Als sie erfuhr, wer sie nicht ist, war sie 10 Jahre alt. Sie war aus der Schule früher nach Hause gekommen und bis Mutti und Vati aus dem Geschäft kämen, würde es Abend werden. Sie holte sich ein Glas Milch und fühlte sich allein.

 

Sie dachte an die Zeit vor 4 Jahren, als Oma noch lebte. Oma, die ihr Märchen vorgelesen hatte, Oma, die mit ihr gesungen hatte, schlecht aber gerne, Oma, die für sie die tollsten Kleider genäht hatte, Oma, die sie immer zärtlich meine Bille nannte.

 

Sie vermisste sie so sehr, aber Oma war vor 3 Jahren gestorben und kurz danach war sie mit Mutti und Vati in den Westen gegangen, und hatte 2 Jahre in G. gelebt. Nach großen Eingewöhnungsschwierigkeiten hatte sie endlich eine Freundin gefunden, aber vor 1 Jahr machten Mutti und Vati in B. ein kleines Geschäft auf. Seitdem war sie tagsüber nach der Schule eigentlich immer allein.

 

Sie stand auf und ging ins Wohnzimmer, um sich das Fotoalbum zu holen. Das machte sie öfter, wenn sie Sehnsucht nach Oma hatte. Als sie das Album herauszog, fiel ihr ein Zettel vor die Füße. Sie wollte ihn schon zurücklegen, als auf diesem Stück Papier einige Stempel sie neugierig werden ließen. Sie begriff nicht alles, aber die Worte „an Kindes Statt“ verstand sie. Sie las den Namen ihrer leiblichen Mutter, sie las ihre eigenen Namen und nahm das Stück Papier mit in die Küche.

 

Was bedeutete das? Sie war gar nicht das Kind von Mutti und Vati? Und Oma war gar nicht ihre Oma? Plötzlich glaubte sie alles zu verstehen. Wenn sie um etwas Neues zum Anziehen nachfragte, weil ihre Kleidung nicht so modern war, wie die ihrer Klassenkameradinnen, hieß es immer, Kind, wir müssen sparen, solange die Sachen noch passen, musst du sie tragen.
Aber das war nicht der Grund, sie hatten sie einfach nicht so lieb.

Sie ließen sie so oft allein, weil sie keine Zeit für sie hatten, aber warum hatten sie sie dann zu sich genommen?

Wenn sie gute Noten schrieb, hieß es: Das haben wir nicht anders erwartet, wenn sie schlechte schrieb, war sie faul, das würden sie bestimmt nicht sagen, wenn sie das eigene Kind wäre.
Und was das Schlimmste war, sie hatten sie belogen!
Die Traurigkeit wich einer kindlichen Wut. Sie hatten gelogen!!!
Sie sah auf die Uhr, noch 5 Stunden, bis sie nach Hause kommen würden. Zeit genug.
Sie nahm ihre Geburtsurkunde, ging in ihr Zimmer, leerte das Sparschwein und packte.

 

Es hatte zu regnen begonnen. Jetzt stand sie auf der Strasse und wartete auf die Straßenbahn.
Ein 10jähriges Mädchen, etwas zu groß und zu schlaksig für sein Alter, mit 2 strähnigen Zöpfen, die sie eigentlich hasste und mit einer Reisetasche in der Hand. Und nun? Sie war einfach gegangen, ohne zu wissen, wohin.

Durch den Regen merkte sie gar nicht, dass sie weinte. In ihrer Jackentasche brannte wie Feuer dieses verhängnisvolle Dokument, dass sie vorhin gefunden hatte. Du bist nicht ihr Kind, sie sind nicht deine Eltern, sie haben dich belogen!!!

 

Was sollte sie tun? Mit wem darüber sprechen? Mit Mutti oder Vati, die doch gar nicht Mutti und Vati waren? Nein, niemals. Sie würde zu Tante Grete fahren. Die wurde zwar von Mutti und Vati nicht besonders gemocht, aber sie war immer sehr nett zu ihr gewesen und sie mochte die Schwester von Mutti. Wenn sie sie besuchte, erlaubte sie ihr immer, abends etwas länger aufzubleiben und sie war auch sehr lustig, sang gerne und was das Schönste war, sie hatte einen Hund. Aber du lieber Himmel, die war ja dann auch nicht ihre Tante. Wieder musste sie weinen. Aber Tante Grete würde sie nicht belügen, das wusste sie. Also fuhr sie mit der Straßenbahn nach G. Das Geld aus dem Sparschwein reichte gerade für den Fahrschein.

 

Tante Grete freute sich, als sie ihr die Tür öffnete und drückte sie. Das tat so gut. Sie fragte auch nicht, was machst du denn hier, warum siehst du so verweint aus, sie sorgte erstmal dafür, dass sie trocken wurde, denn auf dem Weg von der Haltestelle bis hier, war sie vom Regen völlig durchnässt worden.

