Einmal Schottland und zurück

Und wieder ist es ein Tag , den ich besser nicht gelebt hätte.
Wieder diese Unruhe und Rastlosigkeit meiner Seele. Ich kenne solche Tage zur Genüge, sie sind schwermütig und voller Emotionen. Manchmal bin ich geneigt zu sagen : das Wetter ist schuld. Ja das Wetter. Doch tief im Innern meiner Seele , weis ich doch , dass nicht das Wetter die Schuld trägt. Es ist ganz einfach eine Sehnsucht in mir. Eine Sehnsucht die sich nicht so einfach in Worte einfangen lässt. Soll das endlos so weitergehen, frage ich mich. Sind die Bilder vor meinem inneren Auge unerreichbar ?
Auch meine Träume sind oft nicht verschont geblieben von diesen Bildern.
Es sind unendliche Weiten, Meer und Schlösser, Bilder wie ich sie aus schottischen Reiseprospekten kenne.
Sie lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Sie sprechen zu mir, und sie rufen nach mir, ich höre sie ganz genau.
Manchmal macht sich Angst in mir breit wegen diesen intensiven Gefühlen die ich habe.
Warum zieht mich dieses Land so in seinen Bann. Ich bin sicher , dass ich es eines Tages schaffen werde, und das Geld für eine Reise nach Schottland zusammen habe.
Wenn es dann endlich soweit ist, will ich nicht die Hochburgen der Touristen besuchen. Nein ich will einen ausgedehnten Urlaub in einem kleinen Dorf, weit abseits der Großstädte und Urlaubsregionen machen. So verging die Zeit, ohne dass sich eine Besserung meines Zustandes einstellte.

Monate später !!!

Nun endlich war es soweit, ich hatte mein sehnlichstes Ziel erreicht, die Koffer waren gepackt und dir Reise konnte ihren Lauf nehmen. Ich war überglücklich, und voller Tatendrang. Keine Depressionen mehr, nur noch Freude pur. Ein Reisebüro unserer Region bot eine 12tägige Schottlandreise zum vernünftigen Preis an. Eine Region die mich fasziniert, und zwar die schottischen Highlands.
Das Ziel war Inverness die Hauptstadt der Highlands. Der Verwaltungsbezirk Highlands ist der mit Abstand größte und dünnbesiedeltste Bezirk Schottlands. Er umfasst in etwa ein Drittel der Fläche Schottlands und reicht in etwa von Glencoe im Süden und der Bezirksverwaltung in Inverness im Osten bis an die westliche und nördliche Küste. Die Insel Skye gehört ebenfalls dazu. Ja ein wenig hatte ich mich schon kundig gemacht vor meiner Reise. Ich hatte einige bunte Prospekte vom Reisebüro bekommen, die ich natürlich nur all zu gern studierte.
Die Reise war eine reine Busreise, so dass allein die Fahrt schon ein Erlebnis war. Wir fuhren mit dem Bus erst einmal nach Frankreich, nach Callela um dort mit der Fähre nach Dover überzusetzen.
Von der Fahrt mit der Fähre war ich sehr beeindruckt, und ich überstand es ohne Komplikationen, obwohl die Fahrt doch ziemlich turbulent war. Das Meer hatte wohl nicht seinen ruhigsten Tag, und das Schiff schaukelte oft bedenklich.
In Dover angekommen, ging es erst mal weiter nach London , wo wir einen Tag halt machten, um das tolle Museum der Madam Tussaut zu besuchen. Auch reichte die Zeit noch um die Kronjuwelen im Tower zu bewundern. Im Hotel Continental verbrachten wir eine Nacht, um am nächsten Tag weiter zu reisen.
Nun ging es mit Riesenschritten unserem Ziel entgegen.
Der Busfahrer war ein netter Mensch, der viel zu erzählen hatte, da er diese Route regelmäßig fuhr war es kein Wunder dass er sich gut auskannte.
Wir waren überhaupt eine lustige Reisegruppe, und verstanden uns bis auf wenige Ausnahmen ziemlich gut. Klar, ein älteres Ehepaar war dabei, das laufend etwas auszusetzen hatte, aber das störte uns nicht groß. Denn ihre Mäkeleien gingen oft im Stimmengewirr oder Gelächter, unter.
So kam es, dass der Busfahrer „Egon“ wie wir ihn nennen sollten uns zurief, dass wir fast an unserem Ziel angekommen seien. Wir sollten schon langsam unsere Siebensachen zusammen suchen, damit es dann am Hotel zügig mit dem Aussteigen ginge.
