Eine Geschichte über einfache Leute in Deutschland durch die Zeiten,Generationen.....
Damit solche Zeiten nie mehr wiederkommen.......
In Französisch und in Freundschaft geschrieben von "Elise".
Übersetzt ins Deutsche von "sei8sam",damit niemand sagen kann, er könne es nicht lesen, nicht verstehen.....
Denn das ist und bleibt unsere Aufgabe :
DIE ERINNERUNG UND DIE SCHULD NICHT VERDRÄNGEN UND NIE EINSCHLAFEN LASSEN...........
FREUNDSCHAFT UND VERSÖHNUNG SUCHEN..............
Samstag 29. Oktober 2005
Nun hab ich sie doch angetreten, diese Reise zu meinen Ursprüngen.
Es ist 10 Uhr, ich hab den sicheren Schutz des Hauses in Savigny verlassen, denn ich muss euch aufsuchen, meine lieben Eltern.
Ich dachte nicht, dass es Oktober war, vielmehr müsste man sagen : die Natur hatte sich mit ihren allerschönsten Farben geschmückt, entfachte ihre letzten Feuer vor dem langen Winterschlaf....Während dieser ganzen langen Strecke hatte ich den Eindruck, von einer Prozession von Bäumen
begleitet zu sein, die mich mit einem allerletzten Aufflammen ihres Laubes grüßten.
Ward ihr mir nah, Pierre und Elisabeth ?
Ich erinnerte mich an unseren Aufbruch mit dem Wagen, an diese erste Reise nach Deutschland. Meine Schwester und ich sahen die Straße vorbeiziehen. Die Zeit schien aufgehoben, schien einzig an die Veränderungen der Landschaft gebunden. Meine Eltern saßen vorn, mein Vater am Steuer, von Zeit zu Zeit tauschten die beiden ein paar Worte aus.
Für meine Schwester und mich verdichtete sich das Leben in diesen fortwährenden Wechsel der Anblicke, in diese Abfolge von Landschaften.
Jedenfalls jetzt während dieser Reise heute genoss ich das Auftauchen und Verschwinden von Wäldern und Ebenen mit ihrer herbstlichen Tendenz zu Gelbgrün Rot und Braun.
Die Natur ist so schön, sogar in Verdun !
Diese ganze Strecke ist so belastet von Geschichte.... von Kriegen.....
Aber die Natur zieht es vor, uns ihre Hymne der Freude vorzutragen, anstatt an der Erdoberfläche alle die vom Menschen verursachten Verwüstungen sichtbar zu lassen.
Ich glaube, dass diese Reise eine fortwährende Verwerfung sein wird zwischen der Vergangenheit bzw.der so schwer zu akzeptierenden Geschichte und der prachtvollen Schönheit der Orte, wo sich alle diese Ereignisse entwickelten.
Ich erreichte schließlich mein Ziel, das Hotel in Arzberg. Ich fand es warm und gemütlich ausgestattet, es schien typisch für Franken bzw. diesen Teil Bayerns. Die Leute schienen gleichermaßen zu diesem Dekor und zu ihrer Landschaft zu passen.
Die Herberge war voll von älteren aber fröhlichen Leuten, Männer und Frauen gemischt und voll beschäftigt, miteinander zu plaudern und ein gutes Bier zu trinken.
Wie schwer fiel es, sich vorzustellen, dass ihre Eltern und Großeltern die Nazizeit erlebten und dass zweifellos die Mehrzahl von ihnen damit einverstanden waren.
Ich suchte nach Überresten dieses Alptraums. Vergebens.
Sonntag 30 Oktober 2005
Erster Tag in Arzberg.
Wir haben an diesem Morgen eine zusätzliche Stunde gewonnen. Es war der Übergang zur Winterzeit, wie in Frankreich so auch in Deutschland. Das Wetter war immernoch gleich strahlend. Nach dem typisch deutschen Frühstück brach ich auf zu einem Spaziergang durch Arzberg.
Habt ihr mich begleitet liebe Eltern ? Das erste was ich aufsuchte, war die Porzellanfabrik von Schumann in der Bahnhofstraße Nr. 21. Ein großes Gebäude, direkt der Straße zugekehrt, deren damaligen Glanz man sich leicht noch heute vorstellen kann.
