„Mein lieber Peter“, sagte Rolf Lademann betont liebenswürdig. „Wie du weißt, bewegen wir uns am Rande der roten Zahlen. Wir produzieren derzeit 10% über dem absetzbaren Soll. Das kostet eine Menge Lagerplatz und damit viel Geld. Bei erhöhter Produktivität unserer besten Kräfte würden wir unseren Personalbestand um ungefähr 120 Mitarbeiter reduzieren können. Das würde uns unter Berücksichtigung der eingesparten Lohn-Nebenkosten locker in die Gewinnzone bringen. Auch dein Arbeitsplatz würde dadurch sicherer. Ich frage dich, weshalb du so penetrant auf deiner selbst ermittelten Zahl von 45 von dir für möglich gehaltenen Freistellungen bestehst.“

Peter Wronski saß seinem Chef bereits am Freitag Nachmittag gegenüber. Damals, vor 25 Jahren, war Rolf Juniorchef gewesen, eine kleine Nummer, mit der Peter jederzeit hatte mithalten können. Aber jetzt waren sie keine Partner mit gleichen Voraussetzungen mehr. Rolf war Chef und Peter sein Angestellter.

Rolf Lademann hatte die Sekretärin angewiesen, keine Besuche oder Telefongespräche zuzulassen. Es schien aus Lademanns Sicht um die Wurst zu gehen, um Sein oder Nicht-Sein des Betriebes. Für Peter Wronski war alles halb so schlimm.

„Rolf.“ Peter Wronski presste die Fingerspitzen aneinander und suchte nach den richtigen Worten. „Ich verstehe dich ja. Es geht um deine Firma um die Frage, ob es deinem Betrieb in Zukunft nur gut oder sogar sehr gut geht. Du handelst nach dem guten kaufmännischen Grundsatz ‚spare in der Zeit, so hast du in der Not’. Wir wissen nicht, wie sich die Geschäfte nach der neuesten EU-Erweiterung entwickeln werden. Die Sterne auf blauem Untergrund werden immer kleiner. Je größer die Rücklagen, desto sicherer die Existenz des Geschäftes auch in schwereren Zeiten. Wie du siehst, verstehe ich dich vollkommen.

Ich habe die Liste der Mitarbeiter, von denen du dich trennen möchtest, genauestens durchstudiert. Aber bedenke bitte, dass einige darunter sind, die dem Betrieb von Anfang an gedient haben und diesem auch treu geblieben sind, als sie in Zeiten der Hochkonjunktur die Möglichkeit gehabt hätten, in lukrativere Stellen zu wechseln. Einen erheblichen Teil deines Erfolges hast du gerade diesen Mitarbeitern zu verdanken. Sie bilden die Basis für den Betrieb, das Fundament. Es ist töricht, das Fundament eines Gebäudes, auch wenn dies nur teilweise geschieht, zu zerstören, wenn es nicht zusammen stürzen soll.“

„Es gibt doch einen Sozialplan“, erwiderte Rolf Lademann. „Manch einer freut sich, wenn er nicht so lange zu arbeiten braucht, bis er pensioniert wird.“

Peter überlegte. „Rolf, nimm einmal dich und mich. Wir beide sind im gleichen Alter, also fast fünfzig. Stell dir vor, wir säßen nicht in leitender Funktion, und unsere Arbeitsplätze stünden in Frage. Würdest du dich mit einer Abfindung von – sagen wir – 20.000 Euro glücklich fühlen? Ich jedenfalls sähe das Ende meines Lebens auf mich zukommen, denn meine Arbeit ist nahezu alles, was mir etwas bedeutet. Allein der Gedanke, tagtäglich zu Hause zu sitzen und Däumchen zu drehen.... nicht auszudenken. Mir würde die Decke auf den Kopf fallen.“

Rolf Lademann lächelte hintergründig. „Vielleicht, mein lieber Freund, würde sich dadurch so einiges innerhalb deiner vier Wände positiv verändern. Du hast eine junge Frau, deine Tochter Nicole würde so manchen, jetzt unvermeidlichen Fehler nicht begehen, und deine Söhne hätten auch erheblich verbesserte Entwicklungschancen. Eine solche Familie ist immer in Gefahr, Peter, wenn ein Mann sich aus Zeit- und Kräftegründen nicht um sie kümmern kann.“

Peter stutzte, aber er schwieg. Sollte das eine Drohung sein? Stand sein eigener Posten auf dem Spiel? Sicher, es gab ein, zwei Kollegen im Betrieb, die gern Peters Nachfolge angetreten hätten, und die auch bereit waren, für weniger Geld zu arbeiten.