Ein lautes Hallo und Bravo begleitete seine Ansage. Endlich am Ziel, endlich in Schottland.
Unsere Unterkunft war ein sehr schönes Mittelklasse Hotel das Waterside-Hotel
Das Wetter war nicht so besonders, als wir aus dem Bus stiegen regnete es leicht.
Das maritime Klima in Nord-Schottland unterscheidet sich erheblich von dem in Mitteleuropa.
Aber erst einmal belagerten wir voller Enthusiasmus die Rezeption um einzuchatten.
Da wir im Moment die einzige Reisegruppe waren, ging alles ziemlich flott.
Dann auf den Zimmern waren wir überrascht über Komfort und Ausstrahlung des Raumes.
Zuerst einmal verspürte ich große Lust, in der Badewanne zu liegen, und mich so richtig zu aalen .
Danach war auch schon Zeit zum Tee trinken, was man in dieser Region um 14 Uhr tat.
Danach wollte ich mich erst einmal auf den Weg machen, und die Stadt ergründen. Ich war auf einmal gar nicht mehr müde und erschöpft von der langen Fahrt. Es ging mir so gut wie lange nicht mehr. Ich konnte schon wieder über einige vorbeilaufende Schotten im Kilt witzeln, und in mich hinein lächeln.
So gut gelaunt ging ich weiter. Alles was ich aus meinen Reiseprospekten wusste , wollte ich nun selber erkunden. Inverness hat eine kleine, aber sehr schöne Innenstadt. Da in einem Krieg die gesamte Stadt abgebrannt war, ist kein Gebäude älter als 200 Jahre. Die Burg ist von 1846, es gibt mehrere Kirchen nur wenige Meter entfernt.
Also schaute ich mich um, und war beeindruckt von den vielen stolzen Bauwerken, wie Kirchen, Burgen und Schlösser.
Zufrieden und froh machte ich mich nun auf den Weg zurück in mein Hotel, was ich auch ohne Schwierigkeiten sofort wieder fand.
Nun war Abendbrot angesagt, und ich war sehr hungrig, hatte ich mir den ganzen Nachmittag ja nichts Essbares gegönnt, nein nicht aus Geiz, sondern aus Angst wegen der Verständigungs-Schwierigkeit. Es war ja viel bequemer im Hotel zu essen, sich das Gewünschte vom Büffet zu holen, ohne etwas sagen zu müssen. So sahen es wohl auch meine Mitreisende, denn sie waren zum Essen alle wieder da, und gleich ging es weiter mit Spaß und Gelächter. Auch das ältere Ehepaar war da, und murmelte etwas unverständliches vor sich hin, was sicher nichts Erfreuliches war.
Als wir gegessen hatten stellte sich nun doch die Müdigkeit ein, und ich beschloss an der Hotelbar noch einen Schlaftrunk zu nehmen, einen echten schottischen Wisky. Da ich dieserart Getränke nicht gewohnt war, musste ich mich schütteln, und dachte mir dass ich da wohl nichts versäumt hatte.
Ich ging auf mein Zimmer, und verkroch mich sofort in mein Bett, wo ich auch fast zeitgleich in einen tiefen Schlaf fiel. Ich wachte am frühen Vormittag des nächsten Tages auf, und fühlte mich total erfrischt und ausgeruht. Duschen, und dann zum Frühstück hinunter in den riesigen Speisesaal. Einige meiner Mitreisenden waren wohl schon früher als ich auf den Beinen, denn sie bedienten sich schon eifrig am Büfett. Ich staunte nicht schlecht was es da nicht alles gab. Für einen Deutschen ein schier unvorstellbares Frühstück.
Man konnte schlemmen, es gab ganz einfach alles was man sich denken kann. Besonders die Männer unserer Gruppe wussten das Angebot zu schätzen, und standen nicht nur einmal auf um sich noch mal einen Teller voll zu packen.
Als ich mein Frühstück beendet hatte, wollte ich mich wieder auf den weg machen, um die nähere Umgebung zu durchforsten. Ich war die einzige die allein an dieser reise teilnahm, und wollte mich auch keinem Paar aufdrängen. Somit war ich nun auf mich allein gestellt, was mir aber nichts ausmachte, konnte ich doch tun was ich wollte. Heute schon etwas aufmerksamer als gestern, war ich auf dem Weg zum naheliegenden Meer. Vielleicht konnte ich ja eine schöne Bootsfahrt unternehmen.
