Reise(n) durch Deutschland - Teil 2
Eine Geschichte über einfache Leute in Deutschland durch die Zeiten, Generationen.....
Mittwoch 2. November 2005
Das ist mein letzter Tag in Arzberg.
Ich spazierte durch Wünsiedel, die Großstadt dieser Gegend.
Ich machte einen sehr interessanten Besuch im Fichtelgebirge-Museum,
anscheinend gibt es in dieser Gegend eine große Industrie-Tradition von
Mienen aller Art, seien es Eisen oder andere Mineralien, und ebenso von
Porzellanmanufakturen. Diese Gegend läßt mich an die "Heroic
Fantasy"-Welten denken. Man stellt sich Zwerge und Orks vor geradezu wie
beim Herrn der Ringe....Ist das vielleicht der sächsische Einfluss ? Ich
war auch sehr erstaunt über die Schönheit der Steine in der
Miberalien-Abteilung, selbst in ihrem Rohzustand. Auch das
Spielzeugmuseum war ebenso interessant. Man konnte in diesem Ambiente so
leicht seine Kinderseele wiederfinden. Sogar die Puppen, die die Brüder
des Hospitals von Wünsiedel darstellten, konnten die Atmosphäre des
Phantastischen nicht schmälern, trotz ihrer ernsten Ausstrahlung, ihren
dunklen Kostümen in Nachtblau mit den drolligen Mützen.
Beim Hinausgehen "testete" ich eine Bar. Aber das Ambiente war da wieder
anders als bei denen, die ich bisher aufgesucht hatte. Diese hier war
volkstümlich. Die Männer liebten es offensichtlich sehr, hier ihr Bier
und den dazugehörenden Schnaps zu drinken. Ich passte nicht recht in
diese Umgebung. Dennoch waren sie doch liebenswert, sogar galant.
Überall in dieser Gegend, wohin ich auch kam, fand ich diese Sympathie,
diese Neugier gegenüber den Franzosen.
Am Abend kehrte ich in die evangelische Kirche von Arzberg zurück.
Keinerlei Spur von Dir, Daniela. Du wirst weiter nur in unserer
Erinnerung zugegen sein.
Ich bin auch in die Kirche gegangen, wo ihr erstmals geheiratet habt
meine lieben Eltern. Der Priester hat mir sehr dienstbeflissen geöffnet.
Er hat sogar die Lichter angezündet. Die Kirche ist seit 1945
restauriert worden, aber vielleicht verweilte hier doch noch ein Hauch
von euch und dieser Zeitepoche. Ich versuchte, mir eure Freude
vorzustellen, dass ihr nun endlich ein neues Leben anfangen konntet, das
ihr ruhig miteinander teilen konntet.
Ich dankte Dir, dem Herrgott der Christen und der Juden und der anderen,
wie immer sie heißen, dass Du das möglich gemacht hast. Und ich bat Dich
auch um die Kraft, ohne zu viel Schmerz den Tag ertragen zu können, der
nun folgen sollte in Dachau.
Beim Hinausgehen betrachteten wir, der Priester und ich, die Stadt, die
sich unten erstreckt. Die Kirche steht tatsächlich auf einer Anhöhe. Die
Häuser mit ihren verschiedenen Fassadenanstrichen muteten durch die
Farbtöne irgendwie festlich an. Sie harmonierten mit den Bäumen,
geschmückt mit den schönsten Herbsttönen, die in der Sonne strahlten,
die seit dem Nachmittag wieder schien.
Ich erinnere mich gerne an diesen Moment des Friedens und der Hoffnung,
als mir viel mehr die Hochzeit meiner Eltern und etwas weniger die Jahre
ihres Leidens an diesem Ort gegenwärtig waren.
Donnerstag 3. November 2005
DACHAU - Zweiter Besuch, 37 Jahren danach .
Ich habe an diesem Morgen Arzberg bei trauriger Novemberkälte verlassen,
unter einem düsteren Himmel voller feuchter Nebel.
