Regenwolken

Die Tür hatte sich geöffnet. Ein junges Paar betrat die Gaststätte. Sie ca. 30 Jahre alt, er etwas jünger. Ein kleines Mädchen versuchte die Umarmung der beiden zu durchbrechen. Fordernd schob sie eines ihrer Händchen zwischen den beiden.
Die aufmerksame Kellnerin platzierte die Familie an einem Tisch, unweit von meinem Tisch, und forderte zur Bestellung auf. Mit einem Flirt bereiten Blick, sah sie das der Mann keinen Ring trug, und bemühte sich um einen extra sexy Augenaufschlag. Er spürte den fordernden Blick der Kellnerin und fühlte sich geehrt von so einem jungen Ding besondere Aufmerksamkeit zu erhalten. Er genoss die Situation und studierte ausführlich die gereichte Speisekarte. Großzügig bestellte er das teuerste 2- Mann Menü, das auf der Karte zu finden war. Wohlwollend blickte ihn die Kellnerin an. ( Ich dachte so für mich, der Preis, hätte für mich ein Essen für das ganze Wochenende ergeben.) Die Kellnerin verließ mit tänzelnden Schritt, wobei sie noch vorher einen wohlwollenden Blick auf den jungen Mann warf, den Tisch und verschmitzt griente sie vor sich hin, ach der Trick klappt immer.
Am Tisch der Familie begann eine rege Unterhaltung. Ungewollt doch auch ein wenig neugierig kamen die Sätze nur so zu meinen Ohren geflogen.
Nach anfänglichen Geplauder und Komplimenten, verschärfte sich plötzlich der Ton des Gespräches. Aus dem anfänglichen Flirten wurde auf einmal eine sich steigernde Diskussion. Er war der Meinung unbedingt einen Opel zu kaufen, sie strich ihm über den Arm und erinnerte ihn das doch ein Mercedes eine viel bessere Straßenlage habe und auch viel mehr Platz, falls noch Nachwuchs kommen sollte. Doch er wollte nichts von einem Mercedes hören, der koste zu viel, sei zu groß, wegen der Parklücken, und und und. Sie setzte ihren ganzen Charme ein, zog ihre Bluse noch einmal zurecht, aus Versehen rutschte auch das Kleid etwas höher; und erreichte einen Ford- Cabrio.
Der muss natürlich erst einmal bezahlt werden, stellte er nach dem Blick über seine Begleiterin, fest. Irgendwie kam mir das Gespräch langweilig vor.
Der „wir sind doch keine Wartehallenblick der Kellnerin, schon leicht gereizt, erinnerte mich daran, auch etwas zu bestellen. Eine Bockwurst, ohne Brötchen und Senf und ein Kaffee, ließ der Kellnerin nur ein verächtliches, „ja wohl mein Herr“ , entschlüpfen. Es dauerte keine fünf Minuten und mit einem Schwung – na es muss ja sein- stand der Teller mit der Bockwurst und die Tasse Kaffee auf meinem Tisch. Trotzdem ließ ich mir die Laune nicht vermiesen und biss in die lauwarme Wurst, doch beinahe verschluckte ich mich am ersten Bissen.
„…..dann müssen wir eben dieses Jahr auf den Besuch bei der Oma verzichten, die Kleine kann ja auch mal unten auf dem Hof spielen“
Ich spürte den stechenden schmerzenden Blick der die Luft in der Gaststätte elektrisierte.
Ich schaute zum Tisch gegenüber und sah in tiefe traurige Augen. Monique,ich nannte sie einfach so, wusste ihren Namen nicht, sah meinen erschrockenen Blick und ihre Augen wurden wasserblau. Die Langeweile des kleinen Mädchen wich einer hilflosen Traurigkeit.
Mir gingen viele Gedanken durch den Kopf, warum dieses teure Kleid, warum dieser teure Anzug ala J.R. Ewing. Ich fühlte mich nicht wohl, bei den Gedanken, mir über andere Leute den Kopf zu zerbrechen doch der hilflose suchende Blick der kleinen Monique ließ mich nicht los. Ich versuchte ihr zu zu lächeln und einen Moment hatte ich das Gefühl das mich ein Sonnenstrahl traf, genau so schnell zogen aber auch wieder die Regenwolken auf.
Ich bestellte, zur Überraschung der Kellnerin, zwei Eisbecher und forderte Monique auf sich einen Becher zu holen. Monique verstand sofort und ehe die Eltern es mit bekamen, saß sie an meinem Tisch. Als der Vater durch die Bewegung eines Schattens aus seinen Grübeleien heraus gerissen wurde, und seiner Partnerin einen fragenden Blick zuwarf,...was macht unsere Tochter am anderen Tisch, schaute sie kurz auf und mit einem freundlichen Nicken, ach lass ihr doch den Spass, beruhigte sie ihn wieder.
Monique war überhaupt nicht schüchtern, aus ihrem kleinen Mund sprudelten nur so die Sätze.
„ Danke für das Eis, das ist sehr lecker“ (und mit einem treuen Hundeblick stiebitzte sie mir noch einen Löffel Schlagsahne.) „ Bist Du auch so allein? „ Ohne auf eine Antwort zu warten, erzählte sie von Ihrer Oma, ihren Freunden vom Hof, das sie sich freue auf die Schule und ihrem Goldhamster „Karli“. „Karli isst auch Eis und Oma wird bestimmt nicht mehr lange leben“. Kein Wort über Mama und Papa. Als ich eine kurze Atempause nutzte und sie danach fragte, legte sie mir einen ihrer kleinen Finger auf den Mund, „ psst darüber spricht man nicht“.
Sie fragte nicht wer ich war oder warum ich sie eingeladen hatte, sie redete einfach.
Wir merkten gar nicht wie schnell die Zeit verging, als plötzlich die Frau am anderen Tisch aufsprang und weinend zum Kleiderständer lief. Er sprang ebenfalls auf und ging ihr nach, reichte ihr ein Taschentuch und beschwor sie doch nicht gleich zu heulen, was sollen denn die Leute denken. Während sie sich die Tränen trocknete holte er das vergessenen silberne Zigarettenetui vom verlassenen Tisch. Erschrocken blickte die Frau ihn an, „...und unsere Tochter ? “ Mit Dackelblick um Entschuldigung flehend, forderte er Monique auf, endlich zu kommen, sie sehe doch das sie gehen wollen. Dann zupfte er am Ärmel der Frau, vielleicht könne man den Ford, noch in einen Skoda umwandeln. Monique gab mir zum Abschied noch einen Kuss auf die Wange, hauchte ein Aufwiedersehen und sagte „übrigens ich heiße Katrin“. Ich sah gerade noch wie sich ihre Augen wieder wasserblau färbten. Weinend verließen Mutter und Tochter die Gaststätte, während der Vater kopfschüttelnd die Frauen nicht verstand.
Ich hatte einen wunderschönen Nachmittag erlebt und trotzdem spürte ich eine tiefe Traurigkeit in mich.
Vielleicht wisst ihr warum, Regenwolken zogen auf.