Der Fremde in ihrem Herzen
Bald ist es wieder soweit. Die Erinnerungen werden wie Nebelschwaden durch ihr Hirn ziehen und die ewigen Fragen werden wie ein Felsen in der Brandung vor ihr klotzen, werden donnernd jedes Fünkchen Erkenntnis abschmettern, jeden Gedanken zu Unsinn erklären.
Vier Jahre ist es nun schon her…fast vier Jahre.
An jenem Heiligabend war das Haus bereit für das kommende Fest. Geschmückt stand der Christbaum im Wohnzimmer, weit genug weg vom Kamin. Sein Duft zog sanft durch die untere Etage, mischte sich mit dem Aroma der Rosmarinkartoffeln und gab der Ente mit Orangen einen Zauber von Daheim, denn Weihnachten aßen sie nie außer Haus.
Langsam sollte Hans wirklich zurück sein, das war der Gedanke mit dem Sabine Wallner ans Fenster trat. Leise setzten sich neue Schneeflocken auf den weißen Rasen, baute kleine Männlein aus den niedrigen Buchsbäumchen vor dem Haus. Schon fast 18 Uhr, da wollten sie doch essen. Die Ente wird knochentrocken sein und damit wenigstens zu den drögen Ofenkartoffeln passen, deren Schalen inzwischen so faltig aussehen, dass sie an den Hintern der Elefantenkuh erinnern, die sie vor einer Woche im Zirkus sahen.
Es klingelt! Hat Hans ein so großes Geschenk mitgebracht, dass er nicht an seinen Schlüssel kommt? Vor der Türe stehen zwei Polizisten. Sie fragen, warum Sabine aus dem Hotel verschwunden sei. Sie glaubt an einen schlechten Scherz, alle reden auf sie ein, völlig dummes Zeug, sie fühlt sich wie in einem Albtraum, will aufwachen, die sollen weggehen, sie schnappt nach Luft und wird in ihrem Bett wach. Aha, geträumt, aber warum steht dieser Mann an ihrem Bett? Sabine kennt ihn nicht, er stellt sich mit seinem Namen vor, den sie augenblicklich wieder vergisst. Die Polizisten aus ihrem Traum betreten das Zimmer - was ist denn nur los? Wieder Fragen nach dem Hotel und wer hier gekocht habe. Sind denn jetzt alle verrückt?
Sabine schreit „Ich habe gekocht, wer sonst? Was soll ich in einem Hotel und wo ist Hans, mein Mann?“
Inzwischen fragt sie sich….wer ist Hans? Wer war der Mann, dem sie ihr Ja-Wort gab, der ihr Treue und Liebe schwor, dem sie bedingungslos vertraute? War das der gleiche Mann, der mit dieser anderen Frau regelmäßig in diesem Hotel war? Als Frau und Herr X. eingetragen. Warum hatte diese Frau ihn allein gelassen, warum starb er bei ihr, was hat sie mit ihm gemacht? Was machte er überhaupt mit dieser Person, was er nicht auch mit ihr hätte tun können?
Sabine ging in dieses Hotel, hat den Portier nach der Dame gefragt. Nein, sie sei nicht jünger als sie gewesen, nein, auch nicht schlanker oder schöner. Aber irgendetwas MUSS besser an ihr gewesen sein! Der Kerl lügt doch wie gedruckt! Sie möchte diesen Menschen an der Rezeption anschreien und schlagen, die Wahrheit aus ihm herausschütteln, doch der Stolz sagt Sabine, dass sie sich schon lächerlich genug gemacht hat.
Oft, wenn sie zum Grab von Hans kam, lag ein Strauß roter Rosen darauf. Sie wusste sofort, er konnte nur von dieser anderen Frau sein. Sie hielt die Augen offen, doch die Frau schien ein Gespenst zu sein, im Leben wie in Sabines Gedanken. Sie beauftragte einen Detektiv, der ihr ein Foto und weitere Angaben zur Person beschaffen sollte. Sie bekam alles ausgerechnet an ihrem Geburtstag, quasi als Geschenk. Die fremde Frau sah zwar gut aus, war aber wirklich weder jünger, noch schlanker, noch schöner. Sie war eine Hure! Gekaufter Sex! Hans, ihr Hans!
Sie hatte geglaubt, ihr Eheleben wäre perfekt. Sie waren oft zärtlich zueinander, auch mal wild, es gab mehr als die Missionarsstellung und prüde war sie wirklich nicht. Hatte sie Andeutungen übersehen, seine geheimen Wünsche nicht erkannt? War er einer dieser heimlichen Perversen, die….weiß der Himmel was trieben?
