„Partnerschaft und Kinderstube“

Gedanken zu einem Essay von Dr. Dr. Izquierdo

Es gibt keine Sicherheit, daß zwei Menschen so zusammen passen, daß die Ehe ein Leben lang hält. Aber man kann sagen, wenn beide Partner eine ähnliche Kinderstube genossen haben gleiche Bildung, gleiche Kultur, ähnliche Interessen, gleiche Gesellschaftsschicht sind bestmögliche Voraussetzungen für das langzeitige Bestehen einer Ehe geschaffen.
„Wichtig ist diese Angelegenheit, die alle kennen und keiner definieren kann, nämlich die Kinderstube, diese innerliche Sprache der Seele, diese Menge von unbewußten Einstellungen, die Weltanschauung, die Wertetafel Menschen und Dingen gegenüber. Diese sollte bei beiden Partnern ähnlich sein. (Luis Izquierdo: Ehe und Sexualität, S. 272)
Zum Beispiel: Die glückliche Ehe des Professors Higgins mit der Blumenverkäuferin ist für ein Musical gut, aber in der Realität wäre sie wohl unmöglich. Die Welt der hohen Wissenschaft kann für eine Floristin aus einfachen Verhältnissen nur schrecklich langweilig sein. Sie würde ihre vertraute Umgebung sicher sehr vermissen.
Man braucht im Eheleben eine sogenannte Zwillingsseele, oder man ist allein in der Anwesenheit eines Unbekannten. Die Ehe beinhaltet eine maximale Intimität Tag für Tag. Jahr für Jahr teilt man die Wohnung, teilt man die Mahlzeiten, teilt man das Badezimmer, teilt man das Bett... So kann es für einen vornehmen Menschen wie gesagt nur unerträglich sein, diese intime Sphäre mit einer ordinären Person zu teilen. Die Manieren stimmen einfach nicht überein. Sie sind jeweils in einer anderen Welt groß geworden und im Laufe der Jahre wird sicher die Lage unerträglich ... für beide!
Außergewöhnlich wichtig ist es, ob die Kinderstube neurotisierend oder relativ gesund war... (Vgl. Luis Izquierdo: Sexualität und Ehe, S.271ff), denn das Zusammenleben von großzügigen, gesund empfindenden Menschen und neurotischen, kleinkariert knickrigen, weil zu sehr zurechtgebogenen Personen, kann nicht gutgehen.
Es ist sicher nicht grundsätzlich zu sagen, daß hochgestellte Leute auch vornehme Menschen sind und einfache Menschen niedriger Gesinnung und ordinär. Gerade in der heutigen deutschen sozialen und demokratischen Gesellschaft, in der von der Gesetzgebung her alle die gleichen Bildungs- und Berufschancen haben, verwischen sich diese Umstände. So wie Herzensbildung und Bildung nicht immer beieinander sind, so garantiert eine Abstammung aus dem Adel oder Großbürgertum bzw. aus einer gutsituierten Familie, noch lange nicht ein gesundes Elternhaus. Geld macht Menschen oft oberflächlich. Wie war das doch mit dem Kamel, das eher durch ein Nadelöhr paßt, als ein Reicher ins Himmelreich gelangt. ... Das Himmelreich ist ein Bewußtseinszustand, und den zu erlangen benötigen wir eine liebesfähige Seele, innere Freiheit, ja, die Fähigkeit das Leben in all seinen Formen und Farben zu erspüren, wahrzunehmen und wertzuschätzen. Diese Seeleneinstellung ist auch meist mit einer Geborgenheit in Religiosität und einer Bindung an eine Glaubensgemeinschaft verbunden. Um zu solch einem Bewußtseinszustand zu gelangen, muß es dem Menschen möglich sein, sich ganzheitlich zu akzeptieren.
Menschen, die durch Vernachlässigung in der Kindheit kein Urvertrauen entwickeln konnten, haben es in dieser Hinsicht schwer. Sie neigen dazu ihren Verstand ganz stark zu entwickeln und einzuschalten, die Gefühle jedoch zu unterdrücken. Es sind oft gerade die Erfolgreichen, die gesellschaftlich Akzeptierten, die gutsituierten Führungskräfte, Manager und sonstige Workaholics, die hinter ihrer Fassade und eigenen Wahrnehmung, psychisch vereinsamte Bindungsunfähige sind.
Die Gesellschaft tendiert in dieser Zeit zu „Einfamilien und Singletum“. Ist das die Folge einer vaterlosen Gesellschaft? Sind die 68ziger, die die Gesellschaft umstülpten, das verstaubte Schichtendenken überwanden und Freiheit der Entfaltung und Bildungs- und Berufschancen auch für Frauen grundsätzlich erwirkten, nicht oft Kinder, die ohne ihre im Krieg gebliebenen Väter aufwuchsen? Kann es also nicht auch zu innerer Freiheit und zu einer Fähigkeit führen, sich auf Menschen unvoreingenommen einlassen zu können, ohne die Seelenprägung eines Vater bzw. Männerbildes aufzuwachsen? Solche Menschen konnten den Bruch mit krankmachenden Traditionen bewirken, sie können Revolutionen anzetteln, sich auf Neues einlassen, Fortschritt bringen.
Menschen, die wenig geborgen aufwuchsen, neigen jedoch auch dazu schon als Kind im Gebet nach Halt zu suchen. Suchen sie extrem nach diesem Halt, kann es zu einer Weltflucht kommen und dieses Bedürfnis, unstillbar, kann auch zum Motiv dafür werden, den Priesterberuf zu ergreifen bzw. in ein Kloster einzutreten.
Es ist sicher oft so, daß uneheliche Kinder es schwerer haben als die, die in einer „normalen Familie“ aufwachsen. Jedoch ist die Tragik einer unehelichen Geburt heute weniger groß als noch vor 30 Jahren;. auch weil viele Paare heute bewußt nicht mehr heiraten wollen, oder es kommt auch immer häufiger vor, daß. Frauen, die im Berufsleben stehen und auf ihr eigenes Einkommen und Eigenleben nicht mehr verzichten möchten, bevorzugen, ein Kind ohne Vater aufzuziehen. Das alles gehört zu dem heutigen Gesellschaftsbild, bzw. auch zur Verselbständigung der Frau.
Oft ist es sicher besser für die Kinder nur mit einem Elternteil zu leben, als wenn Kinder die direkten und indirekten Kämpfe zwischen den Eltern in einer schlechten Ehe erleben müssen.
Jedenfalls ist die Prägung des Elternhauses zwar stark, aber nicht unüberwindbar. Es kommt auf die Bewußtseinsbildung an.
Liebe heißt der göttliche Funke in uns, der vergeben läßt, vergeben den Eltern, die eben auch nur Menschen mit Fehlern und Schwächen sind oder waren, sowie den Mitmenschen und nicht zuletzt sich selbst. „Liebet euren Nächsten wie euch selbst.“ Wer das kann, der kann auch die Geborgenheit finden, in sich und in der Dankbarkeit für das, was uns geschenkt ist, im Leben!
Wer aus dieser eigenen Mitte lebt, der überzeugt zu Glauben und Vertrauen, zur Liebesfähigkeit. Das hat man aber nicht, das ist man. Da ist man hingewachsen und ging vorher oft durch dunkle Täler. Aber das ist auch eine Gnade, dunkle Täler und wunderbare Höhen des Lebens wahrnehmen zu können.
Das ist es, was wir verstehen lernen müssen, sie zu erleben und erfüllt davon, dahin wachsen zu können, was den Sinn unseres Lebens darstellt, liebendes Sein.
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