalls sehr verehre: Billie Holiday!

Nina Simone ist eine hochpolitische Frau, sie wird schnell zu einer „Ikone“ der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Sie hat auch Kontakte zu den Black Panthers und wird dort als „eine von uns“ hoch verehrt. Während des Vietnam-Kriegs, in dem besonders schwarze U.S.-Soldaten als „Kanonenfutter“ verheizt wurden, behält sie einen Teil ihrer Steuern ein, um den Krieg nicht zu finanzieren. Das nimmt man ihr sehr übel. Sie wird von FBI und CIA als gefährlich eingestuft, Plattenfirmen gehen auf Distanz, Auftritte werden abgesagt.

Vom Rassismus in den U.S.A. zermürbt verlässt sie schließlich das Land, lebt lange Zeit in Europa (Frankreich, Schweiz, Niederlande u.a.) und Afrika (Liberia). Bei ihren Auftritten in den U.S.A. pfändet die U.S.-Finanzbehörde sofort die Gage, um die „Steuerschulden“ einzutreiben.

Bühnenpräsenz:

Ein Auftritt von Nina Simone war immer ein Ereignis der besonderen Art. Sobald diese Künstlerin die Bühne betreten hatte, stand sie uneingeschränkt im Mittelpunkt des Interesses. Gefürchtet war ihr minutenlanges Schweigen, wenn sie sich mit „unangemessenem“ Geräuschpegel aus dem Zuschauerraum konfrontiert fühlte. Da konnte sie auch schon mal ganz energisch „Sit down, please“ ins Mikrofon „flüstern“ … da lief einem auch am Fernsehschirm eine Gänsehaut über den Rücken. Ihr Gesichtsausdruck zeigte immer unmittelbare Emotion. Wie erlösend war es für die Zuschauer, wenn Nina Simone lächelte oder gar schallend lachte und … wie eisig wurde die Atmosphäre, wenn sie genervt oder wütend war.

Die Musik:

Mein Versuch, das musikalische Schaffen von Nina Simone auch nur annähernd angemessen zu würdigen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt; deshalb werde ich mich auf wenige Songs beschränken und ansonsten einige Links unter den Text stellen.

„To Love Somebody“ Im Gegensatz zum (für mich) uninteressanten Original der Bee Gees, ist Ninas Version „genial“ … je öfter ich sie höre, desto öfter möchte ich diese Version hören - pure Magie!
„Turn! Turn! Turn!“ Die Byrds machen es „ganz gut“, Nina Simone macht ihn zu „ihrem Song“, den ich anschließend nur noch ausschließlich von ihr hören wollte.
„Revolution“ Darf sie sich diesen Beatles-Klassiker einverleiben? Und ob! Besonders im Part II wird daraus plötzlich ein nervenzerfetzender „Gospel-Song“
„My Way“ (Paul Anka / Frank Sinatra) Ich bin absolut begeistert von diesem „Nina Simone-Song“ (sobald der Song zu Ende ist, lege ich ihn wieder auf) Was macht sie mit diesem „abgenudelten Sinatra Gesäusel“? Sie macht daraus Kunst, zieht ihn in die Länge, setzt Bongos ein, die sich in ein wahnsinniges Tempo steigern. Absolut hypnotisch!
Songs von Leonard Cohen, Bob Dylan … ich will die Originale anschließend nicht mehr hören, weil die Nina Simone Versionen für mich „der Himmel auf Erden“ sind.

Das Album „Emergency Ward“ ist ebenfalls pure Magie, teilweise live vor Studio-Publikum eingespielt, enthält es eine unglaubliche Long-Version von George Harrisons „My Sweet Lord“ (für den Song musste der Ex-Beatle wegen „Musikklau“ Tantiemen und Strafe an die Chiffons zahlen, eine schwarze Gesangsgruppe, bei der er sich bedient hatte).
„Sinnerman“ (aus Ninas Zeit bei Philipps-Records) … Was soll ich sagen, ein Klassiker, der in den verräucherten Kneipen seit Jahren täglich lief. Das Händeklatschen, das Klavierspiel, die Dramatik, der Gesang, die Veränderungen im Tempo … unglaublich! Das konnte nur Nina Simone.
Wie ich schon erwähnte, es ist mir unmöglich Nina Simone musikalisch auch nur annähernd gerecht zu werden. Mir fallen, während ich dies schreibe, schon wieder etliche andere Titel und Alben ein, die ich „unbedingt“ noch würdigen muss. Das schaffe ich nicht, es ist zu viel!