Doch als ich mich einmal umdrehte, sah ich hinter mir einen Mann in mittlerem Alter, der ziemlich auffällig nach mir schaute. Ich dachte mir er sei sicher auch nur ein Tourist auf Erkundungspfad, und dachte mir weiter nichts dabei. Am Meer angekommen fand ich auch gleich einen Bootssteg, mit einem wartenden Boot. Es war etwas seltsam, denn es waren keine weiteren Menschen da, die wohl hätten mitfahren wollen. Ich ging auf das Boot zu, und dachte, es wird schon einen Bootsführer geben. Als ich über die ausgelegte Brücke das Boot betrat, sah ich einen Schatten hinter mir, und drehte mich um. Hinter mir war der Mann aus der Stadt, und betrat hinter mir das Boot. Ich sah ihn kurz mit der Hand jemandem zuwinken, und sofort wurde die Brücke eingezogen und das Boot legte ab.
Ziemlich irritiert drehte ich mich dem Fremden zu, und fragte ihn , ob das Boot nun mit zwei Passagieren eine Rundfahrt machte. Im gleichen Moment aber dachte ich, dass er mich sicher gar nicht versteht, um so erstaunter war ich, als er mir in verständlichem Deutsch erklärte, ich solle es als Geschenk sehen.
Als Geschenk von wem, wollte ich wissen. Er meinte das werden Sie bald erfahren. Nun fühlte ich mich gar nicht wohl in meiner Haut, und bereute zutiefst dass ich niemandem aus der Gruppe gesagt hatte wohin ich gehe. Wenn dieser Mensch mich nun entführen wollte, aus welchem Grund auch immer. Ich war total verängstigt, und meine Hände zitterten. Ich setzte mich auf eine Bank, nicht so nah an der Reling, hatte ich doch Angst der fremde Mann könnte mich ganz einfach über Bord werfen.
Der Fremde redete nicht, und gab nur kurze Antworten wenn ich ihm Fragen stellte. Wir waren nun schon weit über eine Stunde unterwegs und es war noch kein Ufer zu erkennen. Auf meine Fragen, wohin denn die Fahrt gehe, bekam ich nur zu hören, ich solle keine Angst haben, es würde mir nichts geschehen. Weiter sei er nicht befugt mich aufzuklären. Ich merkte wie das Boot in die Richtung eines Felsens abbog, und bekam schon Angst dass das Boot an den Klippen zerschellen würde, aber da sah ich direkt unter dem Felsen eine Anlegestelle für Boote. Und hoch oben auf dem Fels eine wunderschöne Burg, die man vom freien Meer aus gar nicht sehen konnte.
Beeindruckt und trotzdem ängstlich ging ich meinem Schicksal gelassen entgegen.
Was würde ich hier vorfinden, und was hatte dies alles zu bedeuten.
Es hatte sicherlich keinen Sinn, sich zu wehren, ob ich nun wollte oder nicht musste ich unter der sanften aber bestimmten Führung des Fremden das Boot verlassen. Was ich nun zu sehen bekam lies mich erstaunen, denn unter einem Bogendurchgang den wir passierten blühten die schönsten Blumen und Sträucher. Dahinter zog sich ein großer Garten bis hin zu den Treppen zum Schloss. Wir stiegen stumm die Treppen empor und wurden von einer sehr eleganten alten Dame empfangen. Sie stand, stumm auf mich schauend da, und ich wusste nicht was ich von all dem zu halten hatte.
Mein Kind! War das erste was ich aus ihrem Mund hörte. Doch ich konnte nicht begreifen was das zu bedeuten hatte. Ich ging auf sie zu, und reichte ihr meine Hand, plötzlich verspürte ich keinerlei Ängste mehr, ich fühlte mich in ihrer Gegenwart so ausgeglichen und wohl.
Sie nahm mich bei der Hand und zog mich mit sich in das riesige Schloss.
Dort angekommen, forderte sie mich auf, mich zu setzen, sie hätte mir vieles zu erklären. Das dachte ich mir auch, denn noch immer hatte ich keine Ahnung, und versuchte aus einem Traum aufzuwachen, aber was geschah war kein Traum sondern Realität.
Wieder sagte sie , mein Kind! Endlich bist Du hier, und endlich lernst Du Deine Familie kennen. Meine Familie , ach wie schön es doch wäre eine Familie zu haben, aber ich war ja allein auf dieser Welt, denn Vater und Mutter waren bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen.