Der Regen schlug während der ganzen Autobahnstrecke gegen die
Windschutzscheibe. Darüber vergaß ich beinah das farbige Aufflammen der
Wälder, die die Straße säumten. Dann, München näher kommend, klarte der
Himmel auf. Überraschender Weise war er bei der Ankunft in Dachau von
großartigem Azurblau erhellt. Ich hatte von damals noch einen grauen,
von allem Elend der Welt belasteten Himmel in Erinnerung, als wir, meine
Eltern, meine Schwester und ich, vor 37 Jahren erstmals das
Konzentrationslager Dachau aufsuchten. Und nun, dieses mal, schien die
ganze Natur ein frohes Ereignis zu feiern.
Ich fand das Eisentor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" wieder,
diesmal in der warmen Nachmittagssonne. Komischer Weise wirkte das
beinahe einladend. Auch das Museum und seine Fotos waren verändert
worden : keine Teppiche mehr am Boden, die Mauern waren in ihren
Anfangszustand versetzt, nackt und kahl. Dies schien mir
dem Ernst des Ortes besser zu entsprechen. Ich war auch sensibler für
die sozialen und geschichtlichen Erklärungen zur Entstehung des
Nationalsozialismus. Dies ermöglichte es mir vielleicht eher, die
nachfolgenden Bilder der Verheerung zu begreifen. Jedoch glaube ich, sie
müssen gemildert worden sein. Auch die Rekonstruktion der Baracken war
sauber, geradezu reinlich. Man hätte beinahe den Duft von frischem Holz
riechen können.
Der Bunker mit seinem Gefängnis für "spezielle Insassen" bewahrt einige
Spuren von Authentizität. Er ist mit seinen Gefängniszellen im
Originalzustand verblieben. Kein frischer Anstrich. Ein paar ruinöse
Sanitärteile in den "Luxus"-Zellen. Und vor allem die Zeugenaussagen von
Häftlingen, die man mittels Ton-Aufnahmen hören konnte : über die
Willkür der Aufseher, über den Sadismus, die Folter und die Verzweiflung.
All das, was geschehen kann, wenn man gewissen Leuten die Möglichkeit
gibt, die allerfinsterste Seite der menschlichen Natur auszuleben. Es
waren sehr schlichte Berichte. Ich konnte sie nicht in ihrer Gesamtheit
anhören. Der Schrecken hatte bei mir die Grenze zum Unerträglichen
erreicht. Ich habe dieses Gebäude wieder verlassen, wo ich das Gefühl
gehabt hatte, dass immernoch und immerfort eine eisige Kälte herrschte
und ich fand zurück in die Sonne, um bis ans Ende des Lagers zu gehen,
von einer Gedenkstätte zur andern, die man zur Erinnerung an die
Verschwundenen errichtet hatte. Am äußersten Ende entdeckte ich das
jüdische Denkmal.
Dies ist für mich bis heute der Ort, der am allermeisten inhalts- und
emotionsbeladen ist. Ein Denkmal in Form eines sehr hohen Kamins, durch
den hindurch man hoch oben ein ganz kleines Eck blauen Himmel und Licht
sehen kann, und ein langer, der ganzen Konstruktion entlang sehr
dunkler, beinahe schwarzer Gang mit einem hellen Ende ganz in Marmor mit
einem 7-armigen Leuchter, Symbol der Hoffnung und Wiedergeburt. Ich
fragte mich, ob diese ganze Reise und all die Nachforschungen nicht
einfach diesen einen Grund hatten, an diesen Ort hier gelangt zu sein.
In dieser Nische aus Marmor zu Füßen des Schornsteins stand unten auf
der Erde ein Strauß roter Blumen umringt von ein paar brennenden Kerzen.
Ich danke Dir Gott, dass Du mich an diesen Ort gebracht hast. Ich
glaube, Du hast mir geholfen, Frieden zu finden und diese Erinnerungen
jetzt zu ertragen, die ich nicht hatte bewahren können, die ich
verdrängt hatte und die ich nicht aufleben lassen konnte ohne starke
Angstkrisen, nachdem ich ihnen beim Übersetzen der Aufzeichnungen meiner
Mutter wiederbegegnet war. Ich hatte die Antwort gefunden : Diesen
schmale Gang zum Licht.
