Rosa
Geschichte aus der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs
Das Seidenpapier zerraschelt die Stille, als Rosa ihn vorsichtig auswickelt. Ein zartes Gebil-de aus cremefarbener Seide, einem Hauch Tüll und einer roséfarbenen Stoffrose. Sie tritt vor ihren alten Standspiegel und setzt den Hut behutsam auf ihre weißen Haare. Er ist so leicht, dass sie ihn kaum fühlt. Aus der zerschlissenen Blechschachtel kramt sie zwei Hutnadeln und steckt sie vorsichtig durch den feinen Stoff; gerade so, dass die Nadeln unsichtbar blei-ben. Die alten Nadeln sind stumpf. Rosa braucht eine Weile, um sie in den Hut zu stecken, ohne den Stoff zu beschädigen. Versuchsweise zieht sie einige Haarsträhnen in die Stirn. Rosa lächelt. Genauso hatte er ausgesehen, der Hut, den sie vor vierzig Jahren besessen hat-te.
Rosa streichelt die alte Blechschachtel, die schon Roststellen an den Ecken hat und deren Aufschrift „Singer“ in roten Buchstaben nur noch blass zu lesen ist. Sie verwahrt noch im-mer ihre alten Hutnadeln darin, obwohl sie seit damals nie wieder einen Hut getragen hat. Später, als sie es sich hätte leisten können, war sie einmal in ein Hutgeschäft gegangen, hatte einige Hüte aufprobiert, aber es war nicht dasselbe gewesen. Trotzdem besieht sie sich gern die Auslagen.
Und auf einmal hatte er dort gelegen, dieser Hut. Er gleicht dem alten wie ein Zwilling. Sie versucht, noch mehr Haarsträhnen darunter hervor zu ziehen, aber es gelingt nicht richtig. Damals trug sie ihr Haar länger.
Auch damals hatte sie vor ihrem Standspiegel gestanden und den Hut aufprobiert, den sie trotzig von ihrem letzten Geld gekauft hatte, obwohl die Nachkriegszeit einen solchen Ein-kauf nicht zuließ; diese Zeit, in der man jeden Tag auf der Jagd nach Essbarem war und aus Bettwäsche Kleider nähte. Aber dieser Hut war für Rosa mehr gewesen als ein einfacher Hut. Immer, wenn Rosa eine Enttäuschung erlebte, musste sie sich einfach etwas Schönes kaufen. Es war, als bezwänge so ein Kauf das Unglück. Und dieses Mal war es eben der Hut gewesen.
Rosa trug den Hut fast täglich. Stolz lief sie damit durch Hamburgs zerstörte Straßen und schenkte den vereinzelten Männerblicken keine Beachtung. Dass der Hut nicht recht zu den Bettwäschekleidern passen wollte, scherte sie ebenso wenig wie Marthas Entsetzen. Sie war nie so vernünftig gewesen wie Martha.
Mit Martha und auch allein zog Rosa in der Nachkriegszeit durch Norddeutschland, von Bauernhof zu Bauernhof, um ihre Habe gegen Essen einzutauschen wie die meisten Städter. Immer fuhr sie bis zur letzten Station mit der Bahn und ging dann zu Fuß weiter. Nun stand sie hier mit einer Bäuerin, deren Namen Rosa nicht kannte und die desinteressiert Rosas alte Goldbrosche beäugte. Rosa war schon einen unendlichen Weg bis zu diesem Bauernhof ge-laufen. Die letzten Meter hatte sie sich her geschleppt in der Hoffnung, etwas zu essen be-schaffen zu können für sich und Anna, ihre Tochter, die der Mann ihr hinterlassen hatte, des-sentwegen sie den Hut hatte kaufen müssen. Anna war nun ein Jahr alt, der Krieg war vorbei und es wurde immer schwieriger, etwas zu Essen zu finden, ganz zu schweigen von Briketts, Kleidern oder Schuhen. Rosas gesamter Schmuck war schon getauscht, bis auf die paar Tei-le, die sie an diesem Tag dabei hatte, auch das Silberbesteck hatte sie schon geopfert.
Rosas Ohrringe und Kette hatte die Bäuerin schon abgelehnt. Nach einer Weile zeigte sie wortlos auf die Brosche und ließ ihren Blick langsam an Rosa hoch wandern.
‚Der Hut!‘, schoss es Rosa durch den Kopf. Sie hatte vergessen, den Hut abzunehmen, als sie aus der Stadt zurückgekommen war, ohne etwas zu Essen herbeihandeln zu können. Kurzentschlossen hatte sie nur eine Tasche und den Schmuck gegriffen und das Haus verlas-sen. Wie konnte sie nur so dumm sein! Sie schalt sich in Gedanken und überspielte damit nur die Verzweiflung, die sie in ihr hochstieg; diese Ahnung, den Hut hergeben zu müssen.