Und dann ließ sie sie einfach weinen. Als sie sich etwas beruhigt hatte, stand sie auf, zog das mittlerweile etwas zerknüllte Dokument aus der Jackentasche und legte es wortlos auf den Tisch. Tante Grete nahm sie in den Arm und sagte, das musste ja mal so kommen.

Und sie erzählte ihr, das bisschen, was sie wusste. Es war nicht viel, aber sie erklärte ihr, dass Mutti und Vati sie ganz bewusst aus dem Kinderheim geholt hatten, weil sie keine eigenen Kinder bekommen konnten und sie ein so niedliches Baby war, und dass sie von Anfang an immer stolz auf ihre kleine Tochter gewesen waren.

Aber sie haben gelogen, sagte das Mädchen, sie haben immer gelogen!!!

Ja sagte, Tante Grete, das haben sie und das war auch nicht richtig, aber Erwachsene machen auch Fehler, weißt du das nicht? Erst warst du zu klein, und irgendwann haben sie es selbst nicht mehr wahrhaben wollen, du bist eben ihr Kind und auch wenn du es nicht glaubst, sie lieben dich .Und jetzt werde ich deine Eltern anrufen, dass du hier bist.
Aber bitte sage ihnen nicht, dass ich es weiß, bat das Mädchen, das werde ich irgendwann selbst tun. Tante Grete versprach es und ging zum Telefon.

 

Was sie den Eltern erzählt hatte, konnte das Mädchen nicht verstehen, aber sie durfte über Nacht bleiben und wurde erst am nächsten Abend abgeholt. Und alles ging wie gewohnt weiter. Zu Hause legte sie das verhängnisvolle Stück Papier unbemerkt wieder an seinen Platz.

Dass sie noch stiller war, fiel nicht auf, denn Mutti und Vati kamen ja immer erst abends nach Hause. Und dann war da auch nie der richtige Zeitpunkt zum Reden.
Und so schwieg sie und log auch, genau so wie sie logen.

Schließlich gewöhnte sie sich an das Lügen, wie auch Mutti und Vati sich daran gewöhnt hatten und verdrängte ihren Kummer, 3 Jahre lang.


Bis zum 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus, da war sie mit Mutti und Vati in Bayern in Urlaub. Sie saßen zum Frühstück im Garten der kleinen Pension und Mutti erzählte ihr strahlend: Du bekommst einen Bruder oder eine Schwester, freust du dich?
Sie starrte ihre Eltern an, stand abrupt auf, schmiss das angebissene Brötchen auf den Tisch und rannte fort.

 

Seit drei Jahren schwieg sie und hatte nie mit ihren Eltern darüber gesprochen, dass sie es wusste. Sie logen alle, Mutter, Vater und sie auch.

Oft fühlte sie sich ungerecht behandelt, wenn es wieder mal Verbote gab. Dann dachte sie daran, und sie reagierte oft aufmüpfig und frech. Immer hatte sie das Gefühl, nicht richtig in diese Scheinfamilie zu passen, aber darüber reden? Nein, dass war ihre Strafe an sie, dass sie sie belogen hatten. Sie wusste es, und ihre Eltern wussten nicht, dass sie es wusste. Nach der ersten Traurigkeit hatte sich Wut breit gemacht, und dass sie schwieg war ihre Rache.

 

Und jetzt urplötzlich diese Nachricht: Ihre Mutter war schwanger, und sie war doch schon 42 Jahre alt. Eben hatte ihre Mutter es gesagt und dabei so glücklich ausgesehen. Sie rannte hinauf ins Zimmer und schmiss sich aufs Bett. Und da war sie wieder die Sehnsucht nach ihrer Oma, aber die war ja schon lange tot. Und sie heulte und fühlte sich erneut betrogen und belogen. Ein Kind, ein eigenes, und was sollte aus ihr werden? Alles würde sich doch ums Baby drehen, sie würde noch mehr zum Außenseiter werden. Sie schluchzte und hörte ihren Vater nicht kommen. Erst als er sie ansprach, bemerkte sie ihn.

 

Was fällt dir denn ein, du kannst doch nicht einfach weglaufen, nur weil Mutti ein Kind kriegt? Und da war sie wieder , die Wut und sie schrie ihrem Vater alles entgegen, was sich angesammelt hatte: Dann werdet doch glücklich mit Eurem Kind, dann braucht ihr mich ja jetzt nicht mehr, ich bin ja nur adoptiert und mich habt ihr nie geliebt, alles was ich gemacht habe war immer falsch, aber IHR habt mich immer belogen!!!

Das hatte sie eigentlich so nicht sagen wollen, aber nun war es raus.

 

Nur dieses eine Mal wurde über das  Thema gesprochen, danach  wieder Schweigen. Das Verhältnis blieb gespannt. besonders nach der Geburt der kleinen Schwester. Irgendwie wurde immer weiter gelogen und so getan, als sei alles in Ordnung.
Mit 17 Jahren zog sie aus.

 

 

Verziehen hat sie längst, vergessen nicht.

 

 

©  Text und Foto Sibylle E.