Ich ging wieder hinaus in die Nachmittagssonne. - - -
Unterdessen bin ich immernoch ziemlich perplex über diesen zweiten
Besuch in Dachau. Ich weiß nicht, ob es an der traditionellen deutschen
Ordnung und Sauberkeit liegt, aber der vorherrschende Eindruck, der mir
von diesem zweiten Besuch blieb ist der, dass es ein sauberer Ort ist,
sorgfältig geputzt, desinfiziert, als hätten die Landsleute diesen Ort
nicht in seinem ursprünglichen Grauen und Gestank belassen wollen. Ich
kann heute meiner Panik und meinen Ängsten die Stirn bieten, aber wie
ist es damit bei den Leuten von Dachau und der Umgebung bestellt, oder
gar allgemeiner bei den Deutschen ? Diese Sauberkeit, dieser Anschein
des beinah Neuen wirkt anstößig, wenn man sich die ersten Bilder
vergegenwärtigt, die die Amerikaner bei der Befreiung des Lagers gemacht
haben, diese Bilder mit den Leichenhaufen....herumliegend wie
Haushaltsmüll.....
Wie können die Anwohner gemütlich neben diesem Alptraum leben, sogar
noch heute ?
Tatsächlich sind ganz nah vor dem Eingang zum Lager neue Häuser und
Immobilien errichtet worden. Kinder spielten Fußball neben dem
Besucher-Parkplatz.
Vielleicht haben sie Gedächtnisschwund ? Ich werde sicherlich keine
Antwort darauf bekommen.
Ich habe ein Zimmer in einem Hotel der Stadt genommen. Ich hoffte gut zu
schlafen. Aber diese Stadt bedrückte mich. Ich hatte sogar ein
schlechtes Gewissen, mich geruhsam satt zu essen an diesem Abend im
Hotelrestaurant.
Wochenende von Freitag 4. bis Montag 7. November 2005
BAD REICHENHALL und TRAUNSTEIN
Familie W... und Familie A...
Ich bin heute Morgen von Dachau abgereist - zu meiner großen
Erleichterung. Mein erstes Ziel war Traunstein. Ich wollte unbedingt
diese Stadt wiedersehen, wo ich schon zwei mal - 1965 und 1968 - mit
meinen Eltern und Brüdern und mit meiner Schwester gewesen war. Wir
waren damals bei Familie A... , das waren während dem Krieg besonders
gute Freunde meiner Mutter gewesen. Ich spazierte durch die Straßen der
Stadt und erinnerte mich an Großvater und Großmutter A.... , die uns
damals so herzlich empfangen hatten, als wäre meine Mutter ihre eigene
Tochter. Die ganze Familie nannte sie seitdem "Tante Betty", als wäre
sie eine Schwester von Charlotte und Florian, den Kindern dieser
Großeltern. Ich war persönlich so glücklich gewesen, diese Menschen
kennenzulernen. Wir hatten von Seiten meiner Mutter keine Verwandten.
Und siehe da, so hatten wir wunderbarer Weise "Adoptiv-Vetter und -
Base" bekommen ! Das war wunderbar. In der nachfolgenden Zeit besuchte
meine Mutter sie oft. Auch ich ging mit ihr dort hin zusammen mit
Didier, dem zukünftigen Vater meines Sohnes; das war in der
Weihnachtszeit 1978, zwei Jahre nach dem Tod meines Vaters. Wir wohnten
damals bei Charlotte und Otto, ihrem Ehemann. Im darauffolgenden Jahr
kamen sie in die Normandie, samt ihrem Sohn Florian und ihrer
Schwiegertochter Inge, zu meiner Hochzeit mit Didier am 8. September
1979. Ich war so glücklich, sie zu sehen. Ihre Gegenwart ersetzte mir
ein wenig die Abwesenheit meines Vaters. Wie sehr fehlte mir der an
diesem besonderen Tag meiner Hochzeit !
Ich ging auch in die Kammerer Strasse 44, dorthin wo die Großeltern
damals lebten. Heute wohnt dort nur noch Josephine, die Witwe Florians
(Sohn des Großvaters). Unglücklicher Weise war sie nicht zuhause. Ich
hatte meinen Besuch ja nicht angekündigt. Ich ließ ihr ein paar Zeilen
zurück und brach wieder auf nach Reichenhall, wo mich Florian und Inge
erwarteten.