Die Augen der Bäuerin verhielten bei ihm, dem cremefarbenen Hut, der schon bessere Zei-ten gesehen hatte; der sie jeden Tag begleitete und ihr Spiegelbild mit der Eleganz versah, die sie in diesen Zeiten eingebüßt hatte; der ihre rissigen Hände und die Falten im Gesicht vergessen machte. Die Bäuerin wies mit einem Nicken auf den Hut. Rosa schloss die Augen, rang mit sich, dachte an Anna, die hungrig bei Martha auf sie wartete; dann an den Mann und den Tag, an dem sie seinetwegen den Hut gekauft hatte, an Marthas Entsetzen damals im Café.
„Was ist nun?“ Die Bäuerin wurde ungeduldig.
Rosa sah ihr fest in die Augen und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Da zuckte die Bäue-rin die Achseln, warf die Goldbrosche vor Rosas Füße und wandte sich zum Gehen. Rosa hatte seit zwanzig Stunden nichts gegessen, der letzte Teller Suppe war für die Kleine gewe-sen, und nun gaben ihre Beine nach, als die Bäuerin nicht mit sich handeln ließ.
Die Bäuerin war schon einige Meter gegangen, als Rosa tief Luft holte und sie zurückrief. Rosa zog langsam Hutnadel für Hutnadel aus dem Stoff, nahm den Hut ab und gab alles der Bäuerin. Diese hob schwerfällig die Goldbrosche auf, presste Hut und Nadeln an die Brust und ging ins Haus. Kurz darauf kam sie mit einem Kartoffelsack zurück. Rosa riss den Sack an sich und schaute hinein: ein paar Kartoffeln und ein Kohlkopf - eine jämmerliche Portion Essen für die Brosche und den kostbaren Hut.
„Nicht mehr?“
„Hab nicht mehr.“
Rosa starrte, den Sack in der Hand haltend, der Bäuerin nach, bis sie im Haus verschwunden war. Sie fuhr sich mit der rissigen Hand über den Kopf, auf dem der Hut fehlte und fühlte sich, als hätte man ihr ein Stück ihrer selbst weg genommen.
Nachdenklich besieht Rosa sich den Hut auf ihren weißen Harren. Schließlich zieht sie vor-sichtig die Nadeln aus dem Stoff und legt sie in die Blechschachtel zurück. Den Hut bettet sie wieder in das Seidenpapier, stellt die Schachtel auf den Boden des Kleiderschranks. Die-sen Hut wird sie nicht gegen Essen tauschen müssen, nicht gegen Essen und nicht gegen irgend etwas anderes. Dieser Hut wird mit ihr hier in diesem Schlafzimmer bleiben, bis sie nicht mehr da sein wird, und dann noch immer hier in Rosas Kleiderschrank liegen.
Es ist halb drei. Martha wartet im Café. Hastig nimmt Rosa ihren Mantel. Und nach einem kurzen Moment des Zögerns greift sie wieder zu der Schachtel und setzt den Hut auf. Rosa lächelt ihrem Spiegelbild zu. Martha wird Augen machen.
(c) by Maren Schönfeld, Hamburg, 2007
erscheint 2008 in einer Anthologie des Verbands Norddeutscher Autoren
Rosa streichelt die alte Blechschachtel, die schon Roststellen an den Ecken hat und deren Aufschrift „Singer“ in roten Buchstaben nur noch blass zu lesen ist. Sie verwahrt noch im-mer ihre alten Hutnadeln darin, obwohl sie seit damals nie wieder einen Hut getragen hat. Später, als sie es sich hätte leisten können, war sie einmal in ein Hutgeschäft gegangen, hatte einige Hüte aufprobiert, aber es war nicht dasselbe gewesen. Trotzdem besieht sie sich gern die Auslagen.
Und auf einmal hatte er dort gelegen, dieser Hut. Er gleicht dem alten wie ein Zwilling. Sie versucht, noch mehr Haarsträhnen darunter hervor zu ziehen, aber es gelingt nicht richtig. Damals trug sie ihr Haar länger.
Auch damals hatte sie vor ihrem Standspiegel gestanden und den Hut aufprobiert, den sie trotzig von ihrem letzten Geld gekauft hatte, obwohl die Nachkriegszeit einen solchen Ein-kauf nicht zuließ; diese Zeit, in der man jeden Tag auf der Jagd nach Essbarem war und aus Bettwäsche Kleider nähte. Aber dieser Hut war für Rosa mehr gewesen als ein einfacher Hut. Immer, wenn Rosa eine Enttäuschung erlebte, musste sie sich einfach etwas Schönes kaufen. Es war, als bezwänge so ein Kauf das Unglück. Und dieses Mal war es eben der Hut gewesen.
Rosa trug den Hut fast täglich. Stolz lief sie damit durch Hamburgs zerstörte Straßen und schenkte den vereinzelten Männerblicken keine Beachtung. Dass der Hut nicht recht zu den Bettwäschekleidern passen wollte, scherte sie ebenso wenig wie Marthas Entsetzen. Sie war nie so vernünftig gewesen wie Martha.
