Meine Mutter gab meinem Bruder und mir kurze Namen. Ich dachte immer der Grund läge darin, dass man kurze Namen besser brüllen kann. Zorn mag es nicht wenn er über Vokabeln stolpert. Später hat sie mir dann den wahren Grund erklärt: meine Mutter mochte keine Kosenamen, wollte eine Verniedlichung oder Umdichtung des von ihr bestimmten Wortes verhindern.
Ich selbst nutze diesen Namen nur noch in bürokratischen Angelegenheiten, das Namensrecht ist streng und will den Ahnenkult mit aller Macht erhalten.
Das führte dazu, dass ich mich offiziell Künstler nennen muss, um durch Presseartikel das Recht zu erwerben meinen eigenen Namen auf die Rückseite meines Identitätsnachweises drucken lassen zu dürfen. Der Mensch hat kein Grundrecht auf einen eigenen Namen, dieses Recht muss man erkämpfen.
So bin ich nun seit geraumer Zeit ganz legal Arpan.
Doch wer oder was ist Arpan?
Die Vokabel auszutauschen gab mir zwar ein eigenes Ich, doch wer oder was dieses Ich ist wird auch mit diesem Wort maskiert. Aus dem Hindi übersetzt bedeutet das Wort Arpan Hingabe. Ein seltsames Ich für eine Welt der Machtspiele. Doch es beschreibt mein Leben und Erleben in dieser Welt. Macht hat mich nie gereizt, Monopolie fand ich schon als Kind blöd. Intrigenspiele habe ich bis heute nicht verstanden, auf dieser Hirnhälfte bin ich blind. Träume erscheinen mir manchmal realer als die Spiele um Dominanz, die sich durch die Begegnungen zwischen Menschen winden wie ein Skelett aus der Urzeit. Der Instinkt primitiver Rudeltiere treibt die Krone der Schöpfung zur Balz. Wer hat die schönsten Federn?
Ich wollte und will nur rumkritzeln.
Die Menschheit baut Autobahnen in den Wartesaal des Todes, ich sitze in einer Ecke und kritzle kleine Bildchen.
Heute war es ein Grafiksatz namens Heide. Gestern hiessen die Bildchen Urwald.
Arpan lebt ganz Hingabe an Pixel und Texturen, Labyrinthe und erdachte Landkarten.
In der Schule begann es mit kleinen Männchen, Panzern und Flugzeugen. Die waren für einen zwölfjährigen Schüler ohne Interesse am Unterricht leicht unbemerkt zu zeichnen. Nur das Zeichnen von Karten oder Pflanzenteilen konnte meine Aufmerksamkeit zeitweilig auf die vom Lehrer gestellten Aufgaben lenken, der Rest war mir zuwider. Daten fressen und auf Befehl wieder in ein Heft kotzen zu können langweilte mich. Meine Schulbücher konnte man nicht weiterverkaufen, was zu dieser Zeit sonst durchaus üblich war. Sie waren auf fast allen Seiten mit kleinen Illustrationen versehen, taktischen Denkspielen von hinter Hügelketten versteckten Panzern. Mir hatte nie irgend jemand irgend etwas von Taktik erzählt, Schlachten waren nur ein Jahresdatum aus dem Geschichtsunterricht. Trotzdem beschäftigte sich mein Gehirn mit taktischen Planspielen.
Dieses Talent wurde nicht erkannt, nicht gesehen.
Was ich tat war nutzlos, ich war zu nix nutze, ein Nixnutz.
Und so gab mir meine Mutter doch noch einen Kosenamen. Ein Wort, das inhaltlich das gleiche Ich wie Arpan beschreibt. Was Ich tut hat keinen Nutzen, auch wenn die Menschheit an den Götzen Nutzen glaubt. Selbst Essen ist nicht nützlich sondern ein Bestandteil der Kreatur Mensch, nicht essen ist viel schwerer als essen. Ich habe nie an den Nutzen meines Tuns zu glauben gelernt, mein Tun war und ist nutzlos. Ich tue, um die grosse Langeweile namens Leben zu füllen.
Nixnutz ist der wahre Name, den mir meine Mutter gab. Auch wenn sie es wahrscheinlich nicht bemerkt hat.
Vielleicht findet ja irgendjemand den Abfall meines Tuns, die entstandenen Kritzeleien nützlich. Mir fallen einige Möglichkeiten ein sie in ein nützliches Werk zu verwandeln. Doch es interessiert mich nicht den scheinbaren Nutzen meines Tuns zu ernten. Ich tue was ich kann und muss, folge nur meiner Natur. Den Ernst des Lebens sollen andere anbeten. Ich opfere ihm keine Sekunde mehr als notwendig. Lieber von der Hand in den Mund leben als die sowieso zu kurze Lebenszeit an Konsum und vermeintliche Sicherheit verschwenden ist für mich gelebte Philosophie. Ich bin aber bereit zu teilen. Wenn ein Mensch denkt mit meinen Kritzeleien im weltweiten Monopoly Gewinne machen zu können darf er das tun und mir die Hälfte abgeben.