"Der Preis war eine Beleidigung“, sagte der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki dem Bayerischen Rundfunk, nach der Verweigerung des Deutschen Fernsehpreises. Alles, was er gesehen hatte, schien ihm weit unter seinem Niveau zu sein. Anfangs dachte ich ähnlich. Ich schrieb bei PN meiner Meinung nach anspruchsvolle Texte, gab mir alle Mühe, authentisch und nicht angepasst zu schreiben und beobachtete voller Staunen, wie liebe, nette Damen bei PN harmlose Artikelchen schrieben, und anschließend versammelte sich ihr Fanclub um sie und belohnte die viertel Stunde Arbeit durch rege Anteilnahme. Wider Willen gewöhnte ich mich daran, wenn auch nur schwer, aber heute brachte mich ein Anruf zum Überlegen. Eine Platinerin war dran. Sie fragte mich, wo denn mein Artikel von heute früh geblieben sei. IN THE HEAT OF THE NIGHT hieß der. Sie habe sich so über meinen Text gefreut, weil der bei ihr ein Kribbeln im Bauch ausgelöst habe, ohne vulgär gewesen zu sein. Den habe sie ihrem Freund zeigen wollen, aber da sei der Artikel weg gewesen. Ich antwortete, dass der Text nicht gefallen und ich den deshalb woanders eingestellt habe. In einem Forum, wo der wohl mehr Anklang finden würde, weil da ausschließlich Autoren schreiben und lesen. Sie fand das natürlich schade, aber als ich ihr den Namen der Internet-Seite nannte, war sie wieder zufrieden. Sie wird ihren Freund damit in Stimmung gebracht haben, falls sie den Schluss weg ließ. Ich fragte sie, zu welchen Anlässen sie denn PN aufrufe, und sie meinte, immer wenn sie schlecht drauf sei, oder müde, meistens abends nach der Arbeit. Das meiste sei zwar Schrott, aber es gäbe doch immerhin ein paar gute Artikel, so wie meiner in diesem Fall. Ich empfinde die meisten Artikel nicht als Schrott, muss ich dazu sagen. Ich fragte sie, ob sie meinen Artikel denn zuende gelesen habe. Als sie verneinte, klärte ich sie darüber auf, dass der Artikel nicht dazu bestimmt gewesen sei, bei ihr und ihrem Partner ein Kribbeln zu erzeugen, sondern von erotischen Männerphantasien zu berichten. Dass der Artikel nicht mit einem Happy End abschlösse, sondern dass der Männertraum am Ende wie eine Seifenblase zerplatzte. Nach dem Gespräch überlegte ich. Herr Reich-Rasnitzki, an Ihre, an meine Adresse und an viele andere sei gerichtet, dass jeder Mensch das Recht hat, aus seiner Stimmung und Erwartung heraus das eine oder das andere schön zu finden, und das, was ihm gerade nicht in den Kram passt, abzulehnen. Wenn Fernsehzuschauer durch oberflächliche Filme, Serien und Doku-Soaps glücklich sind, so haben die Macher diese Produkte auch eine Anerkennung dafür verdient, egal ob literarisch oder cineastisch hochwertig oder nicht. Jeder hat das Recht, auf seine Art glücklich zu werden. ---------------------- Anders die Position des Autoren: Meine Geschichten liefert mir meist mein Unterbewusstsein in der Aufwachphase am Morgen. Die Figuren formen sich, leben sich in Rollen ein, geraten sympathisch oder auch nicht, gewinnen eine Eigendynamik, und die Handlung spielt sich so ab, dass sie sich am Ende auf die eine oder andere Art auflöst, mit der ich zufrieden bin. Und genau so muss ich sie schreiben, denn sie sind von mir, durch mich, und nicht von jemandem, der gerade eine nette Story zum Lachen braucht. - Auch dieser Artikel wird wieder einigen nicht gefallen, obwohl er eigentlich den Bauch- Bewertern gefallen müsste, denn er gibt ihnen ja Recht. Aber auch damit muss ich leben. Kein Autor hat ein Anrecht darauf, dass seine Leser - seiner Meinung nach - logisch denken. Der Preis für diese Freiheit ist, dass ich anderen damit womöglich auf die Nerven gehe, weil sie gerade eine andere Stimmung haben, wodurch sie mich womöglich als Spaßbremse oder als Ignorant erleben und keine weitere Story mehr von mir lesen wollen. Das einzige, was wir Autoren tun können, ist, den Anfang unserer Stories so zu gestalten, dass der Leser seine Stimmungen und Erwartungen ändert und sich von unseren Schilderungen fesseln lässt. Damit müssén wir und andere, eigentlich alle leben, Herr Reich-Ranitzki.
Probier’s mal mit Gemütlichkeit
Vielleicht wirst du dann glücklicher.
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