Norman Whitfield, einer der ganz großen MOTOWN-Produzenten starb am 16. September 2008, mit 68 Jahren, an den Folgen einer Diabetes.

Whitfield war Innovator („mit absolutem Gehör“, Berry Gordy) der experimentierfreudig den MOTOWN-Sound in neue Dimensionen führte und einer weiteren Generation von Musikliebhaber/innen öffnete.

Norman wuchs im New Yorker Stadtteil Harlem auf und erklärte später: „I’ve got some serious ghetto in me ...“ Schon in den frühen 1960er Jahren fand er den Weg nach Detroit und in die junge Talentschmiede MOTOWN-RECORDS. Zunächst wurde sein Potenzial als genialer Komponist/Produzent jedoch nicht erkannt und genutzt; Whitfield startete bei MOTOWN als Tamburin-Spieler (zu hören u.a. auf dem Song „MONEY“ gesungen von Barret Strong) und als Studio-Hilfskraft.

So assistierte Norman Whitfield u.a. dem legendären Holland-Dozier-Holland Team beim Temptations-Song „Ain’t To Proud To Beg“ von 1964 als Co-Writer. Die Wende für ihn kam im Jahre 1967 (Whitfield: „I can hear a whole song complete in my head ...“), als er den Kult-Titel „I Heard It Through The Grapevine“ komponierte und niemand bei MOTOWN an einen kommerziellen Erfolg des Songs glauben mochte. Norman aber war hartnäckig und nervte seinen Boss Berry Gordy solange, bis dieser der Veröffentlichung in der härteren Version von Gladys Knight & The Pips zustimmte.

Als der Titel kurz nach der Veröffentlichung im Jahr 1967 auf Platz 1 der R&B-Charts und auf Platz 2 der POP-Charts stieg, hatte Norman Whitfield seinen Durchbruch geschafft. Der Veröffentlichung der, bereits einige Monate früher aufgenommenen, Version von Marvin Gaye stand nun nichts mehr im Wege. Marvins Interpretation schoß 1968 denn auch regelrecht an die Spitze von R&B- und POP-Charts und verkaufte sich 4 Millionen Mal. Norman Whitfield stieg zum „Prince Of MOTOWN“ auf und die Künstler/innen rissen sich um seine Songs.

Die Temptations mit ihren wunderbaren Harmonie- und Call- And Response-Gesängen, die stark an die Gospel-Tradition der schwarzen U.S.-Kirchen angelehnt waren, gerieten gegen Ende der 1960er Jahre ein wenig in den Ruf „nicht mehr auf der Höhe der Zeit“ zu sein. Hier war eine kleine „Blut-Auffrischung“ vonnöten ... und „Dr. Whitfield“ hatte die geniale Lösung parat: „PSYCHEDELIC SOUL“.

Im Oktober 1968 „explodierte“ der Temptations-Song „Cloud Nine“ (komponiert und produziert von Norman Whitfield und seinem Freund und Kollegen Barret Strong) in der Pop-Musik-Szene der U.S.A.; der Titel erreichte Platz 2 R&B und Platz 6 POP (beide Chart-Listen werden jeweils mit ihren Positionen 1 bis 100 in der „Szene-Bibel“ Billboard-Magazine abgedruckt). Der Song erreichte ein ganz neues hippes Publikum und wurde als musikalische Warnung vor Drogen verstanden: „You‘re Million Miles Away From Reality ...“

Die Temptations wurden zur Kult-Gruppe einer neuen Generation von MOTOWN-Fans, die sehnsüchtig auf immer neue Psychedelic-Soul Veröffentlichungen wartete. Und ... sie wurde nicht enttäuscht! Eine schier unendliche Kette von Temptations- / Whitfield-Hits der Extra-Klasse trat ihren Siegeszug um die Welt an: Auf „Cloud Nine“ folgte „Runaway Child Running Wild“ (in der Album-Version 9:21 Minuten lang), „Don’t Let The Joneses Get You Down“, „I Can’t Get Next To You“, „Message From A Black Man“, „Slave“, „Psychedelic Shack“, „War“ (dies und nicht Edwin Starrs Version ist das Original!), „Ball Of Confusion“, „Smiling Faces Sometimes“ (auch dies die Original-Version und nicht die von Undisputed Truth!) ...