Ich kam dort bei strahlender Sonne am frühen Nachmittag an. Zum ersten
mal auf dieser Deutschlandreise hatte ich das Gefühl, Verwandtschaft zu
besuchen, als käme ich zu meinen Brüdern oder zu meiner Schwester oder
zu Vettern. Sie hatten sich nicht so sehr verändert. Ich fand wieder
diese Freundlichkeit und Herzlichkeit, die ich gefühlt hatte, als sie
vor 26 Jahren zu meiner Hochzeit gekommen waren. Wir haben ein
wunderschönes Wochenende zusammen verbracht.
Am Freitagabend besichtigten wir die Stadt, die noch immer eine
prachtvolle Bade-Stadt ist und mit ihren Luxushotels noch viel von ihrem
damaligen Glanz bewahrt.
Am Samstag gingen wir zum Friedhof von Traunstein, um den Großeltern
eine letzte Ehre zu erweisen und auch Lotte und Otto. Ich hatte es nicht
früher tun können und ich wollte sie auch grüßen. Dann besuchten wir
Josephine und schauten zusammen alte Photos an.
Am Sonntagmorgen ging ich mit Florian und Inge zum evangelischen
Gottesdienst. Florian, der während dem Gottesdienst singt und Gitarre
spielt, hatte Lieder von Autoren ausgewählt, die ins Lager deportiert
worden waren. Wir beteten zusammen für all die bekannten oder anonymen
Verschwundenen. Das war für mich ein Moment sehr starker Emotionen. Ich
dankte Gott für die Antwort, die er mir in Dachau gegeben hatte, und für
diesen Frieden, der aus ihr entstanden war. Ich bat ihn auch darum, dass
dieser Friede auch den Kindern der Nazi-Täter zuteil werde und deren
unbewussten oder indifferenten Komplizen, bat um ihre Fähigkeit, ihr
schweres Erbe zu akzeptieren und in ihr Leben zu integrieren, wie er das
mir ermöglicht hatte.
Nach dem Gottesdienst gingen wir alle drei in ein Restaurant und ich bin
dann am foldenden Nachmittag wieder nach Frankreich abgereist, mit
Bedauern und einem gewissen Stich im Herzen.
Das ist mein letzter Tag in Arzberg.
Ich spazierte durch Wünsiedel, die Großstadt dieser Gegend.
Ich machte einen sehr interessanten Besuch im Fichtelgebirge-Museum,
anscheinend gibt es in dieser Gegend eine große Industrie-Tradition von
Mienen aller Art, seien es Eisen oder andere Mineralien, und ebenso von
Porzellanmanufakturen. Diese Gegend läßt mich an die "Heroic
Fantasy"-Welten denken. Man stellt sich Zwerge und Orks vor geradezu wie
beim Herrn der Ringe....Ist das vielleicht der sächsische Einfluss ? Ich
war auch sehr erstaunt über die Schönheit der Steine in der
Miberalien-Abteilung, selbst in ihrem Rohzustand. Auch das
Spielzeugmuseum war ebenso interessant. Man konnte in diesem Ambiente so
leicht seine Kinderseele wiederfinden. Sogar die Puppen, die die Brüder
des Hospitals von Wünsiedel darstellten, konnten die Atmosphäre des
Phantastischen nicht schmälern, trotz ihrer ernsten Ausstrahlung, ihren
dunklen Kostümen in Nachtblau mit den drolligen Mützen.
Beim Hinausgehen "testete" ich eine Bar. Aber das Ambiente war da wieder
anders als bei denen, die ich bisher aufgesucht hatte. Diese hier war
volkstümlich. Die Männer liebten es offensichtlich sehr, hier ihr Bier
und den dazugehörenden Schnaps zu drinken. Ich passte nicht recht in
diese Umgebung. Dennoch waren sie doch liebenswert, sogar galant.
Überall in dieser Gegend, wohin ich auch kam, fand ich diese Sympathie,
diese Neugier gegenüber den Franzosen.
Am Abend kehrte ich in die evangelische Kirche von Arzberg zurück.
Keinerlei Spur von Dir, Daniela. Du wirst weiter nur in unserer
Erinnerung zugegen sein.