Rolf Lademann spürte Peters Gedanken. Genau diese hatte mit seiner Schilderung bewirken wollen ohne gleich massiv werden zu müssen. Um jedoch die Auseinandersetzung nicht hochkochen zu lassen, brach er kurzerhand ab. Er stand auf und reichte Peter die Hand.

„Gut“, sagte er. „Überleg’ es dir, Peter. Unterstütze mich oder lass’ es bleiben. Du hast die Wahl.“ Er legte seine Hand freundschaftlich auf Peters Unterarm. „Und grüß’ deine Frau von mir. Sie ist ein wahrer Jungbrunnen für dich. Sage ihr bitte, dass ich zu ihren uneingeschränkten Verehrern gehöre.“

Peter machte Feierabend und fuhr nach Hause.

Als Ines das Auto hörte, verabschiedete sie sich aus dem Chat und blickte voller Erwartung zur Tür. Peter würde mit Sicherheit eine zynische Bemerkung machen, wenn er sah, womit sich Ines beschäftigte.

„Tag Schatz“, grüßte Peter und küsste Ines mit gespitzten Lippen auf den Mund.
Einer der drei Küsse, die ich täglich bekomme, dachte Ines. Einer morgens beim Abschied, einer zu Peters Feierabend und einer vorm Einschlafen.

„Schon da?“, fragte Ines überrascht.

„Siehst du doch“, antwortete Peter, kurz, knapp und hart. „Was für eine Frage.“

Ines biss sich auf die Unterlippe. Manchmal war Peter kaum zu ertragen.

„Ich muss was mit dir besprechen“, knurrte Peter. „Hast du Zeit?“

„Natürlich habe ich Zeit, Schatz. Was sollte ich denn schon vorhaben?“

Wenn er schon so früh zu Hause ist und nicht erst spät und völlig geschafft heim kommt, vielleicht hat er dann Ruhe genug, sich einmal daran zu erinnern, dass ich eine Frau bin und viel Zärtlichkeit und ein freundliches Gesicht brauche, dachte Ines.

Peter überhörte diese Andeutung. „Reden wir zuerst und gehen dann essen? Oder wollen wir uns beim Italiener unterhalten?“

Er fragt nicht einmal, ob ich Lust habe, essen zu gehen, dachte Ines, und vor allem ist es ihm egal, wohin ich gern mit ihm gehen würde. Er bestimmt einfach. Aber es kommt natürlich auf das Thema an, das Peter mit mir besprechen will. Ist es eine Sache, die meine Gefühle berührt, wird ein Gespräch zu Hause angebrachter sein. Schließlich kann ich nicht wissen, wie ich auf aufregende Dinge reagieren werde, und fremde Leute müssen nicht unbedingt meine Reaktionen mitbekommen.

„Ist es denn etwas...Wichtiges?“ fragte sie deshalb.

„Natürlich ist es wichtig“, knurrte Peter. „Meinst du, ich würde sonst eher Feierabend machen?“

Typisch, dachte Ines. Er kann sich nicht denken, weshalb ich frage. Er hat ja auch seine Gefühle unter Kontrolle, wenn er denn in den letzten sechs Jahren welche hatte.

Sie spürte ein echtes Defizit. Schon lange hatte sie sich geschworen, endlich einmal cool zu bleiben und nicht sofort auf alles körperlich und spontan zu reagieren. Aber in den letzten Jahren war sie eher empfindlicher geworden. Sie reagierte immer häufiger unkontrolliert. Deshalb ging sie auf ihn ein und schlug vor, das Gespräch doch in der Pizzeria um die Ecke zu führen. Hier hatte sie zumindest einen weiteren Grund, nicht gleich aus der Rolle zu fallen, falls es zu einem Streit kam. Hier konnte sie sich vor sich selber darauf berufen, dass sie ihren guten Ruf in der Siedlung zu verlieren hatte.

