Jung und voller Ehrgeiz war Gerrit Klinger als er in dieser Disco die Razzia mitmachte. Es hatte sich gelohnt. Waffen, Falschgeld und Drogen sämtlicher Arten wurden sichergestellt. Unter den käuflichen Frauen befand sich eine, die fast schüchtern in einer Ecke hockte und ihn wie durch eine Panzerglasscheibe anstarrte. Trotz ihrer aufreizenden Kleidung hatte sie etwas sehr Unschuldiges, Kindliches an sich.

„Jetzt musst du noch etwas warten, bis ich dich einreite. Morgen bin ich garantiert wieder zurück, “ grinste einer der Typen schmierig, als er an dem Mädchen vorbei kam. Sie starrte auch ihn nur an und zeigte keine Regung. Von einer der anderen Frauen erfuhr Gerrit, dass sie neu war. Zigeuner-Toni hatte sie am Abend erst beim Kartenspiel gewonnen. Der Verlierer hatte sie mit Drogen vollgepumpt, damit Toni zufrieden war und sie nicht zusammen schlug, wenn sie nicht spurte. Dafür war er nämlich bekannt im Milieu.

Ihre Geschichte war ebenso naiv wie bekannt, da zigfach erlebt. Mit gerade achtzehn Jahren von Zuhause weg, den Traum von einer Karriere als Model im Kopf, jedoch kein Geld in der Tasche. Auf solche Dummchen warteten Männer wie die Verhafteten nur.

Seit Gerrit in diesen großen, irgendwie staunend dreinblickenden Augen versunken war, wollte er sie retten. Das war keine Welt für so ein Mädchen, die war an seiner Seite besser aufgehoben. Es fiel gar nicht auf, dass er sie ausfragte. Verhör nannten das die Kollegen, für ihn war es der erste Stritt zu ihr. Er schaffte sie heimlich zu sich nach Hause.

Ihr Name war Puri, eigentlich Purificate, die Reine. Zu ihrem Aussehen passte das, zu ihren Blutwerten nicht. Die bewiesen, dass sie sich nicht in ihrem ersten Drogenrausch befand. Das war auch der Grund, warum Puri mit Erreichen ihrer Volljährigkeit das Elternhaus verließ, natürlich bei Nacht und Nebel. Gerrit hatte geeignetere Mittel sie von der Sucht zu befreien als Spanische Eltern in einem winzigen Dorf, wo es wohl am Tourismus, jedoch nicht an Drogen haperte.

Täglich besuchte er sie in der Entzugsklinik und als der Termin für die Entlassung feststand, hatte er sich schon versetzen lassen in die Nachbarstadt. Puri war inzwischen so an ihn gewöhnt, dass sie ganz selbstverständlich erst in sein Auto stieg und dann in seine Wohnung einzog. Ihr Köfferchen war lächerlich klein, doch Gerrit kaufte gern mit Puri ein.

Eine Zeit lang waren sie glücklich…..sie? Er war glücklich, war sie es auch? Eines Tages fiel ihm auf, dass sie Pupillen in der Größe von Stecknadelköpfen hatte. Verzweifelt brüllte er sie an, schüttelte sie

„Hast du bei mir nicht alles, was du brauchst und noch mehr? Was fehlt dir, dass du dieses Zeug nimmst?“

Seine Worte drangen gar nicht durch die Watteschicht, erreichten nicht die Scheinwelt, in der sie sich gerade befand. Erst am nächsten Tag entlockte er ihr, wo sie das Zeug gekauft hatte. Der Kollege, mit dem er den Dealer festnahm, wunderte sich über Geritts hartes Vorgehen, hielt ihn davon ab, den Mann bunt und blau zu schlagen, der nur zwei Päckchen Haschisch bei sich hatte. Was würde der neue Kollege mit einem Dealer machen, der richtig dick im Geschäft war?

Wieder brachte er Puri in einer Privatklinik unter. Nach ihrer Entlassung schien sie sich geändert zu haben. Sie nahm am Leben teil und interessierte sich für Musik. Gerrit, meldete sie in einer Musikschule an und Puri blühte auf, bis sie an einer Aufführung nicht teilnehmen durfte. Der Musiklehrer meinte, sie sei noch nicht gut genug dafür.

Zwei Tage später fand Gerrit sie fast leblos auf den Fliesen im Bad. Er schüttelte sie und merkte sofort, dass sie wieder voll Drogen war.