Ich bin auch in die Kirche gegangen, wo ihr erstmals geheiratet habt
meine lieben Eltern. Der Priester hat mir sehr dienstbeflissen geöffnet.
Er hat sogar die Lichter angezündet. Die Kirche ist seit 1945
restauriert worden, aber vielleicht verweilte hier doch noch ein Hauch
von euch und dieser Zeitepoche. Ich versuchte, mir eure Freude
vorzustellen, dass ihr nun endlich ein neues Leben anfangen konntet, das
ihr ruhig miteinander teilen konntet.
Ich dankte Dir, dem Herrgott der Christen und der Juden und der anderen,
wie immer sie heißen, dass Du das möglich gemacht hast. Und ich bat Dich
auch um die Kraft, ohne zu viel Schmerz den Tag ertragen zu können, der
nun folgen sollte in Dachau.
Beim Hinausgehen betrachteten wir, der Priester und ich, die Stadt, die
sich unten erstreckt. Die Kirche steht tatsächlich auf einer Anhöhe. Die
Häuser mit ihren verschiedenen Fassadenanstrichen muteten durch die
Farbtöne irgendwie festlich an. Sie harmonierten mit den Bäumen,
geschmückt mit den schönsten Herbsttönen, die in der Sonne strahlten,
die seit dem Nachmittag wieder schien.
Ich erinnere mich gerne an diesen Moment des Friedens und der Hoffnung,
als mir viel mehr die Hochzeit meiner Eltern und etwas weniger die Jahre
ihres Leidens an diesem Ort gegenwärtig waren.
Donnerstag 3. November 2005
DACHAU - Zweiter Besuch, 37 Jahren danach .
Ich habe an diesem Morgen Arzberg bei trauriger Novemberkälte verlassen,
unter einem düsteren Himmel voller feuchter Nebel.
Der Regen schlug während der ganzen Autobahnstrecke gegen die
Windschutzscheibe. Darüber vergaß ich beinah das farbige Aufflammen der
Wälder, die die Straße säumten. Dann, München näher kommend, klarte der
Himmel auf. Überraschender Weise war er bei der Ankunft in Dachau von
großartigem Azurblau erhellt. Ich hatte von damals noch einen grauen,
von allem Elend der Welt belasteten Himmel in Erinnerung, als wir, meine
Eltern, meine Schwester und ich, vor 37 Jahren erstmals das
Konzentrationslager Dachau aufsuchten. Und nun, dieses mal, schien die
ganze Natur ein frohes Ereignis zu feiern.
Ich fand das Eisentor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" wieder,
diesmal in der warmen Nachmittagssonne. Komischer Weise wirkte das
beinahe einladend. Auch das Museum und seine Fotos waren verändert
worden : keine Teppiche mehr am Boden, die Mauern waren in ihren
Anfangszustand versetzt, nackt und kahl. Dies schien mir
dem Ernst des Ortes besser zu entsprechen. Ich war auch sensibler für
die sozialen und geschichtlichen Erklärungen zur Entstehung des
Nationalsozialismus. Dies ermöglichte es mir vielleicht eher, die
nachfolgenden Bilder der Verheerung zu begreifen. Jedoch glaube ich, sie
müssen gemildert worden sein. Auch die Rekonstruktion der Baracken war
sauber, geradezu reinlich. Man hätte beinahe den Duft von frischem Holz
riechen können.
Der Bunker mit seinem Gefängnis für "spezielle Insassen" bewahrt einige
Spuren von Authentizität. Er ist mit seinen Gefängniszellen im
Originalzustand verblieben. Kein frischer Anstrich. Ein paar ruinöse
Sanitärteile in den "Luxus"-Zellen. Und vor allem die Zeugenaussagen von
Häftlingen, die man mittels Ton-Aufnahmen hören konnte : über die
Willkür der Aufseher, über den Sadismus, die Folter und die Verzweiflung.