Tagelang kämpfte Sabine mit sich, fuhr dann zu Rosemarie Ridder, dieser Hure, mit der Hans sich so oft getroffen hatte. Als Rosi die Türe öffnete stutzte sie kurz und begrüßte Sabine dann mit ihrem Namen, sagte, sie habe sich schon gefragt, wann sie auftauche. Rosis Wohnung hatte weder die erwartete Rotlichtbeleuchtung noch ein riesiges Plüschbett.
Sabine stockte der Atem als sie das Handgelenk der Frau sah. Sie trug das gleiche Armband, das die Polizei Sabine aushändigte, zusammen mit den persönlichen Sachen von Hans und dem Weihnachtspapier, in dem es gesteckt hatte…damals, nach der Obduktion. Alles hatten sie durchsucht, auseinander gerissen, die Gegenstände und auch ihn.
Rosi bemerkte ihren Blick und zog etwas verlegen den Ärmel über das Armband. „Sie brauchen das Armband nicht verstecken, ich kenne es, ich habe auch genau dieses Armband bekommen…allerdings erst, als Hans tot war. Sie haben es von ihm!“ Sabine taumelte zwischen Wut und Enttäuschung.
Statt einer Antwort schob Rosi ihr ein Kästchen zu und deutete mit einer Handbewegung, es zu öffnen. In der Schatulle lagen Sabines Kette, ihre Ohrringe, ihre Brosche aus Meran, der kleine Marienkäfer mit den grünen Steinen…wie ihre Augen… nein, diese waren blau…wie die Augen dieser Frau.
„Wir waren ihm beide gleich wichtig, “ sagte Rosi fast ein bisschen trotzig und klappte den Deckel hastig wieder zu, als ob die fremden Blicke etwas vom Erinnerungswert stehlen könnten.
„Wie lange waren Sie mit Hans….bekannt?“
„Seit ich denken kann! Ich liebte ihn schon, da waren Sie noch kein Thema!“ Fast triumphierend kamen die Worte, doch dann schien sich der Triumph in ein Desaster zu wandeln.
„Geheiratet hat er Sie, Sie haben gewonnen!“ Die Hure schleuderte diese Worte wie Speere auf die Witwe und diese schrie sie an.
„Was habe ich denn gewonnen, wenn er Sie länger als mich kannte? Eine Lüge, nur Betrug von Anbeginn bis zum Schluss! Warum hat er nicht Sie geheiratet? Weil Sie eine Hure sind?“
„War ich damals noch gar nicht, “ flüsterte sie mit gleichgültiger Stimme und sah sie mit unendlich traurigen, fast toten Augen an.
„Er hat Sie geliebt, sein Bienchen, sie begehrt und deshalb geheiratet, ich war nur seine beste Freundin, gut genug um sich jeden Kummer von der Seele zu reden, gut genug um ihm aus mancher Klemme zu helfen, doch nicht gut genug für ein gemeinsames Leben. Hätte ich nicht immer mit jeder Faser meines Herzens an ihm gehangen, hätte ich ihm wenigstens böse sein können, aber so…“
„Welche sexuellen Vorlieben hatte Hans?“
Rosi sah Sabine ungläubig an. „Das sollten Sie besser wissen, wir hatten nie Sex miteinander. Ich war nur die geheime, kleine, beste Freundin, geliebt wie eine Schwester.“
Die Frage, ob der Fremde, den sie heiratete, ein Perverser war, erledigte sich für Sabine. Dafür findet sie auf die Frage, warum Hans ihr seine beste Freundin nie vorstellte, keine Antwort. Befürchtete er Rivalität, Eifersucht, Streit, Misstrauen? Wie hätte sie reagiert? War sein Wissen um ihre Reaktionen ihm so fremd, wie er ihr bleiben wird? Wie gut kennt man einen Menschen, wenn man glaubt, ihn zu kennen? Und wer ist die Betrogene? Ja, wer war diese Frau eigentlich, die Hans vor ihr versteckte, der er vertraute, die er schätzte? So sehr schätzte, dass beide Frauen exakt die gleichen Schmuckstücke bekamen? Wer war diese Rosi?
