Inzwischen war April geworden, und ich hatte den Damen, die mich anriefen, erst einmal abgesagt, weil ich eine Arbeit früher beenden musste als ich gedacht hatte. Und nun kommt es: ich erlebte etwas, wovon jede(r) träumt, der die/der schon einmal dieses Verwirrspiel Online-Dating versucht hat: Ich datete mich offline. Und das ging noch nicht einmal auf meine Initiative zurück.
Eigentlich wollte ich die nun folgenden Abläufe überhaupt nicht bringen, weil das, was geschah, von der Dame als so kompromittierend aufgefasst hätte werden können, dass sie das Recht hätte, für immer böse auf mich zu sein. Andererseits wollte ich dieses tolle Erlebnis nicht weg lassen, weil es einen tiefe Erfahrung in meinem restlichen Liebesleben geschaffen hat.

Nach einigen Ansätzen, die Sache in den Computer zu hämmern, bei denen ich alles Geschehene dermaßen verfälschte, dass quasi nichts mehr von dem übrig blieb, was passiert war, griff ich entschlossen zum Hörer und rief die Dame an. Ich fragte sie nach längerem, beiderseitigen Schwelgen in Erinnerungen, ob sie etwas dagegen hätte, wenn ich unsere Woche an der Ostsee bei PN erwähne. Sie überlegte kurz und entschied, dass alles in Ordnung sei, wenn ich unser Abenteuer nicht nur bei PN, sondern später in einem Drehbuch in die Handlung einflechtete. Natürlich anonym und nicht unter unseren wirklichen Namen.

Ich bin erleichtert. Ich darf es schreiben. Ich darf sogar ihren Wunsch-Vornamen erwähnen, den sie schon ihr Leben lang gern gehabt hätte. Wow, ist diese Frau publicitysüchtig.

Agnes ist Mitte fünfzig und Producerin. Sie hatte mit mir zusammen mein Drehbuch immer wieder durchgearbeitet. Nach der zwölften(!) Fassung waren endlich alle einverstanden: der Produzent, der Regisseur, die Protagonisten usw. Agnes schlug vor, in der Großstadt den Abschluss unserer Schwerstarbeit zu feiern.

Agnes war für mich bisher ein Neutrum gewesen. Zwar war sie weiblichen Geschlechts, aber das war für unsere Arbeit überhaupt nicht wichtig. Ich sah in ihr eine Person, auf die ich angewiesen war und auf die ich hoffentlich auch weiter – bei späteren Aufträgen – würde zurückgreifen können. Wir gingen schick essen (alles auf Produktionskosten) und anschließend in ein Weinlokal. Wir tranken einiges, viel mehr, als ich als Nichttrinker vertragen kann, und bei mir drehte sich schon alles, als ich ihre Lippen auf den meinen spürte.

„Weißt du was?“, sagte Agnes, als es bereits hell wurde und sie ihr Schlafzimmerfenster aufriss, um den Tabakgestank abziehen zu lassen. „Ich hab’ noch eine Woche Urlaub. Wollen wir nicht was zusammen unternehmen?“

Ich sah auf ihre kräftigen Schenkel, als sie wieder zu mir ins Bett stieg und bemerkte, dass ich mich im Vergleich mit ihr nicht zu verstecken brauchte. Im Dunklen hatte ich das alles nicht mit gekriegt.

„Wir haben doch was zusammen unternommen. Wir können auch gern nochmal was unternehmen. So alt bin ich noch nicht, dass ich mich länger als 10 Minuten erholen muss.“

Sie lachte. „Das sowieso. Der Tag ist noch lang. Nein, ich meine, ob wir nicht irgendwo hin fahren wollen.“

Ich als Freiberufler kann immer mal zwischendurch Pause machen. Zeit war also kein Probleme. Ich überlegte, was ich gern mal wieder machen würde. Mir fiel etwas ein, was bei ihr sofort ein positives Echo fand.

„Ich möchte gern mal wieder campen. Meine Ex hatte keinen Bock auf sowas, und mich würde reizen, mit dir vorübergehend auf ganz engem Raum zu leben.“

Sie lachte wieder ihr Raucherlachen und krabbelte ganz fest an mich ran. „So eng? Oder noch enger?“

„Noch enger geht ja gar nicht“, sagte ich, doch sie bewies mir, dass es noch enger geht....

Wir mieteten ein Wohnmobil und fuhren auf einen Campingplatz an der Ostsee. Wir standen direkt am Meer.

Meine Phantasie schlug Kapriolen, wie gern hätte ich mich mit ihr in der Brandung im weißen Sang gewälzt und ‚es’ in der Brandung getan, aber dazu war es zu kalt. Sie hatte wohl ähnliche Vorstellungen, denn wir wanderten etwa 10 km am menschenleeren Strand entlang, und an einer geschützten Stelle zog sie mich zwischen die Dünen.

„Pass’ auf, dass du keinen Sand an die falsche Stelle kriegst“, sagte ich nur noch, aber das schien ihr in dem Moment so ziemlich egal zu sein.

Wir hatten nicht viel Abwechslung in dieser Woche. Essen, wandern, lieben und vom Lieben erholen, und je näher das Ende des Urlaubs kam, desto mehr machte ich mir Sorgen unseretwegen. Wie würde sie unsere Zweisamkeit verkraften? Würde sie mich krallen und in Besitz nehmen wollen? Das hätte unter Umständen große organisatorische Änderungen für mich bedeutet. Vielleicht sogar einen Umzug. Ich war schließlich auf sie angewiesen, und wenn sie gesagt hätte: ich will dich für immer und ich hätte das nicht mitmachen wollen, hätte ich vielleicht keinen einzigen Auftrag mehr von ihrem Chef bekommen.

„Du guckst so ängstlich“, sagte Agnes auf der Rückfahrt. „Keine Bange, ich wollte lediglich diese Woche mit dir genießen. Ich bin verheiratet. Mein Mann ist auf Geschäftsreise. Das macht er öfter, und wenn er wieder kommt, ist er immer so müüüüde.“

Ich war inzwischen auch ziemlich müde.

Ich fuhr Agnes nach Hause, verabschiedete mich und dachte, still vor mich hin lächelnd, an ihre entschlossen durchgezogenen Aktivitäten. Sie war eine Frau, der man nicht entkommen konnte, wenn sie einen erst mal beim Wickel hatte.

Wir sprachen erst jetzt wieder über unser Abenteuer, und vor nicht einmal zwei Stunden fragte ich sie, ob sie denn vorsorglich neu bezogen gehabt hätte, bevor wir direkt aus dem Weinlokal zu ihr gefahren waren. Sie hätte doch eigentlich nicht wirklich wissen können, dass ich ihre Spielchen mit machen würde.

„Stellt man solche Fragen? Du willst doch noch Aufträge haben, oder?“, fragte sie mit drohendem Unterton in der Stimme. „Klar hatte ich neu bezogen, aber dann erst wieder, kurz bevor mein Mann zurück kam. Ich hab’ noch lange an deinem Kopfkissen geschnuppert.“

Apropos Schnuppern: Die nächste Online-Partnervermittlungs-Agentur gewährte mir einen Schnupperpreis. Damit ging’s dann weiter. Agnes war schließlich nichts für ewig.