Eine seltsame Unruhe erfasste Magnus. Er stand in dem turmförmigen Erker seiner Altbauwohnung und schaute durch das tannengrüne Sprossenfenster hinaus. Die Blicke aus seinen schiefergrauen Augen wanderten über die breite Allee zu den gegenüber liegenden alten Kastanien.

Dicke Nebelschwaden waberten zwischen Stämmen und Ästen. Verfingen sich in dem rotgoldenen Blattwerk des Herbstes. Triste graue Fetzen eines feuchtkalten Gewandes, das Magnus schaudern ließ. Der Nebel wurde dichter. Nahm Gestalt an. Formte sich zu Wesen, die ihre Welt verließen …


Fröstelnd zog er seine breiten, leicht vorgebeugten Schultern hoch. Magnus verließ den Erker und beschloss, der Kälte des Abends mit einer heißen Dusche zu begegnen. Angenehm temperiertes Wasser auf seinem Körper erwies sich als Wohltat für seine müden Glieder. Nachdem er sich abgetrocknet und in den sandfarbenen Bademantel gewickelt hatte, ließ die Anspannung etwas nach.

Sein prüfender Blick in den Spiegel zeigte ihm ein Gegenüber, an dem wenig auszusetzen war. Einen Mann in den besten Jahren. Magnus trat etwas näher an den Spiegel heran und schaute direkt in sein Gesicht. Kantig mit hoher Stirn und dichtem Stoppelhaar. Unter den kräftigen schwarzen Brauen tiefliegende Augen mit dichten Wimpernkränzen.

Augen, die kühl und abschätzend mustern konnten, ohne sich zu demaskieren. Augen, die liebevoll ruhen und leidenschaftlich funkeln konnten. Augen, die dann ihre lebendige Schönheit preisgaben. Eine tiefdunkle Iris in einem schiefergrauen Fächer mit bernsteinfarbenen Sonnenflecken, die sich golden flimmernd zu einem Kristallspiegel verwandelten.


Magnus trat zurück. Die Unruhe kehrte wieder. Er musste raus. In Windeseile schlüpfte er aus dem wärmenden Frotte und verließ nackt das Bad. Er stand unter Strom. Sein Herz raste. Ein erregendes Kribbeln ließ ihn innehalten. Wie durch Zauberhände berührt reagierte er mit einer plötzlichen Erektion auf diese unwirkliche Stimmung. Staunend betrat er sein Schlafzimmer. Ihm stockte der Atem …


Sie stand am Fenster und schaute ihn unverwandt an. Ihr Blick umfasste seine pralle Männlichkeit mit wissendem Gesichtsausdruck. Seine ranke Gestalt mit den breiten Schultern. Sein ungläubiges Gesicht.

Im Zeitlupentempo bewegte sie sich mit sinnlichem Hütschwung auf Magnus zu. Fast nackt, umhüllt von einem durchsichtigen nebelgrauen Nichts, schwebte sie ihm entgegen. Ihre feingliedrigen Hände streckte sie verlangend nach ihm aus. Ihr geschwungener Mund mit den feucht glänzenden vollen Lippen war leicht geöffnet.

Magnus löste sich langsam aus seiner Starre. Mit gold flimmernden Augen nahm er jedes Detail wahr. Jede Linie. Jeden Schwung ihres Körpers. Sie war groß und schlank. Ihr Bauch weich gewölbt. Ihre Brüste bebten bei jedem Atemzug. Wie Rosenknospen zeichneten sich ihre Warzen unter dem feinen Stoff ab. Ihr Mund lockte mit einem verheißungsvollen Lächeln …



Nur ein kleiner Schritt trennte ihn von diesem Zauberwesen …



Er holte tief Luft. Eine Gänsehaut überzog seinen Körper. Bereit stand er vor ihr. Bereit, das Land der Sinne zu erreichen …



Nur ein kleiner Schritt …



Spürte bereits ihren Körper an seinem. Ihre Zunge in seinem Mund. Tief würde er sie empfangen. Sie festhalten. Zärtlich die Führung übernehmen. Bis sie ihn umschloss. Ihn aufnahm in ihre samtene Hülle …



Magnus stöhnte heftig!





Nur ein kleiner Schritt …




Bildquelle Pixelio, Fotograf Angela Parszyk

Text © Doris Sponheimer