All das, was geschehen kann, wenn man gewissen Leuten die Möglichkeit
gibt, die allerfinsterste Seite der menschlichen Natur auszuleben. Es
waren sehr schlichte Berichte. Ich konnte sie nicht in ihrer Gesamtheit
anhören. Der Schrecken hatte bei mir die Grenze zum Unerträglichen
erreicht. Ich habe dieses Gebäude wieder verlassen, wo ich das Gefühl
gehabt hatte, dass immernoch und immerfort eine eisige Kälte herrschte
und ich fand zurück in die Sonne, um bis ans Ende des Lagers zu gehen,
von einer Gedenkstätte zur andern, die man zur Erinnerung an die
Verschwundenen errichtet hatte. Am äußersten Ende entdeckte ich das
jüdische Denkmal.
Dies ist für mich bis heute der Ort, der am allermeisten inhalts- und
emotionsbeladen ist. Ein Denkmal in Form eines sehr hohen Kamins, durch
den hindurch man hoch oben ein ganz kleines Eck blauen Himmel und Licht
sehen kann, und ein langer, der ganzen Konstruktion entlang sehr
dunkler, beinahe schwarzer Gang mit einem hellen Ende ganz in Marmor mit
einem 7-armigen Leuchter, Symbol der Hoffnung und Wiedergeburt. Ich
fragte mich, ob diese ganze Reise und all die Nachforschungen nicht
einfach diesen einen Grund hatten, an diesen Ort hier gelangt zu sein.
In dieser Nische aus Marmor zu Füßen des Schornsteins stand unten auf
der Erde ein Strauß roter Blumen umringt von ein paar brennenden Kerzen.
Ich danke Dir Gott, dass Du mich an diesen Ort gebracht hast. Ich
glaube, Du hast mir geholfen, Frieden zu finden und diese Erinnerungen
jetzt zu ertragen, die ich nicht hatte bewahren können, die ich
verdrängt hatte und die ich nicht aufleben lassen konnte ohne starke
Angstkrisen, nachdem ich ihnen beim Übersetzen der Aufzeichnungen meiner
Mutter wiederbegegnet war. Ich hatte die Antwort gefunden : Diesen
schmale Gang zum Licht.
Ich ging wieder hinaus in die Nachmittagssonne. - - -
Unterdessen bin ich immernoch ziemlich perplex über diesen zweiten
Besuch in Dachau. Ich weiß nicht, ob es an der traditionellen deutschen
Ordnung und Sauberkeit liegt, aber der vorherrschende Eindruck, der mir
von diesem zweiten Besuch blieb ist der, dass es ein sauberer Ort ist,
sorgfältig geputzt, desinfiziert, als hätten die Landsleute diesen Ort
nicht in seinem ursprünglichen Grauen und Gestank belassen wollen. Ich
kann heute meiner Panik und meinen Ängsten die Stirn bieten, aber wie
ist es damit bei den Leuten von Dachau und der Umgebung bestellt, oder
gar allgemeiner bei den Deutschen ? Diese Sauberkeit, dieser Anschein
des beinah Neuen wirkt anstößig, wenn man sich die ersten Bilder
vergegenwärtigt, die die Amerikaner bei der Befreiung des Lagers gemacht
haben, diese Bilder mit den Leichenhaufen....herumliegend wie
Haushaltsmüll.....
Wie können die Anwohner gemütlich neben diesem Alptraum leben, sogar
noch heute ?
Tatsächlich sind ganz nah vor dem Eingang zum Lager neue Häuser und
Immobilien errichtet worden. Kinder spielten Fußball neben dem
Besucher-Parkplatz.
Vielleicht haben sie Gedächtnisschwund ? Ich werde sicherlich keine
Antwort darauf bekommen.
Ich habe ein Zimmer in einem Hotel der Stadt genommen. Ich hoffte gut zu
schlafen. Aber diese Stadt bedrückte mich. Ich hatte sogar ein
schlechtes Gewissen, mich geruhsam satt zu essen an diesem Abend im
Hotelrestaurant.
Wochenende von Freitag 4. bis Montag 7. November 2005
BAD REICHENHALL und TRAUNSTEIN
Familie W... und Familie A...