Ich ignoriere, was offensichtlich ist : die Fabrik wurde inzwischen geschlossen.
( Tatsächlich war die Porzellanfabrik der Familie Schumann seit 6 oder 8 Jahren geschlossen, erklärte mir am Abend im Hotel ein Paar, das gekommen war, um hier den Abend zu verbringen. Sie hatte sich nicht mehr rentiert.)
Ich erinnere mich nicht mehr, wie weit sie sich erstreckte. Die Fabrik hätte ein ganzes Stadtviertel darstellen können. Ich trat durch den Torbogen und sah die Gesamtheit der Bauwerke vor mir : eine ungeheure Anlage, deren Konstruktion trotz der Schließung
vor einigen Jahren immernoch schön ist.
Das liegt vielleicht an der Architektur : Man erkennt immernoch schöne Fassaden mit Rundbogenfenstern.
Bayern ist ganz anders als die Pariser Gegend ! Sogar die Fabriken zeigen Stil !
Der gesamte Komplex ist umgeben von Grünanlagen, jede Zufahrtsstraße, jeder Weg zur Fabrik hin ist von Bäumen gesäumt.
Ich weiß nicht, ob ich wirklich genau das kleine Wäldchen wiedergefunden hatte, wo ihr euch zum ersten mal geküsst habt, Mama, aber ich spazierte durch diese Landschaft, wo sich Wälder und Felder abwechselten in derselben Sinfonie von Herbstfarben, die ich auf der Reise erlebt hatte.
Ich sah auch einen kleinen Fluß, der die Stadt durchquert. War es der, von dem Du erzählt hast oder einer seiner Arme ? Ihr allein könntet mir antworten. Ich tankte mich mit Sonne voll und mit Farben und lauschte dem Murmeln des Wassers und vielleicht auch eurem Gemurmel....
Oh wie süß, von eurer damaligen Liebe zu träumen !
Und gleichzeitig muss diese Zeitepoche doch so schwierig gewesen sein !
Aber es mangelte euch weder an Hoffnung noch an Gefühlen.
Später am Nachmittag ging ich zum Friedhof hinauf. Auch da passte alles zur Stadt, die ich gesehen hatte: die eleganten farbenfrohen Häuserfassaden, meist beherrscht von gelben oder goldenen Farbtönen.
Seltsamer Weise ruft mir diese Gegend Bayerns durch ihre Farben die Fassaden Südfrankreichs in Erinnerung.
Was den Friedhof anbetrifft, so ist er bemerkenswert gut gepflegt. Ich habe auch Bänke gesehen. Offensichtlich ist es möglich, inmitten der Verstorbenen zu meditieren bzw. sich zu sammeln.
Aber die Gräber sind eher mit immergrünen Nadelgehölzen bzw. mit Arten von Koniferen dekoriert als mit Blumen wie zum Beispiel Crysanthemen.
Zweifellos ist das eine Frage des Klimas.
Indessen habe ich kein jüdisches Grab gesehen. Aber vielleicht lebten nur sehr wenige jüdische Familien in dieser Gegend Deutschlands ?
Ich habe in dieser Nachmittagssonne einen Namen gesucht, ein Grab, ein Schild, in der Hoffnung auf einen Überrest, einen schlichten Bezug. Es gab nichts dergleichen. Nichts als deutsche Namen, eben die Einwohner der Stadt.
Nichts erinnerte an die anderen Toten dieser Zeitepoche, an
Kriegsgefangene oder andere Fremde.
Einzig am Eingang gibt es ein Denkmal, das allen Franzosen, Russen, Belgiern usw. des 1. Weltkriegs 1914-18 gewidmet ist.
Ich weiß nicht, ob ich irgendeine Spur von Dir wiederfinden werde, Daniela, von unserer ersten Schwester, die so schnell davonging in die Vorhöfe des Himmels.
Warum wollten unsere Eltern niemals Erinnerungen an Dich wachrufen zusammen mit uns, Deinen Brüdern und Schwestern ?
Diese erste kleine Tochter, entstanden aus ihrer Liebe, dieses Kind des Krieges und auch der Heimlichkeit.
Montag 31. Oktober 2005
Ich bin diesen Morgen in die evangelische Kirche von Arzberg gegangen, oder vielmehr ins Archiv-Zentrum.