Im September des Jahres 1972 dann gelang Whitfield ein weiterer Meilenstein: „Papa Was A Rollin‘ Stone“ (Album-Version 12:01 Minuten lang). Die, über den gesamten Zeitraum der Song-Dauer gehaltene, Bass-Line sucht bis heute in der Soul- und Pop-Welt ihresgleichen. Der Text kam von Whitfields Co-Produzenten Barret Strong und „war die dystopische Antwort auf einen fröhlichen MOTOWN-Hit aus den optimistischen Frühsechzigern.

‚Wherever I Lay My Head, That’s My Home‘, singt Marvin Gaye 1962 und feiert den promisken Lifestyle des jungen schwarzen Beau. Zehn Jahre nach Gayes Casanova-Hymne erzählen die Temptations von den Folgen: ‚Papa was a rollin‘ stone, wherever he laid his hat was his home‘. Um Frau und Kinder hat er sich nie gekümmert und ‚when he died, all he left us was alone‘. So explizid und eindringlich wie nie zuvor spricht der Song das afroamerikanische Dilemma der vaterlosen Gesellschaft an ...“ („The Great Extender“ von Klaus Walter in der taz vom 19.09.2008).

Ein kleiner Einwurf für die jüngere Generation von Musik-Hörern: Die Sound-Effekte auf diesen Psychedelic-Soul-Titeln sind komplett „handmade“, denn die Erfindung des Synthesizers ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht erfolgt. Es ist also komplett allerbeste *FUNK BROTHERS Hand- und Fußarbeit; u.a. mit dem Wah Wah-Pedal ... (*Ein Porträt der legendären MOTOWN-Studio-Band „The Funk Brothers“ ist in meinem Leser-Beitrag „MOTOWN ... ein Sound eroberte die westliche Welt“ vom 11.08.2008 zu finden)

„Papa Was A Rollin‘ Stone“ (Album „All Directions“ - die übrigen Titel des Albums sind eher „dünn“) ist bis heute unerreicht und hat eine geradezu zeitlose Qualität. Mit dem Nachfolge-Album „Masterpiece“, 1973 (ich liebe dieses Album heiß und innig**) „treibt es Norman Whitfield auf die Spitze“: In einem Anflug von ‚Größenwahn‘ erscheint Whitfields Name auf dem Platten-Cover sechsmal, während der Name der Temptations nur zweimal zu lesen ist ...

Das „Masterpiece“-Album beginnt mit einem sanften „Schleicher“, der sich in die Gehörgänge schmiegt „Hey Girl I Like Your Style“ und explodiert gleich anschließend mit einem groß-orchestralen Bombast in „Masterpiece“ (13:49 Minuten lang) - total irre! Der nächste Titel „Ma“ ist purer „Underground-Sound“ - es folgt der Dance-Club-Renner „Law Of The Land“ ---------- **jahrelang war das für meinen Freund und mich ein Magnet, der uns auf die Tanzfläche unseres bevorzugten Gay-Dance-Clubs zog, der DJ legte fast immer direkt danach die ebenbürtige Version der Whitfield-Zöglinge „Undisputed Truth“ auf - eine tolle Erinnerung! ------------ Die beiden anderen Titel des Albums „Masterpiece“ sind das etwas sterile „Plastic Man“ und das pessimistische „Hurry Tomorrow“.

Das „Masterpiece-Album“ war ein absoluter Verkaufsrenner, der sich auch in Europa viele Millionen Mal verkaufte (auch heute noch erinnern sich viele an das Cover, die in Gips gemeißelten Konterfeis der Temptations-Sänger). Jetzt aber reichte es den Temptations, sie hatten es satt „zu einem Begleitchor auf Whitfield-LPs zu verkümmern“ und schmissen ihren Erfolgsproduzenten raus.