Rosinchen
Der Regen prasselte vor das Fenster, trommelte eine seltsame Melodie auf das Blech der äußeren Fensterbank. Drinnen hockte ein Mädchen und presste die Nase gegen das Glas, als könne sie die außen herablaufenden Rinnsale stoppen.
„Rosemarie! Ich habe die Fenster gerade erst geputzt!“ Oh weh, wenn Mutter Rosemarie statt Rosi oder gar Rosinchen sagte, war Gewitter im Anflug.
„Liebling“, beschwichtigte der Vater, der im Ohrensessel seine Zeitung las, „ der Regen macht die Fenster doch auch schmutzig und du würdest sie doch nie nur von außen putzen, oder?“
Rosi beobachtete das Gesicht der Mutter und sah das kleine Lächeln als sie klagte „Ja, ja, haltet ihr nur zusammen!“
„Mir ist so langweilig, liest du mir vor?“ Rosi kniete sich zu Füßen des Vaters auf ein Kissen und wartete auf seine Antwort. „Da langweilst du dich sicher auch, ich lese gerade den Börsenteil.“
„Das ist doch nicht langweilig, da geht es um Geld“, versicherte Rosi dem verblüfften Vater.
„Wer hat dir denn gesagt, dass es da um Geld geht?“ Voller Erwartung sah Erwin Rose seine kleine Tochter an. „Papi! Was ist denn anderes als Geld in einer Börse drin?“ Der kleine Seufzer und der Blick gen Himmel, der den Satz begleitete, war die genaue Kopie der Art und Weise, wie Theodora Rose ihren Kindern scheinbar selbstverständliche Dinge erklärte. Erwin Rose lachte herzlich, zog seine kleine Prinzessin auf den Schoß und hielt einen langen, ausgiebigen Vortrag über Börse, Aktien, Gewinne und Banken, was Rosi tapfer über sich ergehen ließ. Trotzdem fragte sie danach
„Papi, lernen wir sowas auch noch in der Schule? Das ist total langweilig, ich darf doch gar keine Aktien kaufen, ich bin erst neun!“
Bevor der Vater antworten konnte, sorgte Mutter für Ablenkung.
„Der Möbelwagen kommt, unsere neuen Nachbarn ziehen heute ein.“ Sofort hockte sich Rosi wieder auf das große Kissen, das immer auf der breiten Fensterbank in der Küche lag. Vier Männer stiegen aus dem großen LKW und trugen Möbel in das Nebenhaus, in dem Doktor Fiedler bis zu seinem Tod gewohnt hatte. Der Regen hatte sich verzogen und die schnell ziehenden grauen Wolken zeigten ab und zu ein kleines Stück blauen Himmel.
Aus einem dunkelblauen, viertürigen Opel Kapitän stiegen erst ein Mann und eine Frau, dann sprang ein Junge aus dem Auto. Sein Kopf war voll dicker, schwarzer Locken und wie ein Magnet zogen Rosis Augen seinen Blick an. Er hatte ganz dunkle Augen und schneeweiße Zähne, die Rosi bewunderte, als er sie anlachte. Rosi badete in diesem Blick, diesem Lachen und winkte ihm scheu zu. Der Junge stand immer noch auf dem Gehweg und sah zu ihr hinauf. In diesem Moment rissen die Wolken auf und silberhelle Strahlen fielen auf seine Locken, ließen sie bläulich schimmern. Rosi vergaß zu atmen, nie hatte sie einen so schönen Menschen gesehen. Das musste sie sein, die Liebe auf den ersten Blick, von dem ihre große Schwester Marianne mit ihrer Freundin Monika gesprochen hatte. Rosis Magen fühlte sich an, als ob er ganz voll sei, doch er knurrte und rumorte auch, sie war ganz leicht und ganz heiß und ganz schwer und ganz kalt, sie war… verliebt.
Rosis Eltern standen inzwischen auf der Straße und begrüßten die neuen Nachbarn.
„Hans!“ Der Mann rief den Jungen zu sich, der immer noch lächelnd das blonde Mädchen auf der Fensterbank ansah.
Unwillig rannte er zu den Erwachsenen und gab artig mit Diener die Hand. Dann gingen alle zu den Haustüren, die sich gegenüber lagen und somit war Hans Rosis Blicken entschwunden. Sie hörte ihre Eltern nahen und flitzte schnell in ihr Zimmer. Ihre Wangen brannten rot aus ihrem Gesicht, das Herz klopfte so schnell wie ein Trommelwirbel, ihr Atem jagte. Dieser Junge, oh, dieser Junge!