Mit Martha und auch allein zog Rosa in der Nachkriegszeit durch Norddeutschland, von Bauernhof zu Bauernhof, um ihre Habe gegen Essen einzutauschen wie die meisten Städter. Immer fuhr sie bis zur letzten Station mit der Bahn und ging dann zu Fuß weiter. Nun stand sie hier mit einer Bäuerin, deren Namen Rosa nicht kannte und die desinteressiert Rosas alte Goldbrosche beäugte. Rosa war schon einen unendlichen Weg bis zu diesem Bauernhof ge-laufen. Die letzten Meter hatte sie sich her geschleppt in der Hoffnung, etwas zu essen be-schaffen zu können für sich und Anna, ihre Tochter, die der Mann ihr hinterlassen hatte, des-sentwegen sie den Hut hatte kaufen müssen. Anna war nun ein Jahr alt, der Krieg war vorbei und es wurde immer schwieriger, etwas zu Essen zu finden, ganz zu schweigen von Briketts, Kleidern oder Schuhen. Rosas gesamter Schmuck war schon getauscht, bis auf die paar Tei-le, die sie an diesem Tag dabei hatte, auch das Silberbesteck hatte sie schon geopfert.
Rosas Ohrringe und Kette hatte die Bäuerin schon abgelehnt. Nach einer Weile zeigte sie wortlos auf die Brosche und ließ ihren Blick langsam an Rosa hoch wandern.
‚Der Hut!‘, schoss es Rosa durch den Kopf. Sie hatte vergessen, den Hut abzunehmen, als sie aus der Stadt zurückgekommen war, ohne etwas zu Essen herbeihandeln zu können. Kurzentschlossen hatte sie nur eine Tasche und den Schmuck gegriffen und das Haus verlas-sen. Wie konnte sie nur so dumm sein! Sie schalt sich in Gedanken und überspielte damit nur die Verzweiflung, die sie in ihr hochstieg; diese Ahnung, den Hut hergeben zu müssen.
Die Augen der Bäuerin verhielten bei ihm, dem cremefarbenen Hut, der schon bessere Zei-ten gesehen hatte; der sie jeden Tag begleitete und ihr Spiegelbild mit der Eleganz versah, die sie in diesen Zeiten eingebüßt hatte; der ihre rissigen Hände und die Falten im Gesicht vergessen machte. Die Bäuerin wies mit einem Nicken auf den Hut. Rosa schloss die Augen, rang mit sich, dachte an Anna, die hungrig bei Martha auf sie wartete; dann an den Mann und den Tag, an dem sie seinetwegen den Hut gekauft hatte, an Marthas Entsetzen damals im Café.
„Was ist nun?“ Die Bäuerin wurde ungeduldig.
Rosa sah ihr fest in die Augen und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Da zuckte die Bäue-rin die Achseln, warf die Goldbrosche vor Rosas Füße und wandte sich zum Gehen. Rosa hatte seit zwanzig Stunden nichts gegessen, der letzte Teller Suppe war für die Kleine gewe-sen, und nun gaben ihre Beine nach, als die Bäuerin nicht mit sich handeln ließ.
Die Bäuerin war schon einige Meter gegangen, als Rosa tief Luft holte und sie zurückrief. Rosa zog langsam Hutnadel für Hutnadel aus dem Stoff, nahm den Hut ab und gab alles der Bäuerin. Diese hob schwerfällig die Goldbrosche auf, presste Hut und Nadeln an die Brust und ging ins Haus. Kurz darauf kam sie mit einem Kartoffelsack zurück. Rosa riss den Sack an sich und schaute hinein: ein paar Kartoffeln und ein Kohlkopf - eine jämmerliche Portion Essen für die Brosche und den kostbaren Hut.
„Nicht mehr?“
„Hab nicht mehr.“
Rosa starrte, den Sack in der Hand haltend, der Bäuerin nach, bis sie im Haus verschwunden war. Sie fuhr sich mit der rissigen Hand über den Kopf, auf dem der Hut fehlte und fühlte sich, als hätte man ihr ein Stück ihrer selbst weg genommen.
Nachdenklich besieht Rosa sich den Hut auf ihren weißen Harren. Schließlich zieht sie vor-sichtig die Nadeln aus dem Stoff und legt sie in die Blechschachtel zurück. Den Hut bettet sie wieder in das Seidenpapier, stellt die Schachtel auf den Boden des Kleiderschranks. Die-sen Hut wird sie nicht gegen Essen tauschen müssen, nicht gegen Essen und nicht gegen irgend etwas anderes. Dieser Hut wird mit ihr hier in diesem Schlafzimmer bleiben, bis sie nicht mehr da sein wird, und dann noch immer hier in Rosas Kleiderschrank liegen.
Es ist halb drei. Martha wartet im Café. Hastig nimmt Rosa ihren Mantel. Und nach einem kurzen Moment des Zögerns greift sie wieder zu der Schachtel und setzt den Hut auf. Rosa lächelt ihrem Spiegelbild zu. Martha wird Augen machen.
(c) by Maren Schönfeld, Hamburg, 2007
erscheint 2008 in einer Anthologie des Verbands Norddeutscher Autoren
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