Ein Tipp:

Hüten Sie sich vor CDs, die von unbekannten Plattenfirmen (oft in Belgien oder Italien) regelmäßig auf den Markt geworfen werden. Das sind meist illegale, mies klingende Mitschnitte unbekannter Herrkunft. Es gibt kaum eine/n Künstler/in der/die so oft „bestohlen und um die Tantiemen betrogen“ wurde, wie Nina Simone.
Auf der sicheren Seite sind Sie bei Nina Simones offiziellen Plattenfirmen: Bethlehem-Records, Colpix, Philipps, RCA, KUDU (jetzt im Vertrieb von Columbia-Legacy-Sony), Elektra.

Meine Lieblingsalben sind:

„To Love Somebody“ (RCA)
„Here Comes The Sun“ (RCA)
„Emergency Ward“ (RCA)
„Four Women“ (Fantastische CD-Box, Philipps) teuer aber gut!
„Baltimore“ (KUDU / Columbia-Legacy-Sony)
„A Single Woman“ (Elektra) ein reifes Spätwerk (macht mich etwas melancholisch)
„Nina Simone Anthology The Colpix Years“ (Rhino) hier haben „meine Freunde“ bei Rhino gezaubert und die alten Mastertapes glänzend restauriert.
„Nina Simone Remixed & Reimagined“ (RCA-Legacy) wer’s mag, junge angesagte DJs zerhacken die Nina Simone Songs, fügen sie neu zusammen und „ergänzen“ sie mit Computer-Drums und anderem …
aber seien Sie gewarnt, das ist nichts für den beschaulichen Abend im Wohnzimmer!
Auch das Jazz-Label Verve hat etliche Nina Simone Songs remixed und auf seinen „Verve Remixed“ CDs veröffentlicht. Mir gefallen sie.

DVDs:

„Nina Simone Live At Montreux 1976, 1987 And 1990“ *****
„Nina Simone Live In 1965 & 1968“ *****

Autobiographie:

Original Titel „I Put A Spell On You“ (dümmlicher deutscher Titel „Meine schwarze Seele“ … hört sich nach „schwarzer Messe“ an - habe ich etwa eine „weiße“ Seele?) Das ist „harter“ Stoff und nichts für zwischendurch! Darin ist Verbitterung (über Rassismus) und Hass (gegen politische Reaktionäre) fester Bestandteil … da fällt mir noch ein Song ein „Backlash Blues“ aus ihrem Album „Nina Simone Sings The Blues“ - hier haut sie dem weißen, rassistischen Amerika ihre Wut links und rechts um die Ohren. Super!!!

Hier gibt es weiteren „Stoff“:

http://de.wikipedia.org/w... (deutsch)
http://www.ninasimone.com...
http://video.google.de/vi...
http://www.youtube.com/wa...
http://www.lastfm.de/musi...
http://en.wikipedia.org/w... (englisch)

Quellen:

Autobiographie „Nina Simone Meine schwarze Seele“ (Hoffmann & Campe)
„Gottverdammtes Mississippi“, Klaus Walter, taz 24.01.2009
„Wut und Arbeitswut“, Jazz Echo Nr. 1/2006
„Party, Politik, Abschied“, Frankfurter Rundschau 29.06.2004
„Register - Gestorben“, Nachruf DER SPIEGEL 18/2003
„Dämonen“, Nachruf Frankfurter Rundschau 23.04.2003
„Sirupsüße Teufelsmusik“ DER SPIEGEL Nr. 8/1993
„Auf Messers Schneide“, Audio 5/1988
„Arm, schwarz und unvergessen“ Jazz Echo Nr 2/2003

© Jamerson akas Knüppel

Liebe Platinnetz-UserInnen, dieser Artikel erschien erstmals am 28.01.2009 in ZEIT-ONLINE

Und da Sie sich mit meinen Artikeln gelegentlich etwas schwer tun, setze ich einige Original-Kommentare aus dem anderen Forum (das nicht in Konkurrenz zu PN steht, sondern eine Ergänzung darstellt) hier unter den Artikel. "Damit Sie wissen, was Sie mir schreiben können" (DIES IST IRONIE! Ich fürchte, ich muss es ausdrücklich erwähnen, damit hier einigen nicht der Herzschrittmacher durchknallt ...)

