Irgendwann in seinem Leben gerät selbst der bravste Mann in eine Versuchung.
Dabei hatte Kurt wirklich nichts Böses im Sinn, als er so ganz aus reiner Neugier doch einmal bei all seinen ernsthaften Recherchen im Internet auf eine dieser unzähligen Flirtlines geriet
Na ja, eigentlich ist er nicht dahin geraten, so was passiert ja einem Profi, wie er nun mal war nicht, sondern er erlag der Versuchung, da mal rein zu schauen, nachdem sein Kumpel Egon am Biertisch gestern Abend immer wieder mit seinen wahnsinnigen Chancen und Erfolgen bei den Damen geprahlt hatte.
Kurt riskierte wohl auch so hin und wieder einen kleinen SeitenBLICK auf eine schöne Frau, aber bis zum SeitenSPRUNG hatte er es noch nie gebracht.
Mein Gott, was sich da aber auch tummelte!
Alle Altersklassen, eine immer schöner als die andere, zugeknöpft und offenherzig, schlank und eher weniger zierlich, hier war ja alles vertreten.
Die Anmeldung unter einem dieser lustigen Namen war schnell getan, „Don Amigo“, so hatte er sich genannt und ehrlich, er wollte nur mal gucken.
Aber das konnte ja dauern!
Das schaffte er ja heute gar nicht, denn sein Hildchen kam ja gleich nach Hause.
Also flott gespeichert, das Passwort eingeprägt und das ganz kleine schlechte Gewissen ein wenig gestreichelt „nur morgen noch mal…“, und schon war er wieder der immer brave Ehemann.
Aber die schmeichelhaften Namen, die er da gelesen hatte, Herzblättchen und Lachsforelle, Schnuckelchen und Flotte Biene, Zuckerschnute….Schmusekatze, also die ließen ihn den ganzen Abend nicht so richtig los.
Ein Mal, nur ein einziges Mal musste er es mal ausprobieren.
Einfach nur mal sehen, ob er mit seinen 53 Jahren und dem leicht schütteren Haar auch noch solche Chancen wie Egon mit seinen 56 Lenzen hatte….gleich morgen.
Und dem Morgen folgten dann doch ein Übermorgen, ein nächster Tag, eine unterhaltsame Woche.
Er hatte, ja er hatte noch Chancen.
Warum hatte er das im realen Leben nie bemerkt, wie toll er noch bei den Frauen ankam?
Und so wurde unser braver Egon zum Hecht im Karpfenteich.
Es gab kaum noch eine hübsche Frau in seiner Altersklasse, mit der er noch nicht Kontakt aufgenommen hatte, die ihn in seiner gespielten Einsamkeit tröstete und ihm den Himmel auf Erden versprach, wenn er nur zu ihr käme.
Aber diesen letzten Schritt, nein, den wagte er nicht, den wollte er nicht wagen, denn sein Hildchen war ihm doch heilig.
Aber bei der Pikdame, die ihn da neulich so überaus zärtliche und recht pikante Details Ihrer Vorstellungen und Wünsche, ihn betreffend, über die Tastatur „geflüstert“ hatte, ja bei der konnte er wahrlich schwach werden.
Und….er wurde schwach, schwach, weil er sich stark fühlte.
Übermorgen, schon übermorgen sollte er sie in dem kleinen Cafe hinter dem Markt treffen.
„Oh mein Gott“, dachte er voller Aufregung und Erwartung, “wie bring ich nur meinem Hildchen bei, dass ich am Freitag Nachmittag allein in die Stadt will, das war doch noch nie vorgekommen“.
Aber es ging erstaunlich gut, seine Hilde akzeptierte ohne Schmollen seinen Wunsch, hätte sie doch schon lange mal wieder ihre alte Freundin am Stadtrand besuchen wollen.
Und da ist es ihr eh lieber, wenn Kurt nicht daneben sitzt.
Und eben dieser Kurt verwandelte sich am Freitag vor seinem Date in einen Jüngling der Sonderklasse.
So gut aussehend hätte ihn Hilde, die längst weg war, wohl kaum auf der Straße wieder erkannt in seinem schmucken Outfit, frisch rasiert mit einem Hauch Aftershave, dem teuren vom letzten Geburtstag und die leicht zittrigen Beine in einer schmalen Hose aus dem elegantesten Herrenausstatter der Stadt.
Das Abenteuer konnte beginnen.
Nein, eine Blume im Knopfloch war zum Glück nicht ausgemacht, sondern das kleine Gedichtbändchen von Ringelnatz sollte Erkennungsmerkmal werden, weil es so einen markanten blauen Umschlag hatte.
Aber nein, was war denn das?
Da war er extra etwas früher gekommen, um einen schönen lauschigen Platz in der Ecke des Cafes zu erhalten, hatte bereits zwei recht ansehnliche Damen prüfend gemustert, die aber nicht auf ihn reagierten, und nun kam da plötzlich sein Hildchen durch die Tür und sah sich suchend um.
Hatte sie sich etwa auch ausgerechnet hier mit ihrer Busenfreundin verabredet?
Ihn durchlief es heiß und kalt, er versteckte sich schnell hinter seiner mitgebrachten Zeitung, aber da hatte sie ihn auch schon entdeckt.
Wenn jetzt nur nicht gerade seine „Pikdame“ käme, hoffte er inständig, noch waren ein paar Minuten Zeit.
Aber da legte sein Hildchen auch schon etwas vor ihm auf den Tisch, einen kleinen Gedichtband von Heine mit dem blauen Schutzumschlag.
So lagen die beiden brav und unschuldig vor ihnen auf dem kleinen Cafetischchen, und Kurt blickte wie erstarrt auf diese beiden blauen Farbtupfer auf der weißen Tischdecke, bis er endlich begriff, sein Hildchen war die Pikdame aus dem Chat, mit der er so überaus charmant geplaudert hatte, ausgerechnet sein Hildchen!
Aber verlassen wir lieber den Tisch mit den beiden Farbtupfern, denn das was da jetzt geredet wurde, geht niemanden etwas an.
Auch nicht, was da in der darauf folgenden Nacht im Schlafzimmer des schmucken Einfamilienhauses geschah.
Es geht wirklich niemanden etwas an.
Und das war hoffentlich nicht „Nur ein einziges Mal…..“

by Ingrid H.