Österliches (nachgereicht) 

 

Das Ticket war günstig. Zwei Euro fünfzig, sonst vier Euro. Schwerbehindert mit Ausweis und dem Vermerk „gehbehindert!“ 

 

Meine letzten Gedanken vor dem Einstieg: „Wenn der Sandstein, aus dem das Bauwerk gebaut ist auch nur annähernd so gealtert ist, wie Du, dann kehre jetzt einfach um, vergiss die zwei Euro fünfzig, rette Dein Leben!“ 

 

Ja, vor genau vierundfünfzig Jahren war ich schon mal in diesem engen Wendeltreppenhaus, ein Schulausflug, die Besteigung des höchsten Kirchturmes der Welt, dem ULMER MÜNSTER. 

 

Es ist Ostermontag im Jahre 2011, nachmittags gegen drei Uhr.

 

Es warten gnadenlose siebenhundertachtundfünfzig einzelne Stufen, dabei nehme ich Zuhause immer den Aufzug zum dritten Stock. Es ist relativ kühl im engen Treppenschacht. Draußen bläst ein kräftiger Ostwind. Mein vehementer „Aufwärtsdrang“, jugendlich leicht und locker, wird bereits nach wenigen Höhenmetern gebremst. „Gegenverkehr!“

 

Ich presse mich gegen die Sandsteinumhüllung, freundlich grinsend: „Aber bitte schön...!“ Eine Großfamilie verschwindet unter mir. 

 

In mir schwindet der Gleichgewichtssinn und ich spüre den beginnenden Drehwurm, fahre meine Arme aus, linke Hand die Lichtwange, rechte Hand die Wandwange, zärtlich streichelnd, tastend.In meinen Oberschenkeln breitet sich ein erster brennender Schmerz aus, mein Hals wird trocken, die Bronchien melden sich mit unerklärlichen Pfeiftönen, der Pulsschlag rammt mein Blut in die Schläfen.

 

Ich nehme mich zurück, erinnere den Schritt des Alpinisten, langsam... aber stetig.

 

Vor mir „Stau“. Es gibt noch langsamere, nein, erneut Gegenverkehr. Dankbar genieße ich die Momente des Verharrens, des Durchatmens, bemerke eine gewisse Zittrigkeit. Damals, vor vierundfünfzig Jahren, ach ja, Mensch, ich war fünfzig Zentimeter kleiner und vierzig Kilo leichter. 

 

Das Treppenhaus öffnet sich zur ersten Empore, bin über dem Eingangsportal und etwas enttäuscht, dass ich noch nicht mal ein Drittel geschafft habe. Immerhin, es geht einige Meter gerade aus, betrachte die Stadt und den Münsterplatz unter mir. Ich lese: „Only way up!” Natürlich, den nehme ich!

 

Resignation im nächsten Drittel. Es könnte so schön klappen, wenn all die Turmbesteiger auch Englisch könnten. Dafür sind mir weitere „Staupausen“ sicher, die meiner konditionellen Verfassung auch sehr zuträglich sind, ich lasse die Ignoranten passieren.

 

 Zwischenzeitlich erzeugt der Blick aus den vertikalen Treppenhausöffnungen ein leichtes Ziehen entlang dem Rückenmark, das ständige spiralförmige Hochwinden vermittelt den Eindruck, als würde ich mit dem gotischen Sandsteingemäuer Walzer tanzen und mein Wunsch nach „links herum“ wird fast übermächtig. 

 

Innerlich freue ich mich über den inzwischen auf hohem, aber stabilen Niveau arbeitenden Puls, die sich langsam in den Aggregatzustand „Quark“ verwandelnden Oberschenkel.

 

Ich bin im letzten Drittel angekommen. Hier sondert sich die Spreu vom Weizen. Die letzten ca. fünfzig Höhenmeter in die filigrane, stark aufgegliederte Spitze des Ulmer Münsters. Alleine der Blick nach oben in die nur wenige Meter breite, den Unerschrockenen fast erdrückende Wagemutigkeit, dem Turm auch seine letzte, nur halbmeterbreite Plattform abzuringen. 

 

Wie in Trance, es dreht sich wieder, dieses mal rechts herum, die steinmetzegearbeiteten Turmprofile wachsen langsam auf mich zu, wie kann das Zeug nur halten, welchen Mut bewiesen diese Handwerker, die Erbauer.

 

Ich bin genau auf einhundertsiebenundvierzig Meter, schiebe mich hinaus auf den vierzig Zentimeter breiten Umgang, die Stadt Ulm unter mir, den steifen Ostwind im Gesicht, prüfe für einen Moment, ob wir nicht schwanken, werde weitergeschoben, rechts herum. Dann steht alles, andere drängen nach, wieder andere können nicht hinunter, somit kommen wir nicht weiter...... 

 

Ich darf es nicht zulassen, das Szenario vor meinem geistigen Auge, dass ich die nächsten Stunden hier oben verbringen werde, auf vierzig Zentimeter Breite aus altem Sandstein, für den nie eine Statik gerechnet wurde.  

 

„Ruhe, bleib ruhig, die letzten fünfundfünfzig Jahre stand er auch, ohne Dich, also, er wird auch die nächste halbe Stunde noch stehen, dann bist Du wieder unten, so Gott und die Dombauhütte das so vorgesehen haben!“ 

 

PS.: Habe ich erwähnt, dass ich keinem Menschen älter als fünfundvierzig Jahre begegnet bin? Weder beim Rauf- noch beim Runtergehen......! 

 

© W. Griffelspitzer