Der kümmerte sich fortan um sein neues „Baby“ die absolut hippe MOTOWN-Gruppe „Undisputed Truth“ (vier Männer und eine Frau). Wenn Undisputed Truth-Sängerin Virginia McDonald ihre Stimme erhob, dann klirrten die Gläser in den Tanzschuppen der 1970er Jahre!
Norman Whitfield gründete später sein eigenes Platten-Label „Whitfield-Records“ und schrieb und produzierte u.a. den Soundtrack zum ‚Black-Hollywood-Movie‘ „CAR WASH“ (blöde Handlung aber toller früher Disco-Sound)

Norman Whitfield, die Erinnerung an den bulligen schwarzen Mann, mit der gewaltigen Afro-Krause und dem Bart wird von mir immer hochgehalten werden! Danke Norman, für Deine wunderbare Musik, die mich durch die Zeit nach meinem Coming-Out als schwuler Mann begleitet hat: „Psychedelic Shack“ (da habe ich als 17-Jähriger „meinen ersten Hetero“ verführt, geil!), „Ball Of Confusion“ (dazu habe ich mich auf der Tanzfläche bis zur totalen Erschöpfung ausgetobt), „Papa Was A Rollin‘ Stone“, den Song höre ich bis heute fasziniert mit einer Lautstärke, die die Toleranz meiner Nachbarn auf die Probe stellt ... „Law Of The Land“ - für mich immer noch eine der besten Tanz-Nummern der frühen 1970er Jahre ... absolut geil (oder wollüstig, Rahab?).

Der Song „Smiling Faces Sometimes ...“ (die Version von „Undisputed Truth“ gefällt mir besser, als die Temptations-Version) ist stark. Hier wird „Paranoia“ zelebriert und vor lächelnden (weißen) Gesichtern gewarnt, die häufig lügen: „Hüte Dich vor dem Klopfen auf den Rücken“ und „Beware of the handshake“ ... man wird Dir mit einem lächelnden Gesicht „ein Messer in den Rücken jagen“. Eine Warnung vor Gefahren, wenn aus jahrhundertelanger Unterdrückung (Sklaverei) plötzlich „Agreement“ wird.

CD-Empfehlungen:

„Psychedelic Soul“, The Temptations (MOTOWN / Universal 2003) - Super-Sound-Qualität, lieber Wahrensfeld! Alle Whitfield-Songs in den langen Album-Versionen, incl. „Papa Was A Rollin‘ Stone“, in der besten mir bekannten Klang-Qualität! Der Kauf lohnt sich unbedingt (u.a. auch bei Zweitausendeins)

„The Best Of Milestones“ The Undisputed Truth (MOTOWN-Masterseries 1995) - Hammer-Sound, bitte nicht mit „Best Of The Undisputed Truth“ (MOTOWN 1991) verwechseln, deren Klang-Qualität ist ausgesprochen jämmerlich!
„The Norman Whitfield Sessions“, Marvin Gaye (MOTOWN-Masterseries 1994), hierbei handelt es sich um frühe Werke von Gaye-Whitfield, incl. „I Heard It Through The Grapevine“ - komplett in Stereo und in sehr guter Sound-Qualität

„Masterpiece / A Song For You“, The Temptations (diese MOTOWN-U.K.-Version ist klanglich deutlich besser als die deutsche Version und auch besser im Sound als die Einzelversion von „Masterpiece“ - notfalls, Wahrensfeld ... die Einzelversion.

Q u e l l e n :

„The Great Extender“, taz 19.09.2008
„Die düstere Seite des MOTOWN-Sounds“, Süddeutsche Zeitung 20.09.2008
„Soundwechsel“, Barry Graves, Siegfried Schmidt-Joos
„Where Did Our Love Go? The Rise & Fall Of The Motown-Sound“, Nelson George
„To Be Loved“, Berry Gordy
„The Norman Whitfield Profile“, David Ritz
„Undisputed Truth“, A.Scott Galloway
„Pschedelic Soul Power“, Leonard Pitts jr.

© Jamerson akas Knüppel