Wieder einmal passe ich mich ihm an, und wieder einmal wird er dies nicht bemerken, dachte sie. Aber wenn ich mich ihm nicht anpasse und meine Ansichten und Einstellungen voll auslebe, wenn ich begründe, warum ich wie handle, dann ist es wieder nichts mit ein wenig Liebe und Zärtlichkeit. Dann gibt es für den Rest des Tages nur noch Zank und Streit.

„Dann lass uns gehen“, murmelte Peter und zog sich die Jacke an, die er vor wenigen Minuten ausgezogen hatte.

Ines schlug die Hand vor den Mund. „Ich habe völlig vergessen, dass Benni jeden Moment nach Hause kommen kann. Er hat keinen Schlüssel.“

Peter sah ihr entsetzt ins Gesicht. War das nicht typisch für seine Frau? Erst etwas zuzusagen und schon wenige Minuten später alles wieder rückgängig zu machen? Ich kann die Launen von Frauen einfach nicht vertragen, dachte Peter.

Die kalte Wut stieg in Peter auf. Da brauchte er nun jeden Tag seine ganze Energie, um seinen beruflichen Anforderungen gerecht zu werden, was mit 49 Jahren nicht unbedingt einfach war, und nun diese Zickereien seiner Frau, die lediglich ein paar Quadratmeter Wohnfläche zu betreuen hatte.

„Dann gehe ich eben allein“, schrie er und knallte die Tür hinter sich zu.

Peter war frustriert; Ines war frustriert.

Ines versuchte, sich im Chat Trost zu holen. Sie traf die Feuerlilie an.

„Susanne, ich halte es nicht mehr aus“, schrieb sie. „Peter hat jede Menge Verstand, aber Null Seele im Körper. Er will mit mir sprechen, ich reagiere nicht so, wie er es erwartet, und er schnappt sich seine Jacke und haut ab.“

„Wohin geht er denn?“ fragte Susanne. „Männer gehen in solchen Fällen in Kneipen. Wenn sie Geld haben, gehen sie in eine Bar. Oder sie haben eine Freundin, die ihnen geduldig zuhört.“

„Lach, eine Freundin hat er bestimmt nicht“, schrieb Ines. „Der ist doch völlig erledigt, wenn er von der Arbeit kommt.“

„Vielleicht ist er ja nicht nur durch seine Arbeit erledigt“, vermutete Susanne.

Ines’ Versuch, sich mit ihrer Freundin auszusprechen, wurde jäh von Benni unterbrochen.

„Mama, wenn ich zur Schule gehe und lesen und schreiben kann, bringst du mir dann bei, wie man Wronski schreibt?“

„Das macht die Lehrerin“, sagte Ines kurz und knapp.

Ines’ Frust wuchs dadurch noch, wodurch sie sich wiederum ein schlechtes Gewissen einhandelte. Sie hatte kein Recht, ihren Jüngsten abzublocken, vor allem, wenn der Grund für ihr Verhalten nicht bei Benni lag.

Wronski, dachte sie. Mein Mädchenname wäre für Benni leichter zu schreiben. Ich sollte meinen Mädchennamen wieder annehmen...

Peter klingelte bei Sophie.

Sophie schloss Peter Wronski zärtlich in die Arme. Sie küsste ihn liebevoll, und sie bemerkte sofort, dass er ernsthafte Probleme hatte.

Was für ein Unterschied, dachte Peter. Warum habe ich Sophie nicht früher kennen gelernt? Ich könnte meine Kräfte auf die Arbeit konzentrieren und müsste sie nicht an einer verständnislosen Frau vergeuden.

„Ich habe Angst um meine Existenz“, sagte Peter, und er berichtete Sophie von seinen beruflichen Sorgen und Nöten. Sophie hörte geduldig zu.

„Ich kann dir sagen, was dich bedrückt“, formulierte Sophie, als sie Peter das Hemd aufknöpfte. „Du hast Angst, dass du zu denen gehörst, die zuerst entlassen werden, ich verstehe dich vollkommen. Aber jetzt ist es erst einmal schön, dass du hier bist. Ich habe mich so auf dich gefreut.“

„Aber ich stand doch gar nicht auf der Liste“, wandte Peter ein.

„So ein kleiner Peter Wronski ist schnell hinzugefügt“, flüsterte Sophie mit glänzenden Augen, und zerrte ihm das Hemd über die Arme.

„Moment“, rief Peter

„Berufliche Momente sind vorerst vergriffen“, flüsterte Sophie. „Die gibt es später wieder, bei einem Glas Wein.“