Seit ich pensioniert bin, treffe ich Leute, die ich aus Zeitgründen lange nicht mehr gesehen hatte. Vor allem Männer, mit denen ich früher rumgemacht und rumgeflirtet habe, die ständig irgendwas Italienisches in den Augen hatten.

„Di Fikkiano“, schienen sie sagen zu wollen.

Sicherlich war das lästig. Oft taten mir die Frauen leid, die mit ansehen mussten, wie ihre Männer mal wieder wie die Eichhörnchen „Wintervorrat“ sammelten. Damit sie in schlechten Zeiten auf irgendeine zurückgreifen konnten. Aber andererseits brachte sowas Leben in die Bude, es prickelte in der Leistengegend, wenn sie einen anmachten, selbst, wenn man niemals darauf zurück greifen würde.

Aber heute...

Derselbe Alfred, der damals ständig irgendwelche Angriffe auf meine eheliche Unversehrtheit zu planen schien, ist heute nur noch ein Hilfsarbeiter für seine inzwischen aus 20 Personen bestehende Familie.

„Nee, Langeweile habe ich nicht. Es gibt immer was zu tun. Mal mähe ich Roswitha, meiner Tochter, den Rasen, obwohl sie verheiratet ist, weil junge Männer keinen Blick für Notwendigkeiten haben, mal repariere ich die Gasleitung...“

„Die Gasleitung?“ Ich sah schon ganze Häuserzeilen in die Luft fliegen.

„Ja, ich habe mir extra eine anderthalbzöllige Rohrzange dafür gekauft. Willst du die mal sehen?“

Will ich Rohrzangen sehen?

Oder der Friederich. Für den habe ich früher geschwärmt, aber ich kam nicht an ihn ran, weil auf Busenwunder stand. Für den galten nur Nukleartitten. Und jetzt? Er fährt Tag für Tag im Blaumann und im Schritttempo über unsere Straße, um in seinem Schrebergarten irgend was zu verändern, rück zu verändern, ab- oder anzubauen, und seine Frau, die mit der gewaltigen Oberweite, hockt zu Hause und guckt Vera am Mittag. Was hat er jetzt von deren Umfang?

Wen sie abends guckt, weiß ich nicht. Jedenfalls haben die inzwischen getrennte Schlafzimmer, und in jedem steht ein Fernseher für sich. Brrr, wie entsetzlich.

Am schlimmsten finde ich Uwe. Uwe kannte mein Gesicht, aber nirgendwo hatte er abgespeichert, woher er es kannte. „Bist du nicht der Siegfried?“, fragte er mich. Dabei hat er mal mit mir geschlafen. Am Badesee, hinter den Brombeerbüschen.

„Ich bin die Marion“, rief ich beleidigt. „Grüß dich, Karin.“

Und früher hätte er jede auf Mann umgestylte Frau sofort als solche am Geruch erkannt.

° Nun lese ich hier welche im Platinnetz. Hmmm. Nee, mehr schreibe ich nicht dazu.

Mir stellt sich die Frage, ob wir allesamt im Alter geschlechtslos werden. Das wäre schrecklich. Dann gälte für Männer nicht mehr „DER Frank“ und für Frauen „DIE Franziska“, sondern DAS Herbert und DAS Marion.

Ich will nie, nie, nie DAS Marion werden.

Mein Bruder sagte mal: „Gott hat mir das Können genommen, jetzt soll er mir auch noch das Wollen nehmen.“

Ja, geht denn den Männern das Wollen auch noch flöten? Und den Frauen die Erinnerung an Zeiten, als es noch prickelte, wenn ihnen ein Mann am Telefon sagte, dass sie eine erotische Stimme hatten?

Ich will nicht auf diese Art alt werden. Los, sagt es mir.