Im Moment ohne Erfolg.
Diese Suche erweist sich im Moment als etwas schwierig und schwer zu ertragen. Es kommen Emotionen hoch und es ist nicht immer möglich, sie nieder zu halten. Ich hätte sie gerne mit jemandem geteilt. Wieviele Freuden und Enttäuschungen muss man noch durchmachen ?
Warum dieser unaufhaltsame Pendel-Effekt zwischen Glück und Leid ?
Mein Gott ich mag Deine Gerechtigkeit nicht, weder Deinen Humor noch Deine Konzeption unseres Lebens.
Ich begann zu verzweifeln, als die Frau, die ich am Morgen im evangelischen Zentrum gesehen hatte, am Abend völlig unerwartet im Hotel auftauchte. Die Leute hier sind wirklich sympathisch und hilfsbereit.
Sie hatte in den evangelischen Archiven weitere Nachforschungen angestellt und hatte sogar auch beim Rathaus und bei der katholischen Kirche nachgefragt.
Sie hatte mir einen Auszug aus dem Hochzeitsregister der katholischen Kirche von Arzberg mitgebracht. Wie seltsam war es, hier eure Namen zu sehen : Pierre Henri Marie LEGRAND und Elisabeth KOPYTKO, auf diesen amtlichen deutschen Papieren.
Es schien als würdet ihr ins Leben zurückkehren.
Ich fühlte mich so glücklich und zufrieden als würdet ihr mir zuzwinkern.
Gott scheint wenigstens von Zeit zu Zeit Momente der Güte zu haben...........
Dienstag 1. November 2005
Es ist Allerheiligen.
Im Allgemeinen eigentlich ein grauer, kalter und regnerischer Tag. Oft einem Spaziergang zum Friedhof gewidmet, klassischer Weise mit 2 oder 3 Crysanthemen-Töpfen.
Tut mir leid liebe Eltern ! Dieses Jahr hielt ich mich nicht an die Tradition.
Ich zog es vor, euer Andenken dort wachzurufen, wo für uns, eure Kinder, alles begonnen hat.
Werde ich eine Spur von Dir wiederfinden, Daniela ? Das wäre ein Wunder, aber alles kann geschehn, wenn man nur hofft.
Dieser Landstrich Frankens und die gegend des Fichtelgebirges wird zukünftig immer mit Dir verbunden sein, mit meiner großen Schwester, die in dieser Gegend
geboren ist, aber nie wirklich auf der Welt war.
Ich bin heute nach Bayreuth gegangen, ich gestattete mir einen Tourismus-Tag. Die Cafés, die Restaurants oder vielmehr die Tavernen sind sehr typisch. Ich betrat eine davon, um zu frühstücken. Man hat den Eindruck, bei Privatleuten einzutreten.
Der Eingang liegt übrigens auf der Seite, geht interessanter Weise also nicht auf die Straße.
Das war in der Altstadt, in einer Fussgängerzone, nahe dem Marktplatz. Ein sehr warmes Ambiente, auch sehr pittoresk, es reckten sich eine große Anzahl von Hirschgeweihen und sogar ein Tierkopf hervor, die alle an der Wand befestigt waren. Ich sollte auch noch in weiteren Herbergen diesen so typischen Wandschmuck wiederfinden. Die Bayern scheinen Liebhaber von Wildpret und Adepten der Jagd zu sein. Auch die Küche passt ins dieses Bild, sie ist voller starker Gewürze, mit viel Fleisch in Soße.
Ich beendete meinen Besuch der Stadt mit dem Richard-Wagner-Museum. Ganz in der Art des 19. bzw.anfangs des 20 Jh. beharrte es in einem etwas barocken Stil. Ich habe darin etwas von der Atmosphäre der Wohnung meiner Großeltern wiedergefunden.
Der Abend nach meiner Rückkehr war warmherzig. Wir verbrachten ihn plaudernd mit Olga, der Besitzerin des Hotels, in dem ich untergebracht war.
Reise(n) durch Deutschland - Teil 1
Ich lege grossen Wert darauf, mir "bei Cora" ganz besonders zu bedanken, die die Übersetzung in die deutsche Sprache gemacht hat und mir die Möglichkeit gegeben hat, diese Geschichte mit Ihnen zu verteilen .
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