Ich bin heute Morgen von Dachau abgereist - zu meiner großen
Erleichterung. Mein erstes Ziel war Traunstein. Ich wollte unbedingt
diese Stadt wiedersehen, wo ich schon zwei mal - 1965 und 1968 - mit
meinen Eltern und Brüdern und mit meiner Schwester gewesen war. Wir
waren damals bei Familie A... , das waren während dem Krieg besonders
gute Freunde meiner Mutter gewesen. Ich spazierte durch die Straßen der
Stadt und erinnerte mich an Großvater und Großmutter A.... , die uns
damals so herzlich empfangen hatten, als wäre meine Mutter ihre eigene
Tochter. Die ganze Familie nannte sie seitdem "Tante Betty", als wäre
sie eine Schwester von Charlotte und Florian, den Kindern dieser
Großeltern. Ich war persönlich so glücklich gewesen, diese Menschen
kennenzulernen. Wir hatten von Seiten meiner Mutter keine Verwandten.
Und siehe da, so hatten wir wunderbarer Weise "Adoptiv-Vetter und -
Base" bekommen ! Das war wunderbar. In der nachfolgenden Zeit besuchte
meine Mutter sie oft. Auch ich ging mit ihr dort hin zusammen mit
Didier, dem zukünftigen Vater meines Sohnes; das war in der
Weihnachtszeit 1978, zwei Jahre nach dem Tod meines Vaters. Wir wohnten
damals bei Charlotte und Otto, ihrem Ehemann. Im darauffolgenden Jahr
kamen sie in die Normandie, samt ihrem Sohn Florian und ihrer
Schwiegertochter Inge, zu meiner Hochzeit mit Didier am 8. September
1979. Ich war so glücklich, sie zu sehen. Ihre Gegenwart ersetzte mir
ein wenig die Abwesenheit meines Vaters. Wie sehr fehlte mir der an
diesem besonderen Tag meiner Hochzeit !
Ich ging auch in die Kammerer Strasse 44, dorthin wo die Großeltern
damals lebten. Heute wohnt dort nur noch Josephine, die Witwe Florians
(Sohn des Großvaters). Unglücklicher Weise war sie nicht zuhause. Ich
hatte meinen Besuch ja nicht angekündigt. Ich ließ ihr ein paar Zeilen
zurück und brach wieder auf nach Reichenhall, wo mich Florian und Inge
erwarteten.
Ich kam dort bei strahlender Sonne am frühen Nachmittag an. Zum ersten
mal auf dieser Deutschlandreise hatte ich das Gefühl, Verwandtschaft zu
besuchen, als käme ich zu meinen Brüdern oder zu meiner Schwester oder
zu Vettern. Sie hatten sich nicht so sehr verändert. Ich fand wieder
diese Freundlichkeit und Herzlichkeit, die ich gefühlt hatte, als sie
vor 26 Jahren zu meiner Hochzeit gekommen waren. Wir haben ein
wunderschönes Wochenende zusammen verbracht.
Am Freitagabend besichtigten wir die Stadt, die noch immer eine
prachtvolle Bade-Stadt ist und mit ihren Luxushotels noch viel von ihrem
damaligen Glanz bewahrt.
Am Samstag gingen wir zum Friedhof von Traunstein, um den Großeltern
eine letzte Ehre zu erweisen und auch Lotte und Otto. Ich hatte es nicht
früher tun können und ich wollte sie auch grüßen. Dann besuchten wir
Josephine und schauten zusammen alte Photos an.
Am Sonntagmorgen ging ich mit Florian und Inge zum evangelischen
Gottesdienst. Florian, der während dem Gottesdienst singt und Gitarre
spielt, hatte Lieder von Autoren ausgewählt, die ins Lager deportiert
worden waren. Wir beteten zusammen für all die bekannten oder anonymen
Verschwundenen. Das war für mich ein Moment sehr starker Emotionen. Ich
dankte Gott für die Antwort, die er mir in Dachau gegeben hatte, und für
diesen Frieden, der aus ihr entstanden war. Ich bat ihn auch darum, dass
dieser Friede auch den Kindern der Nazi-Täter zuteil werde und deren
unbewussten oder indifferenten Komplizen, bat um ihre Fähigkeit, ihr
schweres Erbe zu akzeptieren und in ihr Leben zu integrieren, wie er das
mir ermöglicht hatte.
Nach dem Gottesdienst gingen wir alle drei in ein Restaurant und ich bin
dann am foldenden Nachmittag wieder nach Frankreich abgereist, mit
Bedauern und einem gewissen Stich im Herzen.
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