„Wo hast du das Zeug her? Wer hat dir das gegeben? Sag` es mir,“ schrie er sie an. Ihr Lächeln kam aus einer anderen Welt.

„Die Trompete….,“ hauchte sie, bevor sie ohnmächtig wurde.

Ihr Zustand ließ es nicht zu, einen Termin in der Suchtklinik zu machen, hier musste sofort geholfen werden. Blind vor Wut raste er hinter dem Krankenwagen her, der mit Blaulicht vor ihm fuhr. Puri musste man in ein künstliches Koma verlegen, ihre Organe streikten.

„Die Trompete….die Trompete,“ klang es in seinen Ohren.

Waren diese verdammten Dealer denn überall? Sie schienen am längeren Hebel zu sitzen. Nahm man einen von ihnen hoch, rückten drei andere nach. Gerade erreichte ihn ein Anruf. Puri hatte es nicht geschafft. Das Mädchen, das ihn mit ihren Augen und ihrem Lächeln verzaubern konnte war tot. Hass und Wut kochten in ihm hoch. So schnell er konnte fuhr er zur Musikschule, mahnte sich selber, ruhig zu bleiben. Nur der Lehrer von Puri war dort.

„Wer spielt hier die Trompete?“

Erstaunt sah der Lehrer Gerrit an.

„Will Puri jetzt Trompete spielen? Ich würde sie ungern an der Querflöte verlieren, denn mit etwas mehr Übung wird sie ganz große Klasse!“

„Wer spielt hier Trompete?“ Die Frage kam barsch.

„Ich…nur ich spiele Trompete, wir haben zurzeit keinen anderen als mich,“ erwiderte der Lehrer verwirrt.

„Puri ist tot! Gestorben an dem Zeug, das du ihr verkauft hast, du Schwein!“

„Ich verstehe nicht……,“ stammelte der Musiklehrer.

„Musst du auch nicht! Dafür habe ich verstanden!“

Gerrit war viel größer und kräftiger als der Lehrer. Er zog eine Pistole aus der Tasche, hielt sie dem Lehrer an den Kopf und drückte ab. Im Sterben guckten seine Augen so erstaunt und ungläubig, wie die von Puri oft geguckt hatten.

„Fahr zur Hölle,“ zischte Gerrit und schlich sich aus der Musikschule. Er versteckte die Waffe und meldete sich krank. Grübelnd und weinend lag er im Bett. Gerade hatte er Puris Probleme für überwunden geglaubt und dann das! Zumindest würde dieses Schwein keine anderen Mädchen mehr mit Drogen versorgen. Seine Zukunft, seine Pläne mit Puri waren dahin. Er hatte davon geträumt, mit ihr gemeinsam ein Ständchen zum 60. Geburtstag seiner Mutter zu spielen. Mutter wäre erfreut, wenn er eine so musikliebende Freundin mitbrachte. Sein Vater hatte sämtliche Blechinstrumente gespielt, seine Mutter Klavier. Er hatte Geigenunterricht bekommen, war aber dann zu den Bläsern gewechselt. Seine erste Trompete hing noch im Wohnzimmer an der Wand. Puris Noten lagen auf dem Tisch, er liebte das Stück, das sie zuletzt geübt hatte. Ob er selber noch spielen konnte? Er war völlig aus der Übung.

Langsam nahm er die Trompete von der Wand, sah sie an und setzte sie an den Mund. Der Ton, den das Ding von sich gab, war jämmerlich! Tief aus der Öffnung holte er ein gutes Dutzend Päckchen mit weißem Pulver.

„Die Trompete…“ hörte er ihre Stimme. Tausend Gedanken füllten seinen Kopf.

Darum hatten sie damals bei der Razzia so wenig Heroin gefunden, obwohl der Informant von etwa einem Kilo sprach. Warum hatte er sie nicht durchsucht, bevor er sie damals in seine Wohnung brachte? Darum hatte der Musiklehrer so erstaunt und ungläubig geguckt. Er wusste wirklich nicht, was gemeint war.

 Gerrit wurde die Situation klar, in der er sich befand. Er begann zu lachen -  hysterisch, laut und schrill. Er war ein eiskalter Mörder, kein Rächer! Sein Opfer war unschuldig! Schuldig war er, weil er blauäugig und dumm, rachsüchtig und voreilig war.

Er ging zum Schrank, holte seine Dienstwaffe hervor, flüsterte

„Puri, ich komme,“ steckte die Waffe in den Mund und drückte ab. Ein Polizist hatte im Knast nichts Gutes zu erwarten, doch jetzt wartete Puri.