Also, dies waren erste Reaktionen meiner MitdiskutantInnen im "anderen" Online-Forum:

Wunderbar, poetisch, wahrhaftig.
The lord said
Go to the devil
He said go to the devilZu deutsch:
Der liebe Gott sagt: "Geh zum Teufel." hehehe
Agent_P
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Nine Simone: Here Comes the Sun!
Vielen Dank, Knüppel, für die Zeilen und das Recherchieren!
Ich, der ich geradezu unverschämt unmusikalisch bin (mein Musiklehrer erklärte mir mal vor einer Zeugnisbenotung: "Wenn du singst, muss ich dir leider eine 6 geben. Verzichtest du hingegen, kommst du mit einer 5 davon..." -

Meistens habe ich, der Trotz bestimmte meinen Teint, gesungen... und dafür eine 4 bekommen. Auf Cover-Versionen von F.J. Degenhardt und H. Wader musste ich allerdings verzichten), finde Nina Simon einzigartig!
I put a Spell on You! (1965)
To Love Somebody (1969)
Und vor allem: Here Comes the Sun! (1971)
Hagego
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'Ein bisschen zu viel Gefühl,
so bin ich eben' ~~ smile ~~ ist mir lieber als zu wenig. Also die Stimme muss
ich meinem Gemüt zuführen.
G_Nivere
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da bleibt mal wieder nur, sich bei knüppel zu bedanken und festzustellen, dass nina simones musik in meinem herzen und plattenschrank noch nicht den status inne hat, den sie verdient. "to love somebody" kommt in mein plattenbüchlein (mit dem vermerk: "deutsche pressung gut").
wahrensfeld @ http://zu-zeiten.blogspot...
------------------------
@agent_p, @hagego, @G-Nivere, @Wahrensfeld
Also "Jungs" ... Ihr seid einfach Klasse, ich liebe Euch! (nee, nicht "so" ... rein platonisch).
Danke und Gruss
Knüppel
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Habe mir am Wochenende
nochmals die DVD "NINA SIMONE Live in 1965 & 1968" angesehen.
Sieht man genau hin, dann ist zu erkennen, wie Nina Simone ihr Publikum "im Griff" hatte: Da singt sie 1965 in Amsterdam ihr "Four Women", mit einem (nicht nur für die damalige Zeit ... die Studenten-Unruhen lagen ja noch in weiter Ferne) sehr aufwühlenden Text.

Sie bleibt anfangs todernst ... der Kameraschwenk ins Publikum zeigt reihenweise verstörte (weibliche) Gesichter und dann ... überzieht ein sardonisches Lächeln Ninas Gesicht - sie hat wohl registriert, dass sie das fast ausschließlich weiße Publikum nachhaltig verstört hat.

In dem Text geht es u.a. um die Vergewaltigung schwarzer Sklavinnen durch deren weiße "Besitzer". Im letzten Vers des Songs schleudert Nina Simone dem Publikum "I'll kill the first mother, I see ... because my parents were slaves" entgegen.

Bei den Aufnahmen 1968 in London ist Nina Simone bereits ganz die unvergleichliche "Black Diva" geworden, die ein hippes, junges Beat-Publikum begeistert, u.a. mit dem Song "Ain't Got No ..." aus dem Musical "Hair", der in U.K. ein Riesen-Hit für Nina wurde.
Knüppel

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Mist, jetzt habe ich die strengen Ermahnungen meines Vormundes hier im PN schon wieder verletzt und nicht nur 1 Artikel pro Tag gepostet, sondern 2 ...
Aber, immerhin habe ich doch mehrere Stunden zwischen beiden Beiträgen Zeit gelassen, gell?