Damals war ich erst 7 Jahre alt.
Eine alte Freundin meiner Eltern sorgte damals für mich, in der Zeit da meine Eltern geschäftlich im Ausland waren, dann dieses Unglück, mit dem Flugzeug. Die Freundin die ich Tante Elise nannte kümmerte sich weiterhin um mich, weil sie nicht wollte dass ich in ein Waisenhaus abgeschoben wurde.
Als ich 18 Jahre alt war, starb meine Tante Elise, und nun war ich ganz allein auf der Welt.
Ich wusste nichts von Verwandten meiner Eltern. Nur dass Vater auch keine Angehörigen hatte, und von Mutters Familie wurde nie gesprochen. Dieses Thema war in unserer Familie ganz einfach tabu. Da ich noch ein Kind war, kümmerte ich mich auch nicht weiter darum.
Das war alles was ich aus meiner Kindheit wusste.
Nun erfuhr ich dass diese Frau neben mir meine Großmutter war.
Meine Mutter , so erzählte sie mir, hatte sich mit 22 Jahren in einen Musiker verliebt. Er war auf Reisen in Schottland, er war ein junger deutscher Mann, mit Flausen im Kopf und verdrehte ihrer Tochter den Kopf. Christin wie meine Mutter hieß, verliebte sich in Walter, den heißblütigen Jungsporn. Alles Reden ihrer Eltern nützte gar nichts, Christin wollte unbedingt ihren Willen durchsetzen, und verließ gegen Den Willen ihrer Eltern das Elternhaus und sogar das Land das ihre Heimat war.
Sie ging mit Walter nach Deutschland, aber niemand wusste wohin. Christin lies nie wieder etwas von sich hören. Aber nun wollte ich doch wissen, woher meine Großmutter wusste wer ich bin.
Großmutter erklärte es mir. Ihr persönlicher Fahrer war in der Stadt, es war schon gestern, und er sah mich in meiner Begeisterung diese Stadt besichtigen. Da Gaston der Fahrer ja alle Gemälde des Schlosses kannte, unter denen auch ein Gemälde meiner Mutter im Alter von 19 Jahren hing, erschrak er erst einmal heftig, und dachte einen Geist gesehen zu haben. Zurück im Schloss lies er sich erst noch einmal von seiner Herrin das besagte Bild zeigen, und er erschrak abermals. Seine Herrin wollte nun wissen was das zu bedeuten hat. Daraufhin erzählte ihr Gaston von dem jungen Mädchen, das er in der Stadt gesehen hatte. Es sei genau diese junge Frau gewesen. Großmutter muss sehr erstaunt gewesen sein, und ihn sofort gebeten haben ihr diese junge Frau auf das Schloss zu bringen, egal wie.
Ja nun saß ich hier, und wusste nicht ob ich weinen oder lachen sollte. Ich erzählte meiner Großmutter, von meiner Sehsucht nach diesem Land, und dass ich nicht eher Ruhe und Frieden fand bevor ich hier her kommen konnte. Dass es mir schwer fiel, da ich nicht viel Geld zu meiner Verfügung hatte. Meine Eltern konnten keine Reichtümer vorweisen, und als sie ums Leben kamen, stand ich arm da, und musste mit dem zufrieden sein was mir Tante Elise bieten konnte.
Meine Gr0ßmutter weinte vor Glück, mich endlich gefunden zu haben, obwohl sie ja von meiner Existenz nie etwas gewusst hatte. Aber das was ich ihr von meiner Mutter erzählen konnte, reichte ihr aus , zu glauben wer ich bin. Nun wollte sie mich ja am liebsten gleich hier behalten.
Aber ich fuhr dann doch wieder mit meiner Reisegruppe nach Deutschland zurück. Ich wollte noch regeln was zu regeln war, um dann wieder nach Schottland zu reisen. In das Land meiner Wurzeln. Ich wusste das dort meine Heimat ist. Hatte es wohl immer schon geahnt.
Ich bin nun glücklich und zufrieden, und was das Beste daran ist, ich habe keine Depressionen mehr, es geht mir gut.
Ich spreche nun auch schon die Sprache meiner Heimat, es fiel mir leicht, und machte mir Freude sie zu lernen. Ich wünsche mir noch viele glückliche Jahre mit meiner geliebten Großmutter.